Skip to main content

Full text of "General Fadejew über Russlands Kriegsmacht und Kriegspolitik: Uebersetzung ..."

See other formats


Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http: //books. google .com/l 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Uiheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tür Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials fürdieseZwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .coiril durchsuchen. 



Sl^M C'hO.(S' 



•• 



1 

m 



m 

i 

i 
m 



El 



II 



m 

i 
m 



m 



PliaiiBll HliBl(üll iBlliaiiBllBlliaiiBlliälliil 

Harvard CoUege 
Library 




raoM 1BI nniD bkquutbbo bt 

Archibald Gary Giolidge 

noFsssoK or histobt 

DIBBCIOK OP 1BI UmVEBSITr UBBABT 

UI*-lttt 



i 
1 



m 

i 

i 

i 

i 
1 



i 
1 

BliilliilliBlppp iiBlIiBil iäipiiBlIllliBlIimB 



m 
1 



1 
1 



i 

i 

i 
1 



L 



' \ T' 



Russlands 



Kriegsmacht und Kriegspolitik. 



n 



-4-> 



yf^r? 



General Fadejew 



über 



Russlands 



Kriegsmacht und Kriegspolitik. 



fcxd^u ecv (a* U.« 



TTebersetzung aus dem Bussischen. 



Mit einem Vorwort 

von 

Jnlins Eckardt. 




Leipzig : 

F. A. B r c k h a u 8. 
1870. 



^3Jl<xaj- (o "i o • 5 



, - , I / « ., « ^ • 



/ 



a.e.e^KT^^ 






Vorwort des deutschen Herausgebers. 



Das Jahr 1866 hat unsem Welttheil in ein Eriegslager 
verwandelt, wie es seit Jahrhunderten kein zweites gegeben 
hat. Die schwere Last der unerschwinglichen Militairbud- 
gets, welche auf den Völkern ruhte, war den Betheiligten 
bisher durch die Hoffnung erleichtert worden, es handele 
sich um Ausnahmezustände, die ein Ende haben müssten, so- 
bald der neue deutsche Staat mit Frankreich abgerechnet. 
Heute, wo diese Abrechnung ihrem Abschluss entgegengeht, 
ist die Erfüllung der auf dieselbe gesetzten Hoffnungen eine 
ziemlich zweifelhafte geworden, und die eifrigsten Friedens- 
freunde können sich der Besorgniss nicht erwehren, dass 
dem Kriege an der deutschen Westgrenze ein Zusammen- 
stoss im Osten oder Südosten in nicht allzu ferner Zukunft 
folgen werde. Aus deutscher Initiative sind diese Befürch- 
tungen nicht entsprungen. Die wachsende industrielle Be- 
deutung unserer Nation ist ein natürlicher Hebel der ange- 
borenen deutschen Friedfertigkeit, und unsere grossen Staats- 
und Kriegsmänner, dieselben, die die Welt zum zweiten Mal 
durch unvergleichliche Thaten in Erstaunen und Bewunderung 
versetzt haben, — ■ sie hassen den Krieg, wie die Quäker. 
Von den beiden grossen Kriegen, die sie geführt haben, ist 



VI 

der erste die Folge jahrzehntelanger politischer Versäumnisse 
und Irrthümer, der zweite das Product thörichter Selbst- 
verblendung und frivoler Ueberhebung eines hochmüthigen 
Feindes gewesen. Was sollte uns zu einem Kriege mit dem 
östlichen Nachbarn bewegen, wenn dieser Nachbar ebenso 
friedlich ist, wie wir es sind? Weder beneiden wir ihm 
seinen Besitz, noch haben wir jemals Neigung gezeigt uns in 
seine oder anderer Völker innere Angelegenheiten zu men- 
gen — habeat sibi. 

Wenn nichtsdestoweniger der Führung des französi- 
sehen Krieges ein stetes Gerede von flderi ünvermeidlichkeit 
einer Abrechnung mit ßussland parallel gelaiiafen ist, so liegt 
die Schuld nicht an uns, sondern an den Russen. Seit dem 
verhängnissvollen 15. Juli 1870 ist kaum ein Tag vergangen, 
an dem die Zeitungen, welche mit Recht für den Aus- 
' druck der öffentlichen Meinung Russlands gelten, nicht von 
dem bevorstehenden Kriege mit dem verhassten deutschen 
Nachbar geredet und dessen Demüthigung für eine blosse 
Frage der Zeit erklärt hätten. Gleichzeitig ist das Stichwort 
ausgegeben worden, Russland sei seit den neusten Umwälzun- 
gen im Herzen Europas nichts übriggeblieben, als nach dem 
Beispiel Preussens die ihm verwandten Stämme um sich zu 
sammeln, für sie und mit ihnen die Pforte und Oesterreich 
in Trümmer zu schlagen. Ob und inwieweit das ernst ge- 
meint ist, wissen wir zunächst noch nicht. Aber auch wir 
haben die alte Regel „si vis pacem para bellum ^^ gelernt 
und Niemand kann uns verargen, wenn wir trotz unserer 
Wünsche und Hoffnungen für Begründung und Erhaltung eines 
dauernden Friedens die Augen offen behalten und keine Ge- 
legenheit zu genauerer Bekanntschaft mit dem Nachbarn un- 
benutzt lassen, der sich selbst unsem nächsten Gegner ge- 
nannt hat. 



VII 

Im Interesse dieser Bekanntschaft ist das vorliegende 
Werk aus dem Russischen übersetzt worden. Was man bisher 
über das russische Militairwesen und die Neugestaltung des- 
selben durch den gegenwärtigen Kriegsminister General Miljutin 
gewusst hat, beschränkte sich auf die verstreuten Angaben 
einzelner Zeitungen und Journale und auf ein paar kleine 
Schriften, die — von allem üebrigen abgesehen — schon 
ihres mehr oder minder officiösen Ursprungs wegen keine 
volle Geltung in Anspruch nehmen konnten. Im Wesentlichen 
sind in Westeuropa noch immer Vorstellungen über die russi- 
sche Armee gangbar, die sich an die Erlebnisse des Krim- 
krieges knüpfen, der Wirklichkeit aber schon seit lange nicht 
mehr entsprechen. 

Das vorliegende Werk, das eine zusammenfassende Dar- 
stellung des gegenwärtigen militairischen Statusquo in Russ- 
land enthält, kommt darum einem wirklichen Bedürfniss und 
zwar einem Bedürfniss entgegen, das von den weitesten 
Kreisen getheilt wird und keineswegs auf Deutschland be- 
schränkt ist. Die Nothwendigkeit , sich über die russische 
Armee zu informiren, wird auch von denen anerkannt, die im 
übrigen möglichst wenig von Russland zu hören wünschen 
und ihre mit Furcht gemischte Abneigung gegen diesen Staat 
am liebsten nach der Methode des Vogel Strauss zum Aus- 
druck bringen. Die Urtheilsfähigkeit des Verfassers, der sich 
als politischer Schriftsteller längst bekannt gemacht hat und 
mit Recht für einen der gebildetsten höheren Of&ciere seines 
Vaterlandes gilt, dürfte von keiner Seite her in Zweifel gezogen 
werden. Sie ist aber nicht die einzige Qualität, die General 
Fadejew für sein Unternehmen mitgebracht hat. Zu der 
Fähigkeit, ein unbefangenes und sachkundiges Urtheil über 
die russischen Militairverhältnisse zu fällen, ist bei dem Ge- 
neral Fadejew noch der Wille gekommen, die Wahrheit und 



vm 

zwar die volle Wahrheit zu sagen. Unser Verfasser macht 
kein Hehl daraus, dass er in vielen Stücken Gegner des 
von dem gegenwärtigen russischen Eriegsminister befolgten 
Systems ist und dass er sich die Fähigkeit zutraut, selbst 
organisirend einzugreifen. Das vorliegende Buch ist aus 
einer Reihe kritischer Abhandlungen entstanden, die Ge- 
neral Fadejew im Jahre 1867 im ßusski Westnik, einer 
von Eatkow in Moskau herausgegebenen Monatsschrift, ver- 
öffentlichte, um (wie man allgemein annahm) im Bunde 
mit dem Feldmarschall Fürsten Bärjatinski eine veränderte 
Bichtung der russischen MiUtaireinrichtungen herbeizuführen 
und die Leitung derselben selbst in die Hände zu bekommen. 
Dieser Umstand hatte nicht nur seinen Blick für die schwa- 
chen Seiten des gegenwärtigen Systems geschärft, sondern 
ihm eine Bücksichtslosigkeit der Meinungsäusserung eigen 
gemacht, wie sie in Bussland nicht eben häufig gefunden 
wird. Dem westeuropäischen Leser wird dieser Zusammen- 
hang der Dinge wesentlich zu Gute kommen, schon weil er 
die Bedenken beseitigt, mit denen man sonst an die Dar- 
stellungen hochgestellter Militairs herantritt. Dass der Ver- 
fasser General ist, verbürgt uns seine Eenntniss der Materie, 
die er behandelt, dass er zugleich Oppositionsmann ist, die 
Unabhängigkeit der Urtheile, welche er fällt. 

Für endgiltig werden diese Urtheile freiUch nicht gelten 
können. Dass das Buch vor den grossen Ereignissen des 
Jahres 1870 geschrieben ist und an mancherlei Voreinge- 
nommenheiten gegen die preussische und für die französi- 
sche Armee laborirt, verräth sich schon auf den ersten 
Seiten. Was der Militair dabei verliert, wird freilich der 
Politiker gewinnen — zumal wenn er zwischen den Zeilen 
zu lesen versteht. Die tiefe Abneigung gegen den preussisch- 
deutschen Staat und dessen freundschaftliche Stellung zu 



IX 

Bussland, die in fast all^_Scliichten der russischen Gesell- 
schaft lebt und in den liberalen und nationalen Kreisen der 
grossen Monarchie des Ostens am deutlichsten und schärfsten 
ausgeprägt ist, wird von Herrn Fadejew in allen Stücken ge- 
theilt. Der Verfasser ist sachkundig und gebildet genug, um 
den hohen Werth und die unerreichte Organisation der deut- 
schen Armee anzuerkennen und in manchen Stücken seinem 
Vaterlande als Muster zu empfehlen; aber dieses Lob und 
diese Anerkennung kommen ihm nicht von Herzen und wer- 
den immer wieder von dem Bestreben begleitet, die angeb- 
lichen oder wirklichen Vorzüge der französischen Einrichtun- 
gen in ein möglichst helles Licht zu stellen. Nicht nur 
dass der eigenthümliche Geist unserer nationalen Institu- 
tionen den russischen Schriftsteller antipathisch berührt, der 
Verfasser hat ein Bewusstsein davon, dass die Ueberlegen- 
heit des verhassten Nachbars sich nicht wegläugnen lasse 
und dereinst auf Unkosten Busslands zur Geltung kommen 
könne. Und der General Fadejew hat doppelten Grund zu 
dieser Befürchtung: nicht nur, dass er als russischer De- 
mokrat Gegner alles deutschen Wesens und Anhänger jener 
russisch-französischen Alliance ist, an welcher seine Partei- 
genossen jahrelang vergeblich gearbeitet haben — Fadejew 
ist zugleich Panslawist. Ausserhalb Busslands ist sein Name 
zuerst durch Broschüren und Zeitungsartikel bekannt gewor- 
den, die gegen Oesterreich gerichtet waren und die Noth- 
wendigkeit einer Sammlung aller slawischen Elemente unter 
die russische Fahne und eines gesammt-slawischen Völker- 
sturms^auf die Pforte im Einzelnen entwickelten. Dass er 
diesen schon vor Jahren geäusserten Gedanken treu geblie- 
ben, hat der General neuerdings durch die That zu beweisen 
Gelegenheit gehabt : ein paar in der St.-Petersburger Börsenzei- 
tung veröffentlichte Nachträge zu seinen früheren Publicationen 



X 

Aber Oesterreich und die orientaliscbe Frage machten in 
Pesth und Wien so grosses und so nachhaltiges Aufsehen, 
dass die Petersburger Regierung sich veranlasst sah, den all- 
zu kühnen Publicisten zu quiesdren. 

Seinen Anschauungen über Busslands Aufgaben im süd- 
östlichen Europa hat der Verfasser auch in der vorliegenden 
Schrift wiederholten und deutlichen Ausdruck gegeben. Er 
sagt seinen Lesern nicht nur, wie Russland seine künftigen 
Kriege zu führen habe, sondern fügt zugleich hinzu, welchen 
Zwecken und welchen Gegnern diese Kriege gelten sollen. 
Der vorliegenden Schrift kommt dieses Uebermass von Offen- 
heit zweifellos zu Gute. Sie bietet militairischen wie nicht- 
militairischen Zeitgenossen die Gelegenheit zu einer Bekannt- 
schaft mit russischen Zuständen und Stimmungen, wie sie 
nur selten dagewesen ist. Unwillkührlich werden wir an die 
Rolle gemahnt, welche dem Buch Trochu's über die franzö- 
sische Armee während der Jahre beschieden war, die zwi- 
schen dem Frieden von Nikolsburg und den Vorbereitungen 
zu dem gegenwärtigen Kriege lagen. Dass Fadejew, wenn 
er mit seiner tiefen Abneigung und seinem Misstrauen gegen 
den neuen deutschen Staat und die Ereignisse von 1866 
offen hervortritt, nicht nur in seinem, sondern zugleich im 
Namen seines Volks gesprochen hat, haben die neusten Er- 
eignisse reichlich bestätigt. Die Tage, in denen diese Blätter 
erscheinen, haben ihre eigene Sorge und sind zu Betrach- 
tungen über die Zukunft wenig geeignet — wenn sie ruhige- 
ren Zeiten und Stimmungen Platz gemacht haben, wird man 
davon Act nehmen, dass sie in Russland eine Stimmung ge- 
zeitigt haben, die den französischen Klagen über das bei 
Sadowa verloren gegangene Prestige verzweifelt ähnlich sieht 
und an der die freundschaftliche und loyale Neutralität der 
Regierung Alexanders 11. Nichts zu ändern vermocht hat. 



XI 

Was Fadejew bei Abfassung der vorliegenden Schrift als seine \ 
persönliche Meinung aussprach, ist inzwischen längst russi- ' 
sches Allgemeingut geworden und wird von Petersburger und ; 
Moskauer Journalen der verschiedensten Richtungen täglich , 
deutlicher und mit sehr viel entschiedenerer Anwendung auf 
uns gesagt, denen die slawischen Seher längst eine Stellung 
an der Seite Oesterreichs und Englands angewiesen haben 
und die sie als die gefahrlichsten Gegner einer russischen 
Lösung der orientalischen Frage im Voraus bekämpfen. 

So darf die vorliegende deutsche Version der Fadejew'- 
schen Schrift in mehr wie einer Rücksicht hoflFen, dem deut- 
schen Publikum einen Dienst zu erweisen. — Ausser den mit 
dem Hauptwerk zugleich erschienenen Beilagen ist der vor- 
liegenden üebersetzung noch ein von dem Verfasser in neuerer 
Zeit veröffentlichter Artikel als Anhang angefügt worden, 
welcher mit der ersten Beilage im Zusammenhang steht und 
als Zeugniss für die Aufmerksamkeit, mit der man in Russ- 
land allen neueren Erfindungen auf militairischem Gebiet folgt, 
dem Leser sicher nicht unwillkommen sein wird. Für die 
Herausgabe des Ganzen ist der Wunsch massgebend gewesen, 
der in diesen grossen Tagen jedem Deutschen in der Seele 
lebt: an seinem kleinen und bescheidenen Theil mitzuwirken 
an der Grösse und Sicherheit des deutschen Staates. 

Hamburg, den 7. November 1870. 



Julius Eckardt. 



V 



*•'', 



■\ 



Die Streitkräfte Russlands. 



Von 



Rostislaw Fadejew. 



9 



r 



^ • 






Dieses Buch ist keine genaue Reproduction der Artikel 
des „Russischen Boten"*), obgleich es ebenso wie diese 
betitelt ist. Die früheren Artikel sind gegenwärtig in ein 
System gebracht, anders angeordnet und in vielen Stücken 
verändert worden. Ich habe in diesen Artikeln Ideen ausge- 
sprochen, die schon längst in meiner üeberzeugung gereift 
und durch persönliche Erfahrung bestätigt worden waren; in 
einer Angelegenheit aber, wie die auf öffentlichen Thatsachen 
beruhende heutige Organisation der Streitkräfte Russlands, 
kann eine persönliche Meinung, wessen sie auch immer sein 
mag, nur dann allein Bedeutung erhalten, wenn sie von vielen 
Gesichtspunkten aus verificirt, von vielen im Kriegswesen er- 
fahrenen Männern erwogen worden ist. Eine solche Gontrole 
allein aus Gesprächen zu gewinnen war vor dem Erscheinen 
der Artikel unmöglich; der Sinn vieler Gegenstände wird erst 
in ihrem allgemeinen Zusammenhang vollständig klar. Jetzt 
kann ich es positiv aussprechen, dass diese Gontrole ge- 
schehen ist. Ich habe meine üeberzeugungen der Begut- 
achtung berühmter Militairs, an die ich mich zu wenden ein 
Recht hatte und deren Meinung ich am meisten schätze, 



*) „Kusski Westnik*' (Kussischer Bote), eine von Eatkow und 

Leontjew redigirte, in Moskau erscheinende, literarisch -politische 

Monatsschrift. 

Anm. d. Uebers. 



n 



XVI 

unterzogen. Ich habe in Folge einer solchen Prüfung viele 
Einzelheiten verändern müssen; die wesentlichen Grundge- 
danken meiner Arbeit sind jedoch gebilligt worden. Ausser- 
dem war ich verpflichtet einzelne Gedanken genauer auszu- 
führen und manche durch einige Stellen der Artikel veran- 
lasste Missverständnisse aufzuklären. Indem ich meine Arbeit 
in der neuen Gestalt dem Publikum übergebe, bitte ich meine 
Leser, gleichviel ob sie mit mir übereinstimmen oder nicht, — 
das Eine nicht zu vergessen, dass die Fragen, um die es sich 
hier handelt, in diesem Augenblick für uns in einem so hohen 
Grade wichtig sind, dass sich die Ansichten wohl theilen und 
auf Vertheidiger oder auf Gegner, aber nur nicht auf Gleich- 
gültige stossen können. Kein Bürger Russlands hat ein Recht 
in dieser Sache gleichgültig zu bleiben. 



<^i|le5 gapitef. 



Einleitung. 

Jiinropa hat seit dem Ende der grossen napoleonischen Kriege 
zu keiner Zeit ein kriegerischeres Aassehen gehabt als gerade in 
diesem Augenblick. Die hauptsächlichste, wenigstens die am mei- 
sten in die Augen fallende Sorge der grossen europäischen Staaten 
besteht zur Zeit in der Revision ihrer militairischen Einrichtungen, 
in der Erweiterung der Truppen-Cadres, um beim üebergang vom 
Friedens- auf den Eriegsfuss die grösstmöglichste Macht einstellen 
zu können, und in der Yervollkommnung der Bewafihung. Jeder 
Staat fürchtet hinter den anderen Staaten zurückzubleiben. Diese 
Sorge ist eine allgemeine und sie findet ihre hinlängliche Erklä- 
rung in der gegenwärtigen Situation. Vor unseren Augen werden 
fast sämmtliche früheren zwischen den Völkern bestehenden Be- 
ziehungen einer Revision unterzogen und durch neue ersetzt, von 
denen noch keine einzige sich genug befestigt hat, um als voll- 
endete Thatsache zu gelten; je lockerer die gewohnten Bande ge- 
worden, desto weiteren Spielraum haben Willkühr und Macht. In 
einem solchen Augenblick hat jedes selbständige Volk sich selbst 
zu prüfen, seine natürlichen sowie seine gewonnenen Kräfte mit 
denen der Nachbaren zu vergleichen, aufmerksam zu untersuchen, 
ob nicht in dieser Hinsicht noch etwas zu thun übrig bleibe, und 
zu gleicher Zeit das eigene Urtheil über sich selbst leidenschafts- 
los abzuwägen und es mit der Wirklichkeit in Einklang zu brin- 
gen. Der gereiften Gesellschaft drängt sich unter so wichtigen 
Umständen die Nothwendigkeit auf die mehr oder weniger allge- 
mein recipirten Urtheile einer Revision zu unterziehen. 

Im Wesentlichen ist jede internationale Frage eine Frage der 
Macht; die friedliche und die kriegerische Lösung derselben sind blos 

Fadejew, Basslands Kriegsmacht. X 



zwei Grade der Steigerung ein und derselben Thätigkeit. Ist die 
Ungleichheit der Macht offenbar, so giebt man ohne Kampf nach, 
in möglichst anständiger Weise; im anderen Fall wird gekämpft 
Etwas wünschen heisst, in internationalen Beziehungen, sich der 
Macht bewusst sein das Grewünschte zu erlangen. Die Diplomatie 
besteht im Wesentlichen in nichts Anderem, als in den endlosen 
Unterhandlungen zwischen den Yolkskräften, den Armeen, an deren 
Spitze die Regierungen stehen. Die Diplomatie ist die Form, 
häufig die Kunst, sich seiner wirklichen Macht zu bedienen ohne 
sie anzuspannen; ohne Macht wird die Diplomatie zur müssigen 
Conversation, — zur Beredsamkeit der hannoverschem Bevollmäch- 
tigten vor dem Grafen Bismarck. Es versteht sich von selbst, 
I dass die Stärke der menschlichen Gesellschaften nicht allein nach 
' der Anzahl der Bajonette und Kanonen oder, was dasselbe ist, 
f nach der Bevölkerungszahl und den Einnahmen bemessen werden 
kann. Die Summe der moralischen, politischen und materiellen 
, Macht der Völker muss aber nicht nur das Mass ihrer Wünsche 
j bestimmen, sondern bestimmt dasselbe auch immer in der That. 
* Das Unmögliche kann man eben nicht wtlnschen. 

Die Gesellschaft hat jedoch häufig eine confuse Vorstellung 
von ihrer nationalen Macht, eine Vorstellung, welche auf Zufällig- 
keiten basirt, aus denen man trügerische Schlüsse zu folgern kei- 
nen Anstand genommen; die öffentliche Meinung hat indess, auch 
sogar in absoluten Staaten, einen grossen Einfluss auf die Ent- 
scheidungen in der Politik. Preussen hätte im Kriege von 1806 
beinahe seinen Untergang gefunden, weil es auf Grund der längst 
verjährten Siege Friedrichs des Grossen noch immer, obgleich 
Alles ringsumher sich verändert hatte, der irrigen Ueberzeugung 
lebte, dass seine Armee auch jetzt noch vortrefflich sei. Im Jahre 
1866 ereignete sich genau das Gegentheil davon. Es unterliegt 
keinem Zweifel, dass die Majorität der preussischen Gesellschaft 
mit Besorgniss den Folgen der Politik Bismarcks entgegensah, 
dass Preussen kein Vertrauen zu sich selbst hatte und gegen sei- 
nen eigenen Wunsch, ledigUch durch den verwegen -entschiedenen 
Charakter seines Ministers, zum Kriege gebracht worden war. 
Obgleich die preussische Armee sich in einem viel besseren Lichte 
gezeigt hat, als von ihr erwartet wurde, so ist nichts desto we« 
niger der Erfolg derselben in diesem deutschen Hauskriege zur 
Hälfte durch solche zufallige und locale Umstände zu erklären, 



dass es wohl sehr verfrüht wäre, ans diesem Kriege auf den Er- 
folg eines auswärtigen schliessen zn wollen. Nun aber zeigt sich 
der Revers der Medaille. Nach dem Siege hat die prenssische 
Gesellschaft eine nngehenre Meinung von sich bekommen und ist 
bereit ihre Regierung zu den allerriskantesten Unternehmungen zu 
drängen, kann aber daftir gehörig zu büssen bekommen. Auch wir 
haben in unseren Tagen bei uns zu Hause, und dazu noch zwei 
Mal, eine irrige, auf einer falschen Schätzung unserer Mittel be- 
ruhende allgemeine Stimmung erlebt, welche jedes Mal zu offenbar 
unheilvollen Folgen gefährt hat. Das erste Mal war es, als wir 
beim Beginn des orientalischen Krieges meinten, die Feinde blos 
unter einem Mützenregen begraben zu können*), ohne dabei zu 
berücksichtigen, dass man sich auf die Yolkskräfte Russlands, wie 
gross sie auch immer sein mochten, doch nur bei einer ent- 
sprechenden Organisation derselben verlassen konnte; die miHtai- 
rische Organisation jener Zeit zeichnete sich aber durch die Eigen- 
schaft aus, dass sie in Friedenszeiten den Staat mit einer über- 
mässigen Truppenanzahl belastete, welche sich indess in Kriegszeiten 
als unzulänglich erwies; die neuformirten Theile taugten nicht zum 
offenen Kampf und die activen Truppen reichten nicht aus, um 
die Verbündeten auf dem Meere abzuhalten und sie an den Land- 
grenzen ernstlich zu bedrohen, was das einzige Mittel zum Erfolg 
gewesen wäre. Freilich galt die öffentliche Meinung damals nur 
wenig; wenn aber die russische Gesellschaft begriffen hätte, in 
einem wie hohen Grade unsere damalige militairische (und wir 
müssen hinzufügen, auch unsere bürgerliche) Organisation zu einem 
so enormen Unternehmen, wie der orientalische Krieg, unzureichend 
warj inmierhin hätte die öffentliche Meinung einigen Einfluss ge- 
übt. Das andere Beispiel ist noch lehrreicher. Das Fehlschlagen 
des orientalischen Krieges hatte der russischen Gesellschaft ein 
absolutes Misstrauen gegen die eigene Kraft, welches viele Jahre 
währte und sogar noch jetzt zu Zeiten sich äussert, eingegeben; 
sogar die Oesterreicher von heute, welche factisch aufs Haupt 
geschlagen sind, haben noch mehr Selbstvertrauen, als wir nach 
dem Jahre 1856 hatten. Hörte man was damals beinahe von 
jedem Einzelnen im Publikum geredet wurde, man hätte meinen 



*) So lautete der häufig gebrauchte Ausdruck der damals in Rnss- 
land herrschenden selbstzufriedenen Sicherheit. Anm. d. Uebers. 

1* 



V 

I 
1 



\ 



können, dass es uns nicht anders gegangen sei als Gpina nach 
[ _ dem ersten Znsammenstoss mit den Engländern, durch welchen 
^ plötzlich die Ohnmacht des himmlischen Reichs zu Tage gekom-- 
men war. Indessen hatte der orientalische Krieg wonderharer 
Weise in Europa einen vollkommen entgegengesetzten > Eindruck 
gemacht; die Einsichtsvolleren dachten nach Sehastopol besser 
von uns als vorher, sie hatten Bnssland näher geschaut und die 
colossale Masse seiner natürlichen Kräfte begriffen. 

Der Einfluss der durch unsere Leichtgläubigkeit hervorgeru- 
fenen Enttäuschung war jedoch leider, obsehon er sich jeder Er- 
klärung entzog, entschieden nicht zu leugnen, vielmehr lastete er 
zehn Jahre lang schwer auf der äusseren Lage Busslands und auf 
seinen allerwesentlichsten internationalen Interessen. Es wäre kin- 
disch gewesen, Erfolge von der Diplomatie zu erwarten, solange 
dieselbe nicht von einem genügenden Vertrauen der Gresellschaft 
zu der Yolkskraft unterstützt wird. Die Diplomatie kann immer 
sagen: zeigt mir Vertrauen zu eurer Kraft, und ich werde 
diplomatische Erfolge daraus machen. In solchen Dingen hilft 
keine Berufung auf die Begierung. Gerade darin liegt auch der 
unendliche Vorzug einer gesetzlichen, durch Jahrhunderte fest ge- 
gründeten Begierung vor einer zufälligen und einer Bevolutions- 
Begierung, dass sie nicht eine Partei repräsentirt, sondern immer 
von dem Geist der Gesammtheit, über der sie steht, durchdrungen 
ist; geschieht es auch, dass sie bei gewissen Fragen in den An- 
sichten auseinandergehen, so besteht doch zwischen beiden immer 
und ausnahmslos eine Gremeinschaft des Gefühls. 

Aus den angeführten Beispielen kann man die wenigstens 
relativ wahren Folgerungen ziehen: 1) die Meinung eines Volks 
von seiner Macht hat einen grossen Einfluss auf den Gang seiner 
politischen Angelegenheiten; 2) diese Meinung ist nicht selten eine 
überaus leichtfertige und unbegründete, die Folgen der Verirmng 
aber ruhen dann drückend auf den Geschicken des Staats. 

Im Allgemeinen wird indess angenommen, dass die militaüi- 
gchen Cardinalfragen specieUe Fachfragen sind und daher der Ge- 
sellschaft fremd bleiben dürfen. Ist aber erst der Augenblick da, 
wo es gilt seine Meinung über Krieg und Frieden abzugeben, die 
Mittel zum Erfolge abzuwägen, so kann man davon überzeugt 
sein, dass von zehn Militairs, die doch für die competentesten 
Bichter in dieser Sache gelten, neun nur die Meinung deijenigen 



OeselLscLaftsspliäre, in der sie leben, naclisprechen werden. Auf 
diese Weise wird die Gresellschaft, welche in der Begel den mili- 
tairischen Fragen fern geblieben und weder den Stand der be- 
waffneten Staatsmacht noch deren Yerhältniss zum beabsichtigten 
Kriege genau kennt, bei wichtigen Fällen in hervorragendem Mass 
zum Elchter und Entscheider gerade in diesen Fragen. 

Den Einfluss der öffentlichen Meinung in solchen Dingen zu 
beseitigen ist ebenso unmöglich, wie durchaus nicht wünschens- 
werth. Werden sogar Angelegenheiten zweiten Banges von d^ 
öff^tlichen Meinung beeinflusst, wie wäre es da möglich sich der- 
selben zu entziehen, wenn es sich um Sein oder Nichtsein, die bei 
jedem ernsten Krieg sich aufdrängende Frage, handelt Wir haben 
also ein dem Anschein nach unlösbares Düemma: die Geschichte 
beweist, dass bei der Entscheidung über Krieg und Frieden die 
öffentliche Meinung häufig sehr leichtfertig verfährt, während der 
Einfluss derselben nothwendiger Weise ein bedeutender, oft gar 
nicht zu leugnender ist. Offenbar liegt hierin ein ungeheuerer 
Missverstand. Meiner Ansicht nach besteht dieser Missverstand 
in Folgendem. Ohne Zweifel ist das Militairfach eine Speciaii- 
tät, aber in demselben Sinn wie die Spedalität der Ingenieure, 
welche Eisenbahnen bauen. Personen, welche am allerbesten die 
Bedürfnisse eines Landes hinsichtlich der Anlage von Eisenbahnen 
kennen, haben oft keine Idee von der Ingenieurwissenschaft. Was 
würde geschehen, wenn Ingenieure und Techniker die einzigen 
Richter hierin wären? Sie würden die Kunst um der Kunst willen 
üben, eine Masse Bahnen bauen, die vortrefflich in der Ausführung 
und in der üeberwindung der Schwierigkeiten, aber ohne Nutzen 
für das Land wären. Genau ebenso verhält es sich mit dem Mi- 
litairwesen eines Staates. Die Formirung des Heeres ist natür- 
lich ebenso speciell Sache des Militairfachs, wie der Bau der 
Eisenbahnen speciell Sache des Ingenieurfachs ist. Der Techniker 
hat das volle Hecht gegen die Bichtung einer projectirten Bahn, 
infolge localer Schwierigkeiten, die er besser als ein Anderer be- 
nrtheilen kann, seine Einwendungen zu machen; seine Einwen- 
dungen können sich jedoch nur darauf beziehen, dass die Bahn- 
linie eine Abweichung erleide, dass die Hindemisse umgangen 
werden, nicht aber darauf, dass die Bahn eine entgegengesetzte 
Bichtung erhalte, z. B. statt nach Kiew, nach Woronesch gebaut 
werde. Von dem als Basis für die Militairorganisation angenom- 



menen System hängt die Stufe der Macht eines Staates direct ab, 
und infolge dessen auch die internationale Politik, durch welche 
diese Macht überall, wie ein buntfarbiges Futter durch den Flor, 
hindurchschimmert. Die Yorzüglichkeit einer Militairorganisation 
wird indess hauptsächlich dadurch bedingt, dass sie dem ge- 
sammten socialen Organismus möglichst entspreche, ja man 
kann sagen, dadurch dass sie nicht künstlich, nicht forcirt er- 
scheine, und in wie weit die Streitkräfte einer Nation deren wirk- 
liche, lebendige Kräfte und die socialen Verhältnisse in ihrer 
ganzen Natürlichkeit repräsentiren. Man sieht auf den ersten 
Blick, wie viel leichter es ist, solchen Kräften, die sich von selbst 
in eine fertige Form fügen, eine allendliche Organisation zu geben, 
als sich mit einer künstlichen Organisation abzuplagen, die soviel 
Mühe und Zeit erfordert und am Ende nicht einmal nach Belieben 
ausgedehnt werden kann. Ist es aber wahr, dass die Streitkräfte 
einer Nation eine getreue Beproduction ihrer selbst sein sollen, 
so ist es nicht 'minder wahr, dass die Frage von der Grundlage 
des Militairsystems zur Frage von der Nation selbst, von deren 
geistigen und materiellen Grundlagen wird, d. h. sich in eine po- 
litische Frage verwandelt und in das Gebiet der öffentlichen Er- 
kenntniss, als deren unveräusserliches Recht und Erfordemiss, 
übergeht. Diese Wahrheit hat die Gesellschaft immer und überall 
gefühlt, wenn sie sich auch derselben nicht vollkommen klar be- 
wusst gewesen, und hat niemals sich den Fragen von so capitaler 
Wichtigkeit entziehen zu dürfen geglaubt, obschon sie zur rich- 
tigen Beurtheilung derselben nur massig vorbereitet gewesen. Die 
natürliche Folge war, dass häufiger die Leidenschaft entschied als 
der Verstand. 

Das gegenwärtige Jahrhundert, welches so viele landläufige 
Begriffe umgestürzt, so Vieles, was früher Fachspecialität war, der 
allgemeinen Erkenntniss zugänglich gemacht hat, hat seinen Ein- 
fluss auch in dieser Hinsicht bewiesen. In England, Deutschland 
und Frankreich, besonders in Frankreich, sind die Fundamental- 
begriffe des Militairwesens und der Militairstatistik zum Gemein- 
gut Aller geworden. Man wird heutzutage nur selten einen Fran- 
zosen treffen, der vom Militairwesen (natürlich abgesehen von den 
einzelnen Specialfachern desselben) nicht ebenso bestimmte Vor- 
stellungen hätte, wie von anderen populären Gegenständen des 
Lebens und der Wissenschaft. In Frankreich würde ein Civilist, 






welcher naiv genug wäre von den allereinfachsten Dingen in Be- 
zug auf die Armee und den Ejieg keine Idee zu liaben, einfach 
lächerlich sein. Es ist nicht bedeutungslos, dass zu dem Bemer- 
kenswerthesten, was im modernen Frankreich über Land- und 
See-Kriegswesen geschrieben worden, die Schriften von zwei Civi- 
listen, Thiers und Louis Beybaud, gehören. Diese allgemeine Ver- 
breitung des Verständnisses für das Militairische gehört zu den 
stärksten Seiten Frankreichs und verleiht ihm einen bemerkbaren 
Vorzug in Europa. Frankreich sieht nicht, wie viele andere, mit 
blinden Augen auf die Eriegsereignisse und auf die dem Krieg 
vorarbeitende Politik; es hat ein vollkommenes Verständniss fär 
seine Chancen und die Bezeichnung „Popularität" oder „Unpopu- 
larität" irgend eines Unternehmens bedeutet dort keineswegs nur 
den Effect der Leidenschaft und des Vorurtheils (obgleich natür- 
lich die Leidenschaften in einem solchen Fall auch immer mit« 
sprechen), sondern eine bis zu einem gewissen Grade richtige Ab- 
schätzung der Kräfte, der Hindemisse und der Ziele. Die Mili- 
tairs haben in Frankreich nicht den Charakter der Isispriester, 
sie können sich nicht von einer gar isu hohen Meinung von sich 
selbst einnehmen lassen, wie es das Prärogativ jedes uncontroUir- 
baren Specialisten ist; in militairischen Dingen sind sie natürlich 
die ersten und hauptsächlichsten Bichter, die aber ihrerseits wie- 
der von der Gesellschaft gerichtet werden. Die Billigung der letz- 
teren verleiht den für die Finanzen oft höchst unzuträglichen An- 
ordnungen des Kriegsministeriums eine sittliche Kraft, welche 
öffentlichen Beformen, deren Nothwendigkeit anerkannt ist, inne 
wohnt. Dadurch verliert der Staat Nichts an seiner Macht. 

Obgleich in England und Deutschland das Verständniss für 
das Militairwesen in der Gesellschaft weniger entwickelt ist, so ist 
es doch auch dort noch ungleich mehr verbreitet als bei uns. Es 
kann gar keinem Zweifel unterliegen, dass die öffentliche Meinung 
dieser Länder bei Gelegenheit eines Krieges, wie des orientalischen, 
hinsichtlich der nationalen Kräfte nie derartig enttäuscht werden 
könnte, ebensowenig die mit einer solchen Machtentwickelung ge- 
büsste Fahrlässigkeit für Kraftlosigkeit gehalten und sich nicht 
erwehrt hätte jener Bescheidenheit der besiegten Chinesen, welche 
unsere Sprache im Verlauf von zehn Jahren ausgezeichnet hat. 
Eine so sonderbare Erscheinung war nur allein in einer Gesell- 
schaft mögüch, wo es bis heute für einen gebildeten Menschen 



8 

nicht als Schande gilt, nicht zu wissen, aus wie viel Regimentern 
die Armee seines Vaterlandes hesteht, welche Beorganisationen sie 
erfährt, in welchem Yerhältniss ihre Kräfte zu denen anderer Völ- 
ker stehen nnd dgL m. Aach im Aaslande wird dergleichen 
nicht in hürgerlichen Schalen gelehrt, aber deimoch wissen es 
Alle and sind dadurch sicher vor gänzlich fehlgehenden Schlüs- 
sen. Wenn aach dort nicht jeder Bürger ein Thiers and ein 
Beybaad ist, so hat doch die Masse der Gesellschaft genügende 
Vorstellang von dem, was zam Verständniss der nationalen Macht 
erforderlich ist, am nicht Weiss für Schwarz za halten. 

Die rassische Gesellschaft mass in dieser Hinsicht ganz von 
neuem erzogen werden, wenn sie anders jemals zum Bichter in 
ihren eigenen Angelegenheiten werden und nicht immer den Er- 
eignissen der eigenen Geschichte fremd bleiben soll. Die Mittel 
dazu liegen offen zu Tage, der Vorhang, hinter dem sich sämmt- 
liche Anordnungen des Eriegsressorts vollzogen, ist gelüftet. Das 
Verständniss der Bedingungen, auf denen sich die Macht des 
Vaterlandes gründet, hängt nunmehr von dem Grade des Inter- 
esses der russischen Gesellschaft für ihre eigenen Angelegenheiten 
direct ab. 

Es ist allgemein anerkannt, dass es im Leben der mensch- 
lichen Gesellschaften keine bedeutenden Erscheinungen giebt, die 
vollkommen zufällig sind und nicht aus der Hauptquelle, dem Geist 
des Volks und dem historischen Geschick des Staates, entspringen. 
Aber noch nicht allgemein ist man, wie es scheint, zu der üeber- 
zeugung gelangt, dass auch die verschiedenen Ansichten über die 
Organisation der Streitkräfte, wie sie in diesem oder jenem Staat 
existiren, ebenfalls unter diese allgemeine Begel zu subsumiren 
sind, dass diese Organisation keineswegs eine willkührliche ist, 
sondern vielmehr nothwendig bedingt ist sowohl durch den ge- 
sammten socialen Organismus, als durch die geographische Lage 
des Staates. Und doch bringen die in den einzelnen Staaten exi- 
stirenden Systeme der Militairorganisation in einem so hohen 
Grade genau den gegenwärtigen Moment ihrer Entwickelung zum 
Ausdruck, dass man allein aus den Daten der Militair- Statistik 
im Stande wäre das Leben der einzelnen Staaten historisch dar- 
zustellen; der Grund, auf welchem ein militairisches System sich 
aufbaut, liegt überall weit tiefer als im persönlichen Ermessen 
der Begierung. Der Umfang der Bewaffnung wird nicht von 



irg^d einem Staat allein für sich bestinunt, sondern von der Ge- 
sammtheit der die civilisirte Welt bildenden Staaten, d. h. also 
vom Geist der zeitgenössischen Epoche, — sowie vom gesammten 
socialen Orgamsmus des Volks, welchen die Herrscher nicht nach 
Belieben nmformen können. Noch weniger sogar als der Umfang 
der Bewaffnung, sind fast immer die Organisation selbst nnd der 
Geist des Heeres von der Regienmg abhängig; mit mathematischer 
Genauigkeit kommen hierbei zmn Ausdruck die aus der Geschichte 
sich ergebenden Beziehungen der Gesellschaftsclassen untereinander, 
der den Bürgern der verschiedenen Schichten verliehene Grad der 
Gleichberechtigung, sowie alle Sitten des Landes, insonderheit die 
Stellung der erwachsenen Söhne zur Familie, welche überall die 
Einführung des einen oder anderen Systems der Eekrutenaus- 
hebung im höchsten Grade beeinflusst. Aus diesen durchaus nicht 
willkührlichen zwei Momenten — aus der Quantität der Truppen 
und ihrer inneren nationalen Organisation — ergiebt sich alles 
Uebrige: das Yerhältniss der Streitkräfte in Friedenszeiten zu 
denen in Kriegszeiten, das Yerhältniss der verschiedenen Waffen- 
gattungen untereinander, das System der Führung und der Yer- 
theilung des Commandos, ja sogar und zwar in sehr hohem Grade 
das Eampf-Eeglement, nach welchem das Heer sich richtet. Hierzu 
braucht man keine Beispiele zu suchen, denn jeder europäische 
Staat giebt ein passendes Beispiel ab. 

Da ist England, das in der Bevölkerungszahl nicht viel hin- 
ter Frankreich zurücksteht, hinsichtlich des Beichthums dasselbe 
aber bei weitem übertrifft. Dieser Staat zeichnet sich zur Zeit 
durch eine überaus friedliche Stimmung aus. Am Anfang des 
Jahrhunderts aber, als die sociale Organisation Englands noch 
nicht ihre äussersten Gonsequenzen zur Geltung gebracht hatte, 
war England keineswegs friedliebend und führte gigantische Kämpfe 
gegen Frankreich und das gesammte übrige dem letzteren unter- 
worfene Europa. Volk und Eegierung gingen damals mit einander 
nnd spannten alle Mittel an, um gegen Napoleon die möglich 
grösste Macht aufzubringen. Man sollte meinen, dass England 
bei seiner Bevölkerung und bei solchem Reichthum eine ungeheuere 
Armee hätte bewaffnen können; aber nein, Englands bürgerliche 
Organisation gestattete das nicht; die active englische Armee hat 
ohne Verbündete niemals fünfzigtausend Mann überstiegen. Allen 
Anstrengungen zum Trotz hat England in den continentalen 



' » 



10 

Kriegen immer nur die zweite Rolle gespielt. Es ist bekamit, 
wie die durch die aristokratischen Einrichtungen Englands heran- 
gebildete und im einzelnen auf jeden Engländer ausgedehnte Un- 
verletzlichkeit der Person, die Veranlassung ist, dass dieser Staat 
ausschliesslich durch freie Anwerbung aus der alleruntersten Hefe 
der Bevölkerung sein Heer bildet. Durch dieses Bekrutirungs- 
system, den Eckstein der Kriegsmacht Englands, wird alles Uebrige 
bedingt. Der Uebergang vom Friedens- auf den Kriegsfuss, durch 
welchen die europäischen Armeen verdoppelt und verdreifacht wer- 
den, kann dort nicht denselben Sinn haben, wie auf dem Conti- 
nent; im Gegentheil treten Personen, welche sich gern in Friedens- 
zeiten anwerben lassen, angesichts der bevorstehenden Gefahren 
und Entbehrungen nicht in den Dienst, und auf diese Weise wächst 
nicht die Quelle der Completirung für die englische Armee, son- 
dern versiegt beim Herannahen des Krieges. Aus eben demselben 
Grunde ist es nöthig den englischen Soldaten solange als möglich 
unter der Fahne zu halten. Früher diente er sein ganzes Leben 
lang; jetzt ist die Dienstzeit abgekürzt, aber er wird dennoch fast 
immer auf längere Termine angeworben. Der Bestand der eng- 
lischen Armee, welche aus dem obdachlosen Pöbel, vorzugsweise 
aus ganz verkommenen Menschen gebildet wird, verleiht ihr einen 
exceptionellen eigenthümüchen Charakter. Der englische Soldat 
ist ein Helot, den keine Auszeichnung zum Menschen machen wird; 
zwischen ihm und dem Officier liegt dieselbe unüberschreitbare 
Kluft, wie zwischen dem mittelalterlichen Bitter und dessen Hö- 
rigen. Es ist begreiflich, auf welche Weise durch diese Bezie- 
hungen der Geist des englischen Reglements, z. B. dessen aus- 
schliessliche Bevorzugung der deployirten Aufstellung, bedingt 
worden ist. Der englische Soldat, welcher immer kurz gehalten 
wird, gelangt, obschon er von Natur einen energischen Charakter 
hat, dennoch infolge seiner socialen Stellung und der militairiscben 
Ausbildung zu einer geradezu mechanischen Passivität; seine Ener- 
gie verwandelt sich ausschliesslich in Zähigkeit! Wie kann man 
von solchen Leuten erwarten, dass sie den rechten Ungestüm, wie 
ihn eine vorwärtsstürmende Colonne nöthig hat, entwickeln sollen? 
Sie sind unselbständig, weil der Organismus des englischen socialen 
Lebens ihnen keine Selbständigkeit gestattet, und können infolge 
dessen nur wie ein lebloser ^Mechanismus in den Händen der 
Officiere befriedigend agiren; am tauglichsten ist für sie diejenige 



11 

Anfstellong, bei welcher ihre Energie passiv zum Aasdruck kom- 
men kann und bei welcher sie immer unter den Augen und in 
der Gewalt ihrer Officiere bleiben. Daher kommt es auch, dass 
die englische Armee es nicht versteht auf dem Marsch von den 
Mitteln des Landes zu leben, sondern, von einer endlosen Bagage 
belästigt, die allerdetaillirteste Sorgfalt, wie ein Cadettenlager, be- 
ansprucht; ihr ganzer Verstand steckt in der Anführung. Bei 
alledem ist die englische Armee ganz vorzüglich, sie hat die 
besten Truppen, die nur vorkommen können — die Truppen des 
ersten französischen Kaiserreichs — beständig besiegt. Die höhere 
sittliche und physische Entwickelung der höheren englischen Stände, 
welche die Seele des Heeres bilden, — die rauhe Festigkeit der 
Masse, welche den Leib desselben ausmacht, und die vorzügliche 
Ausrüstung machen aus dieser Armee eine Eriegswaffe, die furcht- 
bar ist, wenn auch in vielen Beziehungen einseitig und allzu 
schwerfällig. Die geringe numerische Stärke der englischen Armee 
gestattet ihr nicht in den europäischen Kriegen eine selbständige 
Bolle zu spielen; für England aber ist sie vollkommen genügend. 
Die Seemacht des Landes verzehnfacht die Kraft seiner Land- 
armee, indem sie die Möglichkeit bietet, jeden Küstenpunkt der 
feindlichen Besitzungen zu bedrohen und auf diese Weise selbst die 
mächtigsten Kräfte zu zersplittern, was wir während des orientali- 
schen Krieges zur Genüge erfahren haben^ Zur inneren Verthei- 
digung gegen feindliche EinMle hat England eine Miliz aus den 
ansässigen, vollberechtigten Gassen, giebt aber dem gemeinen Volk 
unter keiner Bedingung Waffen in die Hände; in dieser Beziehung 
ist England ebenso sich selbst treu, wie in allem Uebrigen. Man 
sieht hieraus deutlich, bis zu welchem Grade die englische Armee 
genau den historischen Bau des Volkes und die geographische 
Lage des Landes zum Ausdruck bringt. Wenn es zur Zeit GarFs H., 
als die ersten stehenden Truppen in England eingeführt wurden, 
einen Menschen gegeben hätte, begabt mit der übermenschlichen 
Fähigkeit auB der gegebenen Lage alle logischen Folgen derselben 
zu entwickeln, er hätte die gegenwärtige Organisation der eng- 
lischen Armee mit Genauigkeit vorhergesagt; in so hohem Grade 
ist das Heeressystem eines Staates der Wülkühr entzogen; in 
so hohem Grade überlässt die Macht der Verhältnisse dem Kriegs- 
ministerium nur die technische Arbeit, die Elemente, wie sie 



12 

ihm dnrch das sociale und politisehe Lebien des Volkes fertig ge- 
liefert werden, zu gruppiren. 

Ganz dasselbe finden wir auch auf dem Gontinent. Wie veiv 
schieden die französische Militairorganisation von der englischen 
auch sein mag, sie ist ebensowenig willkührlich und in ihrem 
Grunde ebensowenig von der Willkfihr der Regierung abhängig, 
wie dort. Frankreich bildet einen compacten, gleichartigen Kör- 
per, welcher gerade im Herzen Europas liegt, und kann es eben 
deshalb schon selten vermeiden, sich bei jedem internationalen 
Conflict zu betheiligen. Ungeachtet der Bevolution werden die 
Franzosen in ihrem Privatleben auch jetzt noch in jenen Tradi- 
tionen der Eriegsliebe und des NationaJruhms erzogen, welche sich 
vor grauen Zeiten unter dem Einfluss des herrschenden Adels, der 
aber längst jeden politischen Charakter verloren hat und zu einer 
reinmilitairischen Kaste, zu europäischen Kschatrya's geworden ist, 
entwickelt haben. Der fanfundzwanzigjährige Kampf, den die 
Bevolution mit der Monarchie auf Leben und Tod geführt, hat 
diese Anlage noch mehr entwickelt, indem er die ganze Nation 
in ein Kriegslager verwandelte. Die Kriegsliebe der Franzosen 
ist mindestens historisch erklärlich, um so mehr, da sie noch von 
vielen Eigenthümlichkeiten unterstützt wird. Ein Krieg kann sehr 
bedrohlich sein direct für die Existenz der meisten europäischen 
Staaten, für Frankreich aber gar nicht. Infolge einer gründlichen 
Niederlage kann Oesterreich auseinanderfallen, Italien von neuem 
zersplittert und unterjocht werden, aus Preussen kann man, sogar 
nach seinem königgrätzer Siege, noch zehn Staaten wie Sachsen 
herausschneiden; wer aber könnte, bei der vollständigen Gleich- 
artigkeit eines solchen compacten Staatskörpers wie Frankreich, 
hoffen ihm eine Provinz zu entreissen und die Eroberung lange 
zu behaupten? Frankreich setzt im Fall einer Niederlage nur 
materielle Opfer und seinen Einfluss für eine gewisse Zeit aufs 
Spiel, riskirt aber niemals seine factische Macht. Es ist also sehr 
natürlich, dass die französische Ruhmesliebe uneingeschränkt sich 
entwickeln konnte, infolge dessen Frankreich immer der Urheber 
fast aller europäischer Kriege gewesen ist Bei anderen Völkern 
ist der Nationalstolz, die Buhmesliebe, nur eine von den Leiden- 
schaften, in Frankreich dagegen ist das die hauptsächlichste und 
herrschende Leidenschaft, deren Befriedigung bis zu einem gewis- 
sen Grade alle übrigen beruhigt. Der verstorbene Herzog von 



13 

Orleans hat das sehr gat begriffen, als er seinen Vater znm Kriege 
drängte und zugleich prophezeite, dass sie sonst in einem Kanal 
der pariser Wasserleitung nmkommen mttssten. Ausserdem bemht 
die Existenz einer jeden franzdsisehen Regierong, welche es auch 
sein mochte, hauptsächlich auf der Stärke des Heeres, denn seit 
der Zeit der Beyolution ist die Regierung dort nichts anderes, als 
eine der Parteien, welche gerade zur Zeit die Macht in Händen 
bat. Durch die Disdplin der Bajonette halten sich die Mächte 
Frankreichs, durch den Ruhm der Bajonette gewinnen sie das 
Land für sich. Dass bei einer solchen Lage der Dinge es die 
erste Sorge der Regierung ist über ein möglichst zahlreiches Heer 
zu disponiren, ist sehr begreiflich. Da aber tritt die Macht der 
Verhältnisse in ihre Rechte. Frankreich ist reicher als Preussen, 
vermag aber dessenungeachtet, im Verhältniss zur Bevölkerung, 
bei weitem nicht eine solche Masse von Streitkräften aufzustellen, 
wie Preussen. Gerade dieselbe ererbte Inclination des Volks, 
welche die Regierung veranlasst mit allen nur möglichen Mitteln 
die Armee zu verstäi^en, setzt eben dieser Verstärkung eine 
Grenze. Eine reine Volkskraft ist in Frankreich unmöglich. In 
demselben Mass, in dem der Franzose als Soldat der Regierung 
treu ist, in demselben Mass ist er derselben als bewaffneter Bür- 
ger gefährlich; solange er sich noch nicht total in einen Soldaten 
verwandelt hat, kann man ihm auch noch keine Flinte in die 
Hand geben. Noch im Jahre 1866, als diese Schrift für den 
„Russischen Boten*' abgefasst wurde, war darin gesagt worden: 
„um wie viel die Kräfte der Franzosen durch die erwartete Re« 
Organisation des Militairwesens sich vergrössem werden, ist nicht 
bekannt; zieht man jedoch in Rechnung den historischen, aus der 
Macht der Nothwendigkeit hervorgegangenen Geist ihrer militai- 
rischen Institutionen, so muss man annehmen, dass diese Kräfte 
nicht über das System eines stehenden Heeres nut langer Dienst- 
zeit hinausgehen werden.*' Und so ist es auch geschehen. Aus 
der Rivalität mit den preussischen Einrichtungen ist die Verlän- 
gerung der Dienstzeit von 7 Jahren auf 9 Jahre hervorgegangen, 
wodurch es möglich wird, eine grosse Anzahl Leute in die Re- 
serve zu stellen und, sobald als nöthig, die ganze active Armee 
auf Kriegsstärke zu bringen. Was aber die Nationalgarde be- 
trifft, welche ohne Organisation geblieben ist, so entspricht sie» 
nicht im nündesten der Landwehr. In Kriegszeiten kann sie wohl 



» 



14 

den Gamisonsdienst in den Grenzfestnngen übernehmen, was natür- 
lich für die Streitkräfte einen erheblichen Zuwachs ergiebt; die 
Hanptidee dieser Einrichtong besteht aber, im Sinn der Regienmg 
— dessen kann man ganz sicher sein — darin, dass gleich znm 
Anfang' des Krieges mit einem Mal eine halbe Million Leute mehr 
zur Completimng des activen Heeres oder wozu es der Regierung 
sonst beliebt, bei der Hand ist; die Verordnungen des Gesetzes 
wird man nicht auflieben; le salut public ist in Frankreich auf 
Alles anwendbar und rechtfertigt Alles. Die stehenden Truppen 
aUein können aber, wenn sie auch im Frieden in überaus begrenz- 
ten Cadres gehalten werden, dennoch niemals eine im Yerhältniss 
zu der Bevölkerung des Landes sehr hohe Gesammtsumme von 
Kräften aufstellen. Beim Uebergang auf den Kriegsfuss wurde 
die französische Armee um zwei Drittel verstärkt; gegenwärtig 
wird sie ums Doppelte verstärkt werden, ausser der National- 
garde, welche dort niemals als selbständige Kraft gerechnet wor- 
den ist und wahrscheinlich auch jetzt nicht als solche gezählt 
w^den wird; während die preussische Armee ums Dreifache ver- 
stärkt wird. Dem Geist der Militair-Institutionen gemäss kann es 
gar nicht anders sein. Will man die Cadres bedeutend verringern, 
so wird die Kraft des Volkes aus der Armee weichen, was nicht 
für Alle unbedenklich ist; will man sie in solcher Stärke erhalten, 
wie sie nothwendig ist, um den Corporationsgeist der Armee nicht 
zu schwächen, so wird kein Budget eine solche Last prästiren 
können. Ausserdem muss man noch im Auge haben, dass bei- 
nahe die Hälfte der activen Truppen in Frankreich als Garnisons- 
besatzung in den Städten (in Paris eine ganze Armee, in Lyon 
ein Corps) verwandt wird, weil die Eegierung sonst nicht vier- 
undzwanzig Stunden in ihrer Existenz gesichert wäre. Bewaffnete 
Bürger können diese Aufgabe nicht erfüllen, denn gerade ihret- 
wegen, müssen die Truppen dableiben. Algier und die Colonien 
verlangen ebenfalls Truppen. Von 115 Infanterie -Eegimentem 
bleibt für eine europäische Campagne nur die Hälfte übrig. Die 
activen Kräfte, über welche Frankreich bei der mächtigen An- 
spannung im Jahre 1859 disponirte, bestanden aus 180,000 Mann 
in Italien und 50,000 am Bhein, im Ganzen 230,000: also um 
ein Drittel weniger, als Preussen im letzten Kriege aufgestellt hat. 
Aus solchen Verhältnissen entspringt der Geist, in welchem die 
französische Armee erzogen wird. Der numerische Mangel ver- 



15 

wandelt sich in eine Bedingung ihrer inneren ]Eügenschaften. Die 
Begienmg geht darauf ans, sie soviel als möglich abznsondem, 
indem sie unter dem Militair den Kastengeist nährt, wozu ihrer- 
seits die kriegerischen Ueberlieferungen der Begimenter lebhaft 
beitragen. Absondern und einen exclusiven Berufscharakter ein- 
flössen kann man thatsächlich nur alten Truppen; seit der Bevo- 
lution sind aber die bürgerlichen, wenn auch nicht die politischen 
Bechte der Franzosen unangreifbar sicher gestellt; die Dienstzeit 
ist bestimmt, ebenso das jährliche Bekruten-C!ontingent. Es blieb 
nur ein Mittel übrig: verabschiedete Soldaten auf eine zweite und 
auf eine dritte Dienstzeit anzuwerben; auf diese Weise werden die 
Begimenter ans alten, der Bcgierung ergebenen und im Feuer zu- 
verlässigen Gadres gebildet; wenn in der Infanterie nur ein Kopf 
da ist, den Schweif kann man jederzeit daranmachen. Die öko- 
nomischen Zustände Frankreichs gestatten es, sich in ausgedehnter 
Weise dieses Mittels zu bedienen. Bekanntlich besteht die Mehr- 
zahl der Landbevölkerung in Frankreich aus kleinen Grundbe- 
latzern; die Söhne derselben treten gern in den Dienst und leben 
in Erwartung der Erbschaft auf Kosten der Krone. Die Begie- 
rung berücksichtigt nicht im mindesten die Declamationen gegen 
das Becht des Loskaufs vom Militairdienst, welches, wie man an- 
führt, den patriotischen Sinn der Nation schwächt; der Begierung 
liegt eben nichts an einem patriotischen Frankreich, sie bedarf 
einer kriegstüchtigen Armee. Es ist ebenfalls klar, dass bei der 
Herrschaft der Frincipien von 1789 das im Grunde demokratische 
französische Officiercorps den Soldaten gegenüber nur einen Bang, 
nicht aber eine Classe repräsentiren kann; der unruhige Geist des 
Volkes jedoch und die politische Situation des Landes verlangen 
es indess, dass in der französischen Armee eine noch viel stren- 
gere Bang- Subordination, als sonst irgendwo, aufrecht erhalten 
wird; die Begierung erreicht diesen Zweck dadurch, dass sie alles 
Militair (Soldaten, Unter-, Ober- und Stabsofficiere) in Gruppen 
theilt, zwischen denen sie künstliche Scheidewände aufrichtet. Da 
leine natürliche Classe der Officiere nicht vorhanden ist, so mnsste 
man eine künstliche Ofüciers-Corporation schaffen. Bei einer eiser- 
nen inneren Disciplin ist dem Militair in seinen Beziehungen zur 
Gesellschaft eine solche Freiheit, ein so hoher Grad von Straf- 
losigkeit concedirt, wie sonst nirgend in Europa; der corporative 
Geist der Armee macht es, dass die ganze Compagnie für den 



16 

einzelnen Soldaten derselben einzutreten pflegt, eine ganze Com- 
pagnie zu bestrafen soll aber ein sehr geföhrHches Ding sein. Die 
Erziehung in diesem Geist, in Gemeinschaft mit dem National- 
charakter, verleiht dem französischen Soldaten die Eigenschaften 
eines geworbenen Kriegers, des Lanzknechts des 16. Jahrhunderts: 
Kühnheit, Verwegenheit, Euhmesliebe, Fanatismus fOr seine Fahne, 
Verachtung gegen alles Nichtmilitairische. Offenbar sind weder 
die englischen noch die preussischen Militair-Institutionen in Frank- 
reich anwendbar; die ersteren würden ihm die äussere Kraft neh- 
men, die anderen die innere Stütze. Frankreich muss seine selb- 
ständige Organisation haben, deren Wesen, unabhängig von jeder 
militairischen Theorie, durch die Macht der Verhältnisse selbst 
gegeben ist. 

Nehmen wir Preussen als drittes Beispiel. Der historische 
Organismus dieses Staates ist hier im Militairsystem noch schär- 
fer ausgeprägt, als wir es an den Beispielen von England und 
Frankreich gesehen haben. Preussen war keine Nationalität und 
ist es sogar jetzt noch nicht vollständig; es ist ein Staat, d. h. 
also eine historische Zufälligkeit, welche durch die Dynastie und 
das Heer zur Darstellung kommt. Preussens Nationalität liegt 
nicht in ihm, sondern ausserhalb, in dem grossen ethnographischen 
Gebiet, von dem es nur ein abgerissenes Stück ist. Der Um- 
stand, dass die überwiegende Majorität der Bevölkerung von einem 
Stamm ist, so wie gute bürgerliche Institutionen haben Preussen 
allerdings einigen Halt gegeben. Hinsichtlich der historischen 
Festigkeit unterscheidet es sich jedoch immerhin nur dadurch von 
Oesterreich, dass dieses ohne jeglichen Schmerz auseinanderfallen 
könnte, während Preussen wohl einen Schmerz empfinden würde 
im Moment des Zerfalls, aber auch nur während dieses Moments, 
länger nicht. Wäre es den Oesterreichem im letzten Kriege ge- 
lungen, entschieden die Oberhand zu gewinnen, so würden Schle- 
sien, preussisch Sachsen, die Bheinprovinzen wahrscheinlich wohl 
ein Geschrei erhoben und es empfunden haben, wie man sie von 
der brandenburgischen Monarchie abriss; nach drei Jahren aber 
hätten sie sich beruhigt und würden sich unter anderen deutschen 
Begierungen auch zu Hause fühlen. Die hohenzoUemsche Dyna- 
stie bedarf noch vieler glücklichen Jahre, um aus ihrem Staat 
eine Nation zu machen. Bis dahin aber bleibt er eine historische 
ZußUligkeit und hat bei jedem Kriege alle Chancen zu erfahren, 



17 

denen ein zufälliger, politisch zusammengezimmerter Staat aasge- 
setzt ist, die aber für Staaten, welche eine ganze Nation mnfassen, 
Ton gar keinem Belang sind. Andererseits gab es bis jetzt am 
Preussen herum keinen freien politischen Horizont, keine Meere 
mit guten Häfen und halbcivilisirten Ländern, welche Interven- 
tionen provociren, und in Folge dessen auch keine Demel^'s aus 
Nebenbuhlerschaft mit anderen Grossmächten. Seit dem Wiener 
Congress hat Preussen im Jahre 1866 zum ersten Mal ernstlich 
gerüstet, während Eussland, England, Frankreich und zum Theil 
selbst Oesterreich, jedes in dieser Zeit einige ernstliche Kriege 
in und ausserhalb Europas geführt hat. Bis jetzt konnte Preussen 
nur allein durch die Existenzfrage zum Kriege veranlasst werden, 
wie das auch jüngst geschehen ist. Bei einem Krieg um die 
Existenz kommt aber offenbar nicht die Regierung allein in Be- 
tracht, sondern das ganze Yolk; wenn anders zwischen den Theilen 
eines Staates irgend ein inneres Band überhaupt existirt, so mnss 
das Volk bei der Frage: Sein oder Nichtsein, Mann für Mann 
sich erheben. Rein militairische Truppen, welchen Vorzug sie 
auch Immerhin sonst haben mögen, hat nur derjenige Staat nö- 
thig, welcher seiner Lage nach häufig in separate Kriege hinein- 
gezogen werden kann oder entfernte Expeditionen zu unternehmen 
gezwungen ist. Die Schlacht bei Jena hat Preussen die Augen 
geöffnet. Seitdem ist das preussische Müitairsystem ausschliesslich 
auf die allgemeine Wehrpfficht gegründet. Auf diese Weise konnte 
ein Staat, welcher halb so gross ist wie Frankreich oder Oester- 
reich, über eine Armee disponiren, welche ihrer numerischen Stärke 
nach ersten Ranges war und deren active Kräfte in der letzten 
Zeit, einen Monat nach der Kriegserklärung, 360,000 Mann er- 
reichte, also ein Drittel mehr, als das kaiserliche Frankreich im 
Jahre 1859 aufstellen konnte. Natürlich ist es, selbst nach dem 
l)öhmi8chen Feldzug, ausser allem Zweifel, dass bei der Organi- 
sation der preussischen Armee die Qualität der Quantität geopfert 
worden; dafür hat aber auch Preussen seit dem Jahre 1806 keine 
Kriege «geführt ausser für die eigene Unabhängigkeit; in solchen 
exceptionellen Fällen werden jedoch die gewöhnlichen Chancen 
vielfach modificirt. 

Die Unsicherheit der staatlichen Existenz, welche durch keine 
Maren Völkergrenzen sichergestellt ist, die eingeschlossene geo- 
graphische Lage, durch welche die Freiheit, der Action beeüi- 

Fadejew, Russlands Kriegsmacht. 2 



18 

trächtigt wird, und endlicli die Nothwendigkeit den unverhofft er- 
langten politischen Rang zu conserviren, diese drei Momente haben 
Preussen gezwungen sich in ein Eriegslager zu verwandeln und 
ein Yolksheer zu schaffen. Ein Yolksheer, welches nicht aus einer 
künstlich abgesonderten mit einem exclusiven Berufscharakter an- 
gethanen Classe von Menschen, sondern aus richtig organisirten 
und ausgebildeten Kräften des Landes besteht, kann im Grunde, 
bei einer normalen Dienstzeit, ohne Schwierigkeit zu einem sehr 
guten stehenden Heere werden; Preussen aber musste, seiner hi- 
storischen Aufgabe gemäss, über eine Armee ersten Banges dis- 
poniren, folglich über eine im Vergleich zur Bevölkerung unver- 
hältnissmässig starke. Zu diesem Zweck musste man alle jungen 
Leute die Militairschule durchmachen lassen und sie nicht länger 
im Dienst halten, als unumgänglich nothwendig erschien, um die 
Neueingetretenen mit dem Frontedienst und mit der Handhabung 
der Waffe bekannt zu machen. Unter solchen Umständen kann 
natürlich nicht die Bede davon sein ein Begiment zu einem or- 
ganischen Ganzen zu gestalten, was jedenfalls die erste Bedingung 
für die Tüchtigkeit eines Heeres ist; die ganze Kraft der Armee 
besteht ausschliesslich nur in dem, was bleibend in ihr ist, d. h. 
in den Officieren und Feldwebeln; die Masse der nur äusserlich 
instruirten Soldaten wird als rohes Material in diese Cadres ein- 
gestellt In den Cadres muss aber nothwendig soviel militairischer 
Geist zu Hause sein, dass Alle von ihm inficirt werden. Die 
Officiere werden in der Begel durch die Armee selbst herange- 
bildet; hier dagegen, wo die Armee so zu sagen im Frieden gar 
nicht vorhanden ist, war man gemüssigt ein solches Officiercorps 
zu bilden, welches allein durch sich selbst, schon von der Wiege 
an, von militairischem Geist in des Wortes vollster Bedeutung er- 
füllt sein musste. Preussen hatte hierzu ein fertiges Element in 
seinem kleinen ansässigen Landadel, dem Junkerthum, in dem von 
Alters her militairischen und ritterlichen Stande, welcher die Basis 
und die Stärke der Armee bildet. Durch diese Leute, welche ge- 
borene Soldaten und unbedingt der Dynastie ergeben sind, wird 
das ganze preussische Heer gehalten.*) 



*) Mit Ausnahme der technischen Theile — der Artillerie nnd der 
Ingenieure, die ihrer geringen Anzahl wegen in staatlicher Hinsicht gar 
nicht in Betracht kommen. 



19 

Das prenssische Heer kann man so definiren: eine gut aus- 
gebildete Yolksrnüiz, angeführt von einem von Gebort militairlschen 
und kriegerischen Adel. Die Tüchtigkeit dieses Heeres entzieht 
sich der Benrtheilung, da dasselbe, so zn sagen, erst mit dem 
Kriege entsteht und der Geist des Heeres nicht in Friedenszeiten, 
sondern erst auf dem Kriegsschauplatz zu Tage tritt; wie ein 
Chamäleon kann es sich daher, je nach den Umständen, so oder 
anders gestalten; nach den ersten noch gar nichts entscheidenden 
Erfolgen wird es tüchtig sein, sehr schwach dagegen, wenn es gleich 
zum Anfang Misserfolge hat. Die Abnormität der Eigenschaft des 
preussischen Heeres erhellt auch schon daraus, dass in demselben, im 
Widerspruch zu den allgemeinen Vorstellungen, die besten activen 
Truppen die allerjüngsten, welche anderwärts beinahe noch als 
Eekruten gelten, zu sein pflegen; je älter ein preussischer Soldat 
ist, desto schlechter ist er und desto mehr wird er in die Re- 
serve zurückgeschoben als Einer, der sein Gewerbe nachgerade 
genug verlernt hat. 

Damit ein solches System, welches das ganze Volk in ein 
Heer verwandelt, auch zuverlässig sei, ist aber das Junkerthum 
allein noch nicht genügend; dazu bedarf es noch des vollsten 
Vertrauens der Regierung zu den unteren Volksschichten, eines 
begrenzten Territoriums, einer dichten Bevölkerung, guter Verkehrs- 
mittel und vor allen Dingen eines richtigen, pünktlichen und in 
seiner Thätigkeit vollkommen zuverlässigen allgemeinen Organis- 
mus, der es möglich macht jedem Einzelnen im voraus seinen 
Platz zu bestimmen und ihn binnen kürzester Zeit einzureihen. 
Dass eine solche Anspannung nicht lange dauern kann, ist ein- 
leuchtend. Indem es mit einem Mal fast die ganze Bevölkerung, 
welche Waffen zu tragen fähig ist, zur Armee einberuft, gleicht 
Preussen einem Menschen, welcher nur mit einer Ladung in den 
Kampf geht; wirft er den Gegner dann nicht mit dem ersten 
Schuss um, so bleibt er waffenlos ihm gegenüber. Einem Staate 
gegenüber, den man nicht mit einem Male stürzen kann, wie z. B- 
Frankreich, von Russland gar nicht zu reden, ist also offenbar 
ein Andrang Preussens nichts mehr als ein Platzregen im Sommer, 
dessen Ende sich unter dem ersten Wetterdach abwarten lässt. 
Im Wesentlichen hat die preussische Organisation einen rein de- 
fensiven Charakter; ganz allein, ohne Bündnisse, können die 
Preussen, selbst heut zu Tage, nur ausschliesslich bei sich zu 

2* 



20 

Hanse, im kleinen und im grossen Deutschland, offensiv verfahren. 
Die auf dem Landwehrsystem begründete Militairorgamsation ist 
historisch nur an Preussen herangetreten und ist auch in Preussen 
allein realisirt worden. 

In der Organisation der österreichischen Armee kann sich 
kein allgemeiner Typus ausdrücken, weil ein solcher dort über- 
haupt nicht existirt; dagegen aber kommen auch in ihr alle trau- 
rigen Bedingungen, mit denen die Existenz dieser widernatürlichen 
Monarchie zusammenhängt, zur Geltung. Die österreichische Re- 
gierung hat übermenschliche Anstrengungen gemacht, um eine 
Armee zu schaffen, ohne welche sie doch nicht existiren konnte; 
man muss ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass keine 
einzige Militairverwaltung in Europa mit einer solchen unermüd- 
lichen Sorgfalt, mit einer solchen Consequenz und mit solchem 
Yerständniss der Sache verfahren ist; ebenso hat keine einzige ein 
so glänzendes sichtbares Resultat im Vergleich zu den Schwierig- 
keiten, die sie zu überwinden hatte, erzielt. Eine österreichi- 
sche Armee, in des Wortes vollster Bedeutung, existirt factisch. 
Drei Viertel, wenn nicht neun Zehntel dieser Armee gehören ein- 
fach zur kaiserlich-königlichen NationaUtät und sind bereit selbst 
gegen ihre Väter und Brüder zu kämpfen; der Regimentsgeist hat 
in ihnen fast vollständig den Nationalgeist erstickt, was um so 
wunderbarer ist, als die Untermilitairs eines jeden Regiments nicht 
zusammengewürfelt sind (zur Vermeidung eines babylonischen 
Thurmbaus, welcher eine jede innere Leitung unmöglich machen 
würde), sondern immer Landsleute sind, die in einem eigenen, 
jedem Regiment besonders zugetheilten Rekrutirungsbezirk ausge- 
hoben werden. Man könnte meinen, dass die in unserem Jahr- 
hundert so mächtige Erregung des Racengeistes in den österreichi- 
schen Völkerschaften sich gefährlicher gestalten müsste, als selbst 
der Parteigeist in Frankreich, und die österreichischen Kräfte 
noch mehr, als es mit den französischen geschieht, nach divergi- 
renden Richtungen gezogen werden könnten; aber nein. Die wie- 
ner Regierung weiss, dass dies ein unterirdischer, langwieriger 
Kampf ist, der nicht mit einem Mal auflodert wie die revolutio- 
naire Leidenschaft, ein Kampf, der einst mit der Zeit wohl ge- 
fährlich werden kann, es im Augenblick aber noch nicht ist und 
mehr polizeiliche als militairische Mittel in Anspruch nimmt, und 
entblösst daher, sobald es die Nothwendigkdt erfordert die Truppen 






21 

zu concentriren, dreist die alleranrnliigsten Provinzen. Oesterreich 
hat daher von allen europäischen Staaten (mit Ausnahme Kuss- 
lands und zwar nur des Russlands, wie es sein könnte) die aller- 
colossalste Masse activer Kräfte, welche in der letzten Zeit fast 
die Summe von 400,000 Mann erreicht haben, zur Verfügung ge- 
habt. Natürlich musste Oesterreich, um nur überhaupt eine solche 
Armee zu haben, sich mit sehr jungen Truppen begnügen, welche 
hinsichtlich ihrer Qualität gleicher Natur ßind wie die preussischen, 
da der Soldat anstatt der legalen zehnjährigen Dienstzeit factisch 
nur zwei Jahre dient. Was könnte man dessenungeachtet aber 
nicht alles vollbringen mit 400,000 Mann der Regierung er- 
gebener und disciplinirter activer Truppen? Hierbei kommt jedoch 
die ganze ünhaltbarkeit künstlicher Combinationen zum Vorschein. 
Die Sicherheit des Staates erlaubt es nicht vollkommen nationale 
Regimenter, in denen Officiere und Soldaten derselben Nationalität 
angehören, zu formiren; die Officiere completiren sich aus dem 
gesammten Adel Oesterreichs und Deutschlands ; sie verstehen ihre 
Soldaten nicht und verständigen sich mit ihnen nur durch die 
Unter officiere, welche, um zu diesem Rang zu avanciren, bis zu 
einem gewissen Grade germanisirt sein müssen. Die österreichi- 
sche Armee besteht also folglich aus drei verschiedenartigen Schich- 
ten, die nur mechanisch unter einander verbunden sind. Die un- 
ermüdlichen Bemühungen der Regierung haben geradezu ein Wun- 
der vollführt, indem sie dieser buntscheckigen Masse ein solches 
militairisches Pflichtgefühl einzuimpfen gewusst, dass die Armee 
ihr zum zweiten oder vielmehr zum ersten Vaterland geworden ist. 
Solange sich die Geister in ruhigem Zustande befinden, herrscht 
auch Ordnung und die österreichische Armee führt sich vortreff- 
lich. Aber man denke sich nur die erste Unordnung in Folge 
eines einzelnen Misserfolgs, — und einzelne Misserfolge begleiten 
im Kriege sogar den Sieger; eine babylonische Verwirrung ent- 
steht in den Regimentern, jedes moralische Band zwischen den 
einander vollkommen fremden Anführern und Untergebenen ver- 
schwindet oder, besser gesagt, die beständige Abwesenheit desselben 
wird plötzlich offenbar und die Armee erleidet, ungeachtet ihrer 
soliden Eigenschaften, eine Katastrophe. Das militairische Fer- 
ment der habsburgischen Regimenter ist so vorzüglich, dass man 
sie rasch umgestalten und von neuem in den Kampf führen kann, 
aber immerhin nicht mehr zurück auf das Schlachtfeld, denn das 



22 

Greschick des Tages ist dann schon entschieden« In der öster- 
reichischen Armee kommen die Eigenschaften allzu complicirter 
chemischer Yerbindongen vollständig zum Ausdruck; dem Aeusseren 
nach hübsch und dauerhaft bei günstigen Bedingungen, werden 
sie bei der geringsten Störung des Gleichgewichts zersetzt und 
lösen sich in ihre Bestandtheile auf. 

Aus diesem flüchtigen Abriss der Militairorganisation in den 
vier Hauptstaaten Europas sieht man, dass kein einziger von ihnen 
sich hierin von der Theorie hat leiten lassen und auch nicht hat 
leiten lassen können; die Organisation der Armee hat sich überall 
direct aus der Lage der Dinge ergeben und ist vorzugsweise eine 
.politische und sociale Frage gewesen. Dem Eriegsministerium 
verblieb dann aber immer noch eine höchst wichtige EoUe, die 
ihm anvertrauten Kräfte ihren richtig verstandenen Eigenschaften 
gemäss zu vertheilen und sie im Hinblick auf die gegenwärtigen 
Erfordernisse des Kriegswesens auf die allerbeste Weise auszu- 
bilden. Die Macht eines Staates hängt zur Hälfte mindestens von 
diesen letzteren Bedingungen ab. 

Eussland allein hat seit Peter dem Grossen bis auf die gegen- 
wärtige Eegierung kein eigenes, aus dem wirklichen Leben hervor- 
gegangenes Militairsystem gehabt, sondern von Nachahmungen ge- 
lebt. Vollständig willkührlich waren natürlich auch unsere mili- 
tairischen Einrichtungen nicht; sie hingen oft eng genug von 
localen Bedingungen ab, wie z. B. von der Leibeigenschaft; die 
Einflüsse dieser Bedingungen waren aber nur negativ, indem sie 
den Wirkungskreis der militairischen Administration einengten und 
derselben keine freie Entfaltung gestatteten. Einen positiven Ein- 
fluss haben sie nicht geübt. Wo aber die Militairverwaltung un- 
eingeschränkt nach eigenem Ermessen handeln konnte, da wandte 
sie ihre Aufmerksamkeit doch nicht auf die am meisten wesentlichen 
Seiten der Individualität des Volks. Die Ideale unserer Organi- 
satoren waren beständig nichtrussische, geborgte und überdies zum 
grössten Theil aus zweifelhafter Quelle, z. B. aus altpreussischer, 
entlehnte; von daher kam uns die Schule Friedrichs, welche sich 
soviel Jahre abgequält hat, die russischen Soldaten zu verwandeln 
iu — Preussen vor der Schlacht bei Jena, denn nicht die neue- 
sten Preussen wurden von uns copirt, sondern jene alten, die 
ihre Thaten so glänzend beschlossen hatten. Und nicht nur die 
Ausbildung der Truppen, unsere gesammte Militairorganisation war 



23 

ihrem ganzen Umfang nach fremden Mastern entlehnt, fast ohne 
sie irgend den Verhältnissen, in die sie hinttbergenommen worden, 
anzupassen. Der Mangel an bestimmten Principien bei der Ver- 
waltung des Militairwesens ging so weit, dass vor nicht mehr als 
einem halben Jahrhundert Araktschejew es unternehmen konnte, 
der Greschichte von zwei und mehr Jahrtausenden zum Trotz, das 
russische Heer nach dem Muster der alten Aeg]rpter und Medier 
zu organisiren und eine erbliche Kriegerkaste zu gründen. 

Diese Seltsamkeit wird aus zwei Gründen erklärt. Erstlich 
verfuhr man bei uns gerade ebenso in allen Stücken. Um Ton 
tausenden ein Beispiel zu wählen, wollen wir die Stadtyerfassnng 
mit ihren Stadträthen und Magistraten nehmen; sie war als ein 
Becht, beinahe als ein Privilegium verliehen worden, aber derartig 
dem Wirküchen Leben angepasst, dass die beschenkten Bürger, 
welche den praktischen Gang dieser Angelegenheit ganz vorzüglich 
begriffen, sich von diesem ihrem Privilegium loskauften wie von 
der Rekrutirung. Diese Stadtverfassung war für den bürgerlichen 
Organismus des russischen Lebens genau dasselbe, wie z. B. die 
Schule Friedrichs für den militairischen. Anderthalb Jahrhunderte 
dauerte die Umbildung des russischen Volks; ebenso lang, kann 
man sagen, währte die petrinische Eeform selbst. Die jüngste Zeit, 
welche dieser Erziehungsperiode ein Ende gemacht hat, ist offen- 
bar von der alten Zeit geradezu wie mit eii^em Messer abge- 
schnitten; gleichzeitig war es auch aus mit den Magistraten so- 
wohl, wie mit der Schule Friedrichs. Der zweite Grund, weshalb 
Eussland solange mit einer willkührlichen, von keinem Princip 
geleiteten Militairadministration existiren konnte, liegt darin, dass 
diese Administration, bei dem geringen Verhältniss der bewaffneten 
Streitkräfte des Staates zu der Gesammtsumme der Bevölkerung, 
welches Verhältniss bis zum Jahre 1812 bedeutend niedriger stand 
als im übrigen Europa*), vollkommen freien Spielraum hatte; da 
sie vom Staat nicht verlangte, dass er beim Uebergang auf den 
Kriegsfuss alle Kräfte aufbiete, so gab es für die Miütairverwal- 
tung keine zwingende Nothwendigkeit, mit der Statistik und mit 



*) Der Leser möge nur daran denken, wie unzoreichend und wie 
wenig der in Europa über uns verbreiteten Meinung entsprechend die 
Kräfte waren, welche Russland in den Jahren 1805 bis 1807 gegen Na- 
poleon, ebenso in dem damaligen Turkenkrieg, ins Feld stellte. 



24 

der Ethnographie in der Hand zn administriren. Vom Jahre 
1812 an wachs unsere Armee, jedoch nicht eigentlich die Armee> 
wenn man unter dieser Bezeichnung die factisch dem Feinde ent- 
gegengestellten Kräfte versteht, sondern der nichtactive, todte 
Theü der Armee, welcher sich zum lehendigen Theü derselben 
verhält, wie das in der Erde ruhende Fundament des Hauses zu 
den Wohnzimmern desselben. Da wurden die Abwesenheit fester 
Principien, die Willkührlichkeit der müitairischen Institutionen 
und die Nachahmung unanwendbarer Muster im Staatsojganismus 
und in der Yolkswirthschaft lebhaft fühlbar. ^;JSin stehendes Heer 
von einer Million mit 25jähriger Dienstzeit, von welchem nicht 
mehr als die Hälfte mobile Truppen waren, welches ganze Gene« 
rationen absorbirend keine einzige wieder auslieferte und jeden 
Einzelnen, den es aufnahm, in einen erblichen Müitairstand hinein- 
zwängte, wurde in der That eine Last. Es erschöpfte das Volk 
in einem viel höheren Grade, als es dasselbe vertheidigen konnte. 
Durch eine Allen erinnerliche Katastrophe wurde dieser ab- 
normen Lage der Dinge ein Ende gemacht; im zweiten Jahre 
des orientalischen Krieges standen bei uns 2,230,000 Mann auf 
Unterhalt der Krone, bei Sebastopol aber, wo das Geschick eines 
gigantischen Kampfes entschieden wurde, waren kaum mehr als 
hunderttausend Bajonette in den Reihen anwesend. Die eine Hälfte 
der Schuld in diesem Fall kann auf die Mangelhaftigkeit der 
Wege und auf die Hast der Ettstungen, deren Nothwendigkeit 
man bei Zeiten vorauszusehen unterlassen hatte, fallen ; die andere 
Hälfte fällt auf das damalige System oder, besser gesagt, auf die 
Systemlosigkeit der Militauinstitutionen. 

Man darf übrigens die Dinge nicht vermengen. Bis zum 
19. Februar 1861 war die Militairadministration in Russland 
nicht frei in ihren Handlungen. Bei der Leibeigenschaft war eine 
gute Militairorganisation unmöglich. Als bereits ganz Europa, 
ausser England, in dieser oder jener Gestalt das System der 
Reserven angenommen hatte, welches die Möglichkeit verlieh 
zugleich im Frieden ökonomisch und im Kriege drohend gerüstet 
zu sein, konnte sich diese Einrichtung, ein Grundzug der neuesten 
Zeit, in Russland weder frei entwickeln, noch in gleichem Mass 
als wirksam erweisen; gerade hierdurch schon sind wir in 
unserer Macht stark zurückgeblieben. Während die Leibeigen- 
schaft bestand, wurde Jeder durch den Eintritt in das Militair 



25 

frei, nDd schon daher konnte man nicht allzu Vielen, wenn man 
nicht den gesammten socialen Organismns erschüttern wollte, den 
Durchgang durch den Militairdienst gestatten und musste die 
ganze für den Krieg erforderliche Quantität Soldaten schon in 
den Listen der Friedenszeiten aufnehmen; nur angesichts einer 
Gefahr für das Reich konnte die Regierung zu äussersten Mass- 
regeln, zu unbegrenzten Rekrutenaushebungen, ihre Zuflucht 
nehmen. Dann aber musste man, um diese Masse Leute im Kriege 
zu Terwenden, neue Abtheilungen formiren, für welche weder 
Cadres, noch Ofificiere, noch Materialvorräthe vorhanden waren; 
eine lange Reihe der allercomplicirtesten Massregeln, welche 
unbedingt zu der grössten Verwirrung in der Armee führen 
mussten und mit einem unersetzlichen Zeitverlust verbunden waren, 
wurde erforderlich; das Resultat von allem dem war aber immer 
nur, dass einige Hunderttausend halbausgebildeter Soldaten mehr 
auf den Unterhalt der Krone kamen, die wohl geeignet waren die 
inneren Garnisonen zu beziehen, aber nicht einen Krieg, nament- 
lich einen Offensivkrieg, zu führen. In Summa bestanden die 
Kräfte des Staats aus einer Masse stehender Truppen, welche 
durch gar keine Mittel dazu gebracht werden konnten, dass sie 
in Kriegszeiten, angesichts der neuen Organisation der europäischen 
Armeen, den Bedürfnissen entsprächen. Der verstorbene Kaiser 
hat gethan, was er nur thun konnte, um diesen unverbesserlichen 
Mangel der damaligen allgemeinen Organisation zu verbessern; er 
führte das Institut der terminlosen Urlauber ein, obgleich damals 
Alle gegen diese Massregel waren, konnte aber nicht die in der 
Natur der Dinge selbst liegenden Hindemisse beseitigen. Erstlich 
konnte man immerhin die Zahl der Truppentheile nicht erheblich 
vermehren, während man zu gleicher Zeit ihre numerische Stärke 
im Friedenszustand bedeutend verringerte; man hätte sonst gar 
zu viel Rekruten jährlich einberufen, d. h. gar zu viel Leibeigenen 
die Freiheit geben müssen. Zweitens blieb, bei dem damaligen 
Dienstgang, welcher mit der Perspective eines überaus wenig 
beneidenswerthen Geschickes den Menschen für immer verschlang, 
der Soldat nur solange Soldat, als er unter dem Einfluss der 
Gewohnheit stand, und hörte, sobald er wieder frei war, sofort 
auf, wenigstens moralisch, Soldat zu sein; die von neuem zum 
Dienst einberufenen terminlosen Urlauber erwiesen sich in jeder 
Hinsicht schlechter als Rekruten und verbesserten sich dann auch 



26 

nie mehr, gaben also folglich nur einen sehr schwachen militairi- 
sehen Ersatz ab. Solange die Leibeigenschaft dauerte, konnte 
man also sicher nur auf die activen Truppen rechnen. 

Aber nicht hierauf allein beschränkte sich der Einfluss der 
Leibeigenschaft. Indem sie etwa zwanzig Millionen über die ganze 
Ausdehnung des russischen Reichs zerstreuter Menschen in den 
Fesseln der Unfreiheit hielt, zwang sie zu gleicher Zeit damit in 
den inneren Gouvernements, um jeder Bewegung vorzubeugen^ 
eine drohende Macht zu erhalten, und schwächte auf diese Weise 
die Streitkraft des Staats um eine Masse Leute, die, obgleich 
bewaffnet, doch nicht gegen einen äusseren Feind bewaffnet 
waren. Bis zum Erimkrieg erstreckte sich die Stärke der inneren 
Wache, unter verschiedenen Benennungen, bis zu 180 Tausend 
Mann. Wenn man ausserdem bedenkt, dass bei uns fast alles für 
die Armee Nöthige damals ebenfaUs von der Armee selbst, von 
Leuten in der MiUtairuniform verfertigt wurde; dass jeder Soldaten- 
sohn von Kindheit an von der Krone unterhalten wurde, wenn 
man die ganze Masse der Beserven, aller möglichen irregulairen 
Gommandos, der MiUtair-Colonien, mit aufzählt, so wird es nicht 
weiter wunderbar erscheinen, dass von der Million Menschen, 
welche unter dem Namen von Truppen von der Krone verpflegt 
wurden, Russland an wirklichen activen Kriegstruppen dennoch 
nicht mehr, wenn nicht gar weniger, als jede Grossmacht auf- 
stellen konnte. Wie viel blieb da, bei der unermesslichen Aus- 
dehnung unserer Grenzen, für die activen Armeen, nach welchen 
die äussere Kraft eines Staats bemessen wird, übrig? Unsere 
Militairorganisation blieb im Wesentlichen die Organisation des 

18. Jahrhunderts, ohne sich in ihren Grundzügen zu verändern, 
während ganz Europa bereits längst mitten im 19. Jahrhundert 
lebte. Bei einer solchen Lage der Dinge überraschte uns der 
orientalische Krieg. 

Die mit dem Jahre 1861 begonnene allgemeine Reorganisa- 
tion unserer militairischen Institutionen kann mit Recht der 
neunzehnte Februar der russischen Armee genannt werden. 

Erstens war sie wirklich in vielen Stücken die Folge des 

19. Februar. Mitten unter einem befreiten Volk konnte man 
nicht bei einer leibeigenen Armee bleiben. War einmal die 
Emancipation emanirt, so musste den neuen Rechten des russi- 
schen Bauern auch sogleich in der Armee Eingang geschafft 



27 



werden. Das gegenwärtige Eriegsministeriam hat, von den Ideen 
des Befreiers geleitet, diese Aufgabe mit einer Festigkeit and 
einer Consequenz durchgeführt, die seinen Namen zu verewigen 
um so mehr geeignet sind, als die Militairreform bei uns nicht 
nur als Ergänzung, sondern vielmehr als Sicherstellung der bürger- 
lichen Beform erscheint. Wenn auch verschiedene Einzelnheiten 
der neuen Reglements, hinsichtlich deren nur allein die Erfahrung 
das allendliche Urtheil fällen wird, Entgegnungen hervorrufen 
können, so ist jedenfalls der eigentliche Geist dieser Beglements 
über jeden Streit erhaben. Zweitens kann, vom rein militairischen 
Gesichtspunkt aus, die Bedeutung der letzten BeOrganisationen 
ebenfalls gar nicht unterschätzt werden. Die Hauptsache ist 
geschehen — unser Militairsystem ist der früheren Basis entrückt 
worden. Anstatt einer stehenden, beständig in voller Etatstärke 
erhaltenen activen Armee und der für die Zeit des Krieges aus 
terminlosen Urlaubern und Bekruten gebildeten Beserven existirt 
gegenwärtig bei uns, wie überall, eine Armee mit einem beweg- 
lichen, nach Belieben auszudehnenden Personalbestand, die man 
je nach Bedürfniss bis auf die einfachen Gadres reduciren und 
allmählich wieder auf volle Etatstärke bringen kann. Die termin- 
losen Urlauber dienen, anstatt dass aus ihnen neue Abtheilungen 
formirt werden, lediglich zur Gompletirung der Armee. Hat man 
das erst als Grundlage angenommen, so ist dann die weitere Ent- 
wickelung der Militairorganisation, entsprechend den Anforderungen 
der Zeit, nur eine Frage der Einzelnheiten, nicht mehr aber, wie 
es früher war, Etwas, was das Wesen der Sache selbst betrifft. 
Das Hauptverdienst der vollzogenen Beorganisation besteht darin, 
dass sie zugleich den künftigen wie den gegenwärtigen Bedürf- 
nissen die Thür öffnet, indem sie die Befriedigung derselben nach 
allen Seiten hin erleichtert. 

Die Büstungen der hauptsächlichsten europäischen Staaten 
haben gegenwärtig solche Dimensionen erreicht, dass das frühere 
System der stehenden Heere, die beim Uebergang auf den Kriegs- 
fuss mit Bekruten completirt wurden, sich als völlig unzureichend 
erwiesen hat. Daher ist denn auch jeder gezwungen, das allgemein 
adoptirte System zur Bichtschnur zu nehmen und verhältnissmässig 
über eben solche Kräfte zu disponiren, wie die des Feindes im 
Yerhältniss zur Bevölkerung sind. Offenbar kann man in jede 
Truppeneinheit, namentlich der Infanterie, eine bedeutende An- 



28 

zahl neuer Soldaten mit einem Mal einreihen, ohne dadurch den 
in ihr entwickelten Charakter zu verletzen oder ihre kriegerische 
Tüchtigkeit herahzudrücken. Der Charakter einer jeden mensch- 
lichen Gemeinschaft, oh sie gross oder klein sei, ist vorzugsweise 
in denjenigen Persönlichkeiten ausgeprägt, denen ein gewisses 
Mass von Autorität zuerkannt wird; da nun aher in einer Militair- 
ahtheilung naturgemäss die den Cadre derselben bildenden Leute 
die Tonangehenden sind und jeder Neuling sich unwillkühr- 
lieh vor ihrer Autorität beugt, so durchdringt ihr Sauerteig 
auch sofort die Neueingetretenen; nothwendig ist nur, dass diese 
Neueingetretenen schon vorher im Frontedienst und im Gebrauch 
der Waffen geübt seien, da in der Armee selbst, beim Uebergang 
auf den Eriegsfuss, dazu keine Zeit mehr ist. Die Erfahrung 
hat bewiesen, dass man die Abtheilungen nach Belieben, wenig- 
stens bis zu einem gewissen Grade, erweitern und reduciren kann 
ohne Nachtheil für ihre Qualität. Eine ganz andere Sache dagegen 
ist es neue Abtheilungen zu formiren, namentlich vor dem Kriege, 
wenn mit einem Mal und in grösster Eile eine Menge Abtheilungen 
gebildet werden sollen; bei jedem Schritt ergeben sich dann 
Schwierigkeiten. Yon allen derartigen Improvisationen ist nur 
eine geglückt: die Bildung der französischen Armee im Frühjahr 
1813. Zu ihrem Erfolge bedurfte es aber des Genius eines 
Napoleon und des ungeheueren Ueberflusses an kriegerischen 
Elementen im damaligen Frankreich, welches bereits seit Jahren 
in ein Kriegslager verwandelt gewesen war; das Resultat waren 
aber dennoch nur überaus mittehnässige Truppen. Die übrigen 
Versuche dieser Art endeten immer damit, dass zwar*' eine zahl- 
lose Masse Leute auf Kosten des Staates eintrat, ein wirkliches 
Heer aber dennoch nicht geschaffen wurde. Wir haben während 
des orientalischen Krieges ein ähnliches Beispiel sattsam an uns 
selbst erfahren. 

Auf Grund dieser unstreitigen Wahrheiten wurde im Jahre 
1863 die Reorganisation unserer Armee vollzogen. Als Basis 
derselben wurden zwei Regeln angenommen: 1) beim Uebergang 
vom Friedensfuss auf den Kriegsfuss keine einzige Abtheilung der 
activen Truppen neu zu formiren, sondern nur die bestehenden 
Abtheilungen auf volle Etatstärke zu bringen; 2) die Truppen 
nur mit eingeübten Leuten zu completiren und zu diesem Zwecke 
immer die volle Anzahl terminloser Urlauber, durch die der 



29 

Unterschied zwischen dem Friedensfüss nnd dem Kriegsfass her- 
gestellt wird, Yorräthig za haben; die Completirnng stufenweise 
auszuführen, indem von dem niedrigsten, gesetzlich fixirten Be- 
stände der Abtheilung zu dem höchsten vorgeschritten wird; in 
die activen Truppen sogar in Friedenszeiten keine uneingeübten 
Bekruten einzustellen, sondern dieselben vorher in Beserve- 
Bataillonen auszubilden. Die Materialvorräthe mttssen, entsprechend 
der Kriegsstärke der Truppen, selbstverständlich immer in Wirk- 
lichkeit vorhanden sein. 

Ist die volle Anzahl terminloser Urlauber zur Completirung 
der Armee immer bei der Hand, so konnte auch die Zahl der 
Leute in jeder Truppeneinheit erheblich beschränkt werden und 
die Armee in Folge dessen, ohne dass der Personalbestand auf 
dem Friedensfass alterirt worden wäre, ia eine bedeutende Anzahl 
solcher Truppeneinheiten zerl^ werden. Auf diese Weise 
haben sich, anstatt der früheren 28 Infanterie -Divisionen unsere 
activen Kräfte bis zu 47 Divisionen gesteigert, es sind also zu 
den früheren 19 neue Divisionen hinzugekommen, ebenso viel an 
Zahl, als die gesammte frühere preussische Armee (ohne Land- 
wehr) betrug; dieser Zuwachs hat die Macht Russlands in der 
Offensive verstärkt, ohne auch nur im mindesten seine Finanzen 
zu belasten. Hinsichtlich der Gradation beim Uebergang vom 
Friedensfüss auf den Kriegsfuss, sowie ebenfalls wegen des 
Truppenbedarfs im Innern, was bei einem so ausgedehnten Staat 
nie aus dem Auge gelassen werden darf, sind für ein Bataillon, 
das gegen tausend Mann Etatstärke hat, drei Stärkegrade, von 
320, 500 und 680 Mann festgesetzt In Folge dessen kann also 
die russische Infanterie, wenn von Aussen und im Inneren voll- 
kommene Buhe herrscht, auf ein Drittel ihrer Kriegsstärke 
reducirt werden; vor dem Kriege wird sie dann aber nicht mit 
einem Mal, wie es früher geschah, completirt werden, sondern 
gradatim, indem die einzelnen Abtheilungen vom niedrigsten Be- 
stände auf den höheren gebracht und bei jedem Grade vollkommen 
organisirt werden, damit die mit dem plötzlichen Zufiuss von 
einigen hunderttausend Menschen unzertrennliche Verwirrung ver- 
mieden werde. In diesem Jahrhundert sind wir schon mehrmals 
in der Lage gewesen zu rüsten, obgleich es in Wirklichkeit 
jedoch nicht zum Kriege gekommen ist; in einem solchen FaU 
werden unsere Büstungen gegenwärtig stufenweise, dem Grade der 



30 

Gefahr entsprechend, vorschreiten; wir können zum Znsanunen- 
8toss bereit sein, sobald derselbe nnvermeidlich geworden, ohne 
die Anstrengung der Kräfte und Aasgaben anzeitig aafs äusserste 
zu spannen. Um die Lücken in den Trappen mit eingeübten 
Mannschaften und nicht mit rohem Material, welches nur auf dem 
Papier eine Kraft repräsentirt, zu completiren, sind Reserve- 
Bataillone, Escadrons und Batterien formirt worden, in denen die 
Rekruten bis zum Eintritt in die activen Truppentheile. zuvor 
ausgebildet werden sollen. Wir haben also offenbar in der Ent- 
wickelung der nationalen Macht einen bedeutenden Schritt vor- 
wärts gemacht. Matte die gegenwärtige Organisation zur Zeit des 
orientalischen Ejieges bei uns existirt, so hätten wir mit den 
Gegnern auf gleichem Fuss gestanden; seitdem ist aber Europa 
von neuem wieder weit vorausgeschritten. 

In den zehn Jahren seit dem orientalischen Kriege, während 
Rassland mit seiner inneren Reorganisation eifrig beschäftigt war, 
hat Europa ein vollkommen anderes Aussehen bekommen. Nicht 
nur die Lage der Dinge, wie sie vom Wiener Congress geschaffen 
worden, ist vor unseren Blicken zu Grabe gegangen, sondern auch 
das ganze politische System, welches vom Westphälischen Frieden 
her datirte; das Europa, welches nicht allein wir, sondern auch 
unsere Grossväter und Urgrossväter gekannt haben, existirt nicht 
mehr. Die Summe der europäischen Kräfte ist ungeheuer 
gewachsen, die Yertheilung derselben eine ganz andere geworden. 
An die Stelle dreier Grossmächte und einer halben Grossmacht 
(Preussen), welche solange gemeinschaftlich mit Russland das 
ganze politische System der Welt ausmachten, sind sechs Gross- 
mächte, in des Wortes vollster Bedeutung, getreten: England, 
Frankreich, Deutschland, Oesterreich, Italien und die Vereinigten 
Staaten von Nordamerika. Die Streitkräfte Deutschlands und 
Italiens, die früher in der Gesammtsumme so gut wie gar nicht 
mitzählten, sie kommen jetzt mit einer halben Million activer 
Truppen, von denen man bisher nichts gewusst, bei dem politischen 
Gleichgewicht der Welt mit in Rechnung, und der Zuwachs, 
welchen die Vereinigten Staaten Amerikas repräsentiren, ist gar 
nicht einmal zu berechnen. 

Die neue Vertheilung der Kräfte hat auch unsere Lage 
gegen früher total verändert 

Für den Kriegsfall sind nur die Armeen der Grossmächte 



* 



31 

in Betracht zu ziehen; die übrigen sind, in der Gesammtsomme 
nnmerisch nicht unerheblich, in Wirklichkeit von sehr geringer 
Bedeutung; noch kürzlich hat man ja gesehen, wie viel die 
Streitkräfte des Deutschen Bundes, welcher scheinbar einmüthig 
handelte, Oesterreich geholfen haben. Die in den Grenzen Europas 
Torhandenen Feldarmeen der Grossmächte betrugen im Jahre 1853 
auf Kriegsstärke annähernd*): 

englische Armee 50000 Mann 

französische » 330000 » 

österreichische » 380000 » 

preussische » 280000 » 

1,060000 Mann**) 
russische Armee (ohne die kau- 
kasische Armee und die Kosaken) 470000 Mann. 

Die russische Armee verhielt sich also zur Gesammtsumme 
der Armeen der übrigen Grossmächte, wie 1 : 2^/4. 

Gegenwärtig ist das Yerhältniss folgendes: 

englische Armee 72000 Mann 

französische » 480000 » 

italienische » 300000 » 

Armee des Norddeutschen Bundes 507000 » 
österreichische Armee . . . , 485000 » 

1,844000 Mann 
russische Armee (6 Divisionen im 
Kaukasus ungerechnet) .... 650000 Mann. 

Diese Zahlen geben jedoch noch keine genaue Vorstellung 
von der relativen Macht der Staaten, wenn man nicht die Macht 
der inneren Truppen, welche hinter der activen Armee steht, 
ebenfalls berücksichtigt, da im äussersten FaU sehr erhebliche 
Kräfte aus diesen Massen direct oder indirect am Kampf theil- 



*) Aufgezählt sind, und zwar nach der Etatstarke auf Grund der 
Listen, alle mit einem Train versehenen Feldtruppen und nicht allein die- 
jenigen, welche der Staat aus seinen Grenzen hinausfahren konnte. 

**) Dieses Exempel ist falsch; sind die einzelnen Posten richtig, 
80 beträgt die Gesammtsumme nicht 1>060000, sondern 1,040000. 

Anm. d. Uebers. 



32 



nehmen können. Ausser denjenigen inneren Truppen, welche in 
mobile verwandelt werden können, muss man ebenfalls wenigstens 
die Reserven, welche Festungen, einige Grenzen u. dgl. besetzt 
halten, zu den activen Kräften rechnen, denn sonst müsste ein 
Theil der activen Armee zu diesem Zweck verwandt werden. Mit 
allen diesen Hülfsmitteln stellt sich die Kriegsmacht der Staaten 
in folgender Weise dar (wobei wir nicht in Rechnung ziehen die 
Ersatztruppen, welche lediglich zur Ausbildung der Rekruten, 
d. h. also zur Completirung der Armee dienen): 



England 



Frankreich 



Italien 



Oesterreich . 



Russland . 



active Truppen: Reserven: 

. . 72000 120000 Miliz und ausserdem noch 

Volontaire. 

. . 480000 400000 Nationalgarde, von de- 
nen etwa 200000, nehmen 
wir an, f actisch vorhan- 
den sind. 

. . 300000 — 
Norddeutscher Bund 507000 200000 Landwehr ausser den Er- 
satztruppen. 

. , 485000 150000 5. u. 6. BataiDone, Grenz- 
truppen, Yolontaire ; ausser 
den 4. Ersatz-Bataillonen. 

. . 650000 — Nichts, ausser 13 Festungs- 
bataillonen. 

Yor zehn Jahren betrugen die activen russischen Streitkräfte 
beinahe die Hälfte der Gesammtsumme sämmtlicher Armeen der 
europäischen Grossmächte, gegenwärtig bilden sie nur ein Drittel 
derselben; zählt man aber noch die Reserven (die im Kriege ihre 
Bedeutung haben), deren wir gar keine besitzen, mit, so machen 
unsere Kräfte nur den fünften Theil von der Gesammtsumme der 
übrigen fünf Grossmächte aus. Dieser Unterschied ist ebenso 
wohl in Folge der politischen Umwälzungen, als in Folge der 
Umgestaltung der Militairorganisationen im Westen entstanden. 

Die Verminderung einer einzelnen Kraft reflectirt natürlich, 
im Yerhältniss zur Gesammtsumme der europäischen Kräfte, auf 
jeden der anderen Staaten, nur ist die Wirkung einer solchen 
Yermindemng nicht überall dieselbe. Erstlich hat jeder der alten 
Staaten Europas, mit Ausnahme Oesterreichs, in diesem Drange 



I V 



33 

der Ereignisse irgend welche erhebliche Vortheile erlangt. Die 
Consolidirnng Deutschlands kann, indem sie in mancher Beziehung 
die lateinische Eace isolirt, dazu beitragen, dass diese letztere 
sich fester um Frankreich consolidirt, was für diese Nation, 
welche bereits bei Zeiten Nizza und Savoyen annectirt und ihre 
Blicke vielleicht auf Belgien gerichtet hat, jedenfalls ein Zuwachs 
an. Macht wäre. Preussen ist ein mächtiger Staat geworden. 
England gewinnt für seine Politik in dem neuen deutschen Reich 
eine Stütze, welche ihm im höchsten Grade die Hände löst, in- 
dem sie die ihm gefährlichen Gegner von einander trennt. Sogar 
Oesterreich hat nur Phantasiegebilde eingebüsst, die freilich sehr 
rosig waren, in Wirklichkeit jedoch nur sehr geringen Verlust 
erlitten. Auf Russland allein lasten die nachtheiligen Folgen der 
europäischen Umwälzung. Bei der Befreiung Italiens sind wir 
dadurch zu kurz gekommen, dass eine Armee von zweimalhundert- 
tausend Mann zur Betheiligung erschien, natürlich nicht auf der 
uns befreundeten Seite; bei der Vereinigung Deutschlands haben 
wir das unverbrüchliche preussische Bündniss eingebüsst, welches 
die Hälfte unserer . westlichen Grenzen deckte, haben wir auf 
dieser Seite die Garantie für die Zukunft verloren und sind um 
unsere ausschliessliche Stellung am Baltischen Meer gekommen; 
die Niederlage Oesterreichs, welches, vom übrigen Europa jetzt 
durch eine Scheidewand getrennt, mit uns unter vier Augen allein 
gelassen worden ist, kann nur die Folge haben, dass die liebens- 
würdigen Beziehungen zu diesem Staat aus dem Jahre 1854 
permanent werden. Femer hat das westliche Europa ausserdem, 
abgesehen, von den für uns ungünstigen Umwälzungen, durch 
die Einmischung in Angelegenheiten, welche ihm bis auf die 
jüngste Zeit fremd geblieben waren, sich so nahe an uns heran- 
gedrängt, wie noch nie früher. Des diplomatischen Feldzugs zu 
Gunsten Polens gar nicht zu gedenken, ist während des orienta- 
lischen Krieges selbst von Finnland die Rede gewesen, die rumä- 
nischen Fürstenthümer und die christliche Bevölkerung der Türkei 
sind unter die europäische Vormundschaft gerathen und in intimen 
diplomatischen Kreisen ist sogar der Kaukasus aufs Tapet gebracht 
worden; es unterliegt mindestens keinem Zweifel, dass dieser 
Winkel der russischen Besitzungen in der Phantasie einiger 
Diplomaten auch bis jetzt noch immer als ein Mittel zur Ent- 
schädigung der Türkei, im Fall gewisser Combinationen, erscheint 

Fadeje^, Russlands Kriegsmacht. 3 



34 

Endlich ist auch jede noch so tief greifende Veränderung in dem 
Yerl^ltniss der Kriegsmacht dieses oder jenes Staats zur Gresammt- 
summe der Heere Westeuropas für die anderen Staaten von ganz 
anderer Tragweite als für uns. Jene haben es mit Ihresgleichen 
zu thun, wir dagegen nur mit Fremden. Unsere Stellung ist voll- 
kommen exclusiv. Wenn auch die grossen Staaten des Westens, 
sobald sie es nur irgend können, sich ungenirt gegenseitig 
beschneiden, so ist doch die Existenz eines jeden von ihnen, 
sogar die Existenz in der normalen einmal anerkannten Stärke, 
von ganz Europa garantirt. Diese Garantie erstreckt sich nicht 
im Mindesten auch auf uns. Wenn es nur möglich wäre, Russ- 
land seine europäische Lage zu nehmen, es vom Meere abzu- 
schneiden, es sogar hinter Moskau zu verweisen, Viele würden 
froh sein sich bei einem so glücklichen Ereigniss zu betheiligen, 
von den Uebrigen würde aber kein Einziger sich auch nur einen 
Augenblick um uns grämen, auch nur eine diplomatische Note 
zu unseren Gunsten schreiben. Als Europa im Jahre 1812 mit 
uns sympathisirte, sympathisirte es nur mit sich selbst in seiner 
hülflosen Lage vor Napoleon. Es unterliegt keinem Zweifel, dass 
der Westen Europas im Herzen, in der öffentlichen Stimmung, in 
der GesammÜieit uns feindlich ist. Nicht in diesem oder jenem 
politischen System der russischen Eegierung hat diese Feindschaft 
ihren Grund, sondern im Wesen der Dinge selbst, im Misstrauen 
gegen das neue, fremde, allzuzahlreiche, plötzlich an der Grenze 
Westeuropas erschienene Volk, mit seinem den Traditionen des 
Westens fremden, unermesslichen Reich, wo viele sociale Gardinal- 
fragen anders als dort aufgefasst werden, wo die ganze Masse des 
Volks Land besitzt, wo eine Religion bekannt wird, welche dem 
Papstthum hundert Mal mehr gefährlich ist, als selbst der Pro- 
testantismus, eine Religion, welche gleichzeitig diesen und jenes 
negirt. Zum Ueberfluss hat es sich noch ergeben, dass dieses 
unerwartete räthselhafte Reich umgeben ist von ihm verwandten 
Elementen, slavischen und rechtgläubigen, welche Westeuropa 
schon als seine Beute betrachtet hat, welche es unfehlbar im 
Laufe der Zeit bis aufs letzte Dorf unterworfen, mit sich assimilirt 
und von der Väter Glauben abgebracht hätte, wäre ihr schlum- 
merndes Bewusstsein nicht plötzlich durch das gleichsam aus der 
Erde gewachsene rechtgläubig- slavische Kaiserreich geweckt wor- 
den. Was wir auch thun mögen, niemals werden wir das halb feudale 



35 

und halb revolutionäre Europa dazu bringen, aufrichtig Jemand 
als Seinesgleichen anzuerkennen, der ihm fremd ist von der Wiege 
an. Was wir auch thun mögen, niemals werden wir den Glauben 
an das Europa schreckende Phantom tilgen, und zwar aus dem 
einfachen Grunde nicht, weil wir mit jedem Tage mächtig wach- 
sen und uns selbst noch nicht kennen, weil wir ganz unmöglich 
weder für uns selbst, und um so weniger für unsere Kinder dafür 
einstehen können, wie wir nach einigen Jahren über Slaventhum 
und Rechtgläubigkeit denken werden. Die natürlichen Neigungen 
sind zum Ausdruck gekommen und werden mit jedem Jahr klarer. 
Seit der Stunde, da vor den Augen der noch nicht vollständig 
erdrückten Slaven und Bechtgläubigen ein mächtiges Russland 
an Europas Horizonte aufgegangen, ist jede Hoffnung entschwun- 
den die Ersteren zu germanisiren und die Letzteren zu katholi- 
siren. Keine menschliche Macht wird nunmehr die grosse Frage 
aus der Welt schaffen, sie wird in dieser Gestalt fortbestehen, 
wenn auch ein ganzes Jahrhundert lang, und die natürliche 
Lösung erwarten. Die dabei Interessirten werden niemals durch 
eigene Kräfte diese Lösung herbeiführen. Sie hängt direct ab 
von dem einzigen mit ihnen fühlenden Volk, welches jährlich um 
eine Million wächst. Für die Staaten des Westens sind wir alle, 
russische und nichtrussische Slaven und Rechtgläubige, Fremde, 
sie verzeihen uns nicht die Verwirrung, welche plötzlich in die 
Geschichte Europas gefahren, und werden niemals irgend einen 
Erfolg von unserer Seite, weder einen äusseren, noch einen 
inneren, freundlich begrüssen. Aus Allem, was in den letzten 
zwanzig Jahren geschehen, scheint es klar hervorzugehen, dass sie 
ihre unantastbaren Principien des Rechts, der Freiheit und der 
Nationalität für sich selbst hüten und es nicht für nöthig halten 
dieselben auf uns, Slaven und Rechtgläubige, auszudehnen; für sie 
ist Griechenland nicht das, was Italien ist, und die Slaven sind 
nicht das, was die Deutschen oder selbst die Magyaren sind. 

Seitdem Russland Polen zerstört und die Türkei besiegt hatte, 
haben wir, von dem Tage der Thronbesteigung Pauls bis zum 
Regierungsantritt Alexanders II., nur dadurch eine offene Neben- 
buhlerschaft mit Europa vertagt, dass wir uns, so zu sagen, in 
seinen Dienst begaben, uns mit einem Bündniss schützten, welches 
in der Folge ein heiliges genannt worden ist, in demselben ganz 
aufgingen, ihm alle nationalen Interessen opferten und beinahe 

3* 



I 



36 

schon aufhörten politisch Russen zu sein. Von der Zeit an aber, 
dass Russland unter der Herrschaft Alexanders n. von neuem 
Russland geworden, hat es diese beschwerliche Maske, ohne es 
selbst zu fühlen, abgeworfen und muss daher bereit sein, alle 
Folgen der Anerkennung seiner historischen Individualität zu 
tragen. Wir können natürlich auch gegenwärtig ebenso wie früher 
im Westen Europas Bundesgenossen haben, aber wir müssen es 
bei Zeiten wissen, dass diese Genossen, welche sich mit uns für 
einen gegebenen Fall verbündet haben, in allem Uebrigen uns 
wie Feinde ansehen werden. Wir werden uns nur allein auf uns 
selbst zu verlassen haben, weit mehr als irgend ein anderes 
europäisches Volk, welches immer eine mit ihm sympathisirende 
Gruppe finden wird. Es existiren wohl auch mit uns sympathi- 
sirende Gruppen in Europa, aber sie verfügen nicht über ihre 
eigenen Kräfte; ihre Ej-äfte sind in der Disposition der Gegner. 
Dazu bedarf es noch grosser Umwälzungen, dass wir Russen aas 
unserer Abgeschiedenheit treten und nicht mehr einsam, sondern 
inmitten einer sympathisirenden freien Familie dastehen könnten. 
Die gegenwärtige Stellung Russlands bietet trotz ihrer Abgeschie- 
denheit ohne Zweifel eine weit grössere Gewähr für die Zukunft 
und ist jedenfalls viel würdiger, als das heuchlerische Bündniss 
der heiligen Alliance; ebenso zweifellos ist aber, dass diese Ab- 
geschiedenheit voll Gefahren ist und ein bewusstes Selbstvertrauen 
sowohl von der Gesellschaft, als von der Regierung verlangt. Wer 
dem russischen Vaterland aufrichtig Frieden und Gedeihen wünscht, 
der muss entweder vor der Wirklichkeit seine Augen ganz ver- 
schliessen, oder bekennen, dass allein nur durch die ünerschütter- 
lichkeit des Yolkscharakters die Wohlthat eines dauerhaften 
Friedens erkauft werden kann. 

Abgesehen von der Möglichkeit politischer Combinationen 
kennt ein jeder Staat ungefähr die Kräfte, mit denen er in Con- 
flict gerathen könnte. Jeder kennt seine möglichen Feinde and 
berechnet nach diesem Yerhältniss seine eigenen Kräfte. Ohne 
Prophet zu sein, kann man für viele Jahre im Voraus sicher 
angeben, mit wem eine jede europäische Grossmacht Krieg führen 
könnte und mit wem sie dazu nicht kommen wird. Aber aach 
in dieser Beziehung ist unsere Stellung, wie in allem Uebrigen, 
bei weitem nicht so bestimmt, wie die der anderen Staaten. Wir 
haben keine Freunde, obschon wir wohl für ein einzelnes vor- 



37 

theilhaftes Unternehmen Compagnons finden würden; als unsere 
Feinde könnten aber alle europäischen Völker der Reihe nach 
auftreten. Das einzige Bestimmte bei unseren internationalen 
Beziehungen besteht nur allein in der Gewissheit, dass wir nie- 
mals einen separaten Krieg haben werden, einen einzelnen Zwei- 
kampf, — wie ihn Oesterreich mit Frankreich oder Oesterreich 
mit Freussen u. s. w. gehabt. Bussland ist zu stark und die 
Folgen einer Niederlage auf unserer und auf der feindlichen Seite 
sind zu ungleich, als dass Jemand, Einer gegen Einen, gegen uns 
vorgehen würde. Nur das wissen wir mit Sicherheit, dass, wenn 
wir unsere Kräfte einmal mit Jemand zu messen haben werden, 
unser Gegner nicht eine Nation sein wird, sondern eine grosse 
Coalition. Vor drei Jahren wäre ganz Europa beinahe ober uns 
hergefallen, ohne irgend welche Herausforderung von unserer 
Seite; wir hätten uns stellen müssen, gleichviel ob wir gewollt 
oder nicht. Seit Bussland angefangen russisch zu werden, müssen 
wir immer auf eine solche Wendung der Dinge gefasst sein, ohne 
uns auf Jemand anders, als mir auf uns selbst zu verlassen. 

Ein Staat von achtzig Millionen Einwohnern, von denen vier 
Fünftel einem Stanmi angehören und von einem Geist beseelt 
sind, kann niemals unwiederbringlich besiegt werden. Der kom- 
iUende Tag ist immer sein. "Wie sich auch die gegenwärtige, in 
der That 'unruhige und für uns ungünstige Lage der europäischen 
Dinge gestalten mag, wir können ruhig der Ereignisse harren. 
Abgesehen von temporären Verlegenheiten sind die moralischen 
und materiellen Kräfte des heutigen Bussland eben nicht mehr 
dieselben, wie im Jahre 1853, sondern vielmehr unermesslich 
gross. Nur dürfen diese Kräfte nicht Elementarkräfte bleiben, 
nicht erst im letzten Augenblick, wo man aus dem Schosse des 
Volks nur rohes Material schöpfen kann, darf auf sie recurrirt 
werden, sondern bei Zeiten schon müssten sie herangezogen und 
vertheilt und bleibend organisirt werden. Bussland ist zu stark, 
als dass Jemand einen Einzelkampf mit uns riskiren würde; nur 
allein eine grosse europäische Coalition kann sich gegen uns 
richten, kann uns den Weg vertreten; nach diesem Mass muss 
dann auch die Kriegsstärke der russischen Kräfte veranschlagt 
werden, wenn anders sie sich nicht wiederum als unzureichend 
ergeben sollen. Und der entscheidende Moment wird über kurz 
oder lang kommen; wenn er aber eintritt, so werden die activen 



38 

Trappen, wie es auch im orientalischen Kriege war, ihre beson- 
dere Bestimmong haben, welche bei weitem nicht allen An- 
fordenmgen in Bezug auf die Yertheidigong unserer endlosen 
Grenzen und auf die Fortführung eines riesigen Kampfes ent- 
sprechen wird; wie schon damals, wird Bussland selbst mit seinen 
Yolkskräften sich erheben und die Gresammtsumme seiner kampf- 
fähigen Elemente in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit aufrufen müssen. 
Viel sicherer ist es sie bei Zeiten zu classificiren. Der Staat 
kann, so wie der einzelne Mensch, seine natürlichen Kräfte nur 
in dem Grade offenbaren, bis zu welchem sie durch die Uebung 
entwickelt worden und durch dieselbe bewusst beherrscht wer- 
den. Die gegenwärtigen Militairinstitutionen haben die Sache 
gerade in diesem Sinn aufgefasst, aber sie noch lange nicht bis 
in alle Consequenzen verfolgt. Die Eigenthümlichkeiten Enss- 
lands, die Bedingungen seiner kriegerischen Macht sind so total 
verschieden von Allem, was der Westen Europas aufweist, und 
dennoch war unser Militairwesen vor Kurzem noch bis zu einem 
solchen Grade nur blinde Nachahmung, dass wir über uns selb- 
ständig zu urtheilen geradezu verlernt haben; mit einem Male 
den Bruch zu vollziehen war unmöglich und die nothwendige 
Folge davon war, dass viele selbständige Quellen der Kräfte 
Busslands bis auf den heutigen Tag unbenutzt geblieben sind. 

Werfen wir einen flüchtigen Blick auf diese Eigenthümlich- 
keiten Busslands in militairischer Hinsicht, ohne dabei über den 
Rahmen einer kurzen Uebersicht irgend hinaus zu gehen. Die erste 
derselben besteht in dem ungeheueren Uebergewicht unserer Be- 
völkerung gegenüber der Einwohnerzahl eines jeden europäischen 
Staates. Für das Jahr 1868 kann man in Bussland jedenfalls 
nicht weniger als 80 Millionen Einwohner rechnen, und das würde 
somit noch etwas übersteigen die Einwohnerzahl von Oesterreich, 
Frankreich, Belgien und Holland zusammen genommen, in Summa 
78,630,000; oder von Oesterreich, Preussen, dem ganzen früheren 
Deutschen Bund, Belgien und Holland, in Summa 78,210,000. 
Dieser Umstand kann nicht ohne bedeutenden Einfluss sein auf 
die dem Staat nöthigen militairischen Kräfte. Würden wir uns 
so wie Preussen rüsten (720,000 Soldaten auf eine Bevölkerung 
von 187^ Millionen), so würden wir 3,200,000 Mann unter dem 
Gewehr haben, — also offenbar nach einem ganz unangemessenen 
Massstab, welcher jedes Bedürfniss übersteigt, selbst im Fall eines 



39 

Einfalls der Gallier and der mit ihnen vereinten zwanzig Völker- 
schaften. *) Die ungeheuere Zahl von Leuten, welche bei uns am 
Ende des orientalischen Krieges von der Krone verpflegt wurde, 
rührte von dem damaligen System her, welches die Entwickelung 
des nichtactiven, des todten Theils der Armee unverhältnissmässig, 
und zwar auf Kosten der activen Kräfte, beförderte. Gegenwärtig, 
da das Yerhältniss zwischen diesen beiden Theilen richtig fest- 
gestellt ist, können die Rüstungen Busslands überaus mächtig sein, 
ohne sogar das durch das Militairgesetz in Frankreich bestimmte 
Yerhältniss zu erreichen (800,000 Mann auf STy^ Millionen Ein- 
wohner, was bei uns 2,000,000 regulaire Landtruppen ergeben 
würde). Hierbei muss auch noch bemerkt werden, dass die Summe 
verbündeter Kräfte, wenn sie auch materiell den Kräften des ein- 
zelnen Staats gleichkommt, dennoch niemals diesen letzteren mo- 
ralisch zu vergleichen sein wird, und zwar wegen der bei den 
ersteren unvermeidlichen Ungleichartigkeit der Gesichtspunkte, ja 
selbst der Handgriffe, wegen der Schwierigkeit einer rechtzeitigen 
Concentrirung der Armee, wegen der ungleichen Zähigkeit im Fall 
eines Misserfolgs. Da also Eussland ein solches Yerhältniss der 
Armee zur Bevölkerungszahl, wie es von den westlichen Staaten 
angenommen worden, nicht zu unterhalten braucht, so kann es 
sich offenbar eines weit freieren Spielraums bei der Organisirung 
seiner Kräfte bedienen, dieselben mannigfaltiger und mit grösserer 
Sorgfalt sortiren, ohne zugleich die Bevölkerung, wenn auch nicht 
die Finanzen, in dem Mass wie das Ausland zu erschöpfen. Die 
Kosten des Unterhalts des russischen Soldaten sind ebenfalls, ohne 
dass dabei gekargt wird, bedeutend geringer, als im Westen (man 
kann viehnehr mit Bestimmtheit behaupten, dass unser Soldat bei 
der Ration eines französischen Soldaten Hungers sterben würde); 
nur für den materiellen Theil herrscht im Auslande, und zwar 
wieder mit Ausnahme der Pferde, ein grösserer Ueberfluss» als 



*) So lautet die oMcielle Bezeichnung des Napoleonischen Feldzugs 
Ton 1S12, und noch gegenwärtig wird in Russland alljährlich au Weih- 
nachten, am 25. December a. St., In den Kirchen gefeiert „die Erin- 
* nerung an die Befreiung der russischen Kirche und Monarchie 
Ton dem Einfall der Gallier und der mit ihnen yereinten 
zwanzig Völkerschaften im Jahre 1S12". 

Anm. d. Uebers. 



40 

bei uns. Die Kosten des Militairs nach dem Friedensetat betragen 
für jeden einzelnen Soldaten berechnet: in England 2737 Francs 
per Mann, in Frankreich 923 Francs, in Oesterreich 657 Francs, 
in Preussen 734 Francs und in Rnssland, nach dem Course des 
Babels zu 340 Centimes , annähernd 560 Francs im Jahr. Ob- 
gleich unser Kriegsbudget im Yerhältniss zur Bevölkerung das 
allermässigste in Europa ist, so macht doch die Billigkeit des 
Unterhalts der Truppen in Gemeinschaft mit der in Kriegszeiten 
erforderlichen, verhältnissmässig geringen Quantität derselben, dass 
die Last eines Krieges für uns im Vergleich zu Frankreich die- 
selbe ist und wir im Vergleich zu Preussen noch bedeutend im 
Vortheil sind. 

Eine wesentliche Eigenthümlichkeit und zugleich ein wesent- 
licher Vorzug Busslands besteht darin, dass es nicht in dem Grade, 
selbst nicht in dem Sinn, besiegt werden kann, wie jeder andere 
continentale Staat, der nicht nur besiegt, sondern auch occupirt, 
der Möglichkeit die Gegenwehr fortzusetzen beraubt werden kann. 
Alle europäischen grossen Staaten, ausser Bussland und England, 
haben mehr als einmal eine so vollständige Niederlage erlebt, 
dass sie sich unter den Füssen des Feindes befanden und sich 
auf Gnade und Ungnade ergeben mussten: Frankreich in den 
Jahren 1814 und 1815, Preussen 1806, Oesterreich 1805, 1809 
und noch jüngst 1866. Bussland kann offenbar nichts Derartiges 
geschehen, denn occupiren wird es Niemand, ja sogar nicht einmal 
bis zu seiner Hauptstadt kommen, es sei denn um dort sein Haupt 
niederzulegen. Um eine nutzlose Erschöpfung zu vermeiden, ver- 
mag Bussland aus eigener Entschliessung einen unvortheilhaften 
Kampf, welcher keine Chancen mehr zum Erfolg bietet, aufzugeben, 
wie das im Jahre 1856 geschehen ist, kann dazu aber niemals 
gezwungen werden; wäre ^s nöthig erschienen, Nichts hätte uns 
daran gehindert, den orientalischen Krieg noch viele Jahre fort- 
zusetzen. Dieser Vorzug ist offenbar ein ungeheuerer. Bei gleichen 
Chancen zu siegen gestalten sich die Chancen des Krieges den- 
noch völlig ungleich. Der eine Gegner kann nur zurückgeschlagen, 
der andere kann vernichtet werden. England ist in derselben Lage 
wie wir, nur mit dem Unterschied, dass es, obgleich für den Feind 
unverwundbar, ebenso auch selbst nicht im Stande ist ihm einen 
tödtlichen Schlag beizubringen. Es hat Napoleon I. mit endlosen 
Kämpfen erschöpft, aber mehr konnte es nicht thun; während 



41 

Eussland, nachdem es den Schlag abparirt hatte, selbst znr Offen- 
sive überging und den Gegner brach. Eassland hat an seinem 
ganzen Körper keine einzige 'Stelle, an der es tödtlich zu ver- 
wunden wäre, während solche Stellen, und zwar sehr pronon- 
cirte, an dem politischen Körper eines jeden seiner Gegner vor- 
kommen. 

Die Kriegsmittel Russlands sind bedeutend mannigfaltiger nicht 
nur als in jedem einzelnen europäischen Staat, sondern sogar als 
im gesammten Westen Europas. Es giebt im Westen keinen ein- 
zigen grossen Staat, welcher nicht durch die ganze Summe seiner 
historischen Bedingungen genöthigt wäre, einseitig an dem einen 
oder anderen exclusiven System der Militairorganisation festzu- 
halten: England hat seine Miethstruppen, Frankreich allein seine 
stehende Armee, Preussen die disciplinirte Yolksmiliz u. s. w. Unser 
Vaterland ist nicht nur durch seine Geschichte nicht darauf hin- 
gewiesen, seine müitairische Entwicklung nach irgend einem gleich- 
förmigen l^odus zu regeln, sondern im Gegentheil kein einziges 
exclusives System würde im Stande sein allen Erfordernissen 
gerecht zu werden ; die Quellen unserer Yolkskräfte sind so mannig- 
faltig, dass eine jede von ihnen zu ihrer Entwickelung einer anderen 
Behandlung bedarf; allein nur durch eine Gombinirung vieler selb- 
ständiger Institute und deren richtige Anwendung kann Russland 
zur Herrschaft über die volle ihm von Gott verliehene Kraft 
gelangen. Russland ist ein einiges Ganze und ein Herz und eine 
Seele mit seiner Dynastie. Der Organismus des russischen Lebens 
beruht auf dem öffentlichen Vertrauen und bedarf keiner Stütze 
in der Militairmacht; unser Heer hat gegenwärtig keine polizei- 
liche Bestimmung mehr, und daher ist bei uns, aber auch nur bei 
uns allein, die Militairorganisation unabhängig von irgend welchen 
heterogenen Erwägungen politischer oder ständischer Natur; hierin 
liegt unser unermesslicher Vorzug. Seit der Emancipation der 
Leibeigenen sind die Quantität, die Zusammensetzung und die 
hierarchische Ordnung der stehenden Truppen nur allein durch 
den in der Masse lebenden Geist des russischen Volks und durch 
die Statistik bedingt; künstliche Combinationen, als Vorsichtsmass- 
regeln, brauchen wir nicht. Das ganze Innere des Reichs, vier 
Fünftel des Staats, können im Fall eines Krieges vollständig von 
Truppen entblösst werden, mit Ausnahme der Wachtposten in den 
Gefängnissen, wodurch es möglich wird, die Kriegsmassen in einem 



42 

Tiel grösseren Yerhältniss zur Gesammtsmnme der Staatskräfte zu 
concentriren, als in den übrigen europäischen Staaten; wer erinnert 
sich nicht des Vorschlags der moskauer Stadtgemeinde im Jahre 
1863, eine innere Wache ans den Einwohnern zu organisiren, 
damit dadurch der Begierung die Möglichkeit geboten würde alle 
Truppen an die Grenze zu führen? Ausser dem stehenden Heere 
verfügt Russland zur Yertheidigung seiner Grenzen noch über eine 
mächtige bewaffnete Yolkskraft, welche ausser bei uns nur noch 
in England (in den Yolontairen), in der Schweiz und in Amerika 
bekannt, vollkommen fremd dagegen im übrigen Europa ist, das 
seinen Bürgern nicht eher Waffen in die Hände geben kann, als 
bis dieselben zuvor in Soldaten verwandelt worden sind. Man 
hat es gesehen, mit welchen Augen die italienische Begierung, eine 
der allerpopulairsten also, ihre Yolontaire beobachtete. Nur Prenssen 
noch nimmt zum Theil seine Zuflucht zur Miliz, jedoch zu einer 
bereits militarisirten; die preussische MUiz ist aber ein integriren* 
der TheU des Heeres, welches ohne dieselbe nicht zahl;reich genug 
wäre, und ist also daher nicht mehr eine Miliz im eigentlichen 
Sinne. In Bussland ist in diesem Jahrhundert schon drei Mal die 
MUiz (die Opoltschenie) einberufen worden: in den Jahren 1807, 
1812 und 1855, und wir werden bei keinem bedeutenden Kriege ohne 
sie auskommen. Eine fUr europäische Staaten fast unübersteig- 
bare Schwierigkeit, bei grosser Anspannung der Kräfte nämlich 
eine Cavallerie zu formiren, die der Zahl nach im richtigen Yer- 
hältniss zu der Menge der Infanterie steht, — existirt für uns 
gar nicht. In Bussland sind ganze Gebiete ausschliesslich von 
Beitervölkem bewohnt Die Kosaken haben der russischen Armee 
schon genug Nutzen gebracht, sie haben aber noch nicht den zehn- 
ten TheU desjenigen . Nutzens gebracht, den man jetzt, da eine 
selbständige Organisirung der russischen Kräfte Platz zu greifen 
beginnt, von ihnen erwarten kann. Die blinde Nachahmung fremder 
Muster, welche anderthalb Jahrhunderte hindurch für die russischen 
MUitairinstitutionen massgebend war, hat unsere Organisation daran 
gehindert, etwas ausserhalb dieser Muster Liegendes zu sehen; 
unserer natürlichen CavaUerie ist daher bis jetzt keine Entwickelung 
zu TheU geworden, denn weder Frankreich noch Preussen haben 
etwas dem Aehnliches zur Nachahmung aufzuweisen; an und für 
sich ist sie aber schon eine ungeheuere Kraft, die nur zur Gel- 
tung zu kommen braucht. 



43 

Mit solchen Mitteln braucht sich Bassland natürlich nicht 
vor einem Kampf mit jeder beliebigen Macht zu fürchten: diese 
Mittel aber müssen bei Zeiten bestimmt und entwickelt, müssen 
aus Elementarkräften zu Staatskräften gemacht werden. Russland 
kann nicht besiegt werden, aber es kann eine Reihe zeitweiliger, 
sehr empfindlicher Niederlagen erleiden, es kann genöthigt werden 
den Kampf mehrmals wiederaufzunehmen und sich selbst dabei 
aufs Aeusserste zu erschöpfen, bis es durch Erfahrung gelernt 
und die volle Herrschaft über seine Riesenkräfte angetreten 
haben wird. 

Diese hier in kurzem Ueberblick aufgeführten eigenthümlichen 
Bedingungen der Macht Russlands wollen wir der Reihe nach 
mit der erforderlichen Aufmerksamkeit betrachten. 



Stt)cite$ gapifef. 



Die Streitkräfte fftr den gössen Krieg. 

Der Krieg hat gegenwärtig einen unvergleichlich entschiede- 
neren Charakter angenommen als früher. Der wachsende Reich- 
thnm nnd der Credit gestatten dem Staat wichtige Massregeln auf 
Rechnung der Zukunft, ohne Rücksicht auf die laufenden Ein- 
nahmen, zu verwirklichen; da aber von allen Dingen auf der Welt 
der Krieg, sobald er nothwendig geworden, das allerwichtigste ist, 
weü er nicht nur den Reichthum, sondern auch die Existenz des 
Besitzers desselben aufs Spiel setzt, so ist es natürlich, dass die 
Staaten im Augenblick des Streites alle ihre Kräfte mit einem 
Mal vorzuführen, so zu sagen sich bis auf den Grund zu erschöpfen 
pflegen; sie concentriren gegenwärtig in einen Moment die Kräfte 
vieler Jahre. Die Kosten des Krieges müssen also offenbar durch 
Oekonomie im Frieden gedeckt werden, so dass jede überflüssige 
Ausgabe für die Truppen während des Friedens einen entsprechen- 
den Theil der Mittel für den künftigen Krieg absorbirt. In dieser 
Beziehung haben die Begriffe eine starke Umwälzung erfahren. 
Nicht Derjenige wird heut zu Tage gefürchtet, welcher immer bis an 
die Zähne bewaffnet ist, denn er schwächt sich dadurch selbst, 
sondern im Gegentheil Derjenige, welcher seine Mittel schont, um 
dann, wenn die Nothwendigkeit es erfordert, im Stande zu sein 
sich stark und schnell zu bewaffnen. Hierdurch wird freilich nur 
die Quantität bestimmt, die allein im Yertheidigungskriege von 
ausschliesslicher Bedeutung ist. Staaten, welche ein solches Sy- 
stem mit seinen äussersten Consequenzen angenommen haben, be- 
weisen dadurch ihre Friedensliebe, denn für sie heisst einen Krieg 
beginnen ebensoviel, wie das gesammte Volk aufrufen, was eben 
nicht alle Tage geschehen kann. Bei dem Angriffskriege dagegen 



45 

kann die Kraft des Volkes in einer Formel ausgedrückt werden: 
die Quantität der Truppen multiplicirt mit der Qualität derselben, 
gerade so wie die Kraft eüies Stosses bestimmt wird durch die 
Masse multiplicirt mit der Geschwindigkeit. Die Momente aber, 
welche die Qualität bedingen, sind denen diametral entgegengesetzt, 
aus welchen sich die Quantität ergiebt. Ist auch der Qualität 
eine hervorragende Bedeutung* keineswegs abzusprechen, so kann 
sie, bei dem gegenwärtigen Zustand der europäischen Armeen, 
doch immerhin nicht die Quantität ersetzen ; das Gegentheil ist 
eher möglich. Sogar die activen Truppen müssen gegenwärtig so 
organiBirt sein, dass sie bei der möglichst grössten Quantität zu- 
gleich auch von der besten Qualität sind, nicht aber in umge- 
kehrter Weise, d. h. dass die Truppen bei der höchsten Qualität 
auch so zahlreich als nur möglich jsind. Man kann, natürlich 
willkührlich genug, aber immerhin annähernd richtig sagen, dass 
das Verhältniss, in welchem die besten europäischen Truppen den 
schlechtesten europäischen entgegen gestellt werden könnten, gegen- 
wärtig nicht anders sein dürfte, als mindestens drei Viertel der 
ersteren gegen die letzteren; bei einem einzelnen Scharmützel kann 
es sich wohl anders gestalten, beim grossen Treffen kann aber ein 
anderes Verhältniss unmöglich zugegeben werden. In der Schlacht 
bei Custozza konnte sogar die italienische Armee, obgleich sie 
kaum fünf Jahre früher erst aus den verkommensten Elementen 
in Europa gebildet war, dennoch, wenn sie auch zuletzt freilich 
geschlagen wurde, den ganzen Tag gleichen Kräften gegenüber 
sich auf dem Schlachtfelde behaupten. Selbst die numerische 
Stärke der activen Truppen auf dem Kriegsschauplatz muss durch 
alle möglichen Einschränkungen des Militairetats in Friedenszeiten, 
besonders durch Einschränkungen im nicht activen Theil des 
Eessorts, in der Zahl der nicht in der Linie dienenden Personen 
aller Rangclassen erkauft werden. Das Verhältniss zwischen der 
Kriegsstärke der Truppen und den Gadres in Friedenszeiten kann 
theoretisch nicht bestimmt werden: es hängt ab vom Geiste des 
Volkes, von dem durch langjährige Praxis consolidirten Organis- 
mus der Armee selbst, davon, welche Waffengattungen namentlich 
dem Staat seiner relativen Lage nach vorzugsweise nöthig sind 
u. s. w. In Wirklichkeit hat jede Nation hierin ihr eigenes Sy- 
stem, das auf historischen Bedingungen ruht; zu gleicher Zeit 
aber erkennen Alle die Wahrheit dessen an, dass, „je bedeutender 



46 

der Unterschied zwischen dem Friedens- and Eriegsfuss ist, desto 
mächtiger die Armee sein kann", und bemühen sich, diesen Grund- 
satz auf die eine oder andere Weise *anf die eigene Organisation 
anzuwenden. 

Ist das Veriiältniss der Armee zur Bevölkerung einmal be- 
stimmt, so sind auch das ganze System der Truppenformirung, 
der Charakter der Eekrutenaushebung, die Ausbildungs- und die 
Dienstzeit des Soldaten, das Yerhältniss des Friedensfusses zum 
Kriegsfuss u. v. a. im höchsten Grade der Willkühr entzogen. 
Offenbar kann man nicht dieselbe Einrichtung zweien Armeen 
geben, welche bei einer gleichen jährlichen Rekruteneinstellung 
auf eine verschiedene Stufe numerischer Stärke gebracht werden 
sollen. Die Bestimmung des Verhältnisses der Armee zur Bevöl- 
kerung bedingt also im höchsten Grade die folgenden Einrich- 
tungen; aber auch dieses Yerhältniss selbst kann nicht vollständig 
wiUkührlich bestimmt werden. Im engsten Zusammenhang mit dem 
Grade der Quantität steht die Qualität der Truppen; über eine 
gewisse Grenze hinaus kann die Quantität einer Armee nur auf 
Kosten ihrer Qualität erhöht werden, indem die Zeit des activen 
Dienstes verkürzt, der kriegerische Geist der Regimenter durch 
eine inuner grösser werdende Anzahl Neugeworbener, die noch 
längst nicht echte Soldaten geworden, so zu sagen deprimirt wird, 
und eine Masse Leute zu Officieren gemacht werden, welche die 
dazu erforderlichen Eigenschaften nicht besitzen. Es existirt ohne 
Zweifel eine gewisse Stufe, die bei einem gegebenen Volksorganis- 
mus nicht überschritten werden darf, wenn anders sich nicht in 
eine Volksmiliz verwandeln soll, was als Kriegsheer gilt. Gute 
militairische Einrichtungen, welche dem nationalen Geist richtig 
angepasst sind, können übrigens diese gewisse Stufe noch bedeu- 
tend weiter hinausrücken, indem sie der Armee eine elastische 
Organisation zu geben gestatten und dieselbe, ohne merkliche Ver- 
ringerung der Qualität der Truppen, in Kriegszeiten bedeutend 
verstärken. Die Hauptsache ist, dass man nicht wiUkührlich, son- 
dern auf Erfahrung gestützt die Grenze festsetzt, bis zu welcher 
beim üebergang auf den Kriegsfuss der Effectivbestand der Re- 
gimenter ohne nachtheilige Folgen für ihren Geist verstärkt wer- 
den kann. 

In dieser Hinsicht hat sich bei uns noch keine feste Ansicht 
gebildet. Die Majorität der praktischen Officiere, die mit dem 



47 

rusBischen Soldaten im Kampf nnd auf dem Marsch vertraut ge- 
worden, haben noch kein rechtes Zutrauen zu den neuen Einrich- 
tungen, keine Sympathie ftlr die jungen, durch terminlose Urlauber 
completirten Begimenter. Man darf nicht vergessen, dass alle 
diese Officiere bei Truppen mit fünfundzwanzigjähriger Dienstzeit 
ihren Dienst begonnen haben und die ersten Eindrücke am tiefsten 
sind ; damals wurde der Bekrut erst etwa mit dem fünften Dienst- 
jähr als richtiger Soldat angesehen. Ausserdem ist es sehr be- 
greiflich, dass es den kriegserfahrenen Officier vorzugsweise zu 
alten Soldaten hinzieht: denn nur mit solchen Leuten kann man 
das Geschäft, so zu sagen, reinlich abwickeln, ohne Zufälligkeiten 
befürchten zu müssen.*) Es ist daher ganz natürlich, dass alte 
Officiere grösstentheils alte Truppen verlangen und zu den Volks- 
armeen, wie sie gegenwärtig fast überall in Europa Eingang ge- 
funden, kein rechtes Vertrauen haben. Von ihrem Gesichtspunkt 
aus haben sie vollkommen Recht: ein aus Leuten mit kurzer 
Dienstzeit bestehendes Regiment einer Volksarmee kann auch 
durch die künstlichsten Mittel nicht dahin gebracht werden, dass 
es hinsichtlich der Qualität alten Truppen gleichkäme. Ebenso 
gewiss ist aber auch, dass, wenn junge Truppen nur verständig 
formirt und ausgebildet sind, heut zu Tage kein Suworowsches 
Regiment mit zwei jungen Regimentern fertig werden könnte, ja 
sogar mit Mühe und grossem Risico gegen anderthalbmal so starke 
Kräfte kämpfen würde. Früher war es nicht so und der Grund 



*) Der franzosische Schriftsteller General Tromu hat kürzlich sehr 
scharfsinnig nachgewiesen, dass der hohe Werth, welchen man im Kriege 
auf die Veteranen legen zu müssen meint, nichts weiter als ein Vor- 
urtheil sei, dass Veteranen im Frieden schlecht dienen, und Soldaten 
mit fünfjähriger Dienstzeit überhaupt viel zuverlässiger seien. Für einen 
alten Ofücier eine allerdings höchst sonderbare Ansicht. Eine nur allein 
aus Veteranen bestehende Truppe hat noch Niemand gesehen und also 
kann man auch davon nicht sprechen ; die Rede kann nur davon sein, in 
welchem Grade Veteranen von Nutzen sind unter jungen Soldaten, ob- 
gleich die Sache an sich klar ist.. Ein Regiment ist nur dann allein voll- 
kommen kampftüchtig, wenn es, kraft der bestandig conservirten Ueber- 
lieferungen und der eingewurzelten Vorstellungen, einen ihm eigenthüm- 
lichen exclusiven Charakter aftnimmt, wenn sich in ihm ein bestimmter 
Typus ausgebildet, ein herrschender Geist entwickelt hat, was ohne alte 
Soldaten, welche eben die Träger dieses Geistes und dieser Ueberliefe- 
Tungen sind, niemals geschehen kann. 



48 

der Veränderung ist offenbar. Französisches oder türkisches Feuer, 
junge oder alte Bataillone sind in Wirklichkeit wenig von einander 
unterschieden, d. h. die immerhin vorhandenen Unterschiede sind 
nur nicht so bemerkbar. Der unbestreitbare Vorzug alter Trup- 
pen ergiebt sich hauptsächlich beim Kampf Mann gegen Mann, 
beim Zusammenstoss, wozu man freilich gegenwärtig weit schwerer 
kommt als früher, sehr schwer sogar, wenn der Feind einem an 
Kräften überlegen ist. Die Qualität der Truppen bedingt also 
folglich gegenwärtig nur bei gleichen Kräften einen zweifellosen 
Vorzug. Mit zehntausend wird man jetzt nicht mehr dreissig- 
oder zwanzigtausend europäischer Truppen schlagen, wie das frü- 
her häufig genug wohl vorgekommen ist. Auch die durch die 
neue Waffe hervorgebrachte Umwälzung hat ihren Einfluss auf 
die Organisation der Armeen ausgeübt. Zu gleicher Zeit ist der 
Volksreichthum so sehr gewachsen, dass es heut zu Tage leichter 
ist auf Kosten von 50 Einwohnern einen Kämpfer auszurüsten 
und im Kriege zu erhalten, als es früher war, einen auf Kosten 
von 100 Einwohnern zu stellen. Infolge alles Dessen haben die 
europäischen Staaten, sogar Frankreich, angefangen die Qualität 
entschieden der Quantität zum Opfer zu bringen, indem sie die 
erstere nur vermittelst künstlicher Massregeln soviel als möglich 
unterstützen. Die Kräfte, welche 1859 das Schicksal Italiens ent- 
schieden haben, wären 1866 in Böhmen nur unbedeutend erschie- 
nen. Und in dieser Richtung fährt die Bewegung noch fort 
immer stärker zu werden. Selbst die allerlegalsten Prärogative 
müssen bei einer solchen Lage der Dinge der Nothwendigkeit 
weichen. Wenn von zwei Staaten mit gleicher Bevölkerung der 
eine ein Heer mit sechsjähriger Dienstzeit in der activen Armee 
unterhält und diese sich somit beim Uebergang auf den Kriegs- 
fuss um das Doppelte vermehrt, der andere dagegen ein Heer 
mit dreijähriger Dienstzeit hat, welches sich um das Dreifache 
vermehrt, so wird der letztere Staat anderthalbmal soviel Kräfte 
aufstellen als der erstere; wenn dann auch die Soldaten dieses 
ersteren Staates alte Krieger sind und im Stande wären drei gegen 
vier zu kämpfen, also 1 gegen lYg, so würden sie es doch 1 
gegen 1 Ya zu thun haben, und der g9,nze Vortheil würde auf der 
Seite des Feindes sein. Dieses Zahlenbeispiel ist in der Wirk- 
lichkeit freilich von gar keiner Bedeutung, es veranschaulicht nur, 
was mit Worten zu erklären umständlich wäre. 



49 

Es giebt freilich eine Grenze, über welche hinaus die Elasti- 
cität der Militairorganisation nicht gehen kann. Bedingt mrd 
diese Grenze zum Theil durch den Yolksorganismns, dadurch, wie 
schnell ein Mensch von einer gewissen Nationalität sich in einen 
Soldaten verwandelt, bei weitem am meisten aber durch den po- 
litischen Organismus des Staates selbst. Es ist sehr begreiffich, 
dass das kaiserliche Frankreich, welches beständig irgendwo Krieg 
führt, das Landwehrsystem nicht adoptiren könnte, selbst wenn 
auch sogar die innere Sicherheit dieses Institut zuliesse. Es taugt 
auch ebensowenig für uns, zum Theil wegen desselben Grundes, 
zum Theil wegen des Mangels der dazu nöthigen strengen Pünkt- 
lichkeit im Civilwesen und der Geschwindigkeit im Verkehrswesen. 
Wenn aber auch für jede Nationalität eine Grenze der Elasticität 
der Eriegsarmee existirt, so hat sich doch nichts desto weniger 
für Jeden, angesichts der beständig wachsenden Küstungen bei 
den Nachbaren, die dringende Nothwendigkeit ergeben, die Rü- 
stungen mindestens bis zu dieser natürlichen Grenze auszudehnen. 
Es handelt sich dabei nicht um eine Anspannung des Reichs- 
budgets, sondern im Gegentheil darum, den Abstand zwischen der 
Kriegsrüstung und dem Friedensetat zu vergrössern. Für Jeden 
hat sich die Nothwendigkeit ergeben über Kräfte zu disponiren, 
die den Kräften der muthmasslichen Gegner nicht nachstehen. 

Ausser den activen Armeen, welche an den Punkten, wo sich 
das Geschick des Krieges entscheidet, concentrirt werden, hat jeder 
Staat noch eine ungeheuere Menge von Truppen zu anderen 
Zwecken nöthig: zum Schutz derjenigen Grenzen, welche in einiger 
Entfernung vom Kriegsschauplatz liegen, wenn sie einem Einfall 
exponirt sind, zur Occupirung des feindlichen Landes und zur 
Blokade der Festungen im Rücken der eigenen Armee, wenn die- 
selbe bedeutend vorrückt; zur Garnison seiner eigenen Festungen; 
als Reserven zur Completirung der Lücken in den Kampftruppen, 
zur Besetzung der Wachtposten im Innern des Reichs. Zu allem 
dem braucht man offenbar keine regelrecht eingeübten Kriegs- 
tmppen, sondern es kommt nur darauf an, dass in ihnen ein 
guter Volksgeist herrscht; folglich braucht die Regierung, wenn 
sie Vertrauen zur Bevölkerung hat, solphe Truppen in Friedens- 
zeiten gar nicht, nicht einmal die Cadres, zu halten, sondern kann 
sie erst vor dem Beginn des Krieges einberufen. Zu dieser Masse 
nicht activer, jedoch nothwendiger Truppen muss man noch die 

Fadejew, Rasslands Kriegsmacht. 4: 



50 

Menge der nicht in der Fronte stehenden Gommandos hinzurech- 
nen, welche nicht nnr die Kriegstruppen, sondern auch die im 
Innern nicht entmissen können, wie das Fuhrwesen zum Trans- 
portiren der Bagage, die Militairwerkstätten, das Personal des 
Proviant- und des Commissariatswesens, die Lazarethhedienung 
und alle halb Civü-, halb militairischen Specialeinrichtungen einer 
Armee, deren es eine ganze Menge giebt. Die ganze Totalsumme 
dieser halb oder gar nicht zum Kriege gehörigen Theile pflegt so 
gross zu sein, dass sie sogar in Preussen, wo deren verhältniss- 
mässig am wenigsten sind, im letzten Kriege zwei Fünftel der 
Streitkräfte ausmachte. Preussen hatte indess nicht einmal andere 
Grenzen zu vertheidigen, als diejenigen, an welchen seine Kriegs- 
armeen concentrirt waren, und die Reserven befanden sich dort 
nur in den Festungen und an einigen Punkten, wo sie Rekruten 
einübten; die Küsten Preussens waren ebenfalls ungefährdet. Bei 
uns ist das dagegen ganz anders. 

Welche Feinde wir auch haben mögen, eine Concentrirung 
der activen russischen Armeen kann mit bewusstem Zweck nur 
an drei Punkten ausgeführt werden : im Königreich Polen, an den 
Ufern des Pruth und an der türkisch-asiatischen Grenze. Gleich- 
viel ob wir uns in der Offensive oder in der Defensive befinden, 
das erste Rencontre kann, wenn es zum Kriege kommt, eben un- 
serer geographischen Lage wegen nur an einem dieser drei stra- 
tegischen Punkte oder gleichzeitig an allen dreien stattfinden; dort 
werden dann auch die Armeen stehen müssen. Zwischen dem 
Königreich Polen, dem Pruth und der türkisch-asiatischen Grenze 
und zu deren Seiten liegen jedoch noch Hunderte von Wersten 
offener Landgrenze und zwei Wasserbassins, das baltische und das 
schwarze Meer; diese ganze Ausdehnung muss vor jedem Angriff 
geschützt werden. Eine AUiance gegen Russland ohne Betheiligung 
von Seemächten, oder wenigstens einer Seemacht, ist fast undenk- 
bar; bei einer solchen Betheiligung hätten wir jedoch, wie» wir 
das schon ein Mal gehabt haben , die beinahe unerhörte Aufgabe 
zu lösen: ohne Seekräfte zu besitzen, welche mit den feindlichen 
zu vergleichen wären, einen langen Küstenstrich gegen stets be- 
reite Landungstruppen zu vertheidigen*); hinzufügen muss man, 



*) Niemand aasser uns befindet sich in einer solchen Lage. Preussen 
ist niemals zur See bedroht worden. Oesterreich hat fast gar keine 



* 



51 

dass unter diesen Küsten sich nichtrussische, wenn auch zu Russ- 
land gehörige befinden, wie Finnland, Samogitien, der Kaukasus; 
an einer dieser Ktisten liegt ausserdem die Hauptstadt. Eine 
solche Aufgabe kann offenbar nur dadurch gelöst werden, dass 
man sich stets bereit hält an jedem Küstenpunkt eine bedeutende 
Anzahl Truppen zusammenzuziehen, d. h. also das Küstenland mit 
ungeheueren Kräften zu besetzen, die jedoch zu gleicher Zeit kei- 
neswegs factische Kräfte, sondern lediglich Ausgaben repräsen- 
tiren und während der ganzen Dauer des Krieges unbeweglich, 
das Gewehr am Fuss, dastehen würden. Auf diese Weise hätten 
wir die Küsten des weissen, des baltischen und des schwarzen 
Meeres zu besetzen, ausserdem noch 14 Festungen ersten Ranges 
und mehrere kleinere, die längs unseren westlichen und südlichen 
Grenzen von Sweaborg bis Kertsch hinunter liegen, vier solche 
Städte wie Petersburg, Riga, Warschau und Odessa, und endlich 
ausser dem Allem noch, mit den entsprechenden Kräften im König- 
reich Polen, in den westlichen Gouvernements (im Ganzen 19 Gou- 
vernements) und im Kaukasus (7 Gouvernements und Districte, 
ohne Stawropol) die Ruhe aufrecht zu erhalten; man sieht, was 
für colossale todte Kräfte Russland braucht, nur damit seine mo- 
bilen Kräfte agiren können! Eine so colossale stehende Armee, 
welche allen diesen Anforderungen genügen könnte und dabei stark 
genug für den Hauptkriegsschauplatz bliebe, hat weder Dschingis- 
Khan, noch Napoleon zu der Zeit, als er über Europa gebot, noch 
überhaupt Jemand gehabt. Es ist unmöglich sie allein aus ste- 
henden Truppen, für welche in Friedenszeiten Cadres bestehen, 
zu bilden, denn diese Cadres würden, sogar bei einer verhältniss- 
mässig kurzen Dienstzeit der Mannschaft, in Erwartung des Krie- 
ges das Budget erdrücken. 

In dieser todten Hälfte der gesammten Streitkräfte sind auch 
unmittelbar zum stehenden Heer gehörige Theile enthalten, näm- 
lich die Reserven, welche die Rekruten ausbilden (das, was die 
Franzosen Regiments -Depots nennen) und sowohl in Kriegs-, als 



Küsten. Frankreich hat unter Napoleon I. einen Seekrieg gefuhrt mit 
einem Staat, welcher nur über eine verhältnissmäscig höchst geringe 
Landarmee verfügte; und doch darf man nicht übersehen, in eine wie 
schwierige Lage Napoleon, selbst unter solchen Verhältnissen, durch die 
Furcht vor den englischen Landungstruppen versetzt wurde. 

4» 



4 



52 

in Friedenszeiten existiren. Ausserdem wird man offene Grenzen, 
namentlich Seegrenzen, welche gelegentlichen Versuchen des Fein- 
des ausgesetzt sind, in einem gewissen Verhältniss durch wirkliche 
Kriegsregimenter, die eine zuverlässige Reserve für alle Fälle ab- 
gehen, decken müssen. Weiter ist es dann aher ehensowenig nö- 
thig, als es auch überhaupt nicht möglich ist, dass die Masse der 
Kräfte, welche Küsten, Festungen, nicht sichere Provinzen, innere 
Wachtposten besetzen, aus erprobten Truppen bestehe. Ein reiner 
Defensivkrieg, wie der orientalische, welcher dem Feinde die Mög- 
lichkeit bot die Masse seiner Kräfte wohin er nur wollte zu rich- 
ten, war nur eine zufällige, in Folge eines unerhörten politischen 
Fehlers vorgekommene Erscheinung; ein ausschliesslicher Seekrieg 
ist für uns selbstverständlich unmöglich. Beim Landkrieg dagegen 
würde der Feind zu sehr abgezogen werden, um ganze Armeen 
als Landungstruppen an unsere Küsten zu entsenden; gegen Ver- 
suche von unbedeutenderem Charakter aber, zur Vertheidigung der 
Küsten und Festungen und zur Erstickung zufälliger Bewegungen 
im Innern, z. B. in den polnischen Provinzen, ebenso auch wie 
zur Besetzung feindlicher Provinzen, welche der activen Armee im 
Rücken gelassen worden, taugen selbst die allerjüngsten Truppen, 
wenn sie zahlreich vorhanden, gut bewaffnet und von der Liebe 
zum Vaterland beseelt sind. In Folge der Eigenthümlichkeiten un- 
serer geographischen Lage bedürfen wir dieser temporären Trup- 
pen, welche nur durch den Krieg zum Dasein gerufen werden, in 
grösserer Anzahl, als irgend ein anderer europäischer Staat. Der 
Anschaulichkeit wegen will ich diese Anzahl annähernd aufzuzählen 
versuchen, indem ich dabei die Vertheilung der Defensivkräfte zur 
Zeit des orientalischen Krieges als Grundlage nehme, ohne jedoch 
die später in vielen Beziehungen erfolgten Veränderungen zu über- 
sehen. Es versteht sich von selbst, dass eine derartige Aufzäh- 
lung nur die allerallgemeinste Vorstellung von der Sache zu geben 
vermag, weil es nicht zwei Kriege unter vollkommen gleichen Be- 
dingungen geben kann. In diesem Fall ist übrigens unsere Lage 
noch am allermeisten bestimmt. Mit einem jeden für Russland 
nur möglichen europäischen Krieg, der zu gleicher Zeit mit einem 
Seekrieg verbunden wäre, ergiebt sich für uns immer dieselbe Noth- 
wendigkeit unsere Grenzen zu schützen; welche Bestimmung auch 
die activen Kräfte Russlands erhalten mögen, unsere Defensivmittel 
werden immer ausschliesslich an vier Orten zu concentriren sein: l)an 



53 

den Ostseeküsten, 2) in den westlichen Gouvernements, 3) an den 
Küsten des schwarzen Meeres und 4) am Kaukasus. Politische 
Zufälligkeiten können auf die Vertheilung der eigentlichen Defen- 
sivkräfte keinen grossen Einfluss üben: die Gefahr eines Bruchs 
mit Schweden während des Krieges würde z. B. nur eine Ver- 
stärkung der die Kriegsreserve bildenden activen Truppen des 
baltischen Bassins zur Folge haben, sowie die Gefahr eines Bruchs 
mit der Türkei eine Verstärkung der Kriegsreserve am schwarzen 
Meer veranlassen würde; die Aufstellung dieser Truppen würde 
ganz dieselbe bleiben, wie sie zur Abwehr eines Einfalls der See- 
mächte erforderlich wäre. 

Die Hauptsache, die man bei der Aufzählung der temporären 
Truppen im Auge haben muss, ist die, dass man durch dieselben 
überall, wo es nur möglich ist, die stehenden activen Truppen ab- 
löst, weil die letzteren, so wenig als nur irgend möglich durch 
Defensivzwecke abgezogen werden müssen, um massenhaft auf dem 
Kriegsschauplatz concentrirt werden zu können. Für die Dimen- 
sion der Rüstungen ist das Normalmass, d. h. das allerhöchste 
Mass angenommen; mit der Verringerung der Gefahr wird es sich 
von selbst vermindern. 

Rechnen wir die Division zu 12 Bataillonen (obgleich natür- 
lich einige von diesen Truppen auch nicht als Divisionen formirt 
werden können), so ergiebt sich; 

Im Ostsee-Bassin annähernd: 

In Finnland zur Besetzung der Garnisonen der 
Festungen, der Uferbatterien und als Reserve 

für dieselben 3 Divisionen. 

In Petersburg, Kronstadt und in der Umgebung . 4 
In den Ostseeprovinzen 2 






9 Divisionen. 

In den westlichen Provinzen: 

Als Garnison der acht westlichen Festungen (wobei 

die Warschauer Citadelle mitgerechnet ist) . 4 Ya Divisionen. 

In den 14 Gouvernements des Königreichs Polen 
und des westlichen Gebiets, wenn man (nach 
der früheren Berechnung) für jedes Gouverne- 
ment in runder Summe eine Brigade rechnet 7 „ 



54 



Ausserdem zur Besetzung Warschaus .... 1 Division. 

In dem Küstenstrich Litthauens, wo der Feind sehr 
leicht einen Handstreich zur Probe beabsich- 
tigen könnte 1 



« 



1 3 Va Divisionen. 

Im Bassin des schwarzen Meeres: 
Als Garnison der Festungen und Küstenstädte von 
Bender bis Kertsch, welches gegenwärtig voll- 
kommen das asowsche Meer schützt . . . 
Zur Deckung Bessarabiens von der Donauseite . 
Als Reserve für Neu-Russland und die Krim gegen 
einen bedeutenden Angriff 2 



3 Divisionen. 
1 



)? 



j» 



6 Divisionen. 



In Kaukasien: 
Die Errichtung von Stanizen *) in den Bergen der 
Tscherkessen hat diese ganze Gegend in eine 
Festung verwandelt, die sich selbst vertheidigt ; 
im Fall eines Krieges wird man indess doch 
die hauptsächlichsten Trageplätze, die Fluss- 
übergänge und einige Uferpunkte im Kubaii- 
District und im kutaisschen Gebiet stark mit 
Truppen besetzen müssen, um die Bewegung 
der activen Truppen zu erleichtern, wozu man, 
ausser dem zweiten Aufgebot der Kosaken, an- 
nähernd annehmen muss 

Zum Ersatz für den grössten Theil derjenigen 

Truppen, die im Kriegsfall aus dem Dagestan- 

schen und Terek-District herausgezogen werden 

Als Garnison der Grenzfestungen, einiger Städte und 

der muselmännischen Districte Transkaukasiens 



1 Division. 



)j 



)) 



Zur Besetzung der Küsten des weissen Meeres 



5 Divisionen. 



Zusammen 34 Divisionen. 



*) Kleine Kosakenforts, welche zum Schutz der russischen Truppen 
Yor den räuberischen Ueberfällen der noch lange nicht besiegten Berg- 
völker in grosser Anzahl angelegt sind und von denen aus die Unter- 
werfung dieser Völker immerfort von Neuem vergeblich versucht wird. 

Anm. d. Uebers. 



55 

Die Etatsstärke von 34 Divisionen, jede Division zu 12 Ba- 
taillonen, beträgt etwas über 400,000 Mann. 

Nimmt man nun noch zur Unterstützung der activen Armee 
für solche Aufgaben, die auch von temporären Truppen erfüllt 
werden können, wie die Occupation des Gebiets im Bücken der 
Armee, die Blokade der Festungen und dgl., t- ebenfalls sechs 
Divisionen an, so kann mithin die ganze Anzahl der nur für die 
Zeit des Krieges geschaffenen Truppen im Fall eines sehr ge- 
waltigen Kampfes auf 40 Divisionen, d. h. also auf 480,000 Mann, 
gebracht werden. Diese zuletzt angeführte Kategorie bildet keine 
absolute Nothwendigkeit, kann aber ein höchst wichtiges Ersatz- 
mittel bieten; und da man nur deshalb einen Krieg führen kann, 
um — es koste was es wolle — zu siegen, so wird alles Nütz- 
liche, was zum Erfolge beitragen kann, gerade deshalb auch noth- 
wendig. Sechs Divisionen temporärer Truppen im Rücken der 
activen Armee repräsentiren schon ein Verhältniss, über welches 
hinaus das Erforderniss wahrscheinlich niemals gehen wird. 

Wenn Oesterreich an dem orientalischen Kriege, wie es ge- 
droht hatte, Theil genommen hätte, so wären die Streitkräfte der 
Verbündeten (mit Ausnahme vielleicht der Engländer) von der 
Krim gewiss an unsere Westgrenze, innerhalb oder ausserhalb 
derselben, verlegt worden und die Gruppirung unserer Reserve- 
truppen wäre annähernd geradeso gewesen, wie sie oben aus all- 
gemeinen Gründen als nothwendig abgeleitet wurde. 

Das Alles waren aber nur Defensivkräfte, die keinen directen 
Einfluss auf den Ausgang des Krieges haben, sondern nur dazu 
nothwendig sind, dass man ohne Bedenken die activen Armeen 
da wo es nöthig wird concentriren kann. Nunmehr wollen wir 
versuchen zu bestimmen, in wie weit das möglich ist, mit welcher 
Masse von Kräften wir es zu thun haben könnten, oder — was 
zugleich dasselbe ist — welche Macht wir den Feinden entgegen- 
* stellen müssten, um einen Kampf möglich zu machen. Hier han- 
delt es sich noch nicht darum, wieviel active Truppen Russland 
überhaupt aufzustellen vermag, sondern darum, wieviel es wün- 
schenswerth wäre, dass es, um die Chancen gleich zu machen, 
aufstellen könnte. Ich bitte den Leser nicht zu vergessen, dass 
vorläufig nur allein hiervon die Rede ist. 

Wollen wir zur Vergleichung den letzten Krieg nehmen und 
berechnen, welche Kräfte wir hätten zur Hand haben können. 



56 

wenn wir den Krieg hätten fortsetzen wollen. Die Umstände der 
Jahre 1853 bis 56, eine reine See-Defensive gegen durch Nichts 
behinderte feindliche Landungstruppen, werden sich natürlich nicht 
mehr wiederholen. Wir befanden uns damals, um einen trivialen 
Vergleich zu gebrauchen, so zu sagen, in der Lage eines fest an 
den Pfahl gebundenen Bären auf dem Scharfrichterhof, welcher 
sich gegen die Hunde vertheidigen soll, ohne die Möglichkeit zu 
haben ihnen auch nur einen Schritt entgegen zu gehen. Diese 
sonderbare Lage war durch einen Umstand veranlasst: wir hatten 
nicht genug active Truppen, um die Verbündeten zu^ zwingen den 
Seekrieg in einen Landkrieg zu verwandeln. Oesterreich anzu- 
greifen wäre natürlich 1854 höchst riskant gewesen, weil man 
damals befürchten konnte, dass dieser Staat von Preussen unter- 
stützt werden würde, während im Jahre 1855, soviel jetzt bekannt 
ist, diese Gefahr nicht mehr existirte.*) Hätten wir in dem Jahre 
genug Streitkräfte gehabt, so hätten wir uns des Seekrieges ent- 
ledigen und ihn in einen Landkrieg verwandeln können. Die 
Franzosen hätten ihre Streitkräfte auf den Continent hinüberge- 
bracht, um den Bundesgenossen beizustehen ; die Engländer wären 
geblieben, um auf alle Fälle die Türkei zu schützen, oder hätten 
einen Versuch in Transkaukasien gemacht. Wir hätten also vor 
uns in den Karpathen die Franzosen, die Oesterreicher und das 
sardinische Hülfscorps gehabt, nach dem damaligen Gesammtbetrage 
400,000 Mann Soldaten ; an der Donau die Türken und vielleicht 
auch die Engländer, gegen 100,000 Mann; in Asien die Türken 
und ebenfalls vielleicht die Engländer (die in diesem Fall dann 
aber nicht an der Donau gewesen wären), 70,000 Mann. Diese 
Kräfte würden sich bei der gegenwärtigen Militairorganisation in 
Europa bei derselben Lage der Dinge folgendermassen gestalten: 
Oesterreicher 350,000, Franzosen 150,000 (denn bei einem in 
solcher Entfernung geführten Kriege kann man nicht eine solche 
XJuantität Truppen aufstellen, wie an seinen eigenen Grenzen); 
endlich wahrscheinlich noch 100,000 Italiener, im Ganzen also 
650,000 Soldaten, — gerade soviel wie die Armee Napoleons von 
1812 zählte. An der Donau oder am Dniester und in Asien 
würde die Gesammtsumme auch für gegenwärtig dieselbe bleiben, 



*) Die Vaterhandlungen mit Preussen sind aus jener Zeit nicht 
Veröffentlicht worden. 



57 

da die Streitkräfte der Türkei bis jetzt nicht gewachsen sind 
und die Kräfte Englands, obgleich sie zugenommen, doch noch 
mehr als früher zersplittert sind, weil sie in Indien und Canada 
verstärkt wurden. Wäre der letzte Krieg im Jahre 1868 geführt 
worden, so hätten wir, um eine Gleichheit der Kräfte herzustellen, 
600,000 Mann activer Truppen in der Westarmee, 100,000 in 
der Südarmee und gegen 70,000 im Kaukasus, an der Küste des 
schwarzen Meeres und an der türkischen Grenze aufstellen müs- 
sen, also im Ganzen 770,000 Mann. Ausserdem und ausser 
sämmtlichen Eeserven, welche die Küsten des baltischen, des 
schwarzen und des weissen Meeres beschützen und das westliche 
Gebiet und die Festungen besetzt halten, würden auch noch an 
anderen Orten active Truppen in einem bestimmten Yerhältniss 
nöthig sein. Gegen einen beim Landkrieg wenig wahrscheinlichen, 
aber doch im Bunde mit Schweden immerhin möglichen Anschlag 
auf die baltischen Küsten müsste man in diesem Bassin das Cen- 
trum einer Kriegsr^serve von zwei, wenn nicht gar von drei Di- 
visionen zurücklassen; an den Küsten des schwarzen Meeres, im 
Bücken der Südarmee, ebenso zwei oder anderthalb Divisionen, 
weil der Feind sonst die £j*im occupiren könnte ; beim Vorrücken 
der Westarmee könnte es sich wohl vielleicht als nöthig erweisen 
in das Königreich Polen, ausser den Beserven, ebenfalls wenn 
auch nur eine Division zu legen ; im Kaukasus endlich könnte man, 
selbst bei dem gegenwärtigen Zustande desselben, nicht alle activen 
Truppen aus den Bergen an die Grenze hinausführen, welche Miliz 
auch immer in Dagestan und in der Tschetschna formirt worden wäre; 
hier würde man immer einige der gewohnten Truppen, mindestens 
eine Division, ausser den Linienbataillonen, zurückbehalten müssen. 
Die Summe dieser activen, wenn auch nicht kämpfenden Truppen, 
zusammen mit den ebenfalls stehenden orenburgschen und sibiri- 
schen, würde somit gegen neun Infanterie-Divisionen betragen, d. h. 
also mit allen regulären Waffengattungen 130,000, im Ganzen 
aber mit den Armeen zusammen 900,000. Bechnet man hierzu 
Boch die 480,000 Mann Yolksmüiz (Opoltschenie) nach unserer 
Berechnung, so ergiebt sich die Summe von 1,380,000 Mann un- 
term Gewehr, ausser den Begiments-Depots und den nicht in der 
Tronte Dienenden. Im Jahre 1856 wiesen unsere EtaÜisten eine 
noch viel grössere Summe auf, aber drei Viertel der damaligen 
Truppen waren gar nicht wirkliche Truppen, sondern vielmehr nur 



58 

eiligst zusammengebrachte und nur halbwegs organisirte Yolks- 
schaaren, die vom Staat verproviantirt wurden und, in Folge der 
unbändigen Eile, mit der sie formirt wurden, noch theuerer als 
gewöhnliche Soldaten zu stehen kamen, die aber dennoch, wegen 
des Mangels der durch Nichts zu ersetzenden rechtzeitigen Orga- 
nisation, gar nicht ins Feld geführt werden konnten. 

Bemerkenswerth ist, dass die Gruppirung der activen Truppen 
in dem angezogenen Beispiel nicht einen einzelnen Fall, nicht nur 
ein BUd der damaligen Umstände, sondern vielmehr, so zu sagen, 
die normale Yertheilung der russischen Kräfte in einem jeden 
Kampf gegen eine europäische Alliance darstellt. Hätten wir im 
orientalischen Kriege den Sieg erlangen wollen (und man muss 
hinzufügen, dass es uns an den Mitteln dazu nicht gefehlt hätte), 
so hätten wir vier Fünftel unserer Kriegsmacht in der Westarmee 
concentriren müssen. Gerade so wird es auch künftig sein. Im 
Jahre 1855 ist die Lage der Dinge bezeichnet worden, und seit- 
dem ist sie unverändert dieselbe geblieben und wird auch noch 
für eine unbestimmte Zeit dieselbe bleiben. Sobald erst die So- 
lidarität der europäischen Bestrebungen in allen Fragen, welche 
uns interessiren, zu Tage getreten war, ist es klar geworden, dass 
der gordische Knoten auf ein anderes Terrain hinüber getragen 
worden ist, dass von nun an Bumjanzowsche Feldzüge keine 
Früchte mehr tragen können und das Geschick aller Fragen, die 
uns mit dem Westen in Collision bringen, nicht nur in türkischen, 
sondern auch in asiatischen Angelegenheiten (falls sie bis zu 
solchen Dimensionen heranwachsen) auf europäischen Schlacht- 
feldern entschieden werden muss, — ist es mit einem Wort offenbar 
geworden, dass von nun an die ganze Kriegsstärke Busslands in 
seiner Westarmee beruht, die auf ihrer natürlichen Basis, an der 
Weichsel, steht, den übrigen Armeen aber nur die Aufgabe bevor- 
steht, die minder wesentlichen Versuche des Feindes zurückzu- 
halten, während an der Westgrenze der Kampf der Hauptkräfte 
ausgetragen wird, und hierauf, wenn das Glück auf unserer Seite 
gewesen, dann jedoch schon ohne grosse Anstrengungen, den auf 
derselben Westgrenze erschollenen Schicksalsspruch in Erfüllung zu 
setzen — enregistrer la victoire. Bis jetzt hat sich die russische 
Gesellschaft diesen Umschwung der Dinge noch nicht klar gemacht; 
sie lebt noch der Ansicht, dass z. B. im Fall eines Krieges wegen 
der orientalischen Frage der Erfolg von der südlichen oder, vne 



59 

sie früher genannt wurde, Donau -Armee abhängen könnte; dem 
ist aber durchaus nicht so. Kehren wir, um uns das zu ver- 
anschaulichen, zum letzten Kriege zurück und nehmen wir an, 
dass Russland im Jahre 1853 seine sämmtlichen Kräfte zur Ver- 
fügung gehabt. Worin bestand der Kern der Frage? Die Mehr- 
zahl glaubt, dass er in der raschen Einnahme Constantinopels 
bestand. Ich meinerseits glaube dagegen, dass irgend welche 
Erfolge unserer Waffen innerhalb der Grenzen des türkischen 
Reichs überhaupt nicht im Stande gewesen wären diese Frage zu 
lösen. Die Einnahme Constantinopels hätte entschieden ein Bünd- 
niss Englands, Frankreichs und Oesterreichs hervorgerufen. Im 
Besitz eines offenen Zuganges zu uns, hätten die Verbündeten 
nicht erst mit solchen Schwierigkeiten ihre Armeen über das Meer 
zu transportiren gehabt, sondern sie hätten sich an der mittleren 
Donau concentrirt und in den Karpathen würde die Lösung der 
orientalischen Frage versucht worden sein. Wenn wir in Mittel- 
europa geschlagen worden wären, die Einnahme Constantinopels 
hätte dann nichts genützt und wir hätten es wieder ausgeliefert, 
nur vielleicht nicht in die Hände der Türken, aber in andere, 
weit gefährlichere Hände; wären wir die Sieger geblieben, so wäre 
das Schicksal Constantinopels ebenfalls entschieden gewesen, denn 
wir hätten dann ohne viele Schwierigkeiten über dasselbe dispo- 
nirt. Gerade so wird es auch künftig sein, und zwar nicht allein 
in der orientalischen Frage, sondern in allen wichtigen Fragen, 
die nur entstehen können. Die Erfolge der Armeen zweiten Ranges 
hatten früher eine viel grössere Bedeutung, weil die Hauptarmee 
nicht die Summe aller Kräfte des Staats repräsentirte, sie viel- 
mehr oftmals remontirt und auf diese Weise der Kampf in die 
Länge gezogen werden konnte, indem man seine Erfolge auf den 
Neben-Kriegsschauplätzen befestigte. Seit den Zeiten Napoleon's I. 
aber schon hat die Sache ein anderes Ansehen gewonnen und ist 
nunmehr bereits dahin gelangt, dass das Geschick des Krieges 
durch den Zusammenstoss der Hauptmassen inappellabel entschieden 
wird. Welchen Vortheil hätten wohl die Oesterreicher aus einem 
Siege der Baiem ziehen können? Wären uns in ebendemselben 
letzten orientalischen Kriege glänzende Siege am Balkan und in 
Anatolien zu Theil geworden und wir hätten an der Weichsel den 
Kürzeren gezogen, wozu hätten uns diese Erfolge geführt? Hätten 
aber dagegen die Verbündeten am Dniester die Oberhand über 



60 

uns gewonnen, die Krim, Transkaukasien, Finnland und selbst 
Petersburg eingenommen und wären ihre Kriegsheere zu gleicher 
Zeit auf den Feldern Mitteleuropas aufs Haupt geschlagen wor- 
den, wer hätte dann die Friedensbedingungen dictirt? 

Eine Combination der Kriegsereignisse, bei welcher nicht nur 
die Hauptrolle, sondern auch die ausschliesslich entscheidende Bolle 
nicht der Westarmee zufallen könnte, wäre geradezu undenkbar. 
Die übrigen Armeen können allein nur im Fall eines Erfolges der 
Westarmee eine wesentliche Bedeutung erhalten, ihnen bleibt es 
vorbehalten zu ernten, was die letztere gesäet. Busslands Stärke 
besteht nur in dem Mass, in welchem seine Westarmee stark 
sein kann. 

Wir haben bereits gesehen, mit was für Kräften unsere West- 
armee sich zu messen gehabt hätte, wenn sie zur Zeit des orien- 
talischen Krieges zur Offensive übergegangen wäre. Nach den 
damaligen Dimensionen der europäischen Büstungen hätten diese 
Kräfte gegen 400,000 Mann betragen, nach den gegenwärtigen 
Dimensionen gegen 650,000. Im Fall eines Krieges gegen ein 
$inglo-austro-preussisches Bündniss würden dieselben noch be- 
deutender sein, sich auf circa 700,000 belaufen (die Ej'iegs- 
schauplätze zweiten Banges nicht mitgerechnet). Mit diesen 
beiden Combinationen — die Westmächte mit einer der deutschen 
Mächte, oder beide deutschen mit England — ist die Wahr- 
scheinlichkeit der europäischen Bündnisse und der allergrössten 
Kräfte, welche jemals über uns hereinbrechen könnten, erschöpft. 
Eine jede andere Combination wäre schon viel günstiger. In 
jedem Fall kann sich Bussland, was auch geschehen mag, nicht 
rühren, wenn es nicht ebenso viel active, vollständig mobile Kräfte 
an der Weichsel aufzustellen vermag, wie die möglichen Gegner. 
Die numerische Stärke der anderen activen Armeen (wenn wir 
nur von der anfänglichen Aufstellung derselben sprechen) dürfte 
dabei, wer auch immer unsere Gegner sein mögen, sehr be- 
grenzt sein, selbst sogar wenn wir es gleichzeitig noch mit 
der Türkei zu thun bekämen: 80,000 in der Südarmee, 60,000 
im Kaukasus (35,000 an der Grenze und 25,000 in den Ber- 
gen an der Küste des schwarzen Meeres, was vollkommen 
genügt zum Schutz gegen den Eindrang in Kaukasien so- 
wohl von der nördlichen als von der südlichen Seite) und gegen 



61 

130,000 *) an verschiedenen Punkten als Reserven. Diese Masse 
von gegen 900,000 Mann (870,000) erfordert, ausgenonunen 
die Specialwaffen, 60 Infanterie -Divisionen zu je 13 Bataillonen. 
Im Besitz einer solchen Macht kann unser Vaterland, welche 
Stürme auch in Europa wüthen mögen, ungefährdet in seiner ex- 
clusiven, seihständigen und zu den grössten Hoffnungen berech- 
tigenden Stellung verharren. 

Solange aber die Kräfte Busslands noch nicht auf die oben 
bezeichnete Gesammtsumme gebracht worden, so lange können es 
selbst die äussersten Anstrengungen unserer Diplomatie nur zu 
einem oratorischen, aber nie zu einem politischen Erfolge bringen. 
Im Besitz von nur 47 Infanterie -Divisionen, hinter denen sogar 
nicht ein einziges Bataillon mobiler Beserve steht, können wir 
nicht nur nicht gegen eine Coalition aus dem Jahre 1854 den 
Kampf aufnehmen, sondern die Chancen würden selbst bei einem 
separirten Kriege, bei einem Einzelkampf mit einem der grossen 
Nachbarstaaten, namentlich zum Anfang, nicht auf unserer Seite 
sein. Im letzteren Fall würden ohne Zweifel die riesigen natür- 
lichen Kräfte Busslands schliesslich zur Geltung kommen, aber 
vnr wären — ganz abgesehen davon, dass ein Misserfolg an der 
Westgrenze zum Anfang des Krieges schon eine äusserst gefähr- 
liche Sache wäre, — nur um mindestens doch schliesslich das Ueber- 
gewicht zu erlangen, gezwungen plötzlich während des Krieges 
neue Kräfte zu organisiren, d. h. also das gegenwärtige Yerhält- 
niss derselben als insolvent anzuerkennen, und zwar zu einer 
Zeit, wo es gilt zu handeln, nicht aber erst sich einzurichten. 

Zur grösseren Deutlichkeit wollen wir eine Vergleichung 
unserer activen Kräfte mit den feindlichen nach ihren gegenwärtigen 



*) Hier scheint ein Druckfehler im rassischen Originaltext enthalten 
zu sein, denn anstatt 130,000 muss es wohl 30,000 heissen, da sonst 
auch die Addition nicht die in dem folgenden Satz angeführte Gesammt- 
summe von „gegen 900,000 (870,000)" ergeben würde ; denn 700,000 der 
Westarmee, 80,000 der Südarmee, 60,000 im Kaukasus und 30,000 Re- 
serren an verschiedenen Punkten sind zusammen genau 870,000, also 
gegen 900,000; ist dagegen die letzte Zahl nicht 30,000, sondern 130,000, 
so würde die Gesammtsumme nicht gegen 900,000 (870,000) betragen, 
sondern viel über 900,000 (d.h. 970,000). 

Anm. d. Uebers. 



62 

Dimensionen, im Fall eines Einzelkrieges mit Oesterreich oder 
Preussen, unter der Voraussetzung der Neutralilät des übrigen 
Europas, anstellen. 

1) Der österreichische Krieg. Im Jahre 1866 musste 
Oesterreich nach Beendigung seiner Küstungen 250,000 Mann in 
Böhmen und 140,000 Mann in Italien aufstellen; ausserdem hatte 
es noch gegen 20,000 in Deutschland, also im Ganzen 400,000 
Mann activer Truppen. Um jede üebertreibung zu vermeiden, 
wollen wir annehmen, dass es bei einem Kriege mit uns, zur 
gösseren Sicherheit seiner slavischen Länder, 60,000 Mann mehr 
im Vergleich zu 1866 im Inneren des Keichs zurücklassen würden 
für die active Armee blieben somit 350,000 übrig. 

Wir haben freilich eine allgemeine Neutralität vorausgesetzt, 
jedoch natürlich nur innerhalb der Grenzen des factisch Mög- 
lichen. So wäre es z. B. vollkommen unmöglich, dass wir im 
Fall eines österreichischen Krieges gar keine Vorsichtsmassregeln 
gegen die Türkei ergreifen sollten, welche unvermeidlich mit 
Oesterreich sympathisiren würde und bei dem ersten Erfolge der 
Oesterreicher sich sofort ihnen anschliessen könnte. Unter solchen 
Umständen würden unsere Defensivkräfte ungefähr* in folgender 
Weise vertheilt sein müssen. 

Weder Petersburg mit Kronstadt, noch Finnland, noch selbst 
Moskau würden ohne Garnison gelassen werden, um so mehr, als 
man am Anfang eines europäischen Krieges unmöglich mit Ge- 
nauigkeit vorherzusehen vermag, unter welchen politischen Com- 
binationen er enden kann. Nehmen wir für diese Punkte also nur 
3 Divisionen an. In den westlichen Provinzen, nach der oben 
angeführten Berechnung, 47^ Divisionen als Garnison der Festungen, 
7 Divisionen zur Unterdrückung oder Verhütung eines Aufstandes 
in diesen Provinzen und 1 Division für Warschau — macht 
zusammen 127^ Divisionen. Im Bassin des schwarzen Meeres: 
als Garnison der Festungen und Häfen (Bender, Odessa, Nikola« 
jew, Perekop, Sebastopol, Kertsch) 2y*, und im Felde: in der 
Krim 1 und als Observationscorps in Bessarabien 4, zusammen 
7*72 Divisionen*); im Kaukasus endlich 6 — macht im Ganzen 



*) Diese Kräfte sind als Vorsichtsmassregeln erforderlich. Im Fall 
eines offenen Bruchs mit der Türkei müssen sie natürlich sehr viel be- 
deutender sein. 



63 

29 Divisionen. Für die active Armee bleiben mithin 18 Divi- 
sionen übrig, d. i. also bei der höchsten Annahme, nach Ausschluss 
von 157o von der Etatstärke, ein Effectivbestand von 230,000 
Combattanten sämmtlicher Waffengattungen gegen 350,000 Oester- 
reicher. 

2) Der preussische Krieg. Obgleich wir freilich eine 
allgemeine Neutralität voraussetzen, so ist doch immer der Fall 
nicht denkbar, dass der Norddeutsche Bund seine sämmtlichen 
activen Truppen an der russischen Grenze zusammenziehen würde. 
Die politischen Beziehungen dieses neugegründeten Staates zu seinen 
Nachbaren bieten noch lange nicht die Sicherheit, dass er sich 
freiwillig von der Weichsel bis zum Bhein entblössen dürfte. 
Wir wollen den allermässigsten Satz nehmen. Ausser den Ersatz- 
truppen und der einen Hälfte der Landwehr: 165,000 + 100,000 = 
265,000 Mann zum Garnisondienst und zu Begimentsdepots, wollen 
wir ebenfalls nicht mitrechnen die Kräfte der kleinen Staaten = 
92,000, welche mit der nöthigenfalls mobil gemachten ande- 
ren Hälfte der Landwehr 190,000 ausmachen; nehmen wir an, 
dass aus diesen Truppen die Observationsheere am Bhein und an 
der österreichischen Grenze gebildet werden und nur die active 
Armee des eigentlichen Königreichs Preussen, 415,000 Mann, 
an unsere Grenze geschoben wird; nehmen wir nur 85% als 
Effectivstärke an, so sind es 350,000 Mann. 

Die Yertheilung unserer Defensivmacht wird dann ungefähr 
folgende sein müssen: 

Obschon den baltischen Küsten in diesem Fall keine ernst- 
liche Truppenlandung drohen könnte, so wird man sie dennoch 
nicht für so total ungefährdet halten können, und das zwar um 
so mehr, als hier auch von Seiten Schwedens eine Gefahr erscheint; 
es dürfte daher wohl nicht übertrieben erscheinen für Petersburg, 
Finnland (und die Garnison von Moskau) 4 Divisionen anzu- 
nehmen, für die Ostseeprovinzen 2 Divisionen und für die west- 
lichen Provinzen ebenso viel wie im vorhergehendem Fall, d. i. 
12Y2 Divisionen. 

Bei einem preussiscben Kriege wäre ein Bruch mit der Türkei 
freilich nicht in einem so hohen Grade wahrscheinlich wie bei 
einem österreichischen Kriege, immerhin aber würde man die Ufer 
des schwarzen Meeres nicht vollständig entblössen können, um 
den Nachbar nicht in Versuchung zu führen; auf die Freundlich- 



64 

keit der hohenzollerschen Bomänen wttrde man sich dabei wohl 
auch nicht verlassen können. Zum Gamisondienst in den Festungen 
nnd im Felde müsste man also, in der Krim und Bessarabien, 
mindestens SVa Divisionen zurücklassen, und im Kaukasus 6 Di- 
visionen, macht im Ganzen 28 Divisionen. 

Für die active Armee blieben somit 19 Divisionen oder 
240,000 Mann regulairer Truppen aller Waffengattungen gegen 
350,000 Feinde, also beinahe dasselbe Verhältniss wie beim öster- 
reichischen Kriege. 

Wir nehmen 12*72 Divisionen für die Westgrenze an, und 
zwar nicht ohne Grund. Ungeachtet der riesigen Kräfte, welche 
in den Jahren 1863 und 64 in diesem Grebiet concentrirt wur- 
den, ist der pohlische Aufstand dennoch nicht eher unterdrückt 
worden, als erst nachdem in Galizien der Belagerungszustand 
proclamirt worden. Für die Insurgenten war schon die geheime 
Nachsicht der österreichischen Regierung genügend, um den Auf- 
stand auf unbestimmte Zeiten in die Länge zu ziehen. Was liesse 
sich erst dann erwarten, wenn ein starker Feind mit Armeen 
und Geldern die Empörung entschieden unterstützen und der all- 
gemeinen Revolution den Weg nach Polen öffnen würde? Um 
nicht auf eigenem Grund und Boden in eine Situation zu gerathen, 
wie sie den Franzosen durch den Volkskrieg in Russland bereitet 
worden, um nicht ohne Communication und Verproviantirung zu 
bleiben, würden wir, abgesehen von der activen Armee, das weite 
Gebiet vom Dnieper bis zur preussischen Grenze so stark besetzen 
müssen, dass es sich nicht rühren könnte. Hierzu dürften selbst 
12y2 Divisionen, von denen iVa die Garnisonen der Festungen 
bilden, vielleicht nicht vollständig genügen; wir haben deshalb 
auch zum Schutz des Dnieper-Bassins mindestens das Allemoth- 
wendigste ausgeworfen. Bringt man aber dieses Nothwendige in 
Abzug, so würde unsere active Armee, selbst im Fall eines Einzel- 
krieges, um ein Drittel schwächer sein als die feindliche; sie 
könnte daher zum Rückzug gezwungen werden, in Folge dessen 
auch die "zum Schutze des Gebiets aufgestellten örtlichen Truppen 
würden weichen müssen; und es ist noch gut, wenn ihnen solches 
möglich wäre. Wenn man dagegen das Land nicht besetzt, son- 
dern alle Kräfte in der activen Armee concentrirt, so könnte 
selbst noch bevor der erste Schuss gefallen ist, schon bei den 
Yorbereitungen zum Kriege, ein weithin sich erstreckender Aufstand 



65 

in unserem Böcken entbrennen und wir würdben uns inmitten un- 
serer Grenzen plötzlich wie in fremdem Lande befinden, wo MtSB 
dem Fdnde zu helfen eilt. Ein dem Anschein nadi unlöi^her 
Cirkel, der aber in der That nur eine zweifellose Wahriieit beweist, 
und zwar: dass bei der heutigen Organisation der Streitkräfte in 
ganz Europa die active Armee allein, ohne eine stärke, bei Zdten 
organisirte und mindestens zur Hälfte mobile Beserve, nichl nur 
keinen Offensivkrkg, sondern auch nieiit einmal einen Defensiv- 
krieg zu fähren yermag. Der Grund ist einleuchtend. Werden 
der activen Armee auf der einen Seite Yerpflichtusgen auferlegt, 
welche beim Feinde die Beserven erfüllen^ so Wird sie, selbst 
wenn sie sogar nach dem Etat des Friedensbestandes numerisch 
viel stärker als die feindliche Armee ist, dennoch im Kriege viel 
schwächer als die letztere sein. Wir aber haben bis jetzt nicht 
nur gar keine Beserven hinter der Annee, sondern sogar die 
Armee selbst ist verhältnissmässig, aus zwei Grttnden, numerisch 
nicht stark genug: erstlich hat sie bis jetzt noch immer eine viel 
zu lange Dienstzeit und ist beim üebergang zum Kriegsfuss nicht 
dehnbar genug; zweitens sind bei uns, und das ist die Hauptsache, 
neben der Armee, seibat nach den durch die letzte Beform aus- 
geführten Beductionen, noch allzu viel todte Abtheilungen ge- 
blieben, wie: locale Truppen, Linien-, Festongs- und Garnisons« 
Bataillone, welche als stehende Truppen bei der Gesammtsnmme 
der Armee mitzählen, aber keine äussere Kraft repräsentiren, — 
was in Europa fast gar nicht mehr voricommt, wo neben der 
Armee in Friedenszeiten imr noch Begimentsdepots und technische 
Abtheijungen existiren. 

Es giebt bei uns Personen, selbst erfahrene (ich habe deren 
gekannt), welche sich der Erwägung ganz verschliessen, dass es 
nothwendig sei, zur Vertheidigung bereit zu sein, bevor man an 
den Angriff denkt. Sie möchten alle Kräfte mit einem Mal in 
der activen Armee concentrifen, nach dem Princip, dass der Feind, 
welcher am Hauptpunkt geschlagen worden, auch überall bereits 
besiegt ist. Entschiedenheit ist eine schöne Sache, über eine 
gevnsse Grenze hinaus aber nicht nur gefährlich, sondern einfach 
unmöglich. Nehmen wir an, dass uns die Mittel zu Gebote ge- 
standen hätten, um 1855 mit Oesterreich Krieg zu führen. Wäre 
es denn etwa auch nur möglich gewesen, diesen Angriff damit zu 
beginnen, dass man die Krim, die Küsten des schwarzen Meeres, 

Fadejew, Rasslands Kriegsmitoht. 5 



66 

Bcssarabien, Finnland, endlich selbst Petersburg dem Feinde preis- 
gegeben hätte, bis unsere Kräfte an der Westgrenze concentrirt 
worden wären, — Alles in Erwartung des Erfolges gegen die 
Oesterreicher. Der durch einen solchen Anfang hervorgerufene 
Eindruck hätte wahrscheinlich wohl gerade den Erfolg des An- 
griifs illusorisch gemacht. Und wenn nun bei allem dem gar kein 
Erfolg erzielt worden wäre, oder nur ein nicht vollgültiger Er- 
folg — worauf man immer vorbereitet sein muss — , was dann? 
Ein Friede uti possidetis, d. h. mit Belassung Finnlands, der 
JCrim und des Uebrigen in den Händen der Feinde? Noch Nie- 
mand in der Welt hat mit mehr Entschiedenheit gehandelt als 
Napoleon L, Keiner ist in so hohem Grade des Erfolges sicher 
gewesen als er, dank dem persönlichen Genie und den Eigen- 
schaften seiner Armee, und dennoch haben seine activen Streit- 
kräfte niemals mehr als die Hälfte sämmtücher bewaffneten Kräfte 
Frankreichs betragen. 

Beide oben angeführten Beispiele sind auf die nie sich 
erfüllende Voraussetzung, den Einzelkampf mit einer benachbarten 
Macht, basirt. Allein wird Niemand gegen uns auftrjeten. Nicht 
von irgend einem einzelnen Gegner, sondern nur von einer Coa- 
lition können wir zum Kriege genöthigt werden und müssen nach 
diesem Yerhältniss den Grad der Anspannung unserer Streitkräfte 
berechnen. Ja selbst wenn wir in den Krieg zögen und Bundes- 
genossen hätten, wir dürften uns nicht sicher auf sie bis zum 
Ende verlassen und zwar gerade wegen der Existenz unserer an- 
gestammten Interessen, mit denen kein einziger europäischer 
Bundesgenosse sich aufrichtig aussöhnen wird. 



Jhrift es §avM. 



Die Velksmiliz (Opoltschenie). 

Zaerst wollen wir uns mit den rein defensiven, inneren Trup- 
pen, welche den Landwehren, den Nationalgarden oder der Miliz 
anderer Staaten entsprechen, beschäftigen. Wir haben gesehen, 
dass wir, ausser den Ersatztruppen, welche die Kekruten ausbil- 
den, 480,000 oder zum allerwenigsten 400,000 solcher Truppen 
nöthig haben, damit die active Armee nicht von ihrer directen 
Aufgabe abgezogen werde. 

Mit einem Mal 480,000 oder auch nur 400,000 regulairer 
Truppen aus Nichts zu schaffen ist natürlich eine schwierige Auf- 
j^abe. Das wäre grade wie das „es werde Licht", nur nicht aus 
göttlichem Munde. Sobald der Krieg erklärt ist, hat man schon 
nicht blos mehr oder weniger mobile Truppen zu formiren, gleich- 
zeitig muss man auch noch Rekruten zu Hunderttausenden aus- 
heben und einüben, ohne welche die Armee selbst während eines 
Feldzugs dahinschmilzt, das Kriegsmaterial vervierfachen u. dgl. m. 
Das Bedürfniss nach Ofticieren, und zwar nicht allein nach tüch- 
tigen, sondern selbst nach irgend tauglichen, denen man nur aus 
irgend einem Grunde die Stellen anvertrauen könnte, wird in sol^ 
eben Zeiten äusserst dringend, während ausserdem sogar bei den 
activen Truppen ein Mangel an Officieren fühlbar ist; und dann 
werden endlich noch die mit Aufwand solcher Mühen neuformirten 
Truppen plötzlich durch unerwartete, mit einem Mal sich geltend 
machende Umstände absorbirt, ohne die Aufgabe gelöst zu haben, 
zu welcher sie anfänglich bestimmt gewesen. Ueberall in Europa, 
selbst in Frankreich, wo der Organismus des Heeres so vollkom- 
men ist^ ist der Uebergang vom Friedens- auf den Kriegsfuss mit 
einer unmässigen Verwirrung, mit einer ungeheueren Kraftver- 



68 

schwendung und Zeitverlast verbanden. Preossen allein vollzieht 
diesen Uebergang ohne Schwierigkeiten. Nachdem es im voraus 
jedem einzelnen Mann, jedem Officier and Soldaten in der Volks- 
armee seinen Platz angewiesen, beruft es ohne die geringste Ver- 
wirrung seine Beserven , und die Landwehr verschiedener Aufge- 
bote, eins nach dem anderen, ein und stellt sie als wohlgefägte 
Masse auf^ und zwar nicht um die Lücken, erst wenn sie sich 
schon ergeben haben, auszufüllen (was nianals ungestraft geschieht), 
sondern um dem Bedürfniss entgegenzukommen. Bei uns hat 
man, selbst mit Rücksicht auf die erste Zeit des Krieges, immer 
damit angefangen, dass man auf rein militairische Weise Beserven 
formirte, indem ein Bataillon nach dem anderen den Infanterie- 
regimentern angefügt wurde. Die Bataillone wurden langsam for- 
nürt, wiüirend die Ereignisse indess nicht warteten, und wir ver- 
späteten uns immer mindestens um ein halbes Jahr; der orientali- 
sche Exieg ist noch im Gedächtniss Aller. Sodann aber erwiesen 
sich die Beserven, aller Anstrengungen ungeachtet, als unzareichend, 
und man eadete immer damit, dass man sich an das Volk wandte 
und die Opoltschenie (die Volksmiliz) einberief. So war es noch 
während der Leibeigenschaft in den Jahren 1807, 1812 und 1855, 
und so wäre es auch 1863 geschehen, wenn es damals zum Kriege 
gek(»nmen wäre. Der officieUe „Invalide''*) sprach wenigstens 
damals schon von 125,000 Mann Volksmiliz, bei denen es natOr- 
lich nicht geblieben wäre. Die Volksmihz aber hat noch niemals, 
selbst nicht zur Zeit der Leibeigenschaft, die Erwartungen der 
Begierung betrogen. Im Jahre 1855 war sie gänzlich uneingeübt, 
dessen ungeachtet aber ohne Zweifel weit mehr werth als die Re- 
serven der verschiedenen Benennungen, war viel lebhafter von 
ihrem Pflichtbe.wusstsein durchdrungen, mehr begeistert und viel 
entschiedener. In keinem ernstlichen Kriege werden wir die Volks- 
nüliz entbehren können, denn die Erfahrung hat es gelehrt, wie 
nothwendig sie ist. Die Bussland eigenthümliche Fähigkeit über 
seme Volkskräfte zu disponiren, geradeso wie die Schweiz und 
die Vereinigten Staajten Nordamerikas, und auch wie Preossen, 
wenn auch in anderer Grestalt, gewährt andererseits einen so 
uagdieueren, unschätzbaren Vorzug, dass denselben nicht zu be- 



*) Dm offtcielle Joamal und Organ des Kriegsministerioms. 

Anm. d. Uebers. 



69 

nutzen, seine permanenten Kräfte ni<;ht in Rechnnng zu ziehen 
soviel hiesse, als der Hälfte seiner Macht entsagen. Zar Zeit der 
Leibeigenschaft konnte die Yolksmiliz nnr eine durch den Drang 
der Umstände hervorgemfene Zufälligkeit sein; im befreiten Bnss- 
land kann and muss sie die permanente Stammkraft sein, welche 
Rassland unbesiegbar macht, wenn auch die ganze Welt über das- 
selbe hereinbräche. Die organisirte Miliz eines Volkes von 80 Mil- 
lionen schützt den Staat freilich nicht vor der Möglichkeit einer 
Niederlage im Offensivkrieg, aber sie schützt ihn vor allen Folgen 
einer solchen Niederlage. 

In einem Staat, dem die Möglichkeit geboten ist eine be* 
waffaete Yolkskraft aufzustellen, braucht man offenbar keine an- 
deren Quellen für die Masse der im Kriegsfall erforderlichen 
inneren Truppen, von denen hier die Rede ist, zu suchen. Künste 
lieh Reservetruppen formiren, die ohnehin nie zur rechten Zeit 
fertig werden, während im Volk eine fertige Kraft vorhanden ist, 
welche man mit einem Mal in dem Masse, wie es gerade nöthig 
ist, mobil machen kann, hiesse soviel, wie auf chemischem Wege 
Wasser herstellen, während man am Brunnen steht. Beim Ueber- 
gang auf den Kriegsfuss können alle nicht direct für den Krieg 
bestimmten Truppentheile jeder Benennung, mit alleiniger Aus- 
nahme der Regimentsdepots zur Ausbildung der Rekruten, durch 
die Volksmiliz ersetzt werden, und zwar nicht nur die Ergänzungs- 
Batailione der Regimenter, welche zum Schutz der Grenzen be- 
stimmt sind, sondern ebenso auch die Festungsregimenter und die 
innere Wache, in ausgedehntester Weise aber die Artfllerie- 
Gamisonen und die Nichtcombattanten aller Art, welche man bei 
einem solchen Ersatzmittel in Friedenszeiten gar nicht zu halten 
nöthig hätte. 

Ein Staat wie Russland, welcher beim Kriege seine endlosen 
Grenzen von Archangeln bis zum kaspischen Meer mit ent- 
sprechenden Kräften zu decken und zu gleicher Zeit eine enorme 
active Armee aufzustellen hat, kann nur bei einer bewaffneten 
Volkskraft mächtig sein; ohne dieselbe wtlrde er durch die Last 
des eigenen Korpus, der in allen seiuen Theilen unterstützt wer- 
den muss, ermatten. Hätte Russland bei dem Umfange seiaes 
Gebiets in politischer Hinsicht mit Frankreich Aehnlichkeit, es 
wäre nicht im Stande einen grossen europäischen Krieg zu führen; 
dass die Mittel gerade so den Bedürfnissen entsprechen, darin 



70 

eben liegt eine grosse Weisheit der Greschichte. Die Yolksmiliz 
repräsentirt nicht die Kriegsmacht Rasslands, aber sie bildet das 
Ersatzmittel, ohne welches Russland nicht im Stande wäre die 
seinen Aufgaben entsprechenden Eriegskräfte ins Feld zn stellen. 

Eine bewaffnete Yolkskraft, deren Gadres in Friedenszeiten 
gar nicht existiren, ist die siegreiche Bealisirong des müitairischen 
Princips: „je weniger desto mehr", während alle von sehr ver- 
schiedenem Erfolg gekrönten Bestrebungen der europäischen Sta.a- 
ten, für den Krieg Streitkräfte zu schaffen, die das Budget 
so wenig als möglich belasten, nur eine Annäherung zu die- 
sem Princip ergeben haben. 

Trotz aller in unserer Gesellschaft und in unserer Presse 
obwaltenden Meinungsverschiedenheiten ist doch bei uns noch nie- 
mals, selbst nicht einmal von derjenigen Seite, auf der man am 
allermeisten die Bewegung des nationalen russischen Geistes furch- 
tet, die Ansicht ausgesprochen worden, dass sich der russische 
Zar bei einem Kriege mit dem Ausland, z. B. unter den Umstän- 
den von 1863, seinem freien Volke nicht anvertrauen könnte, da 
er sich doch sogar dem leibeigenen Volke anvertraut hatte. Ver- 
muthlich wird auch künftig keine derartige Ansicht auftauchen. 

Die bewaffnete Volkskraft existirt jedoch bis zu dieser Stunde 
im russischen Reich nur als Möglichkeit, als Elementarkraft, wie 
ün Marmorblock für des Künstlers Auge die Statue lebt. Sie 
plötzlich während des Krieges zu formiren ist mit masslosen An- 
strengungen verbunden und würde wiederum die allermittelmässig- 
sten Resultate ergeben. Um die Volksmiliz permanent bei der 
Aufzählung der russischen Kräfte in Anschlag zu bringen, muss 
man nicht nur auf dieselbe rechnen können, sondern auch früher 
und ganz genau wissen, worauf und zu welchem Termin man 
rechnen kann; die Volksmiliz (Opoltschenie) muss, als eine Kraft 
des Staates, durch ein Gesetz ein für alle Mal bestimmt und im 
voraus rangirt sein, — damit die einzuberufenden Militionaire sich 
auch als solche fühlen und wenigstens eine Idee von ihrem Beruf 
bekommen. 

Nimmt man einmal an, dass es am allergeeignetsten ist die 
inneren Kräfte (mit Ausnahme des stehenden activen Heeres), 
welche bei uns mit jedem Kriege in so enormer Quantität aufge- 
boten werden, aus der Volksmiliz zu beschaffen, so muss man 
gleichfalls annehmen, dass auch Alles, was nur die Militairuniform 



71 

trägt und nicht zu den activen Eriegstruppen gehört, durch die 
Yolksmiliz ersetzt werden kann, ausgenommen die Mannschaft der 
technischen Theile, zu denen es einer längeren Ausbildung bedarf. 
Sogar fdr einige Specialwaffen sind, ausser den Fachleuten, Yiele 
gewöhnliche Arbeitskräfte erforderlich, die nur sehr wenig, bis- 
weilen aber auch gar keine Vorbereitung verlangen. Die Zahl 
aller solcher Leute ist ganz immens: es gehören hierher fast 
sänuntliche Nichtcombattanten, das Fuhrwesen, die nach den Kriegs- 
etats verstärkten Proviant- und Conmiissariats-Commandos, die 
Lazarethbedienung, die Officiersbedienung (Denschtschiks), bei der 
Garnisonsartillerie — mit Ausnahme der ersten vier Geschfttz- 
nunmiem — die ganze übrige Mannschaft, bei den Artülerie- und 
Sapeurparks alle Fahrer und Fuhrleute. Ohne solche Nicht« 
combattanten kann eine Armee nicht existiren, und daher sind sie 
bei uns, wie in ganz £uropa, in den Etatlisten ebenfalls mit ver- 
zeichnet, obgleich nicht Alle von ihnen während des Friedens in 
der Präsenz sind. Die Stärke der aufgeführten Kategorien be« 
trägt beim Uebergang auf den Ediegsfuss nicht weniger als 
60,000 Mann. Sie wtLrden sämmtlich in die ßeihen treten und 
im Kriege die Armee verstärken, ohne den Etatbestand derselben 
im Frieden zu vermehren, wenn man nur diesen Bedarf direct 
aus der Yolkskraft befriedigen wollte. Die gesammte Anzahl der 
Nichtcombattanten sowohl bei den Kriegstruppen, als auch bei 
den einzelnen abgesonderten Commandos könnte in dem Beglement 
der Yolksmiliz für jeden Ort einzeln aufgezählt sein und eine be- 
sondere, stets bereite Klasse bilden. Nicht im Mindesten würde 
es die Eigenliebe unseres gemeinen Mannes kränken, wenn er 
nicht zum Frontedienst bestimmt wird, in der Uniform und mit 
dem Seitengewehr wird er sich immer ebenso als Militionair fühlen. 
Bei einer solchen, bisher nur in Preussen allein existirenden Orga- 
nisation ist bei der Formirung der nicht activen Abtheilungen, 
sobald der Krieg erklärt ist, eine Beihe complicirter Massregeln 
und unklarer Ueberzählungen nicht weiter erforderlich; gleich auf 
den ersten Befehl sind diese Abtheüungen vorhanden und es bleibt 
nur übrig den materiellen Theil zu organisiren. 

Die die Arbeitskraft der Armee bildende Masse bedarf keiner 
besonderen Ausbildung, sie genügt als rohes Material ihrer Be- 
stimmung; für die active Miliz ist dagegen wohl eine Ausbildung^ 
wenn auch in den allerbeschränktesten Dimensionen erforderlich. 



72 

Ia sittlicher Hinsicht verwandelt sich der gemeine Rasse rascher 
als irgend ein Europäer, ausser dem Franzosen, in einen Kriege:; 
in seiner Natnr liegen bereits alle kriegerischen Eigenschaften im 
K-eime: er ist kühn wie Keiner, beharrlich, gehorsam; nur allein 
an das Technische des Kriegshandwerks gewöhnt er sich nicht 
leicht. Der Grund davon ist erstlich die Zähigkeit des russischen 
Yolkscharakters, der nur schwer dem Einfluss der neuen Sphäre 
zagiaiglich ist, in welcher, aufrichtig gestanden, noch sehr viel 
Nichtrassisches, mindestens im Aeusseren, vorhanden ist, und zwei- 
tens die Ungewohnheit der Feuerwaffe, deren Gebrauch beim ras- 
sischen Volk weit weniger verbreitet ist, als überall sonst in 
Europa. Der europäische Bekrut nimmt die Flinte als etwas ihm 
Bekanntes in die Hand; der russische Rekrut dagegen fürchtet 
sich in der ersten Zeit vor seiner eigenen Flinte, obgleich er sich 
vor der auf ihn gerichteten Kugel nicht fürchtet Sehr nützlich 
wäre es, ihm bei Zeiten drei Dinge beizubringen; die ihm unbe- 
kannten Verhältnisse des militairischen Zwanges und des Kasemen- 
lebens; dass er seine Vorgesetzten, vom ünterofficier bis zam 
Regimentscommandeur, kenne und erkenne; und endlich den Ge- 
brauch der Waffe, — das letztere ist geradezu unumgänglich. 
Sind sich erst die Leute in ihrem täglichen Leben als Kriegs- 
kameraden bewusst, kennen sie ihre Vorgesetzten in der Fronte 
und sind sie daher die aus Unbekanntheit entstehende Befangen- 
heit losgeworden, und wissen sie überdies irgend mit ihrer Waffe 
Bescheid, so werden sie kühn und entschlossen ins Feld ziehen; und 
bei einer solchen Stimmung der Gemüther muss Alles gut von statten 
gehen. Auf dem Marsch und an den Orten, wo sie rasten, kann 
ihre militairische Ausbildung bis zum genügenden Grade vervoll- 
kommnet werden; die Begeisterung, welche den Russen in den für 
das Vaterland wichtigen Augenblicken stets begleitet, wird dann 
das Uebrige thun. 

Die Volksmiliz muss natürlich nicht blos aus Altersgenossen 
gebildet werden, sondern aus mehreren aufeinanderfolgenden Alters- 
klassen, etwa ans 20-, 21- und 22jährigen. Nach dieser Annahme 
würde also in einer Draschina (Milizbataillon) von 1000 Mann 
eine jede Altersklasse durch 33S Mann vertreten sein, oder, rech- 
net man 2 Free, auf den Defect, die Klasse der 20jährigen dnrdi 
J40. Zugleich wird man dann auch entweder diese Klassen aUe 
mit einem Mal, oder aber auch einzeln, eine nach der anderen, 



73 

je nach dem Erfordemiss, mit der ältesten Klasse beginnend, ein- 
berufen. Die Dimensionen der Bttstungen eines Staates k(hinen 
nicht bei jedem Kriege gleich sein; zuweilen wird ein Drittel der 
Volkskraft genügen, zuweilen werden zwei Drittel nöthig sein. 
Um die Verzeichnisse dieses Volksheeres richtig führen und das- 
selbe einberufen zu können, würde es ohne Zweifel nöthig sein, 
dasselbe nach Bezirken einzutheilen, welche die Militionaire nur 
im Fall einer Einberufung verlassen dürften. Bechnet man die- 
jenigen Theile des Beichs, in welchen das Institut der Volksmüiz 
nicht anwendbar ist, nicht mit: wie Finnland, welches seine be- 
sondere Verfassung hat, das Königreich Polen, Transkaukasien, 
die Gebiete der Kosakenheere und der nomadisirenden Stämme, 
so macht die übrige Bevölkerung gegenwärtig annähernd fast 
64 Millionen aus. Bei einer Eintheilung in 480 Bezirke würde 
jeder Bezirk 133,000 Seelen beiderlei Geschlechts umfassen, also 
etwa ebensoviel als ein grosser Kreis, wie es deren viele in Buss- 
land giebt.*) Das Verhältniss der Anzahl der activen Militionaire 
zur Bevölkerung würde auf tausend männliche Seelen 1572 Mann 
ausmachen, anstatt 23, wie im Jahre 1855 bestimmt worden war; 
die nicfatactiven mitgerechnet würde dieses Verhältniss gegen 
18 Mann betragen. Bei einer Bevölkerung von 64 Millionen kann 
man in der Klasse der 20jährigen Männer gegen 614,000 rech- 
nen; wenn also die Volksmiliz aus dieser Anzahl jährlieh 160,000 
beansprucht, so kann dadurch nicht wohl die Bekmtenaushebung 
beeinträchtigt werden. 

Damit die Volksmiliz immer zum Ausmarsch bereit sei, musa 
sie ihre beständigen Officiere haben. Die Formirung eines Officier- 
corps bildete im Jahre 1855 den aUerschwierigsten Theil der Auf- 
gabe; dass die Mehrzahl dieser in der Eile zusammengelesenen 
Officiere ihrer Soldaten nicht werth war, darüber ist kein Wort 
weiter zu verlieren. Indessen ist diese Aufgabe, Officiere für die 
Volksmiliz zu schaffen, auch damals richtig gelöst worden; der 
wesentliche Uebelstand, der nicht zu vermeiden war, bestand nur 
gerade darin, dass die Volksmiliz so plötzlich einberufen werden 
musste. Wie damals bei der plötzlichen Einberufung, so kann 
auch jetzt, bei einer permanenten Einrichtung, nur allein das 



*) Bezieht sich auf die administrative Bintheilung Knsslands in 
GouTemements und Kreise. Anm. d. Uebers. 



74 

Land selbst die Oüficiere für die Yolksmiliz liefern. Die regulaire 
Armee vermag nicht eine solche Masse von Trappen mit Officieren 
zu versorgen; ebensowenig können aber auch die Begierangs- 
autoritäten über Leute, welche ganz ohne irgend welchen Zusammen- 
hang mit denselben in ihren entlegenen Dörfern leben, ein Urtheil 
haben. Als Begel müsste jedoch festgestellt werden, wie das auch 
frtlher geschehen ist, dass nur solche Leute zu Compagniecommau- 
deurs erwählt werden dürften, die bereits im Militair gedient 
haben; nicht allein Officiere kann man zu diesen Stellen zulassen, 
sondern ebenfalls auch verabschiedete Feldwebel und für untadel- 
haft absolvirte Dienstzeit decorirte Unterofficiere, wenn sie sich 
eines guten Rufs an ihrem Wohnort erfreuen. Die Stellen der 
Druschinen -Gommandeurs (Commandeurs der Milizbataillone) und 
höher hinauf, bei der Vereinigung mehrerer Milizbataülone, kann 
man jedoch nicht mehr den "Wahlen überlassen, denn ohne ge- 
nügende taktische Kenntnisse ist es unmöglich einen Truppentheil 
zu commandiren. Bei dem gegenwärtigen Mangel an Officieren 
würde es schwierig sein einen Theil derselben beständig bei der 
Yolksmiliz zu halten. Mit dem Anfang der Vorbereitungen zum 
Kriege, bei der Einberufung der Volksmiliz, ist das aber wohl 
möglich. Vor der Eröffnung des Krieges ist es nämlich gut, die 
activen Truppen von vielen Generalen und Officieren zu befreien, 
welche wohl in Friedenszeiten nützlich sind, auf die man sich aber 
im Kriege nicht verlassen kann; um so mehr, als durch eine 
solche Massregel die Möglichkeit geboten wird, die geeigneten 
Persönlichkeiten in die sich ergebenden Vacanzen hineinzuschieben, 
was zum Anfang der Campagne ein überaus wichtiges Moment 
ist."") In diesem Fall braucht man sich auch nicht streng an die 
Hierarchie der Bangklassen zu halten; ein Compagniecommandeur 
aus der Truppe kann sehr gut eine Druschine (MüizbataUlon) 
commandiren und ein Bataülonscommandeur ein Milizregiment« 
Eine solche Vertheilung könnte sogar richtig sein, da eine gleiche 



*) Indem ich einer bei uns sehr weit verbreiteten Ansicht dieses 
Zugeständniss mache, kann ich nicht umhin zu erklären, dass ich, meiner 
persönlichen XJeberzeugung nach, nur diejenigen Leute für fähig halte 
Truppen vernünftig auszubilden, welche auch genau wissen, wie viel 
man von ihnen in der Schlacht verlangen kann. Aber auch ausserdem 
bleiben in der Militairhierarchie noch eine Menge rein technischer 
Posten übrig. 



75 

nomerische Stärke bei der Yolksmüiz and bei den stehenden 
Trappen noch keineswegs aach eine gleiche Kampfstärke reprä- 
sentirt. 

Spricht man von einem solchen Institat, wie die Yolksmiliz, 
so mass man besonders das im Aage haben, dass es soviel als 
möglich in Friedenszeiten keine Last für das Yolk sei. Ich bin 
davon überzeugt, dass, wenn den localen Bedingungen in richtiger 
Weise Kechnung getragen wird, die Volksmiliz sogar in keiner 
Hinsicht eine Last sein würde, sondern im Gegentheil die jungen 
Leute interessiren und sie anziehen, zugleich aber auch den Geist 
des Volkes heben würde. Nur muss die Dienstzeit in der Miliz 
kurz sein, meiner Meinung nach etwa dreijährig. 

Diejenigen Gebiete, in denen ihrer politischen Beschaffenheit 
wegen das Institut der Volkstmppen nicht eingeführt werden kann, 
dtkrfen aber nicht aus dem Grunde ein Privilegium gemessen, weil 
man sich nicht vollständig auf sie verlassen kann. An Stelle der 
Volksmiliz könnte für sie eine ergänzende, der Last dieser Leistung 
entsprechende Eekrutenaushebung Platz greifen. 

Die Hauptfrage besteht darin: soll die Volksmiliz ausgebildet 
werden und wie soll das geschehen? 

Auf eine Yolkskraft rechnen, welche nicht bei Zeiten ausge- 
bildet worden, kann zu Nichts führen. Für mich ist das ein 
Axiom, welches direct aus der Bestinmiung dieser Kraft entspringt. 
Die Volksmiliz würde niemals ein wirkliches, zum offenen Kampfe 
taugliches Heer werden; sie könnte freilich in kleinen Abtheilungen, 
bataillonsweise etwa, den activen Regimentern zugetheilt werden, 
sie könnte als vorzügliche Kraft selbst gegen minder bedeutende 
Landungstruppen, welche immer im fremden Lande, wie ein Kind 
im Dunkeln, behutsam auftreten, verwandt werden; sie könnte 
nicht ganz zuverlässige Provinzen unterm Drucke halten, Festungen 
besetzen u. dgl. m.; zu allem diesem ist eine uneingeübte Volks- 
miliz sehr wohl fähig und verwendbar, zu mehr aber nicht. Die 
Volksmiliz erst dann zur Verstärkung der activen Massen einbe- 
mfen, wenn der Krieg schon in hellen Flammen wüthet, wenn der 
Feind bereits die Oberhand gewonnen hat, hiesse folglich sich 
selbst aus freien Stücken Sand in die Augen streuen, das Geld 
wegwerfen und das Volk ohne wesentlichen Nutzen der Arbeit 
entziehen, denn die Volksmiliz wird niemals eine vom stehenden 
Heere verlorene Sache wiedergewinnen. Die natürliche Aufgabe 



» I 



76 

der Volksmiliz ist, wie die einer jeden Landwehr oder Miliz, im 
Inneren des Reichs überall, wo es möglich ist, die activen Truppen 
zn ersetzen, damit diese letzteren nicht von ihrer directen Auf- 
gabe, von dem Kampf mit dem Feinde, abgezogen werden. !Ein 
Krieg wird aber heutzutage rasch abgespielt und beinahe der 
allerwichtigste Moment desselben ist gerade der Anfang. Folglich 
gilt es gerade zum Anfang stark zu sein, d. h. also schon vor 
dem ersten Schuss die activen Truppen überaU, wo man nur irgend 
kann, zu ersetzen. Ich glaube nicht erst beweisen zu müssen, 
dass man eine Yolksmiliz nicht erst vor dem ersten Schuss ans 
Nichts schaffen kann, es sei denn, dass man die Rüstungen znm 
Kriege auf ein ganzes Jahr ausdehnte, was nur kein Gegner ge^ 
schehen lassen wird. 

Also, ganz abgesehen noch von der Qualität der Volksmiliz, 
besteht unser erstes Erforderniss darin, dass die Volksmiliz ein 
permanentes Staatsinstitut werde, dass die Listen derselben bei 
Zeiten angefertigt werden, dass die Volksmiliz ihre eigenen Officiere 
und Unterofficiere habe, dass für sie bestinmite locale Waffen- und 
Munitionsdepots, wenigstens in jedem Gouvernement eins, in Be- 
reitschaft seien, denn nur dann allein wird man sie zur rechten 
Zeit einberufen und wohin es gerade erforderlich ist dirigiren 
können. 

Sodann entsteht aber die Frage, ob man die Mannschaft der 
Miliz in Friedenszeiten einüben soll? Einige sagen „Nein" und 
berufen sich darauf, dass die Milizbataillone 1855 auch unans- 
gebildet befriedigend gewesen. Befriedigend sein ist aber sehr 
relativ und ausserdem darf man nicht vergessen, dass die Erbit- 
terung des Volks gegen den Feind, welcher Sebastopol bombar- 
dirte, den Eifer der Milizbataillone mächtig anschürte, was dagegen 
im Jahre 1853, gerade zu der Zeit, als die Volksmiliz eigentlich 
hätte einberufen werden müssen, um den Krieg ordentlich, wie es 
sich gebührte, anfangen zu können, keineswegs der Fall gewesen 
wäre; endlich darf man auch nicht übersehen, dass die Volksmiliz 
von 1855 nicht die heutigen Gewehre, deren Handhabung beson- 
ders erlernt werden mnss, hatte, sondern die alten Flinten mit 
Fenerschlössem. Meiner Meinung nach muss Alles, was zum Er- 
folg des Krieges beitragen kann, als nothwendig angesehen werden, 
wenn es nur überhaupt ausfährbar erscheint, denn es handelt sich 
hier um Sein oder Nichtsein. In dieser Hinsicht halte ich aber 



77 

alles das für ausführbar, was über die gegenwärtigen Grenzen des 
Militairbadgets nicht hinansgeht. Alles was nöthig ist, um im 
nächsten Kriege zu siegen und im gegenwärtigen Budget unter- 
gebracht werden kann, muss gethan werden. Weiter soll dann 
gezeigt werden, durch welche Ersparnisse bei yerschiedenen Posten 
die Ausgaben für die Yolksmiliz gedeckt werden könnten. 

Das Aufistellen eines Systems fftr die Organisirung und Aus- 
bildung der Yolksmiliz ist selbstverständlich eine sehr complicirte 
Sache, welche eine Unzahl der mannigfachsten Erwägungen erfor- 
dert und welcher daher nur eine Versammlung von erfahrenen 
Militairs und Y^rtretem des Landes gewachsen sein dürfte. Sehen 
wir jedoch von den Einzelnheiten -ab, so kann bei uns nur eine 
von den folgenden vier Formen adoptirt werden: 

1) Alle drei Altersklassen (oder wie viele deren angenommen 
werden mögen) der Yolksmiliz, welche zu einem Bataillon (Druschina) 
gehören, an einem Ort im Centrum des respectiven Bezirks (wovon 
weiter unten die Bede sein wird) jährlich während einer kurzen 
Frist, z. B. drei Wochen lang, einzuüben. 

2) Nur die jüngste Altersklasse allein, dafür aber während 
einer längeren Zeit, etwa anderthalb Monate lang, zu üben. 

3) Die Leute compagnieweise (d. h. in einem Rayon von 
nicht mehr als 30 — 40 Werst im Durchmesser) zwei bis drei 
Mal jährlich während der Feiertage auf einige Tage einzuberufen. 

4) Endlich die Leute im Frieden gar nicht einzuberufen, son- 
dern nur Listen über sie zu führen. 

Meiner Ansicht nach ist das letzte System nur die vöUige 
Abwesenheit eines jeden Systems. Freilich ist es ja immer noch 
besser eine vorher registnrte, wenn auch nie einberufene Yolks^ 
miliz zu haben, als gar keine. Damit aber dieselbe zum Anfang 
des Krieges bereit sei, wird es nichts desto weniger doch nöthig 
sein, dass der Einzelne schon vor diesem Moment mit seinem Ge- 
wehr umzugehen weiss, denn sonst wird die flinte verdorben sein, 
noch ehe ein Schuss aus ihr gefallen; die Handhabung des Gre- 
wehrs ist aber gerade der wunde Punkt bei dem gemeinen I(ussen. 
Selbst wenn es auch nicht viel Zeit erfordert das zu lehren, so 
würde es doch im Augenbliek der Einberufung, die am Anfang 
des Krieges nothwendigerweise rasch vor sich gehen muss, auch 
an dieser kurzen. Zeit gebrechen. Uebergiebt man schnellschiessende 
Gewehre Leuten, die nicht einmal wissen, mit welcher Hand sie 



78 

dieselben anfassen sollen, and fährt man dann diese Lente so> 
fort an das andere Ende von Rassland, — was soll da aas die- 
sen Gewehren werden? Später könnte man dann freilich die Miliz- 
bataillone, wenn aach erst nachdem sie bei ihren Standquartieren 
angelangt sind, ordentlich einüben, — bevor man aber an vielen 
Punkten die activen Truppen durch sie ersetzen kann, mttssten 
sie doch eine einigermassen kampffähige Kraft repräsentiren, was 
jedoch von Soldaten, die nicht einmal eine Flinte zu laden ver- 
stehen, nicht zu erwarten ist. Daher kann man denn wohl Die- 
jenigen, die einmal in die Listen der Miliz eingetragen worden 
sind, nicht ganz ohne jegliche Ausbildung lassen, und es bleibt 
nichts übrig als die Wahl unter den drei vorhergehenden Sy- 
stemen. 

Für das beste System halte ich das erste: die jährliche Ein- 
berufung aller drei Altersklassen eines Milizbataillons an einen Ort 
für die Zeit von drei Wochen. Die Leute würden sich an die 
Waffe gewöhnen, mit einander bekannt werden und ihre Vorgesetz- 
ten kennen lernen; auch der Wetteifer würde grösser sein. 

Auch das zweite System ist möglich: die Einberufung der 
jüngsten Altersklasse auf 5 oder 6 Wochen. Eine derartige Ein- 
berufung würde sowohl dem Staat wie der arbeitenden Klasse 
billiger zu stehen kommen, freilich würde dann aber auch viel 
weniger erreicht werden. 

Endlich wäre auch die Einberufung der Leute aus den benach- 
barten Dörfern während einiger Feiertage vollkommen genügend, 
wenn nämlich das Scheibenschiessen bei uns ebenso eine Volks- 
belustigung wäre, wie z. B. der Faustkampf; an einem Tage wür- 
den es dann die Leute lernen mit den neuen Flinten umzugehen. 
Unter den obwaltenden Verhältnissen müsste man jedoch die Flin- 
ten in jedem Jahre mehrere Male an die einzelnen Rayons ver- 
senden, oder aber sie zum Verderben in den Händen der Leute 
lassen. Das Eine wäre so unpraktisch als das andere. Man wird 
also wohl bei dem ersten oder bei dem zweiten Modus der Ein- 
berufung bleiben müssen. 

Die Kosten der jährlichen Einberufung aller drei Altersklassen 
der Volksmüiz auf drei Wochen — im Ganzen 480,000 Mann — 
würden folgende sein. 

Die Ausgaben für den Unterhalt der Leute würden sich nur 
auf 21 Tage beziehen und brauchten sich auf keine Wegekost- 



79 

gelder zn erstrecken, da die Leute nach der Ausdehnung der 
Bataillonsbezirke in einem Tage oder in zwei den Sammelplatz 
erreichen würden (citiren doch die Polizeibehörden fortwährend 
die Leute auf solche Distancen, ohne sie irgendwie zu ent- 
schädigen). 

Ein dreiwöchentlicher Unterhalt würde 2 Rubel per Mann 
zu stehen kommen, — im Ganzen also 960,000 Ebl., die Gage 
der Officiere 360,000 Rbl.; die Instructoren aus den Untermilitairs 
würden gar nichts kosten, weil man mit diesem Geschäft die 
Reserveabtheilungen betrauen könnte (wie man weiter unten sehen 
wird). Für Material zu praktischen Schiessübungen 260,000 Rbl. 
Für Remonte der Gewehre, der Ranzen und Patrontaschen, welche 
nur drei Wochen im Jahr in den Händen der Leute sind, 1 Rbl. 
20 Kop. per Mann gerechnet, 576,000 Rbl.; für Stroh, Beleuch- 
tung und Holz (in der warmen Jahreszeit) 50 Kop. per Mann, 
240,000 Rbl.; für die Behandlung der Kranken (für solche junge 
Leute, die auf drei Wochen zusammenkommen, sind keine förm- 
lichen Kriegshospitäler erforderlich, sondern einfache Kranken- 
stuben genügend) nehmen wir 25 Kop. per Mann an, macht 
120,000 Rbl., also im Ganzen 2,456,000 Rbl.*), rechnen wir in 
runder Summe 2V2 Millionen. Montirungsdepots braucht man 
gar nicht. Es wäre sogar sehr gut, wenn man von der Volks- 
miliz auch beim Ausrücken an die Grenzen keine strenge Unifor- 
mität verlangte, sondern sich mit irgend einem allgemeinen Ab- 
zeichen für jedes Milizbataillon begnügte. 

Die Einberufung der jüngsten Altersklasse allein auf andert- 
halb Monate würde ungefähr auf 2 Millionen Rubel zu stehen 
kommen. 

Es bleibt uns nur noch übrig zuzusehen, in wie weit das Volk 
durch solche Uebungszeiten der productiven Arbeit entzogen wird. 
Die allerunproductivste Entziehung von der Arbeit ist aber vor 



*) Die gegen eine stehende Yolksmiliz laut gewordenen Stimmen 
in der rassischen Militairliteratnr haben die Unkosten derselben auf eine 
ganz ungeheuerliche Ziffer berechnet. Diese Abschätzung kann jedoch 
nicht als eine nüchterne, sachliche gelten, da sie gelegentlich der Polemik 
gemacht worden ist. Eine ohne allen Zusammenhang mit der ganzen 
übrigen Militairorganisation eingeführte Yolksmiliz würde natürlich sehr 
theuer zn stehen kommen; bewahrt man jedoch diesen Zusammenhang, 
so werden die Unkosten die oben angegebene Ziffer nicht übersteigen. 



80 

Allem diejenige, welche ihren Zweck yerfehlt, und es ist folglich 
weit hesser 30,000 Mann mehr unter den Waffen zu halten (so- 
yiel heträgt ungefähr die nach dem JahreseontiDgent berechnete 
monatliche Einbernfong der Yolksmiliz) und dabei stark zu sein, 
als ohne dieselben eben nicht stark genug zu sein und dennoch 
jährlich 800,000 Mann der Arbeit zu entziehen* Zweitens kann 
man, wenn man über eine Yolksmiliz von einer halben Million 
disponirt, sehr viele locale Truppen auflösen, wie weiter unten 
gezeigt werden soll, und würde dann als Resultat nicht einen Aus- 
fall, sondern einen reinen Gewinn fttr die Staatskasse und die 
Productionskräfte des Volks erhalten. Drittens endlich müsste die 
Einberufung der Miliz in den verschiedenen Gegenden Rnsslands 
den localen Eigenthümlichkeiten Rechnung tragen, denn in allen 
Gegenden giebt es bei uns eine Zeit, in der die Arbeit beinahe 
gar nichts einträgt. 

Ausser der eigentlich russischen Yolksmiliz müsste dann, 
natürlich auf etwas veränderter Grundlage, auch in Tranakaukasien 
die Yolksmiliz eingeführt werden. 

Bei dieser TJebersicht der wichtigsten Grundla^ai, auf denen, 
meiner Meinung nach, bei uns eine Yolksmiliz eingeführt werden 
kann, sind viele Momente unerwähnt geblieben, welche zwar v<hi 
wesentlicher Bedeutung für das Institut sind, deren BeaprechuBg 
jedoch nur im Zusammenhang mit der Organisation der activen 
Truppen klar werden kann. Davon also später. 

Zum Schluss wiederhole ich es : Rusalands bewaffnete Yolks- 
kraft ist nicht die Erfindung irgend eines Einzelnen. Im Laufe 
eines halben Jahrhunderts haben sie die Verhältnisse bereits drei 
Mal aus dem Kern des Volkes hervorgerufen, fast wäre es das 
vierte Mal geschehen und es wird unbedingt jedes Mal wieder 
geschehen, sobald Russland in einen ernstlichen Ejrieg verwickelt 
wird. Die Möglichkeit sich in dieser Weise der Volkskraft zu 
bedienen ist ein mächtiger und ausschliesslicher Vorzug unseres 
Vaterlandes vor dem übrigen Europa; das Bedürfniss nach dieser 
Kraft ist bei uns dringender als irgend sonst wo, weil unsere 
Flotte relativ schwaeh und die Aufgabe, die endlosen Dünensionen 
der russischen Grenzen allein nur mit dem stehenden Heere, 
welches eine ganz andere Bestimmung hat, zu schützen, eine den 
gegebenen Kräften nicht entsprech^de ist. Aus der Möglichkeit 
und dem Bedürfniss, welche beide in gleichem Mass vorhanden 



81 

sind, resultirt die Nothwendigkeit. Um sich aber auf die Yoiks- 
miliz vollkommen verlassen zu können, moss sie permanent and 
ordentlich organisirt sein, denn sonst wtkrde sie eine Elementar- 
kraft bleiben, niemals zur rechten Zeit fertig sein und keinen den 
Ausgaben, die ihre plötzliche Organisirung erfordert, entsprechenden 
Nutzen bringen. Ich sage nochmals: die Yolksmiliz kann nicht 
die Kriegsmacht Busslands bilden, sie repräsentirt aber dasjenige 
Ersatzmittel, ohne welches Bassland niemals eine seinen Aufgaben 
und seiner Weltstellung entsprechende Kriegsmacht aufstellen könnte. 



Fadejew, Russlands Kriegsmacht. Q 



L - 



"^uxUs §ttpifef. 



Die Infanterie. 

Es ist im zweiten Gapitel bemerkt worden, dass unsere ans 
47 Infanteriedivisionen bestehende active Armee, selbst bei einer 
organisirten Yolksmiliz, noch immer nicht zahlreich genug ist, 
d. h. den politischen Aufgaben Russlands nicht entspricht. 

Die Yolksmiliz ist dazu nöthig, damit die active Armee auf 
dem Kriegsschauplatz concentrirt werden könne, sie repräsentirt 
aber nicht schon an und für sich eine Macht bei einem inter- 
nationalen Conflict; sie ist der Schild, aber nicht das Schwert des 
Staates. Die internationale Macht Busslands liegt, wie auch bei 
jedem anderen Staat, in dem stehenden Heere. 

Wir befinden uns in einer exclusiven Lage; wir sind zu 
stark, als dass Jemand allein mit uns anbinden würde, und können 
daher nicht, wie jeder andere Staat, unsere Rüstungen nach den 
Dimensionen eines Einzelnkampfes bemessen; kommen wir zu einem 
Kriege, so wird es entschieden ein Krieg gegen eine Coalition 
sein. Im Jahre 1863 hätte das einzige Wörtchen „Ja" von Seiten 
der österreichischen Regierung genügt, um ein Bündniss zwischen 
Frankreich, Oesterreich, Italien, der Türkei und Schweden gegen 
uns zu realisiren. Damals ging der Sturm vorüber, aber er kann 
sich von neuem erheben. Wollen wir diese nicht zu Stande ge- 
kommene Coalition als Basis annehmen und dabei sehen, was für 
organisirte Kräfte wir derselben entgegenstellen könnten, wenn 
wir, ausser der gegenwärtigen activen Armee, noch über eine 
organisirte Yolksmiliz verfügen. 

In diesem FaU würden wir, da wir ausser dem Landkrieg 
auch noch einen Seekrieg hätten, genöthigt sein die Grenzprovinzen 
des Reichs ebenso stark wie im Jahre 1855 zu besetzen. Wir 



83 

haben bei der oben ausgeführten Berechnung gesehen, dass znm 
Schutz der Grenzen, unter ähnlichen Umständen, noch sechs- ste- 
hende Divisionen ausser der Yolksmiliz, als Reserve derselben, 
nöthig sind. Bringt man von den 47 Infanteriedivisionen 6 für 
die Grenzprovinzen, 6 für den Kaukasus und mindestens 7 für 
die Donau in Abzug, so würden für die grosse active Armee an 
der Weichsel, welche das Geschick des Krieges zu entscheiden 
hätte, 28 Divisionen übrig bleiben — nach Abzug von 15 Proc. 
von der Etatstärke — gegen 340,000 Kämpfer aUer Waffen- 
gattungen, also gerade soviel, wieviel nöthig wäre um bei einem 
Einzelnkriege mit Oesterreich oder Preussen ein Gleichgewicht 
der Kräfte herzustellen, aber nicht im entferntesten hinreichend 
zu einem Kampf gegen eine Coalition. 

Bei einem Kriege mit einem einzelnen Gegner hätten wir die 
Grenzen nicht so stark zu besetzen nöthig und der ganze Best 
der Defensivtruppen würde als Verstärkung der grossen activen 
Armee zu gute kommen, welche auf diese Weise zu einem be- 
trächtlichen Uebergewicht über die feindliche Armee gebracht 
werden könnte. Daraus geht also hervor, dass die Bildung einer 
Volksmiliz, wenn das stehende Heer nicht zugleich auch verstärkt 
wird, nur im Fall eines übrigens höchst unwahrscheinlichen Ein- 
zelnkrieges den Bedürfnissen entsprechen würde. 

Unter solchen Umständen, wie sie das Jahr 1863 hätte fügen 
können, hätten wir nicht weniger als 600,000 Mann Soldaten an 
der Weichsel uns gegenüber gehabt. Selbst wenn wir sogar über 
eine organisirte Volksmiliz, die bis jetzt bei uns nicht existirt, 
verfügten, wir könnten doch, bei der gegenwärtigen Stärke unserer 
stehenden Armee, solchen Kräften nicht viel mehr als die Hälfte 
derselben gegenüberstellen, so dass es also eigentlich vernünftiger 
wäre sich ganz ohne Krieg zu ergeben. Um für alle Fälle sicher 
zu sein, muss das russische Reich über ein stehendes Heer von 
mindestens 60 Divisionen verfügen. Dann würde die grosse West- 
armee nicht, nach dem oben angeführten Betrag der Kräfte, aus 
28 Infanteriedivisionen bestehen, sondern aus 41, so dass man, 
nach Abzug von 15 Proc. von der Etatstärke, nicht weniger als 
eine halbe Million Soldaten aller Waffengattungen annehmen 
könnte, eine Macht also, welche genügen würde, um der feind- 
lichen das Gleichgewicht zu halten, namentlich aus dem Grunde, 
weil unter solchen Umständen eine gleichartige, dem Willen Eines 

6* 



84 

gehorchende Masse gegen anfangs unconcentrirte Verbündete ver- 
schiedener Zungen operiren würde. 

Die Möglichkeit unsere active Infanterie auf eine solche Zif- 
fer hinaufzubringen, ohne das Militairbudget in Friedenszeiten zu 
erweitem und ohne die Kampftüchtigkeit des Heeres zu schmalem, 
unterliegt gar keinem Zweifel 

Vor Allem müssen säxnmtliche lokalen Infanterietruppen zu 
activen umformirt werden; neben den neuen, den heutigen that- 
sächlichen Verhältnissen entsprechenden Einrichtungen ist nämlich 
gegenwärtig noch sehr viel aus alten Zeiten übrig geblieben, was 
den anerkannten Erfordernissen direct widerstreitet, deshalb aber 
fortexistirt, weil die Berechnung der Kriegsmittel Busslands aus- 
schliesslich auf dem stehenden Heer basirt ist, obschon die Er- 
fahrung gelehrt hat, dass unser Vaterland in keinem ernsten Kriege 
die Volkskraft wird entmissen können. Da man in Friedenszeiten 
nicht in richtiger Weise dieses Ersatzmittel im Auge hat, so ist 
man genöthigt für den Kriegsfall verschiedene Abtheüungen zu 
unterhalten, die man anderenfalls entbehren könnte. Ein grosser 
Theil derselben könnte aufgelöst werden, wenn nicht die Frage 
dazwischenträte: wodurch sie ersetzen, wenn der Krieg die vor- 
handenen Kräfte abruft? — eine Frage, welche bei einer gesetz- 
lich bestehenden Volksmiliz nicht vorkommen könnte. Zu solchen 
Abtheilungen und Kategorien des militairischen Dienstpersonals 
gehören : die Festnngsregimenter, die kaukasischen Linienbataillone, 
die innere Wache, ein Theil der Gamisonsartillerie (mit Ausnahme 
der ersten Geschütznummem), das Fuhrwesen, die Fahrer und 
Fuhrleute in den Parks, und fast sänmitliche Nichtcombattanten, 
darunter auch die Denschtschiki (Oi^ciersbedienung). Man sieht, 
zu welcher enormen Erspamiss in Friedenszeiten man es bringen 
kann, wenn man nlir das bei der Hand hat, womit man alle diese 
Kategorien beim TJebergang auf den Kriegsfuss ersetzen könnte. 

Vor Allem muss bemerkt werden, dass alle nicht activen, 
lokalen Truppen immer Truppen geringerer Qualität zu sein pflegen, 
erstens deshalb, weil die besseren Elemente, namentlich in Bezug 
auf die Officiere, durch die Kriegstruppen absorbirt werden; zwei- 
tens deshalb, weil auf die lokalen Truppen immer weniger Sorg- 
falt verwandt zu werden pflegt, da von ihnen auch nicht soviel 
verlangt wird; drittens, weil sie sich selbst als die unterste Kate- 
gorie betrachten, und da der Mensch vor Allem ein sittliches 



85 

Wesen ist, so kann er sich in der Wirklichkeit nie höher, als 
seine eigene Meinung von ihm selbst ist, erheben. Active Truppen 
sind zu Allem brauchbar; lokale Truppen dagegen sind nur allein 
zu ihrem speciellen Zweck zu gebrauchen. Es unterliegt sogar 
keinem Zweifel, dass sie alle nur sehr wenig taugen. Früher 
kosteten sie weniger als die anderen, weil sie auf geringeren Unter- 
halt gesteUt waren, und darin bestand auch der einzige Grund 
ihrer Existenz, denn wozu hätte man sonst absichtlich Truppen 
niedrigerer Qualität, die nur zu einem bestimmten Zweck brauch- 
bar sind, formirt, wenn man för dasselbe Geld gute Truppen, die 
jeder Aufgabe gewachsen sind, hätte unterhalten können. Gegen- 
wärtig sind die lokalen Truppen den activen hinsichtlich des Unter- 
halts gleich gestellt ; man hat nur noch die Oekonomie beibehalten, 
dass bei denselben kein Train unterhalten wird. 

Eine willkührliche, durch die Nothwendigkeit nicht bedingte 
Theilung einer Waffe, wie die Linieninfanterie, in verschiedene 
Kategorien, ist nur geeignet die Armee unnütz zu zersplittern. 
In allgemeinen Umrissen kann man wohl angeben, wie viel Kräfte 
im Kriege, auf diesem oder jenem Kriegsschauplatz nöthig sein 
werden; die Aufstellung derselben an Ort und Stelle lässt sich 
aber niemals früher bestimmen; es ist also weit besser, dass jedes 
auf dem Kriegsschauplatz anwesende Bataillon überall, wo es nö- 
thig ist, verwandt werden kann. In einem so ausgedehnten Staat, 
wie Russland, macht sich natürlich bisweilen irgendwo ein aus- 
schliesslich lokales Truppenbedürfniss geltend; an den wüsten 
Grenzstrecken des Reichs würde man z, B. einzelne Bataillone zur 
Besetzung der weit auseinander liegenden einzelnen Orte formiren. 
In Sibirien und im Orenburgschen Gebiet entspricht daher die 
Eintheilung der Infanterie in Linienbataillone dem Bedürfhiss. 
Gar keinen Zweck kann es dagegen haben mitten unter einer 
Masse activer Truppen einen vollständig abgesonderten Complcx 
lokaler Truppen, wie es die kaukasischen Linienbataülone *) sind, 
zu halten. 37 solcher Bataillone, also drei Infanteriedivisionen, 
sind in lokale Garnisonstruppen verwandelt, welche in der Ge- 
sammtsumme der Kriegskräfte der Armee gar nicht mitzählen, 



*) Die Zahl dieser Bataillone ist gegenwärtig verringert, ich be- 
rücksichtige jedoch den Betrag der Kräfte, wie er zum 1. Januar 1868 
existirte. 



86 

und zwar nicht nur deshalb, weil sie wegen des Mangels eines 
Trains nicht von der Stelle bewegt werden können, sondern noch 
yielmehr deshalb, weil sie, ihrer überaus niedrigen Qualität wegen, 
nur sehr wenig zum Kriege taugen, obgleich sie ebenso viel wie 
die allerbesten Regimenter kosten. Dass bei der kaukasischen 
Armee eine solche Menge rein lokaler Truppen besonders existirt, 
ist nicht nur gegenwärtig nicht nöthig, sondern ist sogar niemals 
nöthig gewesen; die Formirung derselben war vom ersten Tage 
an ein Fehler. Als wir im letzten Ttlrkenkrieg genöthigt waren 
mit 7000 gegen 50,000 zu kämpfen, so wurden dennoch viele 
an ihrem Platz vollständig unntltzen Linienbataillone gar nicht 
einmal von der Stelle gerührt. Es ist längst hohe Zeit die 37 
kaukasischen Linienbataillone in drei active Divisionen umzubilden. 
Dann wird man sie auch gleich am Anfang des Krieges dahin, 
wo es erforderlich ist, placiren und die Garnison durch innere 
Miliztruppen ersetzen können, was gegenwärtig, soviel Volksmiliz 
auch zur Stelle sein mag, unmöglich wäre, da diese Bataillone, 
ihrer Organisation gemäss, unmobil und, ihrer Qualität nach, 
im Kriege nicht besonders zuverlässig sind. Veranschlagt man die 
für Bussland erforderlichen Streitkräfte auf 60 Infanteriedivisionen, 
so würde die Formirung dreier activer Divisionen aus den kau- 
kasischen Linientruppen, ohne dass auch nur ein einziger Mann 
mehr zum Kriegsetat hinzukäme, jedenfalls mit in Rechnung zu 
bringen sein. 

Das gegenwärtige Kriegsministerium hat bereits einen ent- 
schiedenen Schritt in dieser Richtung gethan. Die iinnländischen 
Linienbataillone sind bereits zu activen Regimentern umformirt; 
es wäre äusserst wünschenswerth, dass diese Umgestaltung auch 
auf den Kaukasus ausgedehnt würde. Dann würde man auch 
gleich zu Anfang der Action, je nach den Bedürfnissen des Augen- 
blicks, die man früher nicht vorausbestimmen kann, die Truppen 
vertheilen können. 

Es ist ebenfalls klar, dass mit der Organisation der Volks- 
miliz auch die Festungsregimenter, mit Ausnahme kleiner lokaler 
Commandos, unnütz werden. In Friedenszeiten können die Festun- 
gen, wie überall in Europa, von Feldtruppen besetzt werden; im 
Kriege würde dann die Volksmiliz ihre Stelle vertreten. Die Vor- 
bereitungen zu einem grossen Kriege geschehen nicht an einem 
Tage; die bei Zeiten organisirte Volksmiliz kann zu derselben Zeit 



87 

mberafen und an ihre Bestimmungsorte vertheüt werden, während 
die terminlosen Urlauber sich bei den activen Regimentern ein- 
stellen. Die Ausrüstung der Yolksmiliz wird dann schon an Ort 
und Stelle completirt werden können. Auf diese Weise haben 
wir noch eine Division. 

Der grösste Theil der gegenwärtigen Gouyernements-Batainone 
wird lediglich; nur fOr den Fall unterhalten, damit beim Abrücken 
der Feldregimenter zur Grenze Jemand da sei, der die Wachen 
beziehen könnte. Ihre Existenz erscheint aber beim Vorhanden- 
sein einer legalen Yolksmiliz zu diesem Zweck ganz überflüssig. 
Wenn man je 100 Mann (einen Zug) von jedem Milizbataillon 
(Druschina) abtheilt, so erhält man 48,000 Mann (die Stärke der 
gegenwärtigen Gouvernements-Bataillone) zur Besetzung der inneren 
Wachtposten. Bei einer organisirten Yolksmiliz wird man diese 
inneren Bataillone an solchen Orten, wo gewöhnlich Feldtruppen 
zu stehen pflegen, sämmtlich eingehen lassen können. 

Aber auch selbst die Organisation unserer inneren Wache, 
so sehr sie auch in letzterer Zeit verbessert worden ist, ruft viele 
Bedenken hervor. Die Bestimmung dieser Truppen ist* die Ruhe 
im Innern aufrecht zu erhalten. Sie haben viererlei Obliegenheiten 
zu erfüllen: 1) Unruhen zu unterdrücken, 2) Solche, die die öffent- 
liche Sicherheit mittelst Gewalt gefährden, zu verfolgen, 3) die 
Gefängnisse zu bewachen und Arrestanten zu escortiren und 
4) in den Städten die Wachen zu beziehen. Die ersten drei Ob- 
liegenheiten sind in ganz Europa den Gensdarmen übertragen. 
Wer weiss es nicht, dass unsere innere Wache, welche aus Sol- 
daten zweiter Kategorie, d. h. nahezu aus untauglichen Soldaten 
besteht, zu solchen Zwecken beinahe total unbrauchbar ist. Diese 
Unbrauchbarkeit balancirte man bis hierzu allein dadurch, dass 
man die Qualität durch die Quantität ersetzte, d. h. also drei oder 
gar vier Garnisonssoldaten hinstellte, wo ein einziger guter Gensdarm 
genügt hätte. 

In den hauptsächlichsten europäischen Staaten ist die Zahl 
der unsere innere Wache ersetzenden Gensdarmen und bewaffneten 
Polizisten fönende: 

In Frankreich .... 24,791 Mann. 
In Oesterreich .... 12,432 „ 
In ItaUen 21,236 „ 



88 

IMe iimere Wache bestand noch vor Kurzem bei nns aas 
140,000 Mann. Obgleich sie gegenwärtig schon in sehr bedeutendem 
Grade durch active Truppen ersetzt wird, so umfasst sie dennoch 
auch jetzt noch 53 Bataillone nnd 606 verschiedene Commandos, 
deren Stärke im Jahre 1864 (nach der zuletzt veröffentlichten 
Rechenschaft, in welcher die Stärke der inneren Wache ange- 
geben war) 94,000 und mit den Gensdarmen 100,000 Mann be^ 
trug. Würden die 34 Gouvernements-Bataillone von der voU^i 
Stärke auf den Cadrebestand redncirt werden, so könnte man diese 
Ziffer gegenwärtig wahrscheinlich auf 80,000 vermindern. 

Das anfangs durch die Bauernemancipation hervorgerufene 
Yagabundiren hat sich gegenwärtig bereits gelegt und man wird 
wahrscheinlich nunmehr gegen das freie russische Volk nicht mehr 
so oft bewaffnete Executionen vorzunehmen haben. Aber selbst 
in früheren Zeiten, als solche Executionen öfter vorkamen, jedes- 
mal sobald nur die Unordnungen einen etwas grösseren Umfang 
annahmen, sich z. B. über ein grosses Dorf oder ein Kirchspiel 
erstreckten, erwies sich die innere Wache, so zahlreich sie damals 
war, dennoch zur Unterdrückung solcher Unordnungen als unzu- 
reichend und es mussten Feldtruppen requirirt werden. Aeltere 
Personen können sich genug derartiger Vorfölle erinnern. Unter 
solchen Verhältnissen würden aber 25 gute Gensdarmen ohne Zwei- 
fel weit mehr ausrichten als 100 Invaliden. Beim Vorhandensein 
einer Volksmiliz würde man ausserdem zu einem solchen *Zweck 
immer noch eine entsprechende Milizabtheilung aus anderen Be- 
zirken, in gehöriger Entfernung von denjenigen Gegenden, in denen 
die Unordnungen vorgekommen sind, requiriren können. 

Es ist aUbekannt, dass, ungeachtet 100,000 Mann Bewaffnete, 
denen ausschliesslich die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicher- 
heit obliegt, (und ausserdem noch so und so viel Polizeibeamte) 
im Staate existiren, dennoch die Verfolgung der zum Widerstand 
fähigen Uebelthäter — eine Obliegenheit, die in Europa den 
Gensdarmen übertragen ist — bei uns von unbewaffneten Häschern 
ausgeübt wird. Die 100,000 Gamisonssoldaten betheUigen sich 
daran nicht im Mindesten. Zur Bewachung der Gefängnisse und 
zur Escortirung der Arrestanten ist unsere innere Wache voll- 
kommen unbrauchbar. Die häufigen Verbrechen in unseren Ge- 
fängnissen, die vielen Beispiele von Verbrechern, welche sich so 
leicht der Verfolgung entziehen, liefern genug Beweise für diese 



89 

Wahrheit.*) Zu derartigen Obliegenheiten, wie das^lEinfangen 
und das Bewachen der Arrestanten, bedarf es gewandter][und er- 
fahrener Leute, die in diesen Beruf eingeweiht sind, [echter 
Gensdarmen, welche noch dazu nicht mit Flinten, sondern mit 
Revolvern bewaffnet sind. Wie kann man von einem wache- 
habenden Unterofficier, geschweige denn von einem Soldaten ver- 
langen, dass er alle Kniffe hartgesottener Arrestanten kenne! Wer 
Bur jemals ein europäisches Gefängniss besucht hat, erkennt auf 
den ersten Blick, dass die Beaufsichtigung der Verbrecher in un- 
seren Haftanstalten nur rein äusserlich und vollkommen mechanisch 
geschieht; gerade ebenso ist es auch bei der Escortirung derselben, 
ganz abgesehen davon, dass die Wachen selbst, aus der dem Rus- 
sen angeborenen Gutmtithigkeit, bisweilen aber auch aus eigenem 
Vortheil, den Arrestanten als Vermittler dienen zum Verkehr mit 
ihren in Freiheit gebliebenen Spiessgesellen. Unter solchen Um- 
ständen bleibt nur ein Mittel übrig: die Qualität durch Quantität 
zu ersetzen und zwar die Zahl der Aufseher nicht blos zu ver- 
doppeln, sondern zu verzehnfachen; trotz alledem können aber 
10 Wachtposten, welche also 30 Mann als Schildwachen und 90 
zur Ablösung derselben erfordern, dennoch nicht einige beständige 
und deshalb erfahrene Gendarmen ersetzen. Daher ist denn auch 
die innere Wache, welche niemals Verbrecher einfängt, sondern 
dieselben nur bewacht, bei uns nicht doppelt so stark (wie es im 
Verhältniss zur Bevölkerungszahl sein müsste), sondern viermal 
so zahlreich als die französische, welche sowohl einfängt, als auch 
bewacht, und ausserdem endlich noch Aufgaben politischen Charak- 
ters zu erfttUen hat, von denen die unsrige nichts ahnt. 

Femer liegt es der inneren Wache noch ob, die Wachtposten 
bei gewissen Instituten, wie z. B. bei den Rentkammem u. dgl. 
zu besetzen. Hierbei kann man aber fragen, wer wohl bei eng- 
lischen, nicht gerade militairischen Rentkammem jemals Schild- 
wachen gesehen hat ? Die Bewachung derselben ist einigen zuver- 



*) Als in Transkankasien eine berittene Miliz zum Türkenkriege 
formirt wurde, sagte ich einem Hauptmann derselben, einem Tartaren, 
der ein Commando von 100 Mann unter sich hatte, dass seine Leute im 
Kriege nichts taugen würden. „Das mag wohl bei Anderen der Fall 
sein", antwortete er, „aber nicht bei mir; mein Hundert habe ich aus 
lauter wackeren Kerleh gebildet; das sind lauter aus Sibirien oder aus 
den Gefangnissen entsprungene Sträflinge!" 



90 

lässigen Wächtern und der Polizei anvertrant, and doch kommen 
dabei Diebeseinbrüche bei weitem seltener vor als bei nns. 

Unsere innere Wache lässt sich nicht reorganisiren, denn in 
ihr fehlen dnrchans alle Elemente, aus denen irgend was zu machen 
wäre; sie muss durch ein neues, ebenso ökonomisches wie dem 
Zweck entsprechendes Institut ersetzt werden: wie in ganz Europa, 
durch Gensdarmen. 

Zur Bewachung eines nicht sehr grossen Gefängnisses, in 
welchem nur 10 Schildwachen stehen, bedarf es eines Etats von 
90 Mann ausser den Unterofficieren; während 30, ja sogar we- 
niger, erfahrene Gensdarmen, mit Revolvern in der Tasche, dieses 
Geschäft ohne besondere Anstrengung besorgen können. Gerade 
so ist es auch mit allem Uebrigen. Man kann dreist sagen, dass 
in einer grossen Gouvemementsstadt zur Bewachung der Geföng- 
nisse, der Rentkammem, zur Verfolgung der Strolche hundert oder 
anderthalbhundert tüchtige, erfahrene und bewaffnete Leute, rich- 
tig verwendet, gentigen; ein ganzes Bataillon der inneren Wache 
würde sie nicht ersetzen. Durchschnittlich genügen 25 solcher Leute 
für einen Kreis, wenn man auf diejenigen Kreise, durch welche 
Etappenrouten gehen, mehr, und auf die, durch welche keine gehen, 
weniger rechnet Auf ein mittleres Gouvernement von 10 Kreisen, 
von einer Million Einwohnern, die Gouvemementsstadt mitgerech- 
net, werden nicht mehr als 355 — 375 Mann Gensdarmen kommen. 
Rechnet man für den Bedarf der Hauptstädte und anderer wich- 
tiger Punkte noch ein Uebriges hinzu, so kann man 450 Mann 
annehmen. Mit Ausnahme von Finnland, der Länder der Kosaken- 
heere und der Nomadenvölker, wo keine innere Wache existirt, 
würden für ganz Russland nicht mehr als 30,000 Mann Gensdarmen 
nöthig sein und man könnte sicher jede Garantie dafür über- 
nehmen, dass diese Gensdarmen die öffentliche Sicherheit weit 
besser beschützen werden, als die gegenwärtigen Gamisonstruppen. 
Für ein Gehalt, wie es die freiangeworbenen Polizeidiener erhal- 
ten, könnten die Gensdarmen sowohl aus im Dienst stehenden, als 
aus verabschiedeten Soldaten gebildet werden, wobei aber diesen 
Letzteren genau einzuschärfen wäre, dass sie, solange sie in der 
freiwillig übernommenen Stellung bleiben, auch im Staatsdienst 
stehen und alle Verantwortlichkeit desselben zu tragen haben. 
Das gegenwärtige Gensdarmeriecorps müsste natürlich in der oben 
angegebenen Anzahl mit inbegriffen sein. Endlich könnten auch 



91 

die gegenwärtigen Schntzlente nnd die Polizeimannscliaften in den 
Städten hiermit vereinigt werden; anstatt einiger Dutzend Gami- 
sonsofficiere, die auf ein Gouvernement kommen, wtlrden dann 
ihrer zehn genügen; von einer solchen Anzahl gehörig ausgewählter 
Oensdarmeofficiere würde man dann auch eine überaus nützliche 
Unterstützung der Criminalpolizei, mit der es bei uns noch so 
schwach bestellt ist, erwarten können. Um gute Gensdarmen zu 
bekommen, müsste man die Leute durch einen genügenden Gehalt 
zu diesem Dienst heranziehen. Ausser -den gegenwärtigen bereits 
gesicherten Polizeimannschaften würde die Unterhaltung von 
30,000 Gensdarmen, wenn sie auch doppelt so hoch zu stehen 
käme als die Kosten für gewöhnliche Feldtruppen, doch nur eine 
Ausgabe für 60,000 repräsentiren, nicht aber für 100,000, wie 
gegenwärtig (das Gensdarmeriecorps mitgerechnet). Ausserdem 
wäre das die einzige Waffe, zu der man Freiwillige heranziehen 
könnte, da das hohe Gehalt natürlich zuverlässige Leute anlocken 
würde. Auf diese Weise könnte unsere active Armee verstärkt 
werden durch 37 kaukasische Linien-, 13 Festungs- und 53 Gou- 
vernements-Bataillone, im Ganzen durch 103 Bataillone, d. h. also 
durch 8 Divisionen von je 13 Bataillonen fertiger, vollständig 
formirter Truppen, zu deren qualitativer Verbesserung man nur 
eine Umwälzung im Officiercorps durch Translokationen herbeizu- 
führen nöthig hätte. Die numerische Stärke der 53 neuen, aus 
den derzeitigen Gouvernements -Bataillonen gebildeten activen Ba- 
taillone im Cadrebestand übersteigt nicht 20,000 Mann, d. h. das 
Ersparniss an Leuten, welches sich ergiebt, wenn die gegenwärtige 
innere Wache durch Gensdarmen ersetzt wird (selbst angenommen, 
dass 30,000 Gensdarmen das Doppelte, also so viel wie 60,000 
Mann kosten würden). Die Verwandlung dieser 8 Divisionen in 
active wird die Personallisten des Eriegsministeriums nicht um 
einen Mann vergrössern, denn diese Leute sind ja ohnehin schon 
anwesend (im Gegentheil würde der Aufwand an Menschen, wenn 
auch nicht an Geld, um 30,000 Mann geringer werden). Ein 
Oeldzuschuss würde nur zur Gagirung der neu hinzukommenden 
Divisionsstäbe und zur Unterhaltung von 8 Artilleriebrigaden er- 
forderlich sein. 

Eine solche Umgestaltung kann im Zeitraum eines Jahres 
ausgeführt werden und dann würden wir anstatt der gegenwärtigen 
47 Infanteriedivisionen deren 55 haben. Wir brauchen aber zum 



\i 



92 

aUermindesten 60. Dnrch die Eittlassnng eines grossen Tfaeils 
von Mchtcombattanten, welche zu Kriegszeiten von der Volksmiliz 
ersetzt werden, könnte allerdings ein sehr namhafter Beitrag zn 
den erforderlichen Mitteln beschafiPt werden. Wir wollen jedoch, 
2iVT Vermeidung jeden Streites, annehmen, dass es dazu doch noch 
eines ganz neuen Budgetpostens bedarf. Fünf Divisionen mehr 
im Frieden kann man ohne Erhöhung des Militairbudgets nur 
allein auf Kosten der Verringerung des Personalbestandes der 
activen Truppentheile un^rhalten. Um die Ausgabe zur Unter- 
haltung dieser 5 Divisionen (im Cadrebestand) im Budget unter- 
zubringen, genügt es einige andere Divisionen vom Friedensetat 
oder vom verstärkten Friedensetat auf den Cadrebestand zu redn- 
ciren, was gar keine Schwierigkeiten machen würde. Für die im 
Innern des Reichs stehenden Truppen gelten überall dieselben Be- 
dingungen. Ausser der (gegenwärtig im Friedensetat befindlichen) 
Garde, den 4 kaukasischen Divisionen und den 4 an der west- 
Hchen Grenze (die je nach den Umständen auf den Kriegsfnss 
oder den verstärkten Friedensfuss gesetzt werden müssten), kann 
ein grosser Theil der übrigen Infanterie, wenn nicht gar sämmt- 
liche, auf den Cadrebestand reducirt werden, welcher bereits gegen- 
wärtig für eine erhebliche Anzahl Truppen ohne irgend welche 
Schwierigkeiten eingeführt worden ist. Ohne also die Ausgaben 
zu vermehren und den gegenwärtigen Personalbestand der Armee 
zu alteriren (wenn das nothwendig sein sollte, was ich indess nicht 
glaube), braucht man dieselbe nur in eine grössere Anzahl Regi- 
menter zu theilen, wie das schon im Jahre 1863 geschehen ist, 
d. h. also die Reorganisation von 1863 noch etwas weiter, noch 
auf 5 Divisionen auszudehnen, da die erwähnten 8 Divisionen kei- 
nen Zuwachs, sondern nur eine Umbenennung von todten Kräften 
in lebende repräsentiren. 

Die in einem so grossen Reich wie Russland beständig vor- 
kOBunenden besonderen Umstände veranlassen bald hier, bald dort 
die Truppen zu verstärken und die Bataillone auf höheren Stärke- 
grad zu bringen; die Nothwendigkeit zu derartigen Verstärkungen 
würde jedoch zum grössten Theil durch die Vermehrung der An- 
zahl activer Truppentheile aufhören, weil man dann überall, wo 
es erforderlich werden sollte, anstatt eines Cadrebataillons zwei 
aufstellen könnte. Durch die neuen R^punents- und Divisionsstäbe, 
sowie durch die hinzukommenden Artillerieabtheilungen werden 



93 

die Ausgaben allerdings etwas erhöht; gedeckt aber werden diese 
Ausgaben wieder durch die Oekonomie, welche durch die Auf- 
lösung vieler Abtheilungen gemacht wird, die eben nicht mehr 
nöthig sind bei einer solchen permanenten bewaffneten Yolkskraft, 
welche sämmtlichen vom Staat an sie gestellten Anforderungen zu 
entsprechen vermag. 

Würde es aber auch unter der Bedingung, dass ein grosser 
Theü der Leute nach Hause entlassen wird, möglich sein die 
Truppe auf der erforderlichen Höhe militairischer Ttlchtigkeit zu 
conserviren? Diese Frage gilt übrigens nicht blos den in dieser 
Schrift vorgeschlagenen Massregeln, sondern wesentlich hinsichtlich 
der gesammten bei uns eingeführten Ordnung der Dinge, weil be- 
reits seit einigen Jahren bei mehr als der Hälfte der activen 
Divisionen und bei sämmtlichen inneren Truppen ein grosser Theil 
der Leute nach Hause entlassen wird. Einem solchen Bedenken 
kann man jedoch in keinem Fall mit einer directen Antwort be- 
gegnen. Die verneinende, sowie die bejahende Antwort ist von 
gewissen Bedingungen abhängig: 1) von der Dauer der Dienstzeit 
beim ersten Eintritt in den activen Dienst (denn der Mensch, 
welcher sich in anderthalb oder zwei Jahren, wie in Preussen, 
nicht gehörig in seinen Beruf einlebt, kann sich vortrefflich ein- 
leben in drei oder vier Jahren, wie in Frankreich); 2) von den 
Gefühlen, welche in dem Soldaten für die allgemeine Sache leben, 
sowie auch davon, ob die ganze Armee nur aus einer Nationalität, 
wie z. B. in Preussen, oder ans mehreren, wie z. B. in Oester- 
reich, besteht; 3) davon, wie die terminlosen Urlauber bei der 
Einberufang rangirt werden: ob sie in ihre früheren Begimenter 
oder in andere für sie fremde eingestellt werden; 4) davon, 
ob auch eine genügende Anzahl alter Soldaten als guter Sauerteig 
für die ganze Masse in den Regimentern zurückbehalten worden; 
5) endlich von dem Geist und dem Grade der Ausbildung der 
Officiere. Je nachdem diese Bedingungen obwalten oder nicht, 
kann es vollständig genügen, wenn im Frieden ein Drittel sämmt- 
licher Leute unter der Fahne bleibt, aber es kann auch gänzlich 
ungenügend sein. 

Bei dem gegenwärtig eingeführten System der Disciplin und 
Ausbildung der Truppen, sowie bei der jetzigen Richtung des 
russischen Volks, welche sich mit vollster Klarheit auch bei den 
Bekmten ausspricht, ist ohne Zweifel eine elastische Militairorgani- 



1 



94 

sation bei uns möglich geworden. Bei dem früheren System war 
unser Bekmt ein für immer seiner Familie und seinem heimath- 
lichen Dorf entrissener Mensch, der bisweilen sogar in Fesseln 
und immer unter Wache in die Rekrutirnngsbehörde geführt warde^ 
gekennzeichnet wie ein Arrestant durch einen zur Hälfte rasirten 
Kopf; im Dienst wurde ihm nicht das Kriegshandwerk gelehrt^ 
sondern straffe Haltung und Marschiren, man verlangte von ihm 
Bewegung und sogar Grazie in der Haltung. Für ihn hatten diese 
Dinge natürlich gar keinen Sinn; die Vorgesetzten wussten es 
selbst nicht, wozu sie das trieben, und Hessen sich daher natürlich 
nicht darauf ein dem Soldaten Erklärungen zu geben, sondern 
prügelten ihm das Exercitium mit Gewalt ein. Der dadurch 
völlig verwirrt gemachte und fast um seinen Verstand gebrachte 
gemeine Russe musste, sobald er eingereiht war, das Alles lernen, 
nur nicht vermittelst des Verständnisses, sondern durch mecha- 
nische Gewohnheit; er verstand daher nur das zu thun, was ihm 
gründlich eingebläut worden war und was sich dann so von selbst 
machte, wie es etwa bei einem Menschen im Halbschlaf geschieht, 
der das täglich Gewohnte bewusstlos wiederholt. Es war daher 
sehr natürlich, dass der Rekrut unter solchen Verhältnissen selbst 
nicht einmal in fünf Jahren vollständig zum Soldaten wurde, ja 
kaum erst nach zehn Jahren soweit war; sogar zwischen zehih 
und funfzehi^ährigen Soldaten war ein erheblicher Unterschied zn 
bemerken, so schwerfällig wurde ihnen das Nöthige beigebracht 
Der kaukasische Soldat, von dem ein mehr praktischer, verständ- 
licher Dienst verlangt wurde und den man besser behandelte (in 
Folge der durch den Krieg hervorgerufenen intimeren Beziehungen 
zwischen Vorgesetzten und Untergebenen), erlernte schon damals 
Alles unvergleichlich rascher; wenn es dann vorkam, dass er zu 
den inneren Truppen übergeführt wurde, so begriff er selbst die 
kleinlichen Anforderungen der conventioneilen Eleganz leichter 
als ein Anderer, weil er mehr entwickelt war. Der Zeitraum, in 
welchem der Rekrut ein Soldat wurde, war im Kaukasus bei wei- 
tem kürzer, als im Innern Russlands; die Obrigkeit aber beor- 
theilte die Soldaten nicht nach den im Kaukasus gemachten Er- 
fahrungen. Es galt als Axiom (und man muss gestehen, unter 
den damaligen Verhältnissen mit Recht), dass aus dem russischen 
Rekruten nicht eher als in ftlnf Jahren ein zuverlässiger Soldat 
werde. Dass bei einer solchen Ueberzeugung von einer kürzeren 



95 

Dienstzeit der Soldaten auch nicht die Rede sein konnte, versteht 
sich von selbst Die Bekmten taugten nicht zu einer raschen 
Gompletirung der Abtheilongen; die terminlosen Urlauber aber, die 
schon eine sehr lange Dienstzeit hinter sich hatten and wnssten, 
dass sie in der Fronte fttr jede Kleinigkeit eine barsche Behand- 
lung zu erwarten hätten und dass man sie dort nach dem Mass 
der Grazie, für welche sie schon zu alt geworden waren, abschätzen 
wärde, kehrten überaus ungern in die Reihen zurück uud erwiesen 
sich daher, wie es die Erfahrung zur Genüge gezeigt hat, noch 
weit mangelhafter als die Rekruten. Es blieb somit nichts übrig, 
als sich allein auf die im Dienst stehenden, eingelebten Soldaten 
zu verlassen und selbst im Frieden die activen Truppentheile auf 
mindestens drei Viertel der vollen Etatstärke zu halten. In diesen 
Vorstellungen sind fast alle höheren Officiere unserer Armee er- 
zogen worden. Seitdem aber hat sich Vieles verändert, — die 
Leibeigenschaft hat nicht blos für das Volk, sondern auch für die 
Armee aufgehört, und das Volk weiss das sehr gut ; die Rekruten 
werden nicht mehr in Fesseln geführt und nicht mehr durch das 
Rasiren des Kopfs gebrandmarkt; die Dienstzeit ist verkürzt und 
die factische Präsenz in der Fronte ist sogar noch geringer ge- 
worden; die Körperstrafe ist abgeschafft, die Verpflegung ist besser 
geworden, die Behandlung hat sich verändert; man hat angefangen 
von dem Soldaten im Dienst Dinge zu fordern, die er begreift, die 
ihm nicht eine Last sind, sondern ihn zum Wetteifer anspornen. 
Sind auch alle diese Verbesserungen, namentlich die zuletzt er- 
wähnte, noch nicht vollständig realisirt worden, so sind sie doch 
alle bereits soweit gediehen, dass der Unterschied zwischen dem 
Gegenwärtigen und dem Früheren in die Augen fällt. Eine Folge 
davon war es bereits, dass, als unsere Armee im Jahre 1863 plötz- 
lich nm zwei Fünftel verstärkt wurde, wozu auf ein Mal eine grosse 
Menge Rekruten nöthig war, diese Rekruten frohen Muthes in 
den Dienst traten und, bei verständiger Leitung, schon in zwei 
Monaten nicht nur eine Ehrenwache beziehen konnten, sondern 
sogar gar nicht üble Schützen abgaben. Ungeachtet ihrer Jugend 
führten diese Leute selbst anstrengende Märsche mit Leichtigkeit 
aus. Ein gewaltiger Wetteifer machte sich unter ihnen geltend; 
besonders da, wo Landsleute gruppenweise aus verschiedenen 
Gouvernements in die Regimenter eingereiht worden waren, streng- 
ten diese Gruppen alle Kräfte an, um einander im Dienst zu über- 



96 

bieten: die aus Woronesch leisteten das Aensserste, mn nur nicht 
schlechter zu erscheinen als die aas Tambow. Es begann ein 
ganz neuer Geist in unserer Armee zu wehen. Als im Kaukasus 
drei neue Divisionen formirt wurden, waren die dortigen Officiere, 
welche überhaupt intime zu den Soldaten stehen und für die 
ernste Seite des Dienstes ein besseres Yerständniss haben, als in 
Bussland, erstaunt über die Geschwindigkeit, mit der sich die 
neuen Eekruten entwickelten. In dieser Hinsicht erleichtert jedes 
abweichende Jahr die Aufgabe, indem die neuen sittlichen Vor- 
stellungen, welche durch die Reorganisation des Disciplinarsystems 
und sovieler anderer Dinge in unserer Armee Platz gegriffen 
haben, immer tiefere und tiefere Wurzeln in den Truppen schlagen. 
Früher war der russische Soldat der Leibeigene seiner Vorge- 
setzten, jetzt ist er ein freier, zur Yertheidigung seines Vater- 
landes berufener Mann. Mit den freien Leuten ist auch die Auf- 
gabe eine ganz andere geworden; was dem Soldaten sonst einge- 
bläut werden musste, braucht man ihm jetzt blos zu erklären. 
Gleichzeitig ist es auch möglich geworden den Soldaten ziemlich 
rasch, im Laufe weniger Jahre, auszubilden und ihn sodann für 
den Best seiner Dienstzeit nach Hause zu entlassen. 

Die Eekruten entwickeln sich also gegenwärtig in guten 
Händen unvergleichlich rascher als früher. Ein Jahr nachdem sie 
aus dem Eeservebataillon ins Eegiment getreten, stehen sie hin- 
sichtlich der äusseren Kenntniss des Dienstes nicht im mindesten 
hinter den alten Soldaten zurück; nach zwei Jahren sind sie voll- 
kommen tüchtige Schützen geworden. Durch die Eeimtniss des 
Dienstes allein sind aber noch lange nicht alle Eigenschaften des 
Soldaten repräsentirt, denn ein kriegsgeübter militairischer Körper 
ist nicht blos eine Gruppe miütairisch geschulter Leute. Ausser 
dass er seine Sache beim Exercitium, auf dem Marsch und auf 
dem Wachtposten vollkommen versteht, muss der Soldat auch noch 
vom militairischen Geist so tief durchdrungen sein, dass alle seine 
Anschauungen und Gefühle von diesem Geist geleitet werden, dass 
es ihm zur Gewohnheit wird nur von diesem Gesichtspunkt aas 
Menschen und Dinge zu beurtheilen; dass z. B. der Begriff von 
der Heiligkeit der Fahne, von der mit dem Verlust derselben 
nicht nur für die ganze Abtheilung, sondern für jeden einzelnen 
Mann der Abtheilung verbundenen Schmach, ihm ins Herz ge- 
wachsen ist; dass kriegerisches Verdienst einen unschätzbaren. 



97 

2nit nichts zu vergleichenden Werth in seinen Augen habe; dass 
die auf ihrem Posten eingeschlafene Schildwache in seinen Angen 
nicht nur als ein schuldiger, sondern als ein verächtlicher Mensch 
erscheine u, dgl. m. Dann muss auch der mit seinem Regiment 
yerwachsene Soldat sich der Verdienste desselben rühmen und auf 
eine andere Uniform nur mit einer gewissen Geringschätzung herab- 
sehen; mit einem Wort, das Regiment muss ihm gewissermassen 
zu einer aparten Nationalität, zur zweiten Heimath werden. Alle 
diese Anforderungen lassen sich auf das Eine zurückführen: dass 
es dem Neueintretenden gelingt von der öffentlichen Meinung sei- 
ner neuen Sphäre genügend durchdrungen zu werden. Es versteht 
sich von selbst, dass diese Sphäre auch vorhanden sein muss, dass 
die Truppen auf eine Weise geleitet werden, die es möglich macht, 
dass sich in den Regimentern ein Greist der Gremeinschaft bilden 
und Wurzel schlagen kann. Ist ein solches Ideal auch vielleicht 
nur von seiner äusseren Seite dem jungen Soldaten zugänglich, so 
kann es doch im Moment der Begeisterung so voll in seine Seele 
dringen, dass er dadurch selbst, sei es auch nur für eine Stunde, 
gleichsam zum Veteran wird; die Hauptsache aber ist, dass dann 
der Kriegsdienst, neben der Technik des Handwerks, auch eine 
gewisse sittliche Bedeutung für den Menschen haben wird; der 
tenninlose Urlauber wird sich dann auch im häuslichen Lebens- 
kreise als Krieger fühlen. Ich bin davon überzeugt, und Viele thei- 
len diese Ueberzeugung mit mir, dass, wenn erst die gegenwärtigen 
militairischen Reglements in ihrem wahren Geiste zur Ausführung 
kommen (was dringend verlangt werden muss), der Soldat mit drei 
Jahren im Felddienst, ausser der Vorbereitungszeit in den Reser- 
ven, zu einem solchen Grade des Bewusstseins gebracht werden 
könnte. In einem Jahr würde er seine Sache verstehen, in zwei 
Jahren würden ihm die üblichen Beschäftigungen zur Gewohnheit 
geworden sein, und nach drei Jahren könnte er mit ganzer Seele 
Soldat geworden sein. Bei dem System der Volkstruppen müssten 
diese Truppen aus jungen Leuten im gesetzlichen Alter (etwa von 
20 Jahren) gebildet werden; um diese Zeit pflegen die Eindrücke 
lebendiger zu sein und nachhaltig fürs ganze Leben. Bei den 
höheren Ständen sind das die Jahre für die Universität oder für 
andere höhere Lehranstalten; ein Jeder erinnert sich ja dessen, 
wie tief er von der collegialischen Sphäre dieser Uebergangsepoche 
erfasst worden und wie nachhaltig der Einfluss derselben geblieben. 

Fadejew, Rasslands Kriegsmacht. 7 



98 

Man halte einen solchen Vergleich nicht für seltsam, — er ist 
Yollkommen richtig. Die Kegimentsgenossenschaft erschliesst dem 
zwanzigjährigen gemeinen Mann, ganz abgesehen davon, dass er 
dabei lesen und schreiben lernen kann, ein total neues Leben, sie 
erweitert seine Vorstellungen und übt überhaupt einen erziehenden 
Einfluss auf ihn aus. Drei Jahre Regimentsleben bilden ebenso- 
sehr das geistige Wesen des gemeinen Mannes heraus, wie die 
drei letzten Schuljahre das Wesen eines jungen Menschen aus den 
höheren Ständen ausbilden, und ein Jeder weiss ja, dass der Ein- 
fluss der Schule noch viele Jahre später fortdauert. Bei dem 
gegenwärtigen System der Truppenerziehung (oder vielmehr bei 
dem Geist dieses Systems, denn die praktische Anwendung des- 
selben bedarf noch einer weiteren Entwickelung) kann eine drei- 
jährige active Dienstzeit für unsere Infanterie zur vollständigen 
Ausbildung des Soldaten als genügend angesehen werden. 

Die Bestimmung der Dauer der vollen Dienstzeit ist von zwei 
Momenten abhängig: 1) von der Zeit, welche zur gewissenhaften 
Ausbildung eines Rekruten erforderlich ist, und 2) davon, um vrie 
viel Mal die Armee beim Uebergang vom Friedensfuss auf den 
Kriegsfuss verstärkt werden soll. Multiplicirt man die erste Zahl 
mit der zweiten, so erhält man die rationelle militairische Dienst- 
zeit, zu welcher seine Bürger zu verpflichten der Staat vollständig 
berechtigt erscheint Ein halbes Jahr im Rekrutendepot (im 
Reservebataillon) und drei Jahre im Regiment sind zusammen 
3Va Jahre, multiplicirt mit 3 giebt lOy^ Jahre. Da aber die 
jährlichen Altersklassen in Folge der Sterblichkeit sich beständig 
vermindern (der Ausfall in diesem blühenden Alter übersteigt 
übrigens selten 2 Proc), so kann man zur Conservirung der Voll- 
zähligkeit zwölf Jahre annehmen. Unter den gegebenen Einrich- 
tungen wäre das die rationelle Dienstzeit. 

Wenn ich behaupte, dass nach dem in der Reserve verbrach- 
ten Halbjahr eine dreijährige Zeit zur Ausbildung eines zuver- 
lässigen russischen Soldaten vollständig genügt, so übersehe ich 
keineswegs die vielen gewichtigen Einwendungen, die man gegen 
eine solche Behauptung erheben kann. Erstens genügt eine drei- 
jährige Zeit nur in dem Fall, wenn der Soldat auch bestinmit 
drei Jahre lang ausgebildet oder vielmehr erzogen wird. Für 
solche Truppen, die in kleinen Dörfern zerstreut liegen und sich 
nicht einmal täglich compagnieweise versammeln können, würden 



99 

m 

sich diese drei Jahre in anderthalb verwandeln, die dann jeden- 
falls nicht genügen. Ebenso wenig taugt dieser Termin für solche 
Trappen, die an entlegenen Grenzen stehen, zn denen der Rekrut 
mehrere Monate wandern muss. Angesichts einer solchen Mannig- 
faltigkeit der Verhältnisse ist aber bereits bei uns eine Verschie- 
denheit in der numerischen Stärke der Bataillone, d. h. eine ver- 
schiedene Dienstzeit für die Präsenz unter der Fahne angenommen* 
Zweitens entspricht ein dreijähriger Termin den Anforderungen 
auch nur bei einem tüchtigen Officiers- und Unterofficiers-Personal, 
welches seine Pflichten genau kennt und gewissenhaft erfllllt, wes- 
sen wir uns mit voller Ueberzeugung noch nicht rühmen können. 
Drittens endlich unterliegt es, selbst bei der Kealisirung aller die- 
ser Bedingungen, keinem Zweifel, dass ein fün^'ähriger Soldat 
hesser ist als ein dreijähriger und ein fünfzehnjähriger besser als 
beide. Ich gebe den dreijährigen Termin als ein Minimum an 
und habe mich für das System, aus dreijährigen Soldaten die in 
der Heimath, im europäischen Kussland, stehende Infanterie zu 
formiren, ausgesprochen, nicht als wäre es das einzig mögliche, 
um unsere Kräfte den präsumtiven feindlichen Kräften gleich zu 
machen, sondern weil es die Grenze ist, welche angenommen 
werden kann, ohne dass man zu fürchten braucht, die Armee 
werde sich in eine Miliz verwandeln, zu gleicher Zeit aber auch, 
weil CS das aller dehnbarste System ist, welches für den Staats- 
bürger am wenigsten drückend ist und die Stärke der Armee 
beim Uebergang auf den Kriegsfuss am meisten erweitert. Eine 
gleichförmige Organisirung aller Truppen, ohne Unterschied der 
Gegend, in der sie stehen, wie das in Europa existirt, ist bei 
uns noch nicht anwendbar; ein jedes Organisationssystem würde 
Ausnahmen verlangen; daher ist denn auch die Zeit des activen 
Frontedienstes, worauf der terminlose Urlaub folgt, bei uns nicht 
dnrch ein Gesetz fixirt, sondern den speciellen Anordnungen des 
Kriegsministeriums überlassen. Je nach den Umständen sind dann 
auch die Zeiten für den Beginn des terminlosen Urlaubs verschie- 
den. Eine Cadrestärke von 320 Mann, wie sie gegenwärtig für 
einen bedeutenden Theü der Truppen eingeführt worden ist, setzt 
doch auch nicht etwa eine lange Dienstzeit voraus? 

Ich bin davon überzeugt, dass die von mir angegebenen 
Termine, unter der Voraussetzung einiger Ergänzungen bei der 
Organisirung der Regimenter und des Officiercorps (von denen 

7* 



100 

unten die Bede sein wird), für diejenigen Truppen, welche im 
Innern des Reichs stehen, angenommen werden können und zur 
Bildung einer vorzüglichen Armee genügen würden. Keineswegs 
verlange ich jedoch die unverzügliche Einführung derselben, erst- 
lich eben deswegen, weil dazu noch einige ergänzende Bestim- 
mungen erforderlich sind; zweitens aber deswegen, weil die Haupt- 
sorge gegenwärtig nicht darin zu bestehen hat, allendlich ein 
System aufzustellen, sondern darin, die russische Armee, ohne 
Ueberlastung des Staats, auf eine solche Stufe materieller und 
sittlicher Macht zu bringen, bei welcher ein jedes Wort der rus- 
sischen Regierung Europa gegenüber nicht nur ein blosses Wort, 
sondern eine vollendete That wäre. 

Ohne den Termin von SYa Jahren, als für die Zukunft 
wünschenswerthe Norm, aufzugeben, glaube ich, dass man schon 
jetzt ohne jede Gefahr die Dienstzeit in der Fronte auf fünf Jahre 
festsetzen könnte. Das würde dem bereits factisch Existirenden 
vollkommen entsprechen. Diese Dienstzeit würde natürlich nur 
für diejenigen Truppen eine normale sein, welche auf die Cadre- 
stärke gebracht worden sind; mit jeder Verstärkung des Bestandes 
würden die Soldatefn eine längere Zeit unter der Fahne zu halten 
sein. Die jährliche Zahl der Rekruten würde dabei freilich grösser 
werden, die mit der Rekrutenpflicht verbundene Last würde sich 
aber ftlr den Einzelnen bedeutend vermindern, was bei weitem 
wichtiger ist. Der gegenwärtige Dienst ist nicht mehr abschreckend; 
der Rekrut fürchtet sich nicht vor dem Dienst, sondern davor, 
seiner Familie entrissen zu werden und in Ewigkeit ein Lostreiber 
zu bleiben, was bei einer solchen verhältnissmässig kurzen Tren- 
nung niemals geschehen würde. Natürlich muss man, damit die 
fünfjährige Dienstzeit auch factisch zur Thatsache werde, sich 
streng an die Norm halten und den Bestand der Truppentheile 
ja nicht, ohne die äusserste Nothwendigkeit, erhöhen. Der Soldat, 
welcher, bei einer vernünftigen Richtung von oben und unter der 
Leitung erfahrener Chefs, fünf Jahre in der Fronte gedient hat, 
kann seine Sache genügend erlernt haben und von dem Geist 
seines Standes genug durchdrungen sein, als dass es noch weiter 
nothwendig wäre, ihn nach der Entlassung jährlich noch einmal 
zur Repetition des Dienstes einzuberufen. Darin besteht der Haupt- 
vorzug der fünfjährigen Dienstzeit vor der 3 y^ jährigen, welche 
wohl ebenfalls genügt, um dem Soldaten materiell Alles, was er 



101 

wissen muss, beizubringen, aber vielleicbt docb nicht lang genug 
dazu ist, damit das, was er versteht, vollständig dem Menschen 
zur Gewohnheit wird. 

Die Frage wegen der Dauer der Dienstzeit hat mehr eine 
sociale, als rein militairische Bedeutung. Für das Volk ist es 
keineswegs einerlei, ob, wenn die ganze Dienstzeit 15 Jahre be- 
trägt, 5 oder 8 Jahre davon in der Fronte zu dienen sind; für 
die Organisation der Armee ist es aber beinahe ein und dasselbe, 
wenn anders die Zeit der Ausbildung nur dazu genügt, dass der 
junge Soldat seine Sache gehörig erfasst. Im militairischen Sinn 
ist nicht sowohl die Dauer dieser beiden Termine von Wichtig- 
keit, als vielmehr das Verhältniss derselben zu einander. Wenn 
die terminlosen Urlauber oder die Rekruten, sobald eine Abthei- 
lung auf die volle Stärke gebracht wird, nur das Manquement in 
den Cadres ausfüllen, — so muss die Armee, selbst wenn die 
ganze Dienstdauer des Soldaten nicht bedeutend wäre, dennoch 
für eine mit langer Dienstzeit gelten; wenn aber die einzelnen 
Abtheilungen nur als Cadres bestehen und, sobald sie auf die volle 
Stärke gebracht werden, die einberufene Mannschaft die Majorität 
bildet, so ist die Armee eine volksthümliche, welche für die Zeit 
des Krieges aus der Nation selbst entspringt, einerlei wie lange 
der Soldat früher in der Fronte gestanden. Bis auf die letzte 
Zeit war z. B. die volle Dienstzeit in Frankreich und Preussen 
gleich lang und betrug 7 Jahre; der Unterschied bestand nur. in 
dem Verhältniss der unter den Fahnen stehenden Anzahl zu der 
Zahl der Entlassenen ; dieser Unterschied involvirt aber eine solche • j 

radicale Verschiedenheit, dass die französische Armee zweifellos ' i 

ein Heer mit langer Dienstzeit und die pr^ussische dagegen ein 
Volksheer war. Diese beiden Normen der Militairorganisation 
erfordern total verschiedene Massnahmen, um eine gute kriegerische 
Ausbildung der Truppen zu erzielen. In einem Regiment mit 
langer Dienstzeit, d. h. in einem solchen, in welchem die Mehrheit 
der Mannschaft sich beständig unter der Fahne befindet, wird sich 
der militairische Geist, gleichviel aus welchen Elementen das Re- 
giment gebildet worden, ganz von selbst entwickeln, weil sämmt- 
liche Dienenden, als Kameraden, von einem gemeinsamen Geist 
durchdrungen sind. In einem Volksheer ist das anders; einbe- 
rufene, mit einander unbekannte Leute haben nichts Gemeinsames. 
In einem solchen Heer bedarf es künstlicher Massnahmen, einer 



102 

besonderen Gruppirung der Elemente, um ein Kegiment zu einem 
einheitlichen Ganzen zu machen, wenn es anders überhaupt jemals 
ein zuverlässiger Truppentheil werden soll. 

In unserer Armee sind allein im Jahre 1865 24 Divisionen 
auf den Friedensbestand, d. h. auf die halbe Stärke, und 10 auf 
den Cadrebestand, d. h. auf ein Drittel der vollen Etatstärke 
reducirt worden. Eine solche Armee muss als Volksheer mit 
kurzer Dienstzeit gelten, ungeachtet die obligatorische Dienstzeit 
15 Jahre dauert, während die englische Armee, für welche der 
Soldat nur auf 10 Jahre geworben wird, vorzugsweise ein ste- 
hendes und nicht ein Volksheer ist. Dass unsere gegenwärtige 
Armee, ungeachtet der gesetzlichen Bestimmungen, nicht eine mit 
langer Dienstzeit ist, das bezeugen alle Abtheilungschefs, indem 
sie darüber klagen, dass ihnen die Leute fehlen, aus denen sie 
die Unterofficiere zu wählen haben, da zu diesen Stellen nur 
solche ernannt werden können, welche drei Jahre gedient haben, 
in der ganzen Mannschaft aber nur sehr wenig solcher Leute vor- 
handen sind. Ob ein Soldat 8 Jahre oder 5, oder selbst noch 
kürzere Zeit im Eegimentscadre bleibt, verändert den Charakter 
der Armee noch nicht wesentlich; die Sache ist die, dass eine 
Abtheilung beim Uebergang auf den Kriegsfuss zu zwei Dritteln 
aus neuen Leuten, die durch Nichts mit derselben zusammen- 
hängen, gebildet wird. In dieser Hinsicht besteht gar kein Unter- 
schied zwischen dem gegenwärtigen Militairgesetz und dem, was 
wir oben erörtert haben. In beiden Fällen sind ganz dieselben 
Massregeln dazu erforderlich, damit ein completirtes Kegiment 
nicht zu einem zusammengewürfelten, eines jeden Geistes baren 
Haufen werde, sondern zu einem im Wesen einheitlichen Truppen- 
körper aus einem Guss. 

Solange bei uns der Soldat noch permanent fünfundzwanzig 
Jahre diente, konnten bei der Vertheilung der Leute in die ein- 
zelnen Eegimenter gar keine Bedenken .entstehen; berücksichtigt 
wurde höchstens, dass die Eekruten nicht gar zu weite Märsche 
bis zu den Regimentern, in welche sie eintreten sollten, zu machen 
hatten; dann aber mussten sich die Leute, die fast für ihr ganzes 
Leben zusammengebracht waren, mit einander verschmelzen und 
es entstand für sie eine neue Heimath: die Abtheilung, in der sie 
dienten. Sobald aber erst das Institut der terminlosen Urlauber 
eingeführt war, entstanden diese Bedenken, wenn auch nicht in 



103 

Eegienmgskreisen, so doch wenigstens in der öffentlichen Meinung 
des Militairs. Es ergab sich folgendes Factum: geriethen die 
Urlauber zufällig in ihre frühere Abtheilung, so gewannen die 
alten Erinnerungen die Oberhand, sie kamen ins alte Gleis hinein 
und erwiesen sich zum grössten Theil als dieselben, wie man sie 
Tor ihrer Entlassung gekannt hatte. Wurden dagegen diese Ur- 
lauber einer anderen, für sie fremden Abtheilung zugezählt, wie 
das fast immer geschah, so erwiesen sie sich nicht nur als 
schlechte Soldaten, sondern geradezu als ein Gift, welches ent- 
schieden die ganze Abtheilung inficirte. In dieser Hinsicht kamen 
nur sehr selten Ausnahmen vor; in der gesammten russischen 
Armee wurde nicht eine Stimme zu Gunsten derartiger Keserven 
laut. Ueberall erschienen die einberufenen Urlauber als wüste 
Leute, von schlechter Führung, welche die jungen Soldaten ver- 
führten und ihnen Verachtung der allerheiligsten Dienstpflichten 
beibrachten; im Treffen verstanden sie es immer zu hinterst zu 
bleiben ; da sie aber bei alledem alte Soldaten waren, mit Chevrons 
und Medaillen, mitunter sogar mit Orden, und daher durch ihr 
Aeusseres den jungen Soldaten gewissermassen imponirten, so 
konnte ihr Beispiel natürlich nur verderblich wirken. Es gab 
keinen einzigen Commandeur, welcher nicht zur Completirung sei- 
ner Keihen Rekruten, die sich anfangs vor dem selbst abgefeuerten 
Schuss fürchteten, diesen alten Dienern des Kaisers, wie sie offlciell 
Messen, vorgezogen hätte. Wie es allgemein hiess, schwächte 
jeder einberufene Urlauber das Heer um zwei Mann: erstens 
taugte er selbst zu Nichts und zweitens musste man, um ihn zu 
bewachen, noch einen dienenden Soldaten abrechnen. 

Bei der gegenwärtigen Ordnung nimmt der Soldat beim Ab- 
gehen schon nicht mehr dieselben Erinnerungen aus dem Dienst 
mit wie früher, und kehrt daher auch nicht mit den früheren Ge- 
fühlen zum Dienst zurück; der Unterschied besteht aber nur in 
der Quantität und nicht im Wesen. Jeder junge Bauer beträgt 
sich anders unter fremden Leuten, als in seinem Dorf unter den 
Augen der Verwandten und Aeltem, da er die Ehrerbietung gegen 
sie mit der Muttermilch eingesogen hat. Das Regiment, in wel- 
chem dem Bekruten zuerst das Herz aufgegangen, in welchem 
seine Umwandlung vom Bauern zum Soldaten vor sich gegangen, 
ist für ihn ein zweites Heimathsdorf, nur da existirt die Ka- 
meradschaft, deren Meinung er für sich als bindend anerkennt.. 



1 



104 

Jeder weiss, in welchem Grade der gemeine Russe ein Sclave der 
Gemeinde ist, aber nur derjenigen Gemeinde, in welche er sich 
eingelebt hat und die er daher als seine eigene Gemeinde be- 
trachtet. Um in dieselben Beziehungen zu einer neuen Gemein- 
schaft zu treten, muss er aufs neue innerlich mit derselben ver- 
wachsen, was jedoch nicht Sache eines Tages, ja selbst nicht eines 
Jahres ist; dazu kommt, dass der Rekrut, welcher zum ersten 
Mal in den Dienst tritt, sich von selbst in die fertige Form hinein- 
fügt, während der zur Fronte einberufene Urlauber schon ein 
geriebener Kerl ist, mit fertigen Begriffen, und es ihm daher 
schwer fällt sich an neue zu gewöhnen; er wird lange Zeit ganz 
abgetrennt von den Uebrigen, allein für sich in der Abtheilung 
leben, ohne sich auch nur im Mindesten dem sittlichen Einfluss 
derselben zu unterziehen. Das Regiment, in welchem somit zwei 
Drittel der Leute dem Regiment sowohl, wie unter einander fremd 
geblieben, kann jedoch unterdess in* die Schlacht geführt werden 
müssen. Einzeln können diese Leute sich wohl tapfer schlagen, 
wird aber von einem solchen Regiment irgend ein gemeinsamer 
Geist, irgend eine Gesammtstimmung zu präsumiren sein? Bei den 
regulären Truppen besteht aber die Stärke keineswegs darin, dass 
jeder einzelne Mann ein Held ist, denn das kann gar nicht vor- 
kommen, isondem darin, dass das Regiment an sich tapfer ist; in 
dem corporativen Sinn desselben liegt der Schwerpunkt. Sind in 
einem Regiment Viele, welche sich dem Geist desselben nicht 
unterordnen, so wird die Existenz dieses corporativen Sinnes selbst 
unmöglich. 

Man braucht nur an das Beispiel von Waterloo zu denken. 
Die erst kurz vor dem Feldzug formirte französische Armee be- 
stand beinahe Mann für Mann aus alten kampfbewährten Soldaten, 
welche von aUen Enden Europas, aus der Gefangenschaft und aus 
fernen Garnisonen heimgekehrt waren; diese Leute wurden aber 
zu neuen Regimentern gruppirt und kannten weder ihre Anführer, 
noch einer den andern. Napoleon sagte: „?a (erre qui porte cette 
armie en est fiire^^ und er hatte Recht in Bezug auf jeden ein- 
zelnen Mann. Aber was geschah? Diese alten Soldaten, schlugen 
sich wie die Löwen, diese jungen Regimenter dagegen, welche 
aus Leuten, die kein gemeinsames Band unter einander hatten, be- 
standen und daher jeden corporativen Sinnes ermangelten, fingen 
Ml, sobald das Glück sie verliess, „Verrath" zu schreien und zer- 



105 

streuten sich in aile Winde, wie eine erschreckte Heerde, was 
selbst bei den Rekmtenregimentem, welche im Jahre 1813 doch 
förmlich zur Schlachtbank geftüirt worden, niemals in dem Grade 
vorgekommen war. 

Für jedes Heer, und um so mehr für eine Yolksarmee, welche 
vorzugsweise aus jungen Soldaten hesteht, muss Folgendes als 
Axiom angenonmien werden: „man kann sich nur dann im Kriege 
auf einen Truppentheil verlassen, wenn er aus Leuten besteht, 
welche ein sittliches Band umschlungen hält, welche eine Kamerad- 
schaft bilden;" nur bei einem solchen Bande entsteht eine soli- 
darische Bürgschaft, die Gewissheit einer gegenseitigen Unter- 
stützung in der Abtheilung, und diese wird dann zu einem ein- 
heitlichen Ganzen aus einem Guss; darin aber gerade besteht im 
Kriege die ganze Kraft. . Um sich im Kriege auf ein Begiment 
verlassen zu können, welches im Frieden aus einem Drittel, oder 
selbst aus der Hälfte der vollen Stärke besteht, muss die Ergän- 
zung durch Solche, die aus demselben Begiment entlassen worden, 
nicht aber durch beliebig Andere geschehen; anders wird man es 
nie zu einer guten Armee bringen. Es ist jedoch entschieden 
unmöglich, die durch das ganze weite Beich zerstreuten terminlos 
Entlassenen ausschliesslich in ihren Begimentem wieder unterzu- 
bringen. Dazu müsste man ganze Divisionen in Schreiber ver- 
wandeln and ein Jahr auf die Completirung der Truppen ver- 
wenden. Es giebt nur ein Mittel um*dieses Ziel leicht und ohne 
jede Verwirrung zu erreichen: einem jeden Infanterieregiment einen 
besonderen Bekrutenbezirk zuzuweisen, aus welchem es sich aus- 
schliesslich zu fonniren hat. Die Entlassenen gehen in die Hei- 
math; soll das Begiment auf den Kriegsfuss gebracht werden, so 
werden zu demselben die terminlos Entlassenen seines Bezirks 
einberufen. Wenn audi einzelne Auswärtige darunter gerathen 
und auch einige von den aus dem Begiment Entlassenen zu an- 
deren Tmppentbeilen verschlagen werden, so ist das von gar kei- 
nem Belang; die Masse wird im Wesentlichen dieselbe sein, das 
Regiment wird eine Kameradschaft bleiben und darauf allein 
kommt es an. Ausnahmen können nur zeitweise, im Kriege z. B., 
wenn ein Begiment unverhältnissmässige Verluste erlitten, zuge- 
lassen werden; dann muss dasselbe natürlich, der grösseren Gre- 
schwindigkeit wegen, durch die ersten anlangenden Bekruten- 
partien completirt werden. Ebenso kann auch zu gewöhnlicher 



106 

Zeit eine Verschiedenheit im Abgang bei den einzelnen Begimen- 
tern, weiche an allen Enden des Eeichs nicht anter denselben 
sanitarischen Bedingungen stehen, sich ergeben; für solche- Even- 
taalitäten bleibt jedoch die ganze Anzahl der Eekruten aas sol- 
chen Gegenden übrig, die keine Eintheilung in Eegimentsbezirke 
zalassen, and man kann dieselben nach Gatdünken unter die Re- 
gimenter vertheilen. 

Stehende Heere mit langer Dienstzeit können aus allen be- 
liebigen Elementen formirt werdien; Volksheere dagegen, in denen 
die Cadres durch temporär Entlassene completirt werden, können 
nur unter der angegebenen Bedingung gut sein. Die Staaten, 
welche das System der Volksarmeen recipirt haben, haben alle 
dasselbe auf Regiments-Rekrutenbezirke basirt; selbst Oesterreich 
mit seiner Racenverschiedenheit hat es so gemacht. 

Man kann dafür garantiren, dass ein aus Landsleuten, aas 
Nachbaren gebildetes Regiment sich so sehr zu einem organischen 
Ganzen entwickeln, so begeistert sein werde, wie es noch nie ein 
Regiment in unserer Armee gegeben hat. Ich habe schon davon 
gesprochen, welch ein Wetteifer in denjenigen Divisionen angeregt 
worden war, bei deren Formirung im Jahre 1863 die Leute zum 
Theil gruppenweise in den Regimentern untergebracht wurden, 
obgleich das damals noch in sehr beschränktem Mass geschah. 
Für die Eigenschaft eines Regiments ist es überaus wichtig, dass 
dasselbe so etwas in der Art einer kleinen, gleichviel ob natür- 
lichen oder gemachten, Nationalität repräsentirt; es ist unbedingt 
erforderlich, dass ein Regiment seine ausgeprägte sittliche Schat- 
tirung, seine Originalität, seine Gebräuche habe; dass es von einem 
Soldaten, welcher sich zu einem fremden Regiment verirrt, sogleich 
heisse: „da sieht man ja beim ersten Wort gleich den Kurinsker", 
oder: „der ist schon auf eine Meile als Eriwaner zu erkennen'^ 
und dass man auch wirklich den Kurinsker beim ersten Wort er- 
kennen und den Eriwaner auf eine Meile unterscheiden könne. 
Alle müssen ihr Regiment für das erste aof der ganzen Welt 
halten, die Tradition desselben heilig bewahren, bereit sein für 
die Ehre desselben mit jedem Fremden bis aufs Messer zu 
kämpfen; das ist aber Alles nur dann möglich, wenn das Regi- 
ment eine Individualität hat Nur bei einer solchen Entwickelang 
wird ein Truppentheil ein einiges kampftüchtiges Ganzes abgeben, 
welches bis zur äussersten Erschöpfung der Kräfte unge- 



107 

brochen bleibt, ein Ganzes, in welchem weder der Einzelne 
den Kameraden, noch eine Compagnie die andere im Stich lassen, 
noch das Regiment in seinem ganzen Bestände es dulden würde, 
dass es von einem anderen übertrofFen werde. Die grusinischen 
Grenadiere, dadurch beleidigt, dass die im Stabsquartier ihnen 
benachbarten Eriwaner im Gefecht bei Basch-Eadiklara sie an- 
geblich nicht unterstützt hatten (eine völlig unrechtfertige^ Prä- 
tension übrigens), haben Mann für Mann, noch mehrere Jahre 
später, selbst wenn sie einander begegneten, mit den Eriwanern 
nicht gesprochen. Das heisst ein Regiment mit Individualität! 
Man muss es kennen, welche Wirkung die Erwähnung des ruhm- 
reichen Namens eines Regiments auf kaukasische Soldaten aus- 
übt. „Vergesst nicht, dass ihr Kabardaer seid", dieses Wort ist 
immer für Tausende eine Ermuthigung und ein Sporn gewesen. 
In unserer ganzen Armee gab es aber auch nur im Kaukasus 
Regimenter mit Individualität, und selbst dort beginnt dieselbe 
schon abzublassen. Schon in den Briefen aus Tiflis, welche in der 
„Moskauschen Zeitung" veröffentlicht wurden, erklärte ich den 
höheren Grad der Entwickelung dieser Truppen nicht nur aus 
ihrem Leben im Kriege, sondern daraus, dass sie die echten 
Truppen Suworow's, als welche sie im ersten Jahr dieses Jahr- 
hunderts dahin gekommen waren, auch geblieben sind; von der 
Platz-Paraden- Schule Friedrich's sind sie fast gänzlich verschont 
geblieben und die Regimenter haben sich factisch als selbständige, 
individuelle Einheiten entwickelt. Ausser im Kaukasus haben je- 
doch unsere Regimenter gar keine unterscheidbare Physiognomie 
und der Unterschied besteht bei ihnen, aufrichtig gesagt, nur in 
der Farbe des Uniformkragens; die Regimentstraditionen ruhen 
in den Archiven und sind keinem bekannt; der Name des Regi- 
ments hat für den Soldaten keinen Klang, der ihm zum Herzen 
spricht. In der Praxis heisst das aber soviel, als dass das Regi- 
ment bei weitem nicht die kriegstüchtige Kraft repräsentirt, welche 
in ihm enthalten sein könnte. In der Natur existirt das Gesetz, 
dass jeder neue Schritt zur Entwickelung durch eine grössere Ab- 
sonderung zunächst des Einzelwesens, sodann des Individuums 
charakterisirt wird; aus der unterschiedlosen Masse von Kräften 
arbeitet sich aUmälig die lebendige Seele heraus. Das ist ebenso 
richtig für die politische Geschichte, wie für die Naturgeschichte. 
Ein Regiment mit einer entwickelten Individualität verhält sich 



108 

zu einem ohne dieselbe, wie der höhere Organismus zum Gallert 
des Polypen; alle unreifen Früchte sind von gleichem Geschmack. 
Man kann entschieden behaupten, dass die russische Armee nicht 
eher, als bis sich jedes russische Kegiment zur Selbständigkeit 
entwickelt hat, das sein wird, was sie sein könnte. 

Der sechzigjährige Einfluss der Schule Friedrich's hat höchst 
nachtheilig auf unsere Truppen gewirkt: nicht auf die Soldaten, 
sondern auf die Vorgesetzten, auf die Stäbe, auf die Gesammtheit 
aller militairischen Gewohnheiten und Handgriffe. Mit der offen 
zu Tage liegenden Routine kann man zwar bald fertig werden, 
was auch bereits im hohen Grade schon geschehen ist; die Rou- 
tine aber, welche sich im Innern, in den Begriffen der Leute fest- 
gesetzt hat, ist selbst im Laufe vieler Jahre schwer auszurotten. 
Verbleiben unsere Regimenter auf ihrer früheren Grundlage, so 
ist es selbst im Laufe einer Generation unmöglich, ihnen jene 
breiten Lebensbedingungen einzuflössen, welche jedem Truppentheil 
einen selbständigen Charakter verleihen. Es fehlt eben Alles, 
woraus, eine solche Selbständigkeit sich entwickeln könnte, zu 
welcher bisjetzt selbst der Keim nicht einmal vorhanden ist. Man 
muss einen neuen Sauerteig in das russische Heer bringen. Die 
Vertheilung der Rekrutenbezirke nach Regimentern, die Formirung 
der Regimenter aus Landsleuten würde ein neues Leben in unsere 
Armee bringen. Man könnte sogar den einzelnen Truppentheilen 
gar nicht einmal Namen geben, die gegenwärtigen Benennungen 
beseitigen und nur Zahlenbezeichnungen beibehalten; sie würden 
es schon von selbst wissen, was sie sind. Aus zwei Gründen von 
eminenter Wichtigkeit ist es nothwendig, bestimmte Rekrutenbezirke 
für jedes Regiment zu designiren: damit beim Uebergang auf den 
Eriegsfuss jeder Theil durch seine eigenen und nicht durch fremde 
terminlose Urlauber completirt werde, weil er sonst niemals ein- 
müthig verbunden und als Theil kampftüchtig werden wird; und 
um in den Regimentern einen Wetteifer zu erzeugen und den 
Geist sittlicher Gemeinschaft in sie zu legen. Ein und dieselbe 
Einrichtung erweist sich als nothwendig, um einerseits ein zahl- 
reiches, leicht bewegliches Volksheer dauerhaft zu organisiren, und 
andererseits um dasselbe mit einem Mal auf die Stufe der Reife 
zu bringen. Ein nur aus Landsleuten gebildetes Regiment bietet 
alle Bürgschaften für militairische Tüchtigkeit; Verpflichtung gegen- 
seitiger Unterstützung, solidarische Bürgschaft, Wetteifer mit 



109 

Fremden, Kameradschaftlichkeit entwickeln sich rasch und die 
Individualität ist da. In kurzer Zeit würden alle unsere Regi- 
menter im gewissen Sinne Kabardaer werden. Ausserdem wird 
zwischen der Armee und der Bevölkerung eine innigere Sympa- 
thie entstehen. Zu seinem speciellen Eekrutenbezirk würde jedes 
Regiment wie ein Sohn zur eigenen Familie stehen und von dem- 
selben nöthigenfalls alle mögliche Unterstützung erfahren; wem 
in Folge von Wunden oder Krankheit die Kräfte geschwunden, der 
würde in der Heimath überall theilnehmende Hilfe finden. Die 
Rekruten würden mit der grös'sten Lust in den Dienst treten, 
wenn sie wüssten, dass sie zu den Ihrigen kommen. Im Dienst 
würde der Soldat seinen guten Euf doppelt werthschätzen, wenn 
er weiss, dass derselbe mit ihm in das elterliche Dorf heimkehrt. 
Bei einer solchen Einrichtung würde das ganze Russenland hinter 
der russischen Armee stehen, und zwar nicht allegorisch, sondern 
im buchstäblichen Sinn, wie die Mutter hinter dem Sohn. 

Der militairische Ruhm des Regiments, welches aus einem 
Bezirk rekrutirt wird, würde entschieden auch auf die Miliz die- 
ses Bezirks reflectiren. Zwischen dem Regiment und seinem Be- 
zirk würde sich das innigste Herzensbündniss knüpfen; der Be- 
zirk würde die Geschichte seines Regiments bis in die geringsten 
Details kennen, auf dasselbe stolz sein und es ihm nachmachen 
wollen. Wird die Volksmiliz einberufen, so werden die Leute, 
sobald sie erst das Oewehr in der Hand haben, sagen: „wir sind 
ja dasselbe wie Jene!'' und werden unter dem Commando eines 
tüchtigen Befehlshabers Wunder verrichten; unter dem Einfluss 
dieser Ueberzeugung wird es niemals an dem Ruhm eines Regi- 
ments mangeln, denn jeder Bezirk wird sein Regiment für das 
erste halten; und das ist genug. Das gegenseitige Band würde 
aber auch ebenso stark auf das Regiment, wie auf den Bezirk 
desselben reflectiren; der Soldat würde es wissen, dass sein guter 
Ruf, das Andenken an seine Verdienste nicht vergessen sind, so- 
bald er seinen Abschied nimmt; er kehrt mit denselben an den 
Yäterlichen Herd zurück und man begegnet ihm im heimathlichen 
Dorf mit demselben Grad der Achtung, welchen er sich in der 
Fronte erworben. Es wird dadurch für den russischen Soldaten 
ein bedeutendes, mit gar nichts zu vergleichendes, sittliches Motiv 
mehr, um sich auszuzeichnen, geben. 

Es unterliegt keinem Zweifel, dass der Rekrut sich unver- 



110 

gleichlich rascher anter seinen Landsleuten, als unter Fremden 
ent?dckeln würde. Aus dem Dorf würde er ins Eegiment kom- 
men, wie man vom Vater zum Besuch zum Oheim fährt Der 
Militairdienst würde allendlich aufhören den Bussen zu schrecken. 
Die Sittlichkeit in den Begimentem würde gehoben werden; nicht 
sowohl die im Dienst Aelteren, als vielmehr die Aelteren nach 
Blutsverwandtschaft und Sitte, welche er von klein auf zu achten 
gelernt hat, würden den Soldaten von schlechten Streichen abhal- 
ten. Die Leute würden für ihr Begiment einstehen, wie ftLr ihr 
Haus. Wer wird wohl einen Anverwandten im Stich lassen, wer 
einen Nachbar verlassen, damit er von ihm später vor den Brü- 
dern und vor der Braut beschimpft werde? Mit einem Begiment 
von solchem Gefüge vergleiche man eines der gegenwärtigen 
Begimenter, das vom Cadrebestande auf den Eriegsfuss gebracht 
worden, wenn zu den 60 den Grandstamm des Begiments bilden- 
den Soldaten (von denen 30 zu bereits Gestraften gehören) für 
kurze Zeit noch 120 hinzukonmien, die weder diese Cadresoldaten, 
noch einer den andern jemals gesehen haben und vollkommen 
gleichgültig sind gegen die Meinung ihrer zufälligen Kameraden; 
würde es etwa überhaupt auch nur möglich sein, es diesen Leu- 
ten zum Bewusstsein zu bringen, dass sie z. B. Asower sind und 
für die Ehre ihres Begiments und dessen Fahne einzustehen 
haben ? 

Gegen die Bildung der Begimenter nach bestimmten Bezirken 
ist ein, dem Anschein nach, allerdings sehr gewichtiger Einwand 
erhoben worden. „Die aus einer Bevölkerung nichtrussischer Natio- 
nalität gebildeten Begimenter würden in unserer Armee eine Ano- 
malie sein, alle Mängel der österreichischen Truppen würden auch 
in ihnen sich bemerkbar machen; wie sollen sie ausgebildet, wie 
commandirt werden? zudem dient das russische Heer als Haupt- 
leiter für die Nationalität; durch dasselbe werden die anders- 
redenden Yolksstämme allmälig russisch." Diese Einwände wären 
nicht ohne Gewicht, wenn die Bussen blos der Hauptstamm im 
Bdche wären, wie die Deutschen in der Schweiz ; sie sind jedoch 
nicht blos der Hauptstamm, sondern sie sind das Wesen des 
Beichs; alles Nichtrussische geht hierin auf. Von vom herein 
haben wir den Ländern, deren Grund und Boden nicht russisch 
ist und die nur von uns erobert worden sind, wie Finnland, das 
Königreich Polen und Kaukasien, ihre Stellung angewiesen. In 



r 



111 

diesen Grenzländern ist weder das Institat der Yolksmiliz, noch 
die Eintheilnng nach Begimentsbezirken anwendbar. Dann kann 
man auch noch zwei unrassische Winkel nennen: die Ostsee- 
provinzen and das littaaische Gebiet Die Kichtong der ante- 
ren Volksschichten ist jedoch in diesen Gegenden eine derartige, 
dass man am den Geist der Soldaten Ton dort nicht besorgt zu 
sein braacht; stehen sie erst in einem rassischen GouTemement, 
unter dem Commando rassischer Officiere, so erlernen sie anch 
das Rassische. Endlich können aach diese Bezirke, welche von 
nicht mehr als 27, Millionen Einwohnern bevölkert sind, von 
dem allgemeinen Gesetz aasgeschlossen and ihre Bekraten be- 
liebig in anderen Begimentern antergebracht werden. Von 64 
Millionen vrürden dann noch immer 62 übrig bleiben, bei denen 
dieses Institat vollkommen anwendbar ist; allein nar wegen der 
Provinzen Livland and Eowno kann eine so nützliche Massregel 
nicht aafgehalten werden. Obschon die nichtrassischen Nationali- 
täten wohl grappenweise über das Beich zerstreat sind, so bilden 
sie doch im übrigen Bassland nirgend eine compacte Bevölkerang 
nnd es giebt keinen einzigen Kreis, in dem die rassische Natio- 
nalität nicht die Majorität aasmachte, demnach würde also auch 
kein Begiment existiren, in welchem nicht anch die Bässen in der 
Majorität sein würden. Die Minorität kann aber natürlich bei 
dem geringen nationalen Halt irgend welcher ohnehin bereits halb 
rassificirter Mordwinen oder Teptjaren kein ernstliches Hindemiss 
abgeben. 

Ebenso werden darch die Entfemnngen keine besonderen 
Schwierigkeiten veranlasst. Diejenigen Begimenter, welche bestän- 
dig die Grenzgebiete besetzt halten, wie z. B. die kaakasischen, 
rekratiren sich aach gegenwärtig hauptsächlich aas den zunächst 
liegenden Gouvernements ; in eben denselben Gouvernements müss- 
ten ihnen auch ihre Bekrutenbezirice zugewiesen werden. In 
Friedenszeiten braucht man die übrigen mobilen Begimenter nicht 
gar zu weit von ihren Bezirken aufzustellen. Dass man gegen- 
wärtig die Begimenter nicht allzulang an einem Ort stehen lässt, 
ist sehr vernünftig; zu diesem Zweck genügt es aber, sie nur in 
den benachbarten Militairbezirk überzuführen. Wäre es nöthig 
die Leute von der Wolga an die Weichsel zu versetzen, wie das 
gegenwärtig geschieht, so würde das bei den Eisenbahnen auch 
nicht schvnerig sein. Ueberhaupt muss man bemerken, dass gar 



112 

keine, selbst nicht die allemothwendigste Beorganisation darch- 
geföhrt werden kann, ohne dass sich dabei eine Menge Schwierig- 
keiten ergeben würden; aber jede Yeränderung des Altgewohnten 
erscheint drückend. Die Frage ist nur die, auf welcher Seite 
das Uebergewicht ist: auf der Seite der Yortheüe oder der 
Schwierigkeiten. 

Ich glaube nicht, dass es nöthig wäre zu beweisen, dass aus 
der gruppenweisen Vereinigung von Landsleuten für die öffentliche 
Sicherheit keine Gefahr erwachsen würde. Fürchtet sich vor die- 
ser Einrichtung doch selbst das buntscheckige Oesterreich nicht, 
wo jedes Begiment seinen besonderen Bekrutenbezirk hat. Sogar 
dort bringt die YertheHung der Truppen nach Nationalitäten nicht 
nur keine schädlichen, sondern selbst nicht einmal irgend welche 
bedenklichen politischen Folgen mit sich. Welche Folgen könnten 
denn da für Bussland eintreten bei der Yertheilung der Bekruten 
nach Kreisen? Sind denn nicht aUe Bussen in gleichem Masse 
Diener des Zaren und des russischen Vaterlandes? 

Auf der oben ausgeführten Grundlage wird der Uebergang 
auf den Eriegsfuss, unter Beobachtung der zu einer guten Quali- 
tät der Truppen erforderlichen Bedingungen, leicht zu bewerk- 
stelligen sein. In den einzelnen Theilen wird eine innige Kame- 
radschaft entstehen, zwischen denselben wird sich ein Wetteifer ein- 
stellen und die Individualität eines jeden Theils wird an den Tag 
kommen. Das ist aber noch nicht Alles. Eine Masse juBger 
Soldaten, selbst von dem besten Geist beseelt, ist doch immer zu 
sehr plötzlichen Eindrücken ausgesetzt, um vollkommen zuverlässig 
zu sein, wenn ihr nicht ein festerer Halt beigegeben ist, wenn sie 
nicht von reifen, erfahrenen Leuten, nicht blos von OfGcieren, 
geleitet wird; die Officiere repräsentiren den Verstand der Ab- 
theilung, aber nicht die sittliche Seele derselben; sie sind der 
Kopf, aber nicht das Herz derselbeiL In jeder Armee, in der 
unsrigen aber noch unvergleichlich mehr als in irgend einer an- 
deren, müssen zwischen den Officieren und der Mannschaft Zwi- 
schenglieder existiren, Vermittler, welche das Vertrauen der letz- 
teren gemessen. Es ist nothwendig, dass erfahrene Leiter an die 
Spitze der allerkleinsten Unterabtheilungen, selbst von zehn Mann, 
gestellt werden. Die Infanterie braucht dann nicht lange ausge- 
bildet zu werden, denn wenn nur ein Kopf vorhanden ist, so lässt 
sich immer ein neuer Schwanz daran machen, nur darf dieser 



113 

Kopf nicht in dem kleinen Kreise der Anführenden concentrirt 
sein, sondern Alle in der ganzen Abtheilnng müssen ihn auf ihren 
Schultern fühlen. Selbst aber für die allerkleinste Schaar seiner 
Kameraden kann der junge Soldat keinen solchen Kopf repräsen- 
tiren, denn ihm fehlt der Nimbus, er kann nur selbst handeln, 
nicht aber Andere unterweisen, wie sie zu handeln haben. In 
der Fronte sind Unterofficiere und Gefreite nöthig, welche die 
Autorität der Erfahrung und der Sachkenntniss gemessen. 

Ton den Unterofficieren braucht man nicht viel zu sagen; 
sie repräsentiren in unserer Armee die ganze sittliche Basis der 
Abtheilnng. Die Unterofficiere müssen, ausser ihrer Bedeutung 
im Leben des Regiments und in der Fronte, auch noch Instruc- 
toren sein, welche die Gemeinen einzeln ausbilden, sie müssen ihre 
Sache ganz vollendet verstehen, was man von Leuten, die selbst 
noch zu lernen fortfahren, nicht verlangen kann; die dre^ährigen 
Soldaten müssen aber bis auf den letzten Tag noch lernen, sollen 
sie anders zum Termin, wo sie wieder entlassen werden, voll- 
kommen ausgebildet sein. Die Zahl der Unterofficiere ist nicht 
80 gross:, dass schon auf zehn Mann einer käme; bei diesem 
Yerhältniss ist es jedoch schwer die Leute rasch und ordentlich 
auszubilden und ebenso schwer sie zu beaufsichtigen; sie brauchen 
daher alte gefreite Soldaten als Crehülfen. Soll eine junge Truppe 
von guter Qualität sein, so muss immer auf einige Soldaten ein 
Führer kommen, der ihnen stets vor Augen ist. Dann wird das 
Heer eine vollständige Vereinigung aller kriegerischer Eigenschaf- 
ten repräsentiren: von der einen Seite die Festigkeit und Kalt- 
blütigkeit der Reife und von der anderen Seite das Ungestüm der 
Jugend. 

Dabei müssen aber Unterofficiere und Gefreite, wenn sie so 
tüchtig als möglich sein sollen, nicht an den Abschied denken 
als an den glücklichen Augenblick der Befreiung von einer 
drückenden Pflicht, wie das in der Natur eines jeden Soldaten 
liegt; sie müssen nicht nur, wie die Mehrzahl der Gemeinen, der 
Pflicht nach Krieger sein, sondern mit ganzer Seele, ihr Beruf 
muss ihnen ins Blut übergegangen sein; der Soldat muss in ihnen 
ein Vorbild sehen, nach welchem sich zu formen er bestrebt sein 
soll. Aber der Mensch entwickelt sich nur dann vollkommen im 
Geiste seines Berufs, wenn er Nichts ausserhalb desselben sucht 
und ihm sein ganzes Leben weiht; dazu ist es aber erforderlich, 

Fadejew, Busslands Kriegsmacht. g 



114 

dass die Unterofficiere und Gefreiten die dem Menschen als sitt- 
liches Wesen nothwendige Befriedigung eben im Dienst finden 
nnd zugleich wissen, dass sie im Alter versorgt sein w^erd^; 
dann werden sie auch freiwillig im Dienst bleiben, solange es ihnen 
die Kräfte gestatten, und jungen Regimentern die Festigkeit alter 
Heerschaaren verleihen. 

Solche erfahrene Leute zu gewinnen giebt es nur ein Mittel, 
das aber sicher und einfach ist: nämlich das franzö^sche System 
der Anwerbung solcher Soldaten, die ihre Zeit ausgedient haben. 
Der französischen Armee wird Niemand eine hohe Stufe der Reile 
absprechen, obgleich der Soldat dort in Friedenszeiten nicht län- 
ger als drei, vier Jahre in den Reihen gehalten wird; ungeachtet 
einer solchen Kürze der activen Dienstzeit verieiht diese Einrich- 
tung, die Soldaten auf eine zweite Frist anzuwerben, dennoch den 
französischen Truppen den unzweifelhaften Charakter alter Schaa- 
ren und stellt diese Armee auf eine so hohe Stufe. Preussen be^ 
sitzt diese Ressource nicht, seine bewaffnete Macht verschlingt die 
ganze waffenfähige Bevölkerung; Veteranen giebt es da nicht. In 
einem Staat jedoch, welcher nicht genöthigt ist seine Mittel in so 
hohem Grade anzustrengen, sondern bei der Organisirung seiner 
Bewaffnung einen weiteren Spielraum hat, muss das Anwerben 
von Soldaten zu einer zweiten Dienstzeit, wodurch Alles, was 
einer jungen Truppe in sittlicher Hinsicht abgeht, ergänzt wird, 
zu einer der aUerwesentMchsten Grundlagen der Militairorgani- 
sation werden. Diese Einrichtung ist in Frankreich angenommen 
worden, wo das Verhältniss der bewaffneten Macht zur Bevölke- 
rung V43 ausmacht; bei uns, wo dieses Verhältniss niemals y^^^ 
übersteigen wird, ist hierzu noch viel mehr Spielraum vor- 
handen. 

Bei uns ist freilich bis jetzt, bei einer fünfzehnjährigen Dienst- 
zeit, das Anwerben von Soldaten auf eine zweite Frist noch nicht 
nothwendig, obschon es in jedem Fall vortheilhaft wäre, den Rekru- 
ten durch einen ausgebildeten, erprobten und vom Geist seines 
Berufs durchdrungenen Menschen zu ersetzen, vorausgesetzt, dass 
ein solcher Tausch nichts kostet; vollständig unumgänglich ist es 
dagegen schon gegenwärtig Unterofficiere und Gefreite anzuwer- 
ben; welches auch der Termin für den activen Dienst sein mag, 
gleichviel ob 3% o<l^f ^ Jahre, so sind doch, sobald der tennin- 
lose Urlaub bei den Truppen eingeführt worden und der Soldat 






115 i 

nicht melir sein ganzes Leben lang in der Fronte steht, jedenfalls 
Massnahmen nothwendig, um Unterofficiere und Gefreite in den 
Beihen zurückzubehalten. In der kaukasischen Armee weiss man 
sehr wohl, wie das plötzliche, nach Beendigung des Krieges an- -i 

geordnete Entlassen der 15 Jahre gedient habenden Untermili- i 

tairs die Begimenter demoralisirt hat; Alles, was die Seele des 
Regiments, die innere Basis desselben repräsentirte, ging mit 
einem Mal ab; viele Begimenter sind jetzt gar nicht wiederzu- 
erkennen. Diese Massregel war indess von der Gerechtigkeit ge- 
fordert; man kann Keinem deshalb allein sein Becht verweigern, 
weü er in seinem Beruf tüchtig und daher nützlich ist. Hätten 
damals bei uns legate Massregeln existirt, um die fürs Heer er- 
forderlichen Leute zum freiwilligen Dienst heranzuziehen, so hätten i| 
nicht nur die 15jährigen, sondern sogar auch alle Sjährigen 
entlassen werden können ohne irgend welche destructive Folgen 
ftr die Begimenter. Die Gemeinen in der Infanterie sind wie 
die Haare auf dem Kopf, man kann sie immer wieder von Neuem 
wachsen lassen; Unterofficiere und Gefreite dagegen repräsentiren 
im Organismus diejenige Quelle des Lebens, ohne welche man die 
Haare nur aufkleben, aber nicht wachsen lassen kann. 

Die Completirung der Beihen durch alte Soldaten ist nicht 
allein eine wesentliche Bedingung für die Qualität der Truppen, 
sondern sie dient gleichzeitig auch dazu, um die Armee von den 
gegenwärtigen freiwillig Angemietheten zu befreien, und um jedem 
Bürger, welcher die Mittel dazu besitzt, die Möglichkeit des Los- 
kanfs zu gewähren. Dass die gegenwärtigen Angemietheten im 
Heere nicht zu dulden sind, darin stimmen Alle überein. Wer 
es nur jemals gesehen hat, auf welche Weise bei uns die Frei- 
willigen gesteUt werden, kann sich darüber nicht wundem. Als 
Freiwillige treten ohne Ausnahme nur total verkommene Leute 
ein. In den letzten Monaten vor dem Eintritt in den Dienst 
pflegen diese Leute, indem sie über den Beutel und die Familie 
des Anmiethers fast unbegrenzt disponiren, die unsinnigsten Orgien 
zu feiern, wodurch auch das Letzte noch an ihnen demoralisirt 
wird. Kein Wunder dann, wenn aus ihnen keine Vertheidiger 
d§8 Vaterlandes werden, sondern Sträflinge der Arrestanten^Com^ 
pagnien, welche sich hauptsächUch aus ihnen rekrutiren. D^ An* 
miethende aber wird dadurch immer in seinen Vermögensumständen 
derangirt, häufig auch vollkommen zu Grunde gerichtet. In diese 

8* 






f 



116 

Yerhältnisse muss eine gesetzliche Ordnung gebracht werden, da- 
mit sich jeder Bürger von dem obligatorischen Kriegsdienst ohne 
Schwierigkeit loskaufen kann, indem er eine bestimmte Summe 
zur Rekrutenkasse zahlt. Der absolut obligatorische Kriegsdienst 
kann woU in Preussen einen Sinn haben, aber nicht bei uns, wo 
selbst bei der grössten Kraftentfaltung das Yerhältniss der Die- 
nenden zu der Bevölkerung niemals grösser sein wird als 1 zu 80. 
Die Errichtung einer Staats-Rekrutenkasse ist in jeder Hinsicht, 
sowohl für die Armee, als auch für die Gesellschaft, nothwendig 
geworden. Der gemeine Russe scheut nicht die Arbeit, die im 
Dienst ohnehin wohl geringer ist als die freie Arbeit; ihm ist 
aber der Preis, den er für die Arbeit erhält, wichtig. Steht ihm 
die Wahl frei, so wird er nicht darauf eingehen für den Dienst 
weniger zu nehmen, als er bei einer anderen Beschäftigung be- 
kommen kann. Der aus dem Dienst geschiedene TJnterofficier 
kann sich für ungefähr 8 Rubel, der Soldat für 5 Rubel mona^ 
lieh verdingen; für denselben Preis, sogar für 6 und 4 Rubel, 
würden sie gewiss gern im Dienst bleiben und sich des Rechts 
auszutreten nicht bedienen. Durch die Verwandlung unserer Armee 
aus einer leibeigenen in eine freie ist es ohnehin nothwendig ge- 
worden die Dienststellung und die Emolumente der Unterofficiere 
zu verbessern; hierin stimmen Alle überein*); für eine zweite 
Dienstzeit oder auch nur, je nach den Kräften, für die Hälfte 
derselben, könnten sie für den Preis der Rekrutenquittungen**), 



*) Diesem schreienden Bedurfniss muss jedenfalls, gleichviel aus 
welchen Mitteln, abgeholfen werden. Es wäre selbst sogar vortheilhafter 
die Stärke der einzelnen Truppentheile zu vermindern und das Erspar- 
niss zu einer Vergrosserung des Gehalts der Unterofficiere zu verwenden. 
Wer konnte daran zweifeln, dass ein Bataillon von 900 Bajonetten mit 
tüchtigen Unterofficieren eine weit grossere Kraft repräsentirt, als ein 
Bataillon von 1000 Bajonetten mit schlechten. Fürs Erste wird man 
wahrscheinlich noch mehrere Jahre Unterofßciere und Gefreite für eine 
geringere Gage, als oben angegeben worden, im Dienst behalten können, 
denn mit der Aussicht auf ein Kapital von* 500 Rubeln (d. i. der Preis 
einer Rekrutenquittung, welcher für eine abermalige Dienstzeit ausgezahlt 
werden müsste) würden sie dem terminlosen Urlaub, an dessen SteUe 
ein mehrmaliger karzer Urlaub treten könnte, entsagen (Unterofüciere 
würden für ein jährliches Gehalt von 60 Rubel, Gefreite für 40 Rubel 
im Dienst zu behalten sein). 

••) Rekrutenquittung heisst der Loskaufsschein eines Dienstpflich- 



117 

welcher gegenwärtig 500«Rabel beträgt, angeworben werden, in- 
dem die Renten dieser Snmme, zur Erleichtenmg der Staatsaas- 
gaben, ihnen als Gehalt ausgekehrt werden, das Kapital aber als 
P^on bei der Verabschiedung verwandt wird. Sind erst unsere 
höheren Untermilitairs genügend salarirt, solange sie dienen, and 
für das Alter sicher gestellt, so werden sie ihr ganzes Leben dem 
Dienst weihen und eine Quelle des militairischen Geistes für die 
ganze Armee werden. Bei einer Verkürzung der Dienstzeit wird 
die Nothwendigkeit dieser Massregel noch bei weitem mehr fühl- 
bar werden. 

Bei einem Truppentheil, welcher auf ein Drittel seiner ganzen 
Stärke reducirt worden, wird es nicht nöthig sein die volle An- 
zahl solcher älteren Leute im Dienst zu conserviren. Der termin- 
lose Urlaub kann für diejenigen, welche es wünschen, durch mehr- 
maligen Jahresurlaub ersetzt werden, etwa immer für das dritte 
Jahr nach zwei Dienstjahren. Dabei würde noch der Vortheil 
sein, dass die Armee von solchen Elementen befreit werden würde, 
ans denen, wegen Unzuverlässigkeit oder Untauglichkeit, selten 
t&chtige Soldaten werden; so z. B. von den Polen, von den Juden 
n. dgL, welche sich massenhaft loszukaufen anfangen würden, so- 
bald ihnen die Möglichkeit eines nicht gar zu beschwerlichen Los- 
kanfs geboten wird; sie würden dadurch dieselbe Staatssteuer 
leisten, nur in anderer Gestalt Sobald ein solcher Modus des 
Loskaufs und der Anwerbung alter Soldaten, gleichzeitig mit 
der Gründung einer allgemeinen Bekrutenkasse und mit dem un- 
bedingten Verbot, beliebig angemiethete Freiwillige anstatt sei- 
ner stellen zu dürfen, zum Gesetz geworden, so werden auch 
ohne allen Zweifel das Angebot und die Nachfrage von beiden 
Seiten ausgedehnte Dimensionen annehmen; weder an Freiwilligen 
znr üebemahme einer abermaligen Dienstzeit, noch an den Mit- 
teln sie heranzuziehen würde Mangel sein. 

Sind die Dinge einmal derart geordnet, so muss das Anwer- 
ben von solchen Leuten, die ihre Zeit ausgedient haben, ftlr eine 



tagen, welcher Ton demselben, gegenwärtig für 500 Rubel, unter gewissen 
Voraussetzungen erworben werden kann. Die Höhe dieser Summe wird 
Tor einer jeden Rekrutirung Ton der Staatsregierung festgesetzt. Statt 
der Erlegung dieser Summe ist es gegenwärtig aber auch sämmtUchen 
Dienstpflichtigen gestattet, angeworbene Stellvertreter zu stellen, von 
denen oben die Rede gewesen. Anm. d. Uebers. 



118 



abermalige Dienstzeit in den allergrösSten Dimensionen erfolgen. 
Der Verkauf von Rekruten-Abrechnungs-Quittungen muss dann zu 

4 

einem bestimmten Preise in sämmtlichen Rentkammem eröffnet, 
das Recht aber sich loszukaufen ohne Ausnahme allen Personen 
und Ständen gewährt werden, damit sich desselben nicht nur der 
Einzelne, sondern auch Stadt- und Landgemeinden in ihrer Ge- 
gammtheit, wenn sie es wünschen, bedienen könnten. Ausser einzel- 
hen Familien würden sich nämlich auch ganze Klassen von Leuten 
finden, welche sich in ausgedehntester Weise dieses Rechts bedie- 
nen würden, wie z. B. die Juden. Im zweiten Jahre wird man 
schon mit genügender Genauigkeit zu erkennen vermögen, welche 
Dimensionen der Loskauf vom Militairdienst annimmt, und danach 
die Quantität, in welcher ausgediente Soldaten wieder anzuwerben 
sind, bestimmen können. Bei einer solchen Einrichtung würde die 
Rekrutirung auch auf alle Grenzgebiete des Reichs und auf die 
eine Ausnahmestellung einnehmenden Bevölkerungsgruppen ausge- 
dehnt werden können, als da sind: die muhamedanischen Gebiete 
(mit Ausnahme der Bergvölker, welche unter einer Militairverwal- 
tung stehen), Bessarabien, die ausländischen Kolonisten u. a. 
Wenn mehr oder weniger begründete politische Bedenken veran- 
lassen könnten in einigen Gegenden von einer Rekrutenaushebung 
in natura abzusehen, so werden solche Bedenken gegenstandslos, 
sobald jedem Einzelnen und jedem Stande die Möglichkeit geboten 
ist für einen massigen Preis Rekrutenquittungen zu kaufen. Die 
einigen fremden Stämmen verliehene Befreiung von der Leistung 
der Militairpflicht in natura mag wohl ihre Gründe gehabt haben*); 
die liiberirung jedoch vrfh einer Geldsteuer, welche auch von dem 
herrschenden Yolk getragen wird, muss jeder Begründung ent- 
behren. 

« 

Ueber die taktische und administrative Eintheilung des Hee- 
res ist nicht viel zu sagen; sie ist beinahe in ganz Europa die- 
selbe. Nur Eins könnte man bemerken. Es w^äre wünschens- 
werth, dass bei uns ein dreizehntes Schützenbataillon, wie ein 
solches bei einigen Divisionen existirt, bei allen formirt werden 



*) Säiumtliche ausländische Kolonisten beinahe sind bis jetzt von 
der Rekrutirung befreit gewesen, wogegen von der russischen nationalen 
Presse in den letzten Jahren heftig geeifert worden ist. 

Anm. d. Uebers. 



119 

würde. Die Begiments-Schützencompagnien decken die Fronte 
ihrer Abtheilungen: hierzu genügen sie vollkommen, selbst bei dem 
andauerndsten Kampf. Im Kriege kommen jedoch fortwährend 
Fälle vor, in denen speciell Scharfschützen allein zur Besetzung 
eines besonders coupirten Terrains nöthig sind. Ein Infanterie* 
bataillon bietet bei der Vertbeidigung eines- solchen Terrains nicht 
die genügende Anzahl Schützen, da deren Hur 160 auf 1000 Mann 
nach dem Etat kommen; die Schützencompagnien aus der Keserve 
dorthin schicken^ Messe ein Bataillon, weldies vielleicht noch epien 
heissen Kampf zu bestehen haben könnte, vorher seiner Scharf- 
schützen berauben; ein Schützenbataillon aus einer andern Divi- 
sion heranziehen, hiesse Verwirrung in das Commando bringen: 
der Corpscommandeur soll sich nicht mit den einzelnen Truppen- 
einheiten befassen. Zu solchen so häufig durch die Umstände ge- 
botenen Zwecken ist bei jeder Division ein besonderes Schützen- 
bataillon erforderlich. Ausserdem bleiben beim gewöhnlichen Gang 
des Krieges mehr Schützen auf dem Schlachtfeld, als Leute der 
Liniencompagnien, und es ist sehr schwer sie zu ersetzen, da die 
letzteren das Schiessen auf weite Distancen nicht lernen. Die 
Errichtung je eines Schützenbataillons bei jeder Division würde 
das Zahlenverhältniss der Scharfschützen zu der Masse der Linien- 
infanterie von einem Fünftel auf ein Viertel bringen, was schon 
an und für sich höchst wichtig ist. 



Sfitnfled gopM 



Die Sttrke der Iifaiiterie imd die Laides-lUittir- 

organisatioii. 

Nimmt man eine fünfjährige Frist für den activen Dienst 
unter den Fahnen, wenn die ganze obligatorische Dienstzeit 
15 Jahre ist, als normalen Termin für sämmtliche Theile der In- 
fanterie an, so würden 15 Jahrgänge, ein jeder zu 80 Bekmten, 
zusammen 1200 Mann für ein Bataillon ergeben; nach Abzog 
des natürlichen Abgangs von 2 Proc. jährlich würde diese 6e- 
sammtsnmme jedoch nur gegen 1000 Mann betrage. Ein Ba^ 
taillon auf dem Gadrefnss würde ans den fünf jüngsten Jahr- 
gängen, also ans 400 Mann, bestehen; der alleijüngste Jahrgang, 
die 80 Mann Bekmten, würde sich im ersten Jahr im Reserve- 
bataillon und nnterw^ befinden; die Stärke des Cadrebataillons 
würde somit ebenso gross sein als gegenwärtig nnd 320 Mann 
oder vielmehr, nach Abzug des Manquements, 300 Mann betragen. 

Nach der zuletzt veröffentlichten Uebersicht (für das Jahr 
1865) betrug die Stärke unserer ganzen Infanterie 626,000 Mann, 
darunter die active Infanterie mit 466,000 Mann. 

Wird unsere Armee auf 60 Infanteriedivisionen gebracht, so 
würde die Stärke der gesammten Infanterie zusammen mit den 
lokalen Truppen im europäischen Russland in Friedenszeiten fol- 
gende sein können*: 

3 Gardedivisionen auf dem Friedensfuss wie 

gegenwärtig 14,000 Mann, 

4 Divisionen an der westlichen Grenze und 4 

im Kaukasus auf dem Eriegsfuss . . . 104,000 

49 Divisionen im Gadrebestand 255,000 

Reserve-Infanterie 41,000 

Gensdarmen 30,000 

Zusammen 444,000 Mann. 



J 



121 

Rechnet man noch 40,000 Mann auf die östliche Grenze 
(Sibirien, Orenbnrg, Torkestan), so würden es immer 142,000 
weniger als gegenwärtig sein. Bei einer solchen Bedaction im 
Frieden wttrde unsere active Infanterie beim Uebergang anf den 
Kriegsfass 768,000 Bajonette (nach den Etatlisten) anstatt der 
gegenwärtigen 580,000 aufstellen. 

Die Yerminderong der Stärke der beständig unterhaltenen 
Trappen um 140,000 Mann repräsentirt, wenn man die Kosten 
fttr einen Soldaten mit 50 Rubeln berechnet, ein Erspamiss von 
7 Millionen. 

Für die Yolksmiliz sind i% Millionen erforderlich. Nimmt 
man femer an, dass die 30,000 Gensdarmen noch ein Mal soviel 
kosten werden als die Infanterie, so würde das eine Mehrausgabe 
yon ly^ Millionen repräsentiren. Zehn neue Diyisionsstäbe (die 
kaukasischen Linienbataillone haben bereits ihre eigene Yerwal- 
tong) und die neuformirten Artilleriebrigaden werden auf dem 
Friedenirfnss jährlich ungefähr ly^ Millionen zu stehen kommen. 
Somit würde noch ein Erspamiss von ly^i Millionen zur Bestrei- 
tnog der aUerdringendsten Erfordernisse übrigbleiben. 

Wenn 480,000 Mann Yolksmiliz auf einen Monat der pro- 
duetiven Arbeit entzogen werden, was aufs Jahr vertheilt je 
40,000 Mann ausmacht, so würden 140,000 terminlose Urlauber 
als unnöthig zu Hause bleiben können; ungeachtet dessen, dass 
die Yolksmiliz einbemfen wird, würde sich somit die Zahl derer, 
welche der Arbeit entzogen werden, jährlich um 100,000 Mann 
vermindern. 

Hierbei ziehen wir gar nicht einmal in Rechnung die vielen 
sehr erheblichen Ersparnisse, welche sich ganz von selbst ergeben 
werden, sobald nur die Yolksmiliz bei uns ein Staatsinstitut ge- 
worden; da indess die militairischen Rechenschaften bei uns noch 
nicht mit der Ausftihrlichkeit abgefasst werden, dass man für 
jeden einzelnen Posten genau die Ausgaben zu erkennen ver- 
möchte, so würden wir nur sehr zweifelhafte Zahlen aufstellen 
können. Wir können aber wenigstens auf zwei Hauptquellen der 
Ersparnisse, welche sich bei einer solchen Ordnung der Dinge zu 
ergeben nicht ermangeln werden, hinweisen. 

Es ist klar, dass die Anzahl der gegenwärtig zur Armee 
gehörigen Nichtcombattanten durch die Einfühmng der Yolksmiliz 
erheblich zu vermindem sein würde. Repartirt man nun auf jedes 



122 

Yolksmiliz-BatailloD (dmschina) die nach der Berechnttng erforder- 
lidie AnzaM der Nichtcombattant^n, so wird die ganze Mass^ 
derselben beim üebergang auf den Kriegsfuss vorhanden sein. 
Dass der gemeine Rosse, wenn er einmal den Unifonnsrock trägt 
und den Säbel an der Seite hat, sich ebenso ausser der Fronte 
wie in derselben als Militionair betrachten wird, unterliegt keinem 
Zweifel. Mit solchen Leuten, die nicht ausgebildet und daher 
auch nicht jährlich einberufen zu werden brauchen, wird man er- 
setzen können: 1) die Hospital-, Proviant- und Commissariats- 
Commandos (bei der im Kriege erforderlichen enormen Anzahl 
der ersteren ist es unmöglich dieselben ausschliesslich aus ge- 
übtem Personal zu bilden, und es genügt, wenn nur die höhere 
Lazarethbedienung ausgebildet ist); 2) die Arbeitskräfte der Ar- 
tilleriegarnisonen in den Festungen; 3) das Fuhrwesen bei den 
Regimentern; 4) sämmtliehe Fuhrknechte (allein schon die Ar- 
tillerieparks erfordern eine beträchtliche Anzahl solcher Leute; 
werden die Munitionskarren zu vierräderigen umgeändert, so wird 
ein jeder Bauerjunge Karrenfahrer sein können); 5) die Officiers- 
bedienung. Hat man nur für Kriegszeiten die volle Anzahl 
von Nichtcombattanten in Bereitschaft, so wird man sie in Frie- 
denszeiten gar nicht bei den Regünentem zu halten brauchen; zur 
Erfüllung der nothwendigen Obliegenheiten ausser der Fronte 
könnten dann die Leute aus der Fronte der Reihe nach verwandt 
werden, jedoch durchaus nur eben abwechselnd, damit der Soldat 
nicht auf lange Zeit von seinem speciellen Beruf abgezogen 
werde. 

Ist die Stärke der Mannschaft auf ein Drittel reducirt, so ist 
es auch hinsichtlich des Dienstes nicht nöthig die volle Anzahl 
von Officieren zu conserviren. Hierbei müssen jedoch zwei Mo- 
mente im Auge behalten werden: 1) der Officier, welcher sich 
der Regierung freiwillig zur Disposition gestellt hat, muss trotz 
aller etwaigen Etatverminderungen vor allen Zufälligkeiten sicher 
gestellt sein. Verlangt man von einem Menschen, dass er sich 
für ein besonderes Fach, welches für die Gesammtheit nothwendig 
ist, ihn jedoch von jedem Wissen anderer Art abzieht, ausbilde, 
so kann man ihm, solange er seinen Beruf würdig erfüllt, nicht 
sagen t du bist nicht mehr nöthig. Ein solches gewaltsames Ent- 
lassen von Officieren kann die Armee sittlich todt machen. Es 
verlohnt der Verfahrungsweise der französischen Regierung im 



123 

Jahre 1865 seine Aufmerksamkeit zu schenken: als die Stärke 
der Compagnien und somit auch die Anzahl der Officiere in der 
französischen Armee vermindert wurde, so wurde doch kein Ein- 
ziger seinem Schicksal überlassen, sondern für die Zukunft eines 
Jeden Sorge getragen. 2) Wenn genügend ausgebildete und ter- 
minlos entlassene Soldaten auch selbst nach einem langdauemden 
Urlaub vollkommen befriedigend sein können, so lässt sich doch 
von Officieren nicht dasselbe sagen: die Letzteren müssen weit 
mehr verstehen, sie müssen die Fortentwickelung der Taktik hin- 
sichtlich ihrer SpecialwaflPe verfolgen; und daher wird es häufig 
vorkommen, dass ein nach langem Urlaub wieder zurückkehrender 
Officier viel vergessen haben und arg zurückgeblieben sein wird* 
Der terminlose Urlaub taugt nichts für Officiere, kann aber durch 
wiederholten kurzen Urlaub ersetzt werden. Um nicht unnütz bei 
einer auf den Cadrefuss reducirten Abtheilung die Officiere voll- 
zählig zu erhalten, ist es am besten dem dritten Theil der vor- 
handenen Officiere das Recht auf einen Jahresurlaub mit halber 
Gage, welcher von den Dienstjahren nicht in Abzug gebracht 
wird, zu gewähren. Eine solche Einrichtung würde eine erheb- 
liche Wohlthat für die höheren Stände und überhaupt für Solche, 
die etwas Vermögen besitzen, sein. Die Eichtigkeit einer solchen 
Massregel kann sich erst in der Praxis ergeben; höchst wahr- 
scheinlich aber wird sich eine beträchtliche Anzahl Liebhaber fin- 
den; erreicht dieselbe die bezeichnete Grenze, so werden sich die 
Kosten für die Unterhaltung der Officiere im Frieden um ein 
Sechstel vermindern. Solche beurlaubte Officiere können ausser- 
dem, wenn sie für drei Wochen von ihren Wohnorten zum Cen- 
tmm des Militairbezirks einberufen werden, ebenfalls als ein wich- 
tiges Hilfsmittel zur Ausbildung der Volksmiliz dienen. 

Stellt man die Armee auf eine neue Basis, da sie anders nie- 
mals im Stande sein würde mit europäischen Streitkräften zu riva- 
lisiren, so wird man in vielen Beziehungen nicht nur das Alte 
umzugestalten, sondern sich auch gänzlich davon loszusagen haben. 
Nicht nur erst im Fall einer weiteren Verkürzung der Dienst^ 
Zeiten, sondern schon jetzt, in diesem Augenblick, steht in unseren 
militairischen Einrichtungen Vieles im directen Widerspruch mit 
den heutigen, sowohl vom Gesetz als auch einstimmig von der 
Meinung der Militairs anerkannten Anforderungen. Hierher ge- 
hört namentlich das noch bis auf den heutigen Tag in der Armee 



124 

existirende Begiments-OekonomieweseiL Dasselbe besteht dann, 
dass, da fOr einige Gregenstftnde zu kleine, für andere zu grosse 
Geldmittel verabfolgt werden, es dem Commandeor der Abtheilimg 
überlassen ist in gewisser Hinsicht der Pächter derselben zu sein, 
die Verpflegung derselben zu übernehmen und mit Benutzung der 
Arbeit der Soldaten, wie er es eben versteht, seine Sechnung so 
zu machen, dass die Einnahme die Ausgaben deckt Eine solche 
Ordnung der Dinge repräsentirt die Fortdauer der alten Zeit, 
da der Soldat noch ein Leibeigener des Staats war und sein 
ganzes Leben lang diente. Damals erschien das ganz natürlich; 
bei einem fünfundzwanzigjfthrigen Soldatendienst war eben Vieles 
möglich, was jetzt schon Schwierigkeiten macht, mit der allend- 
lichen Abktlrzung der Dienstzeit aber unmöglich werden wird. 
Im Laufe von fünfundzwanzig Jahren hatte der Soldat Zeit genug 
jedes beliebige Handwerk zum Vortheil des Staats zu erlernen 
und konnte zu gleicher Zeit auch noch im Dienst gründlich Be- 
scheid wissen; hätte man ihm anstatt der strammen Haltung da- 
mals das Zielschiessen gelehrt, so hätte er ebensowohl ein guter 
Schuhmacher als ein vortrefflicher Schütze werden können. Gegen- 
wärtig aber, wo man eine weit grössere Macht ins Feld stellen 
und deshalb die activen Truppentheile in Cadres verwandeln muss, 
durch welche die Mannschaften nur hindurchgehen, wo diese Leute 
in einer relativ kurzen Frist nicht nur gründlich das Militair- 
wesen erlernen, sondern auch von dem Geist desselben durch- 
drungen werden sollen, um bei der Einberufung zum Kriege wie- 
der als echte Soldaten in die Beihen treten zu können, — g^n- 
wärtig können sie bereits nicht mehr zu gleicher Zeit Krieger 
und Begimentshandwerker, Scharfschützen und Schneider sein. 
Ausserdem zeichnet sich diese Art Begimentsökonomie noch durch 
eine Menge schädlicher Folgen aus. Sie ist die Veranlassung dazu, 
dass die Präsenzzahl einer Abtheilung, ausser an den Inspections- 
tagen, beinahe niemals zu constatiren ist: wo die Fehlenden stecken, 
mögen die Götter wissen; dass die Soldaten im Allgemeinen, mit 
Ausnahme der Schützencompagnien, äusserst mangelhaft ausgebil- 
det sind; dass ihnen das Bewusstsein ihres rein militairischen Be- 
rufs abhanden kommt und sie sich nur an gewissen Tagen und 
zu bestimmten Stunden unter Anderem auch als Soldaten betrach- 
ten. Bei der Verificirung des Effectivbestandes in den einzelnen 
Abtheilungen habe ich Gelegenheit gehabt mich aus eigener Er- 






125 

fahning davon za überzengen, dass, wenn eine vollzählige Gom- 
pagnie, welche als anwesend aufgegeben und anch in der That 
vorhanden war, plötzlich ans der Kaserne gemfen wurde, bis- 
weilen kaum zehn Mann zu Hanse anzutreffen waren. Biese Leute 
fehlen gar nicht, am Abend kann man sie alle in Reih und Glied 
stellen; sie sind nur mit irgend welchen wirthschaftlichen Verrich- 
tungen ausserhalb der Kaserne beschäftigt Das heisst jedoch, 
dass an dem Tage nur zehn Mann zum Exercitium erscheinen 
konnten; währt eine solche Wirthschaft das ganze Jahr hindurch, 
so kommt jeder Soldat im Laufe von 12 Monaten circa 20 Mal 
dazu das Exercitium mitzumachen; dabei würde freilich nicht 
nur ein fÜnQähriger, sondern selbst ein zehnjähriger Termin zur 
Ausbildung nicht genügend erscheinen. Ich habe natürlich den 
grellsten Fall angeführt, aber nichts desto weniger ist es klar, in 
welchem Grade diese Art Oekonomiewesen, namentlich in vielen 
an den Grenzen stehenden Regimentern, wo dasselbe sich beson- 
ders entwickelt hat, die Leute von ihrem directen Beruf abzieht 
Etwa im Jahre 1842 wurde von den französischen Kammern be- 
stimmt, dass der Soldat zu gar keiner obligatorischen Arbeit ver- 
wandt werden dürfe, ausser zu einer durch Kriegserfordemisse 
bedingten, und zwar auch dann nur, wenn der Truppentheil auf 
den Kriegsfuss gebracht worden ist. Diese Entscheidung beweist 
die übrigens anch ohnehin bekannte Thatsache, dass die Bedeutung 
des Militairwesens in Frankreich von Allen begriffen wird. Gegen 
die vollständige Abschaffung eines solchen Oekonomiewesens wird 
bei uns häufig als Argument angeführt, dass die Industrie bei 
uns noch nicht genug entwickelt ist, dass es bisweilen schwierig 
sein würde den Bedürfnissen der Truppen vermittelst Lieferungen 
zu entsprechen. In der "Wirklichkeit ist es mir aber noch nir- 
gend, selbst nicht an den Grenzen, passirt auf solche Schwierig- 
keiten zu stossen. Ich habe dagegen immer bemerkt, dass der 
Soldat einer imaginären Billigkeit wegen zum Arbeiten gebraucht 
wurde, indem man meinte, dass es vortheilhaft sei, da derselbe 
schon ohnehin vom Staat unterhalten werde, durch seine Hände 
das für 5 Rubel herzustellen, was sonst 10 gekostet hätte; es 
lief darauf hinaus, dass der Soldat, dessen Erhaltung jährlich 
50 Rubel, nach der Gesammtsumme des Kriegsbudgets sogar 
150 Rubel zu stehen konmit, seiner Familie entrissen werde und 
dem Staat soviel Geld kosten sollte, nicht sowohl um ein Krieger 



126 

ZQ werden (dezm er lebte nicht als solcher), sondern vielmehr des- 
halb, damit eine Oekonomie von 5 Rubeln gemacht werden könne. 
Wäre es dann nicht besser, den Menschen mhig in seiner Heimath 
zu lassen und für seine Erhaltung nicht unntttz 50 Kübel auszu- 
geben, sondern das Nöthige für 10 Rubel anzuschaffen und den 
Best von 40 Rubeln zu ersparen? Dieses Beispiel ist durchaus 
kein Scherz. Der ganze Werth der Soldatenarbeit steht ent- 
schieden immer in diesem Yerhäitniss zu dem, Tras der einzehie 
Mann dem Staat kostet. Die Yertheidiger der Regimentsökonomie 
(deren es gegenwärtig übrigens nicht mehr viele giebt) legen 
darauf Gewicht, dass ein solcher arbeitende Soldat doch immerhin 
sich in der Präsenz befindet und, sobald es erforderlich ist, in 
die Reihe treten kann. Ist jedoch zur Ausbildung des Soldaten 
ein gewisser Termin erforderlidi, so muss zu diesem Termin doch 
noch die ganze Zeit, in der er arbeitet und nicht lernt, hinzu- 
gerechnet werden, eine Zeit, während welcher ihn der Staat mit 
jener vortheilhaften ökonomischen Berechnung, wie das oben ge- 
zeigt worden, unterhält. Sobald diese Art Oekonomiewesen existirt, 
so erfolgt entsi^hieden eins von beiden : entweder wird der Soldat 
der Arbeit wegen unnütz lang in den Reihen gehalten, oder aber 
er wird ungenügend ausgebildet nach Hause entlassen (weshalb es 
denn ^uch so schwer ist sich mit den Yertheidigern der gegen- 
wärtigen Dienstzeiten zu verständigen; wenn sie behaupten, dass 
man in einem kürzeren Termin den Soldaten nicht ausbilden könne, 
so meinen sie dabei eben nicht nur den Soldaten, sondern auch 
— den Sattler). 

Nimmt man das Oekonomiewesen dem Abtheilungscomman- 
deur ab, um es in die Hände eines Comit^s zu legen, so ist das 
nur eine sehr unbedeutende Veränderung. Das üebel rührt bei 
uns nicht von dem Wirth her, sondern von der Wirthschaft 
Wenn wir überhaupt eine wahrhaft kriegstüchtige Armee mit re- 
lativ kurzen Dienstzeiten haben wollen, so mtlssen unbedingt selbst 
die Spuren eines solchen Oekonomiewesens ausgerottet werden, 
und zwar nicht nur die HoLzsäger und Kohlenbrenner, welche bis 
zur Stunde in einigen Regimentern existiren, sondern auch sämmt- 
liche Schneider, Schuster, Sattler u. dgl. m.; das Heer muss, wie 
in allen anderen Ländern, vermittelst Lieferungen ernährt, geklei- 
det und mit allem Nöthigen versehen werden. Liesse es sich gar 
nicht anders machen, so wäre es wenigstens unvergleichlich vor- 



127 

theilhafter alle. gegenwärtigen Regimentshandwerker ans der vollen 
Stärke ansznscheiden und die Gelder, welche für sie äosgegeben 
werden, zu den Unterhaltssnmmen des Begiments hinzuznffigm. 
Im Heer ist die ökonomische Arheit nicht an und für sich schädlich; 
sie würde, massig betrieben, bei der gegenwärtigen and selbst 
bei einer ftknfjährigen Dienstzeit, den Soldaten nicht hindern sich 
mit dem Müitairischen wie erforderlich zu beschäftigen; aber im 
Prineip darf sie nicht geduldet werden. Sobald die Arbeit ge^ 
stattet ist, nimmt sie unbemerkt Dimensionen an, die auf ihr rich*^ 
tiges Mass imrttckzuführen dann unmöglich ist. 

Bei der dargestellten Organisation der Armee würden von 
768,000 Mann activer Infanterie (mit Ausnahme der Ingenieur- 
trnppen) in Friedenszeiten 373,000 sich im Dienst befinden und 
gegen 400,000 (395,000), also etwas mehr als die Hälfte, zu 
Hause in der Heimath sein; diese letztere Zahl würde sidi noch 
vergrössem, sobald es die Umstände gestatten die Zahl der auf 
dem Eriegsfuss befindlichen Divisionen zu vermindern. *) Bechnet 
man nun noch eine Yolksmiliz von 480,000 Mann dazu, so ergiebt 
sich, dass von den 1,248,000 Bajonetten, welche Russland gegen 
den Feind aufstellen kann, 875,000, also 7iO} üi der Heimath 
verbleiben würden. Unter solchen Verhältnissen ist die Sorge um 
die in die Heimath entlassenen Leute offenbar ebenso wichtig, 
wie die Sorge um die Truppentheile selbst; der hauptsächlichste 
Theil der Armee würde im Frieden nicht unter den Fahnen, son- 
dern in der Heimath, in seinen Bekrutenbezirken leben; von der 
lokalen Militairverwaltung dieser Bezirke würde daher keine ge- 
ringe Sorgfalt zu verlangen sein. Die Dienstlisten der termin- 
losen Urlauber und der Volksmiliz werden nicht nur in vollstän- 
diger Ordnung gehalten, sondern beständig verificirt und ergänzt 
werden müssen; jährlich wird man die Mannschaft der Volksmiliz 
zu sichten, jedem Einzelnen seinen Platz zuzuweisen, die für die 
Fronte bestimmten von den Nichtcombattanten zu scheiden und 
endlich sie jährlich zu schulen haben. 

Die Completirung sämmtlicher Abtheilungen, der Ingenieur-^ 
Artillerie- und überhaupt aller auch im Frieden nöthigen Com- 



*) Die drei Gardedivisionen habe ich nicht besonders aufgezahlt, 
sondern sie in der Gesammtzahl der 60 activen Divisionen mit ein- 
begriffen. 



128 

inandos mass durch die ÄBzahl Rekraten, welche vom Begiments- 
bezirk aufzubringen sind, geschehen. Die EiDrichtang solcher 
Bezirke kann nur auf solche Theile des Beichs aasgedehnt werden, 
welche hinsichtlich des in den Massen herrschenden Geistes (im- 
bekttmmert um die etwaigen adeligen Stände) vollkommen za?er- 
lässig sind and aas denen man angefährdet eine Yolksmiliz ein- 
berufen kann; die Bevölkerung dieser (jebiete haben wir auf 
annähernd 64 Millionen berechnet. Die Bekruten aus den unzu- 
verlässigen, nicht in Bezirke getheilten (regenden müssen je nach 
dem Yerhältmss der verschiedenen Manquements an die einzelnen 
Begimenter vertheilt werden. Die unserem Vaterland nöthlge 
Macht haben wir auf 240 Infanterieregimenter (ausser den Schtttzen- 
bataülonen) und auf 480 Milizbataillone berechnet. Auf diese 
Weise würden je zwei Milizbataillone auf jeden Begiments* 
Bekrutenbezirk kommen und die Bevölkerung desselben würde 
etwa 266 bis 267,000 Seelen beiderlei Geschlechts, also je zwei, 
drei oder vier Kreise eines Gouvernements umfassen. 64 Millionen 
von der Bevölkerung Busslands (mit Ausnahme Finnlands, des König- 
reichs Polen, des Kaukasus, der Kosakenheere und der Nomaden- 
völker) würden sich somit in 240 Begiments-Bekrutenbezirke thei- 
len. Jeder Bezirk würde jährlich an Bekruten zu stellen haben: 
Für das Begiment von drei Bataülonen .... 240 Mann, 

Für das Schützenbataillon 20 - 

Für die übrigen Truppentheile, gemäss dem Ver- 
hältniss der Stärke der verschiedenen anderen 
Waffengattungen, nach der üebersicht aus dem 
Jahre 1864 (mit Ausnahme der Cavallerie) . 80 

Zusammen 340 Mann. 

Das jährlich zu stellende Contingent zur Miliz . 680 Mann. 

Die zu diesem Contingent ergänzend hinzukommende 
Zahl von Nichtcombattanten, als Fahrknechte, 
Officiersbedienung, Arbeitskräfte verschiedener 
Bessorts, als Mannschaft der Hospital- und 
anderen Commandos, und überhaupt als Nicht- 
combattanten jeder Kategorie, die Gesammtzahl 
derselben, mit Ausnahme der auch in Friedens- 
zeiten unterhaltenen, auf 80,000 Mann veranschlagt 110 

Zusammen 790 Mann. 



129 

Zar Yermeidang nnnützer Complicirtheit haben wir nicht bei 
jeder Klasse das entsprechende Procent Eekmten in Abzug ge- 
bracht, welches auf die Grenzgebiete, die nicht in solche lokale 
Bekratenbezirke eingetheilt werden können, entföHt. Dieses Pro- 
cent beträgt annähernd V13, and als das jährliche Bekrutencon- 
tingent eines jeden Bezirks ist daher nnr 315 za rechnen. 

Von 133,000 männlichen Einwohnern, sämmtliche Schichten der 
Gesellschaft mitgerechnet, würden also jährlich einznberafen sein 
315 Rekraten, d. i. 2«/6 von je 1000 Einwohnern, und für die 
Milizmannschaft, die in Friedenszeiten vollständig frei über sich 
disponirt, beinahe 6 von 1000. Auf jeden Bezirk kämen dann 
4850 Soldaten (etwas weniger als 28 auf 1000 männliche Ein- 
wohner), von denen beinahe die Hälfte gar nicht in der Armee an- 
wesend wäre (selbst wenn man annimmt, dass die Garde, 8 In- 
fanteriedivisionen und die Truppen an der östlichen Grenze in 
grösserer Vollzähligkeit verbleiben), 2000 Mann activer Miliz und 
330 nichtactiver. Die ganze Anzahl der Dienenden sowohl wie 
der der Einberufung Unterliegenden würde somit in jedem Bezirk 
7180 Mann betragen, also etwas weniger als 54 von 1000 männ- 
lichen Einwohnern. 

Mit der Einübung der Bekruten und der Milizmannschaft 
müssten die Beservetruppen betraut werden. Diese letzteren wür- 
den freilich bei der Eintheilung des Beichs in Bekratenbezirke 
und bei der Einführang der Yolksmiliz nicht bataillonsweise grap- 
pirt werden können; denn. Leute, die sich durch eigener Hände 
Arbeit den Unterhalt zu erwerben haben, dürfen nicht auf lange 
Zeit einberufen und der Arbeit entzogen werden. Ohnehin wird 
es in dünn bevölkerten Gegenden, in denen deshalb auch derBe- 
krutenbezirk von sehr beträchtlicher Ausdehnung sein würde, so- 
gar sehr schwer halten, die Leute in einem Centrum zu versam- 
meln, und man wird daher zwei Sammelplätze bestimmen müssen. 
Es würde übrigens nicht viele solcher Bezirke geben. Die Miliz- 
mannschaft; jedoch aus dem ganzen Gouvernement, oder doch aus 
einem beträchtlichen Theil desselben zu dem Standort des Beserve- 
bataillons einznberafen würde sieh gewiss als unausführbar er- 
geben. Bei einer solchen Einrichtung müssten daher die Beserve- 
truppen compagnieweise cantonnirt werden, je eine Compagnie in 
jedem Bezirk, was 240 Compagnien ergeben würde. 

Die Verwaltung eines jeden Begimentsbezirks müsste in einer 

Fftdijew, Rasslands Kriegsmacht. 9 



130 

Hand concentrirt sein. Die Bezirkschefs würden in diesem Fall 
die gegenwärtigen Goavemements-Militair-Chefs ersetzen. Die 
Obliegenheiten derselben würden überaus wichtiger Art sein, denn 
ihnen würde, ausser allen Geschäften der letzteren, auch noch die 
Sortirung nnd Organisirung der Yolksmiliz übertragen sein. Bei 
der gleichartigen Organisation der Eegimenter aas lauter Lands- 
lenten werden sich zwischen dem Eegiment und seinem B.ekruten- 
bezlrk, nicht nur durch die terminlosen Urlauber desselben, son- 
dern auch vermittelst der Miliz des Bezirks, die intimsten Be- 
ziehungen ergeben; die für das eine getroffenen Anordnungen 
werden auch auf den anderen reflectiren; die Qualität des Bezirks- 
chefs wird auf diese Weise eine neue, gar nicht zu unterschätzende 
sittliche Bedeutung erhalten, von welcher bei dem Gouvernements- 
Militair-Chef gegenwärtig nicht die Bede ist. Zu gleicher Zeit 
würde dadurch die militair-administrative Decentralisation bis zu 
ihren natürlichen Grenzen erweitert werden. Den relativ besten 
Bezirkschef würde jedenfalls ein tüchtiger Stabsofficier aus dem 
von diesem Bezirk gebildeten Eegiment abgeben, denn ein aus 
lauter Landsleuten formirtes Regiment würde seine besonderen 
Eigenthümlichkeiten haben, und wer mit diesen Leuten im Dienst 
einmal vertraut geworden, wird auch als Chef des Bezirks für 
dieselben in ihrer Heimath ein Yerständniss haben. 

Es ist unmöglich eine Yolksmiliz zu schaffen, ohne das Land 
in entsprechende Militairbezirke zu theilen. Meiner innigsten 
Ueberzeugung nach ist es ebenfalls für die Qualität der Begi- 
menter, welche bei der Completirung mit einer Masse neuer Leute 
angefüllt werden, dringend nothwendig, dass jedem Regiment ein 
beständiger Rekrutenbezirk zugewiesen werde. Diese beiden Er- 
fordernisse fliessen zusammen. Auch in Friedenszeiten muss doch 
irgend Jemand die Leitung der Yolksmiliz haben, die Listen ffih- 
ren, die Leute vertheilen, sie einüben; für die Miliz muss bar 
taülonsweise (für jede Druschine) nothwendig irgend eine Yer- 
waltung eingeführt werden. Die Unterhaltung einer solchen Yer- 
waltung würde, abgesehen von den gegenwärtigen Gouvemements- 
Militair-Yerwaltungen, besondere Ausgaben erfordern. Weit prak- 
tischer wäre es daher, beides in einer Hand zu vereinigen und 
das Land in Bezirke zu theUen, von denen ein jeder ein Infan- 
terieregiment, zwei Druschinen (Milizbataillone) und die ganze 
für die übrigen Waffengattungen erforderliche verhältnissmässige 



131 

Anzahl Bebrüten aufstellen « würde. Werden nun die Infanterie* 
Eeserven compagnieweise in diese Bezirke vertheilt, so würden 
alle Mittel zur Foraümng, Montirung und Einübung der Truppen 
an Ort und Stelle bei der Hand sein. Dadurch, dass sie aus ein 
und demselben Bezirk ausgehoben werden, würde sich ein sitt- 
liches Band um Yolksmiliz und Heer schlingen, ohne welches das 
letztere doch immer nur ein abgelöstes zusammenhangloses Stück 
vom Ganzen bleiben würde; die Tradition, der Geist und die 
zur Zeit herrschenden militairischen Anschauungen würden anderer- 
seits bei der Yolksmiliz keinen Eingang finden, während dieselbe, 
wenn sie ebenfalls aus lauter Landsleuten, aus demselben Bezirk 
wie das Regiment gebildet wird und ausserdem mancherlei Ele- 
mente aus dem Eegiment, wie z. B. die verabschiedeten Unter- 
officiere, recipirt, das Spiegelbild des Heeres bUden würde. Die 
Haaptschwierigkeit bei der Yolksmiliz, sich nicht allein mit dem 
guten Willen zu begnügen, sondern derselben auch militairischen 
Geist einzuflössen, würde auf diese Weise im Keim beseitigt wer- 
den. Wird es erforderlich den Bestand der Regimenter zu ver- 
stärken, so würde bei einer derartigen Organisation das eine oder 
beide Milizbataillone des Regiments demselben beigegeben werden 
können, und man könnte dessen vollkommen sicher sein, dass die- 
selben binnen kürzester Zeit denjenigen stehenden Bataillonen, 
mit welchen sie vereinigt worden, in Nichts nachstehen würden; 
was aber keineswegs zu erwarten stände, wenn zwischen dem Re. 
giment und den MUizbataillonen das sittliche Band fehlen würde. 
Allein schon diese Möglichkeit, für die active Armee vierte und 
fünfte Bataillone, mit der begründeten Hoffnung, dass sie von 
guter Qualität sein werden, schaffen zu können, verdient, dass man 
seine Aufmerksamkeit darauf wende. 

Die 240 lokalen Yerwaltungen würden freüich theurer zu 
stehen kommen als die gegenwärtigen Gouvernements -Militair- 
Verwaltungen, doch würde der Unterschied deshalb kein sehr er- 
heblicher sein, weil diesen lokalen Yerwaltungen, wegen der ge- 
ringen Ausdehnung ihrer Rayons, die allerbegrenztesten Etats 
verliehen werden könnten. Dafür würde aber auch die Militair- 
verwaltung factisch decentralisirt sein; jeder Chef eines solchen 
Begimentsbezirks würde eine vollkommen einheitliche und bestimmte 
Sphäre zu verwalten haben, und darin liegt die Hauptsache. Das 
Regiment und seine Druschinen (Milizbataülone) würden im Wesent- 

9* 



132 

liehen ein Ganzes ansmacben; in den meisten Bezirken würden 
nur wenige Auswärtige anzutreffen sein. Der Mensch pflegt nur 
dann eine Sache gründlich zu betreiben, wenn er sich ganz anf 
dieselbe concentriren kann; der gegenwärtige GouTemements-Mili- 
tair-Chef hat aber hnnderterlei Dinge unter Händen, so dass er 
selbst nicht weiss, was das Wichtigste von ihnen ist. Die Stellen 
der Regiments -Bezirks -Chefs würden übrigens eine passende Be- 
lohnung für solche Stabsofficiere abgeben, denen man, weil sie 
keine Erfahrung im Kriege haben, keine Regimenter anvertrauen 
darf, die aber dessen ungeachtet den Dienst kennen und höchst 
nützlich sind; es giebt deren eine Menge. Ebenso würden sich 
auch verwundete Officiere dazu eignen. Wenn es dermaleinst ge- 
schieht, dass die Eriegskräfte Russlands schon im Keim, im Volk 
selbst, aus dem sie [entspringen, sich harmonisch in einander zu 
fügen beginnen, so werden sie sich gewiss allein nur in organi- 
schen, selbst in militairischer Hinsicht einheitlichen Bezirken, der- 
artig zusammenfügen. 



f e(^6fc6 gttpitef. 



Dk Rdterei. 

Bis jetzt habe ich der Cavallerie keine Erwähnung gethan 
nnd ebenso auch die für diese Waffengattung erforderlichen Be- 
kraten nicht, gleich den übrigen, in Anschlag gebracht Handelte 
es sich hier um westenropäische Armeen, so wäre eine derartige 
Scheidung allerdings nicht am Platz; für die Cavallerie giebt es 
dort keine andere Quelle, als die eine allgemeine Bekratenans- 
hebnng. Wenn jedoch von Bassland die Bede ist, so kann wohl 
die Frage von der Cavallerie, meiner Meinung nach, getrennt be- 
handelt werden. 

Die uralte Vorstellung von der Bedeutung der Cavallerie im 
Kriege ist heutzutage etwas erschüttert worden. Und sie hat in 
der That in den letzten Kriegen keine grosse Bolle gespielt; 
weder in den von Schluchten durchsetzten Umgebungen Sebasto- 
pols, noch in den überschwämmten Ebenen Italiens hat sie Verwen- 
dung gefunden; im ganzen preussisch-österreichischen Kriege ist 
nur eine einzige erhebliche Cavallerieattake vorgekommen, näm- 
lich in der letzten Stunde der Schlacht bei Königgrätz, welche 
den Preussen hundert feindliche Kanonen und eine Masse Qe* 
fangener eintrug. Alle übrigen Attaken verfehlten ihr Ziel, 
denn sie wurden beständig von dem sicheren Feuer der ge- 
zogenen Gewehre zurückgeschlagen« Nichts desto weniger unterliegt 
es keinem Zweifel, dass eine Armee ohne Cavallerie gelähmt wäre 
und die Fabel vom Ldwen, der von einer Mücke besiegt wird, 
iUustriren könnte. Ohne Cavallerie kann man von dem Feinde 
nichts wissen, also auch die Action nicht richtig einrichten; ohne 
sie ist es nicht möglich auf Kosten des feindlichen Landes zu 
leben, da die Infanterie zu sehr durch Märsche ermüdet wird, als 



134 

dass man sie weit ab zum Fouragiren aussenden könnte, und 
man wäre also genötbigt, einen endlosen Train, wie im sieben- 
jährigen Kriege, mit sich zu führen, mit anderen Worten, die Armee 
in eine Schildkröte zu verwandeln; ohne Cavallerie ist es un- 
möglich den Feind total zu schlagen, man kann nur das Schlacht- 
feld behaupten und es dem Gegner dann überlassen sich in eine 
andere für ihn Tortheilhafte Position zu begeben; nur die Cavallerie 
ist dazu geeignet, die Vortheüe des unerwarteten Angriffs zubie- 
ten, den Feind zu überfallen, wenn er aus irgend einenf Grunde 
nicht bereit ist mit uns zusammenzutreffen; endlich kann man 
auch nur mit Hülfe der Cavallerie sein Spiel maskiren, für einige 
Zeit die besten Kräfte des Feindes aufhalten und seine Aufmerk- 
samkeit ablenken. Eine gute Infanterie vermag nur die Berech- 
nungen des Feldherrn zu verwirklichen, während eine gute Ca- 
vallerie plötzlich das ausführen kann, worauf der Feldherr aach 
nicht einmal rechnen durfte. 

Hier unter Anderem nur ein Beispiel dafür, was ein von der 
Cavallerie vollbrachter Sieg und was ein nicht von ihr beendigter 
heisst. In den letzten Kämpfen des türkisch-asiatischen Krieges^ 
als wir, bei einer geradezu lächerlichen Ungleichheit der Kräfte, 
es noch dazu mit einem gutgerüsteten und organisirten Gegner 
zu thun hatten, mussten wir uns ganz ohne Reserven schlagen; 
es waren kaum Truppen genug da zur Herstellung der ersten 
Linie; Alle kamen zum Handgemenge und waren daher, wenn der 
Tag zu Ende ging, so erschöpft, dass sie sich kaum rühren konn- 
ten, die Cavallerie aber am allermeisten. Zur Yerfolgung des 
Feindes gab es dann Niemand mehr. Deshalb haben wir denn 
auch in dem Gefecht bei Basch-Kadyklara nur neun Gefangene 
gemacht; der Feind konnte eben, sowie er sich aus dem Feuer 
zurückgezogen hatte, ruhig abrücken. In der Schlacht bei Kürük- 
Dara dagegen, wo die Truppen noch weit mehr erschöpft waren, 
weü der Kampf hier länger währte, fanden sich zum Schluss des 
Tages noch einige frische Hunderte lokaler Tatarenmiliz, die nur 
deshalb frisch geblieben waren, weil man sie ihrer UntaugUchkeit 
wegen ausser dem Feuer gehalten hatte; diese in jeder Hinsicht 
total unbrauchbare Reiterei, welche in dem Moment des Zurück- 
Zeichens der Türken auf den linken Flügel derselben losgelassen 
wurde, machte Sy^ tausend Gefangene und brachte den verfolgten 
Flügel dazu, dass er nach allen Himmelsgegenden aus einander stob, 



135 

während das Centmm and der rechte Flügel der Türken, welche 
im Gefecht einen weit grösseren Verlast erlitten hatten, in aller 
Ordnung abrückten. 

Ohne Reiterei lässt es sich nirgend kämpfen, selbst nicht aaf 
dem allercoapirtesten Terrain: den Beweis liefern ansere kaukasi- 
schen Expeditionen; auf den offenen Feldern Mitteleuropas aber, 
Yon der Weichsel bis zum Rhein, auf diesem historischen Kriegs- 
theater der Welt', ist eine zahlreiche Reiterei nöthig. Die Rei- 
terei unterscheidet sich jedoch von den anderen Waffengattungen 
dadurch, dass sie keine Mittelmässigkeit verträgt. Bei der In- 
fanterie wird durch gute Bewaffnung und durch Begeisterung im 
hohen Grade die Erfahrung ersetzt; bei der Artillerie geben die 
neuen vervollkommneten Geschütze und vier Mann gut eingeübter 
Bedienungsmannschaft pro Geschütz schon eine befriedigende 
Truppe ab; die Reiterei dagegen wird, solange der Mensch nicht 
in dem Grade mit dem Pferde verwachsen ist, dass die vier Füsse 
des Bosses sich für ihn in seine eigenen verwandeln, im Gefecht 
wenig Vortheil bringen; die allerverzweifeltste Tapferkeit eines Ca- 
valleristen, welcher, wenn er im Sattel sitzt, sich nicht als vier« 
fikssigen Oentaur fühlt, ist nichts anderes als die Tapferkeit eines 
vom Schlage gelähmten Infanteristen. Selbst hiermit ist noch 
nicht genng gesagt. Im Cavalleristen muss sich eine ganz aparte 
Oavalleristenseele entwickeln; die ganze Ueberlegung muss bei ihm 
im Auge stecken; ein Blick und die Entscheidung muss gefallen 
sein, wie Pulver muss er auflodern und der Gegner oder er selbst 
muss geworfen sein; ganz anders verhält es sich mit dem Infan- 
teristen, dessen Aufgabe es ist den Stein zu höhlen, wie der 
Regentropfen, und ihn dann doch endlich durchzuschlagen. Wo- 
her aber solche Leute nehmen oder, besser gesagt, wie sie heraus- 
finden? denn es giebt factisch solche Individuen. 

Da man dazu keinen sittlichen Massstab hat, so ist es am 
praktischsten die Leute nach ihrer Abstammung zu gruppiren. 
Die Abstammung prägt dem Menschen sowohl leiblich wie seelisch 
ihren Stempel auf. Irgend eine Eigenthümlichkeit im Leben einer 
gewissen Race oder Gruppe inficirt sogar auch das geistige Wesen 
des Menschen, und wenn sie auch nicht in jedem Einzelnen voll- 
ständig zum Ausdruck kommt, so repräsentirt doch die ganze 
Gruppe in ihrer Gesammtheit weit mehr Procente dieser eigen- 
thümlichen Eigenschaft, als irgend eine andere Gruppe. In Folge 



136 

dessen ist nnsere Cavallerie vorzagsweise aas Kleinrussen gebildet 
worden, welohe zu Hause zwar nur wenig Pferde halten und 
immer nur mit Stieren fahren; im Grossen und Ganzen liefera 
sie indess mehr gute Cavalleristen, als einer der anderen rassischen 
Stämme. Welchem anderen Grande könnte man das wohl zuschreiben^ 
als dem, dass die Eleinrussen, obschon sie längst nicht mehr Kosaken 
sind und im täglichen Leben wenig mit Pferden umgehen, doch 
immer noch Abkommen der Kosaken sind und in ihnen eine gewisse 
Kosakenader und etwas vom Blut der Väter übrig geblieben ist. 
Seitdem die europäische Reiterei nicht mehr ausschliesslich 
aus Adeligen besteht, hat man sie, man mochte wollen oder 
nicht, aus Bauern bilden, gewissermassen künstlich formiren 
müssen. In Europa wird dieser Mangel zum Theil jedoch durch 
die Qualität der Cavallerieofficiere ersetzt: mit Ausnahme von 
Frankreich sind sie überall, beinahe Mann für Mann, Adelige 
aus alten Geschlechtem; der europäische Adel ist aber bis jetzt 
nicht nur seiner Herkunft nach, sondern auch seiner Erziehung 
nach eine natürliche Cavallerie, der Adel lernt von kleinauf die 
Finessen des Keitens und die Behandlung der Waffen und bringt 
daher in die CavaUerie soviel als nur überhaupt möglieh den spe- 
cifischen Geist dieser Waffe. Bei den Franzosen trägt die an- 
geborene Lebhaftigkeit des Charakters viel zur Tüchtigkdt der 
Cavallerie bei, obgleich sie im Allgemeinen keine ausgezeichneten 
Eeiter sind. Bei alledem hat die künstliche europäische Beiterei 
doch immer vor der natürlichen Beiterei, wenn diese nur gut aus- 
gebildet war, gepasst. Sobald nur die türkischen Spahis, diese ge- 
borenen Reiter, diesseits des Balkans erschienen, war es der be- 
rühmten österreichischen Cavallerie zur Grewohnheit geworden, ihnen 
nicht mit einer Attake zu begegnen, sondern sie mit Feuersalven 
zu empfangen: in so hohem Grade hatte sie die Erfieihrung ge- 
lehrt sich, wenn sie es mit den Türken zu thun hatte, nicht 
auf Ross und Säbel zu verlassen; andererseits übertrafen die un- 
garischen Husaren, obgleich sie sich mit der alten türkischen 
Reiterei nicht messen durften, dennoch an Reitertttchtigkeit die 
Cavalleristen der anderen Armeen, welche unfreiwillig aufs Pferd 
gesetzte Bauern waren, hielten sich für die erste Cavallerie in 
Europa und verdienten auch relativ dieses Lob. Die Ungarn 
haben sich jedoch schon längst aus einem halbbarbarischen Bdter- 
volk in gewöhnliche Bürger und Landleute verwandelt. Während 



137 

des FeldzQges in Aegypten hat die franz(>sische CaviUierie, nnge* 
achtet des Vorzuges, den regalaire Truppen haben, dennoch nie* 
mals den Mamlnken gegenüber Stand halten können; diese zogen 
sich beim ersten Angriff wohl zorttck, fielen ihnen aber dann so- 
fort in die Flanken nnd rieben sie in einem einzigen Gefecht 
vollständig anf. Dass bei sonst gleichen Bedingungen der geborene 
Reiter den zufälligen, zu Boss, immer schlagen wird, unterliegt 
also keinem Zweifel. Nothw^dig ist es aber eben, dass die Be- 
dlDgongen gleich seien, dass die Pferde ebenfalls kräftig und die 
Waffen gleich gut seien und dass der regulairen Fronte nicht eine 
ungeordnete Schaar entgegengestellt werde; hauptsächlich aber 
kinmat es darauf an, dass die sittlichen Vorstellungen auf beiden 
Seiten gleich seien; wenn auf der einen Seite eine strenge Bisd* 
plin und der herrschende kriegerische Geist der Truppe jeden 
einzelnen Mann, wohin er auch commandirt werde, direct darauf 
losgehen lässt, auf der anderen Seite dagegen es für den einzel* 
nen Reiter nicht als ehrlos gilt, wenn er dem Feind den Rücken 
kehrt oder sidi von Weitem mit Schiessen zu vertheidigen sucht» 
80 wird die erstere S^te selbstverständlich, wenigstens zu Anfang» 
die Oberhand gewinnen; hierbei kommt es nicht darauf an, eine 
gUnzende Fronte mit einer zerlumpten losen Schaar zu vergleichen» 
sondern Menschen mit Menschen. Murat konnte wohl sagen: 
„je Charge les cosaques ä coups de cravache"; ebenso war auch 
das Verhältniss unserer Dragoner — übrigens nur der Nischni- 
nowgoroder und der Sewerschen — zu den Bergvölkern im Kau- 
kasus; im Kampfe Mann gegen Mann war indess der französische 
Cavallerist niemals soviel werth als ein Kosak. Als diese Kosaken 
aber erst disciplinirt waren, da drangen sie in die Cavallerie Mu* 
rat*s wie ein Messer in die Butter, wie das die Leipziger Attake 
des Grafen Orlow-Penissow bewiesen hat. 

Die Bacen der Pferde sind in Bussland mannigfaltiger und 
zum Theil zum Cavalleriedienst tauglicher als sonst Irgendwo in 
Enropa, mit Ausnahme Englands; die Hauptsache aber ist, dasa 
die Pferde in Bussland billiger sind. Bei unserem Pferdereich- 
thnm ist es uns daher leichter eine Reiterei zu formiren, wenig- 
stens sie mit Pferden zu versorgen. Dessen ungeachtet existirt 
eine Thatsache, die ich, abgesehen von meinem persönlichen Ur- 
theil, nicht verschweigen kann: unsere Cavallerie geniesst keine 
Reputation in Europa. Die europäischen Offiziere lassen unserer 



138 

Infanterie nnd unserer Artillerie, ungeachtet die mssiscfae Infanterie, 
als sie dieselbe zum letzten Mal kennen zn lernen Gelegenheit 
hatten, lange noch nicht das war, was sie sein könnte, volle 6e^ 
rechtigkeit widerfahren; nnsere Cavallerie dagegen wird von ihnen 
nnr sehr gering geschätzt. Wenn in dieser Meinung auch nur ein 
Schatten von Wahrheit wäre, so würde sie dennoch für die rassi- 
sche Nation nicht im mindesten belddigend sein, erstens weil auch 
bei den Körnern, welche in der ganzen Geschichte die besten 
Trnppen, die die Welt besiegten, gehabt, die Eeiterei ebenfalls 
schwach gewesen; und zweitens weil nnsere Militairorganisation 
bis anf die letzte Zeit nur Nachahmung, Yerpflanzung fremder, 
für uns häufig gar nicht anwendbarer Vorbilder gewesen und erst 
jetzt eben nur grade aus der Wiege ersteht; die Tüchtigkeit einer 
in allen Stücken den Freussen nachgeahmten Kelterei will noch 
gar nichts beweisen dafür, was eine echt russische Kelterei, die 
ganz auf sich selbst gestellt ist, sein könnte. Auch deshalb kann 
eine solche Meinung nicht kränkend sein, weil sie sich nicht im 
mindesten auf die Tapferkeit der Leute bezieht. Der allertapfer- 
ste Mann kann zu Pferde ebenso erscheinen wie ein Held, der 
nicht zu schwimmen versteht, im Wasser. Die Thatsache selbst 
freilich, dass eine solche Meinung von unserer Cavallerie in Eu- 
ropa verbreitet ist, und zwar ausnahmslos verbreitet ist, unterliegt 
keinem Zweifel. 

Unsere Kriegsgeschichte hat Beispiele und unsere Armee hat 
Kegimenter aufzuweisen, welche einem solchen Urtheil wider- 
sprechen; aber sowohl jene wie diese sind nicht zahlreich. Ca- 
vallerieattaken, die jener Attake des Kürassierregiments Prinz 
Albert auf dem Grochowschen Felde zu vergleichen wären, hat 
es nur wenige gegeben; in der ganzen Welt giebt es vielleicht 
keine Kelterei, welche dem Nischninowgoroder Dragonerregiment 
und dem aus diesem hervorgegangenen Sewerschen gleich kommt; 
wenigstens kann man mit Bestimmtheit sagen, dass die Nischni- 
nowgoroder niemals bei einer Attake weder von der Infanterie, 
noch von der Cavallerie zurückgeschlagen worden sind, dass dieses 
Kegiment sich niemals hat vom Feinde imponiren lassen und dass 
ein Zug Nischninowgoroder sich ebenso auf hundert, wie auf 
tausend Feinde, sobald sie ihm nur zu Gesicht kamen, gewor- 
fen hat — , und weiter kann es keine Cavallerie bringen. Um aber 
eine solche Truppe zu schaffen, haben die Leute ihr Leben za 



139 

Pferde und im Kriege zubringen müssen. Die Frage besteht je- 
doch nicht darin, bis zu welchem Grade der Vollkommenheit der 
russische CaTallerist es bringen kann — denn er kann den hdch«* 
sten Grad erreichen — sondern darin, wozu er es gewöhnlich 
bringt, wie das Durchschnittsproduct zu sein pflegt, welches die 
Elemente, ans denen unsere Cavallerie gebildet wird, und das bei 
uns eingewurzelte System ihrer Ausbildung zu liefern im Stande 
sind. In dieser Hinsicht möchte man kaum die Meinung Europas 
von unserer Cavallerie durch Thatsachen widerlegen können. 

Das Beispiel zweier oder mehrerer ausgezeichneter Begi- 
menter, die sich unter ganz besonderen Verhältnissen entwickelt 
haben, sowie die Beispiele von einigen glänzenden Attaken ver* 
mögen nicht die Beputation einer ganzen Waffengattung wieder- 
herzustellen. Hinsichtlich unserer Cavallerie muss jedoch Folgen- 
des bemerkt werden. In der Geschichte der anderen Armeen 
existirt zwischen der Infanterie und der CavaUerie eine beständige 
Rivalität; auf die Eechnung der einen wie der anderen kommt 
eine gleiche Anzahl Heldenthaten, auf welche das Volk dann stolz 
ist. Anders bei uns. Die Thaten unserer Infanterie aufzuzählen 
ist unmöglich, denn ein jedes Gefecht liefert die glänzendsten 
Beispiele sowohl von ihrer Ausdauer, wie von der zerstörenden 
Wucht ihres Anpralls ; die Thaten unserer Cavallerie lassen sich in- 
dess an den Fingern abzählen. Von Peter dem Grossen bis auf 
den heutigen Tag hat es keinen russischen Cavalleriegeneral ge- 
geben, der einen europäischen Namen, wie Murat, Seidlitz u. a., 
gehabt hätte. Genau ebenso war es auch bei den Bömem: neben 
hunderten von Namen berühmter Infanterigeenerale kein einziger 
hervorragender Cavalleriegeneral. Die Geschichte unserer Caval- 
lerie ist dagegen reich an Episoden, die nicht gerade zu Gunsten 
ihrer Tüchtigkeit oder ihrer Ausbildung sprechen. Ungeachtet in 
Bussland die besten Pferderacen leichter als sonst wo in Europa 
zu haben sind, so sind doch ganze Divisionen aus dem Türken-» 
kriege von 1828 und 1829 zu Fuss zurückgekehrt, weil ihre 
Pferde den Feldzug nicht ausgehalten hatten; die Jägerregimenter * 
zu Pferde haben wegen ihres gar zu grossen Misserfolges gegen die 
polnischen Bebellen im Jahre 1831 aufgelöst werden müssen; in 
der Krim ist unsere Cavallerie ebenfalls nicht glänzend gewesen. 
Es ist also ganz selbstverständlich, dass sich eine nicht ganz vor- 
theilhafte Meinung von ihr in Europa gebildet hat. 



140 

Als noch dieScknle Friedrich's bei ans herrschte, stand di^ 
Qualität unserer gesammten Armee weit unter dem Niveau ihrer 
factisehen Fähigkeiten. Die Infanterie hat sich sp&ter bedeutend 
heransg^nacht; dieselben Bedingungen ksmen freilich auch bei 
der Cavallerie zur Geltung. Mbh darf aber rnskt übersehen, dass, 
je complicirter eine Waffe, desto schwieriger auch ihre Verbesse- 
rung ist, Eumal wenn die Mängel derselben chronisch geworden 
sind. Unsere Cavalkrie hat aber von jeher, wenigstens in der 
Meinung Europas, weit tiefer gestanden, als unsere Infanterie. 
Als im italienischen Feldzug Snworow*s die französischen Regi- 
menter aus Kastilien und Rivoli vor den Angriffen der otschakow-^ 
sehen Grenadiere beständig weichen mussten, konMe unsere Ca- 
yalierie, die Suworow mit besonderer Vorliebe ausgebildet hatte, 
bei weitem nicht den gleichen Buhm erwerben. Die Geschicht- 
schreiber jenes Krieges, welche einstimmig unsere damalige Infan- 
terie als unüberwindlich anerkennen, erwähnen unserer Cavallerie 
nur obenhin. Das falsche, veraltete System der Ausbildung, so* 
wie die einseitige und conventionelle Auffassung des Ganzen, 
welche in einer so complicirten Waffengattung, wie die Cavallerie, 
von Alters her geherrscht haben, geben der Hoffnung auf ein bal- 
diges Besserwerden nur wenig Kaum. Die Schiefheit der Auf- 
fassung des Militairwesens, welche daraus entsprang, dass man fttr 
das Heer beständig nur den Gesichtspunkt der Platzparade kannte, 
war bei uns vor zehn Jahren noch ebenso intensiv in der Infan- 
terie wie in der Cavallerie; in der ersteren ist sie jedoch durch 
die späteren Beformen erheblich ausgemerzt worden; in der Ca- 
vallerie dagegen hält sie sich noch sehr fest. Zu jener Zeit, als 
man bei uns die Schaftringe an den Grewehren anfeilte, damit die- 
sdben bei der Handhabung rasselten, da war die Flinte in den 
Augen der Befehlshaber, was sie auch dagegen sagen mochten» 
ni^t eine Waffe, sondern Mos eine Maschine, welche bei der 
Handhabung ein angenehmes Klirren hdren liess. Noch heutzu- 
tage werden in unserer Infanterie Solche zu finden sein, denen 
eine jsolche Bestimmung der Flinte in tiefster Seele sympathisch 
ist; aber es giebt keinen Einzigen mehr, welcher einen solchen 
verrotteten Gtedanken öffentlich auszusprechen sich entschlösse; in 
der Cavallarie dagegen ist es bis auf den heutigen Tag vollkommen 
gäng und gebe nidit nur es zu denken, sondern auch es aus- 
zusprechen, dass der Soldat das Pferd nicht allein zur Attake 



141 

des Feindes braucht, sondern auch um es bei der Beyne den Com- 
mandeuren vorzureiten, dass man es also nothwendig von diesen 
beiden Gesichtspunkten ans abzuschätzen hat Bei uns giebt es 
noch zahllose Cayalleristen, für welche die Eigenschaften des Her* 
des eine rein conyentionelle Bedeutung haben, gerade so wie man 
einen modernen Damenschmuck nach der Fa^on abzuschätzen 
pflegt; ein englisches oder arabisches Bacepferd steht ihnen nieht 
an, nur ein künstlich dressirter 6anl hat ihren Beifall, gerade so 
me früher auch nur der künstlich dressirte Infanterist Beifall 
fand. Eine ganz willkührlich-kttnstliche Cavallerie giebt es aber auf 
der ganzen Welt nicht, denn die Qualität des Reiters wird sich 
immer nach der des Pferdes entwickeln. Es ist ein bekannter 
Satz: sage mir, was für Pferde du mir stellen wirst, und ich werde 
dir sagen, was ffir eine Cavallerie ich werde bilden können« Auf 
ein Boss von Papier lässt sich auch nur ein Beiter von demsdben 
Stoff setzen. Die Schule Friedrich's steckt noch so tief in unserer 
Cavallerie, dass man sie selbst in zwanzig Jahren kaum aus- 
merzen wird. 

Ich bin einmal mit einem englischen Officier, der nach Petenh 
bürg gekommen war, zusammen gewesen; er war ein so vollendeter 
Cavallerist, wie es eben nur die Engländer zu sein pflegen, und 
ein gründlicher Pferdekenner. Als er unseren Manövern beige- 
wohnt, sagte er mir mit Entzücken: „ach, was haben Sie für eine 
vortreffliche Cavallerie!^' Wie es einem guten Bussen geziemt, 
fing ich nun auch mit unserer Cavallerie mich zu brüsten an und 
begann ihm die besten Garderegimenter herzuzählen. Ungeduldig 
zuckte mein Engländer mit den Achseln und sagte endlich: „ach, 
was reden Sie mir von den Kerlen da, die mit Mühe reiten ge- 
lernt haben! Beitet man denn bei uns so? Worüber sollte ich da 
in Entzücken gerathen? Nein, Sie haben wirklich eine unver- 
gleichliche Cavallerie, nur ist es nicht diese, sondern Ihre Leib- 
kosaken, Ihr Atamanregiment (auch ein Garde-Kosaken-Begiment), 
Ihre Linienkosaken und Tscherkessen! das sind ja nicht Menschen 
zu Pferde, sondern Centanren. Wenn wir solche Elemente bei 
uns hätten, was weiten vnr aus ihnen ffir eine Cavallerie bilden!^ 

Der Engländer hat Becht Der Unterschied zwischen einem 
natürlichen und einen künstlich geschulten Cavalleristenistaugenfällig. 
Bei dem letzteren sieht man sofort, dass zwischen ihm und seinem 
Boss kein vrirklicher Zusammenhang existirt, dass sie zufällig an 



142 

einander gebracht und nicht mit einander verwachsen sind, wäh- 
rend der natürliche Cavallerist nicht blos ein gewöhnlicher Reiter 
ist, sondern einer, welcher wesentlich dnrch eine bestinmite Pferde- 
race charakterisirt nnd bedingt ist In dieser Hinsicht repräsen- 
tiren der Kosak vom Don, der Linienkosak nnd der Knrde drei 
ganz verschiedene Typen des Beitens; sie reiten sämmtlich in ganz 
verschiedener Art, obgleich sie alle in dem Sinn gleich ausge- 
zeichnet sind, dass sie ihr Boss nicht allein vollkommen beherr- 
schen, sondern anch alle natürlichen Eigenschaften desselben durch 
ihre Behandlung des Pferdes zur Geltung kommen lassen; alles 
Uebrige ist bei ihnen total verschieden. Ein solcher Beiter denkt 
gar nicht an sein Pferd wenn er auf demselben sitzt, denn das 
Pferd ist ihm blos eine Fortsetzung seines eigenen Körpers; an- 
dererseits dient auch das Pferd ihm mehr und besser, als es 
unter einem anderen Beiter dienen würde, denn keine Eigenschaft 
des Pferdes bleibt unbenutzt. Bei der Cavallerie besteht drei 
Yiertel der Aufgabe in der Vehemenz des Anpralls. Man be- 
trachte jede beliebige europäische Cavallerie (mit Ausnahme der 
englischen) und vergleiche die allerschnellste Gangart derselben 
z. B. mit der der Kosaken, nicht wenn sie einzeln, spndem eben- 
falls in geschlossener Beihe heransprengen; den wahren Schwung 
wird man nur bei den letzteren finden; die Carri^re der künst- 
lichen Cavallerie wird verhältnissmässig nur als eine beschleunigte 
Gtdopade erscheinen. Ebenso betrachte man die Ausrüstung bei 
diesen und bei jenen; der Kosak hat ebenso wie der regulaire 
Cavallerist alles Nöthige bei sich, aber um wie viel leichter ist 
sein Zaum und sein Sattelzeug, und, was die Hauptsache ist, um 
wie viel besser sind sie dem Pferde angepasst, obgleich nicht ein 
ganzes gelehrtes Comit6 darüber berathen hat Will man aber 
den Unterschied zwischen dieser und jener Cavallerie in seinem 
ganzen Umfange ermessen, so braucht man sie nur während eines 
Feldzugs nach forcirten Märschen und mannigfachen Entbehmn- 
gen zu vergleichen; die Kosakenpferde, denen doppelt soviel zu- 
gemuthet wird, werden vollständig bei Kräften sein, denn sie ge- 
wöhnen sich an das Schwere, während ein Theil der europäischen 
Cavallerie bereits zu Fuss gehen und der andere Theil, in Folge 
der Ermattung der Pferde, seine Kräfte und seine Geschwindigkeit 
zur Hälfte eingebüsst haben wird. Etwas in europäischen Krisen 
gar nicht Ungewöhnliches, nämlich die Unthätigkeit eines Theils 



143 



der Cavallerie auf dem Schlachtfeld, weil sie schon vorher durch 
angestrengte Märsche ermüdet worden^ ist bei unseren Kosaken 
noch niemals vorgekommen. In der Taktik ist daher sogar der 
paradox klingende Satz entstanden, dass die eigentliche Aufgabe 
nicht darin bestehe, wie die CayaUerie gegen den Feind zu ver- 
wenden sei — denn genügende Beschäftigung werde sich für sie 
schon immer finden — sondern darin, auf welche Weise sie auf 
das Schlachtfeld hinzuschaffen seL Wie viel eine Cavallerie zu 
ertragen vermag, das hängt aber gerade ebenso sehr von der 
Tüchtigkeit des Pferdes wie von der des Beiters ab. Wenn diese 
sowohl wie jene sich beide vereinigt finden, dann freilich kann 
von einer Cavallerie die Bede sein, bei der nicht mehr die Frage 
entstehen wird, wie man sie bis vor den Feind schafft. 

Es giebt ganz positive Thatsachen, mit denen man aber unse- 
ren Cavalleristen nicht kommen darf, denn sie halten sie einfach 
für einen Scherz, wie ich mich davon durch eigene Erfahrung 
überzeugt habe. Dahin gehören die Tagemärsche von hundert 
Werst, welche die Nischninowgoroder Escadrons auf ihren doni- 
schen Bossen damals, als sie die Banden Hadgi-Murat's verfolgten, 
mehr als ein Mal ausgeführt haben; auch selbst die UeberfäUe 
der Schaaren Schuaib-Mulla's oder des eben genannten Hadgi- 
Murat's, die mit tausend und mehr Beitern oft anderthalb bis 
zweihundert Werst in vierundzwanzig Stunden zurücklegten; die 
täglich vorkommenden Sendungen reitender Eosakenordonnanzen, 
welche auf unterlegten Postpferden viele Hunderte Werst mit der 
Geschwindigkeit der Feldjäger machen (und solche Bitte, welche 
denen der wilden Jagd gleichen, werden nicht von irgend einem 
erprobten Bereiter, sondern vom ersten besten Kosaken executirt). 
Dass solche Dinge von der ausserkaukasischen regulairen Caval- 
lerie nicht geglaubt werden, ist sehr begreiflich; sie gehen eben 
über die Kräfte der zum Manögereiten dressirten Bauern. Die 
Gewissenhaftigkeit zwingt jedoch in diesem Fall die Wahrheit an- 
zuerkennen, dass der schlechteste Kosak als Beiter bei weitem 
die beste Ordonnanz in der regulairen Cavallerie übertrifft 

Die europäischen Staaten haben nicht und hatten auch nie- 
mals einen besonderen Menschenschlag, den sie ausschliesslich für 
die Cavallerie hätten verwenden können; sie sind daher durch die 
Nothwendigkeit gezwungen gewesen, ihre Beiter auf künstlichem 
Wege zu bilden. Einen solchen Menschenschlag hat es nur in 



144 

Oesterreich, in der Person der Magyaren, der Szekler und der 
Serben gegeben nnd Oesterreich hat sich dieses Yortheils soiiel 
als nur möglich zn bedienen gewusst; seine gesammte leichte Ca- 
Yallerie bestand aus geborenen Beitem nnd hat infolge dessen mit 
Becht die erste Cavalierie Europas geheissen, bis diese geborenen 
Eeiter sich im Laufe der Zeit in gewöhnliche Bürger und Bauern 
yerwsaidelten. Die österreichische Militairverwaltung sammelte 
ihre Beiter nicht als unorganisirte Schaaren, Hess sie nicht in der 
Gestalt ^er irregnlairen Beiterei blos deshalb, weil diese Leute 
nicht nach den Begeln der Beitschule ritten; sie begriff sehr gut, 
4ass die geschlossene Ordnung der Cavalierie eine eminente Kraft 
im Kriege yerleiht, und liess daher Das, was diese Beiter besser 
als jeder Bereiter verstanden, nämlich das Beiten selbst, unalterirt^ 
während sie ihnen Das beibrachte, was ihnen unbekannt war, 
nämlich die geschlossene Ordnung. Solange das österreichische 
Kriegsministerium natürliche Elemente für die Cavalierie nnt^ 
Händen hatte, ist es ihm auch gar nicht einmal in den Sinn ge- 
kommen, neben denselben eine andere leichte Cavalierie aus Bauern, 
denen irgend wie das Beiten beigebracht worden, künstlich zu 
formiren. 

Hinsichtlich des Beichthums, der Mannigfaltigkeit and der 
Qualität militairischer Elemente repräsentirt Bussland eine ganze 
Welt für sich. Nirgend vielleicht auf der Welt giebt es eine 
Quelle militairischer Macht, oder selbst einer Nuance derselben, 
deren sich nicht auch unser Vaterland erfreute; sämmtliche in den 
verschiedenen Staaten zerstreut vorkommenden, für den Krieg 
wichtigen Specialeigenschaften sind in den colossalsten Dimensio- 
nen innerhalb unserer Grenzen concentrirt; dieses naturwüchsige 
Material hat bei uns nur noch nicht die gehörige Verarbeitung 
und Application erfahren. Die Bussland untergebenen Beitervölker 
sind hinsichtlich ihrer Stärke mit den österreichischen gar nicht zu 
vergleichen und zählen nach Millionen. Ausser den organisuten 
Truppen vom Don, vom Kuban, vom Terek, vom Ural, aus Oren- 
burg und aus Sibirien muss man noch die Hälfte der kaukasi- 
schen und sämmtliche nomadisirende und halbnomadisirende Völker 
hierher rechnen. Bei uns hätte niemals die Frage entstehen kön- 
nen, woraus die Cavalierie zu formiren wäre, — wenn Bassland 
nicht anderthalb Jahrhunderte lang so ausschliesslich lediglich von 
Nachahmungen gelebt hätte. Erklärlich wäre es nur, wenn mit 



145 

dem Entstehen dar regulairen Armee in Rassland zugleich auch 
eine schwere Reiterei künstlich formirt worden wäre, d. h. näm- 
Meh Kürassiere, welche die einzige Form der Cavaflerie repräsenti- 
ren, hinsichtlich welcher diese Frage hätte auijge werfen werden 
kennen, da für dieselhen keine vollständig fertigen Elemente 
existirten. Dass man aber neben unserer zahllosen irregulairen 
Reiterei künstlich aus gewöhnlichen Bauern eine leichte Cavallerie 
bilden konnte, beweist nur, dass die Militairverwaltung des vori- 
gen Jahrhunderts einer jeden selbständigen Idee bar gewesen ist; 
als dann diese Anomalie erst einmal festen Fuss gefasst und man 
sich an sie gewöhnt hatte, da wunderte sich natürlich auch Niemand 
mehr über sie und sie fuhr fort zu existiren, wie alles einmal 
Eingeführte. Aus Kosaken eine regnlaire Cavallerie zu bilden 
wäre damals natürlich nicht ohne Schwierigkeiten gewesen wegen 
der besonderen Privilegien und des exclusiven Wesens der Kosa- 
kenheere; keineswegs aber waren diese Schwierigkeiten nicht zu 
überwinden, ja sie waren nicht einmal sehr bedeutend. Ebenso 
gut wie Peter der Grosse 20,000 Kosaken von ihren Wohnsitzen 
forttreiben konnte, um von ihnen den Ladogakanal graben zu 
lassen, hätte er auch den Dienst der Kosakenregimenter in ein 
regelrechtes System bringen und dieselben, unter der Leitung 
europäfecher Instructoren, das Manövriren in Reih und Glied ler- 
nen lassen können. An dem System, die Cavallerie aus gewöhn- 
lichen Rekruten zu formiren, trägt nicht die Schwierigkeit, den 
Kosaken die regulaire geschlossene Ordnung beizubringen, die 
Schuld, sondern der deutsche Einfinss. Beinahe sämmtliche In- 
structoren der ersten Armee Russlands waren Deutsche; dann be- 
stand auch die Hälfte der Anführer und ein grosser Theil der 
Cavalleriegenerale ebenfalls aus Deutschen, und zwar nicht aus 
Oesterreichem, sondern aus Norddeutschen, aus Preussen nament- 
lich, die, bevor sie nach Russland gekommen waren, noch niemals 
einen Menschen auch nur gesehen hatten, der zu reiten verstanden 
hätte, ohne dass es ihm vorher in der Manage gelehrt worden 
wäre. Diese Herren wussten natürlich nur das zu lehren, was sie 
selbst verstanden; bei der eng bomirten Routine und der sprttch- 
wörtlich gewordenen Pedanterie der deutschen militairischen Schule 
wollten sie ausserdem von solchen Dingen, an die sie nicht schon 
in der Heimath gewöhnt waren, auch gar nicht einmal etwas wissen- 
Während sie Alles, was ihnen fremd war, nur von oben herab 

Fadejew, Busslands Kriegsmacht. XO 



146 

ansahen und nur ihr eigenes, überaus complicirtes und pedanti-* 
schea Cavallerieregleraent begriffen, übertragen sie dasselbe In 
Bansch und Bogen auch auf die russische Armee und formirten 
unsere Reiterei so, als wenn es in Freussen oder Hannover ge- 
schähe. Auf diese Weise wurde in Russland zugleich mit dem 
magdeburger Stadtrecht auch eine magdeburger Cavallerie einge- 
führt. Solchen Typen begegnet man bei uns selbst noch henatt 
zu Tage; man kann sich daher vorstellen, mit welchem Selbst- 
vertrauen sie im vorigen Jahrhundert auftraten. Ein englischer 
Kritiker, welcher die Memoiren des preussischen Generals Müffling, 
der nicht ohne Einfluss auf den anfänglichen Plan der Campagne 
von 1812 war, bespricht, hat bei dieser Gelegenheit seine Ver- 
wunderung so naiv und so natürlich ausgedrückt, dass es für 
einen Küssen ebenso lächerlich wie verdriesslich zu lesen ist* 
„Wie hat es nur geschehen können ^^, schreibt der Kritiker, „dass 
ein Volk, welches sich in einem solchen Grade für kriegerisch hält 
und eine so hohe Meinung von sich hegt wie das russische, sich 
von den Ansichten der Officiere der preussischen Armee, welche 
sich einige Jahre früher als die unfähigste in der ganzen Welt 
erwiesen hatte, leiten lassen konnte? Von den Truppen Welling- 
tons wären die Lehren der damaligen preussischen Officiere gerade 
so aufgenommen worden, wie etwa die Lehren persischer Officiere» 
Es muss doch wohl", fügt der Kritiker hinzu, „mit der russischen 
Armee eine besondere Bewandtniss haben, die wir Engländer nicht 
ganz verstehen.** 

Das System, nach welchem sich gegenwärtig unsere Cavallerie 
rekrutirt, entspricht genau dem, als wenn England, welches 
700,000 Küstenbewohner zur Yerfügung hat, seine Matrosen 
unter den Arbeitern der inneren Grafschaften, unter den Baum- 
woUenspinnem von Manchester oder unter den Schmieden von 
Birmingham suchen wollte. 

Die Kosaken sind niemals eine irregulaire Keiterei, in der 
eigentlichen Bedeutung dieses Worts, gewesen; sie waren nur kdne 
Man^gecavallerie! Das was man irregulaire Kelterei nennt, sind 
z. B. die Kurden oder Tschetschenzen, welche nicht nur keine ge- 
schlossenen Reihen kennen, sondern auch niemals in Massen ope- 
riren. Bei diesen Letzteren thut jeder Einzelne was er will, eine 
allgemeine Direction und ein Commando giebt es nicht, sondern 
die Gewandtheit des Einzelnen ersetzt den Willen des Befdils- 



147 

liabers, weshalb sie auch im Fartisaneolorieg so brauchbar sind, 
im Felde aber zum offenen Kampf nicht taugen, es sei denn bei 
der Yerfolgnng. Die Kosaken dagegen, obgleich sie ebenfalls in 
zerstrenten Hänfen gegen den Feind agiren kennen, haben sich 
in der Schlacht immer in einreihiger Fronte („Lawa*' genannt) 
formirt nnd thnn das anch noch jetzt. Ihre Bewegongen sind 
irdüch nicht so regelrecht nnd ihre Attake ist nicht so geschlossen 
wie bei der regnlairen Gavallerie, doch hat das nicht seinen Gmnd 
in der Qualität der Menschen oder der Pferde, welche im Gegen- 
theil weit höher ist als bei den Anderen, sondern darin, dass der- 
^eichen Ton ihnen nicht verlangt wird nnd dass, wenn sie anch 
darauf eingeübt werden, solches doch nur sehr oberflächlich 
geschieht * 

Unsere verschiedenen Kosakenheere sind ihren Eigenschaften 
und Gewohnheiten nach sehr verschieden. Die linienkosaken 
z. B. gehören im Vergleich zu den übrigen bei weitem mehr zur 
irregnlairen Bdterei — nach der Art, wie ihre Pferde zugeritten 
Bind, die vorzugsweise auf den Einzelkampf berechnet ist, nach 
der Leichtigkeit ihrer Bewaffnung, nach ihrer Gewohnheit gezogene 
Gewehre, die sich für die geschlossene Colonne nicht eignen, zu 
gebrauchen, und überhaupt ihrem ganzen Geiste nach. Die Ko« 
saken vom Don dagegen sind eine geborene regulaire Oavallerie. 
Bei den ersteren sind die Pferde nach tscherkessischer Art zuge- 
ritten, bei den letzteren nach mongolischer Art, ebenso wie bei 
den Kalmücken und Kirgisen, und wie überhaupt in der Steppe, 
wobei den Pferden keine besondere Behändigkeit bei Bewegungen 
zur Seite beigebracht wird, dafür aber das schnelle, unaufhaltsame 
Laufen — die wichtigste Eigenschaft des Pferdes in der Fronte 
— geübt wird. Der donische Kosak trägt die Flinte nur deshalb, 
weil sie ihm einmal als Monturstück gegeben ist, er setzt aber 
nicht auf die Flinte seine hauptsächlichste Hoffnung, wie es der 
linienkosak thut; seine Hauptwaffe ist die Pike, also eine kalte 
Waffe, welche zu gleicher Zeit auch vorzugsweise in der geschlosse- 
nen Reihe zur Geltung konunt, denn sie ist eben nur in der Masse 
fdrchtbar, nicht beim Einzelkampf. Das ist der am meisten cha- 
rakteristische Unterschied. Flinte und Säbel (Schaschka) sind für 
den alleinkämpfenden Reiter weit praktischer; wenn also die Masse 
sich mit der Pike bewaffnet, so will das jedenfalls soviel sagen, 
dass sie mit geschlossener Kraft zu operiren beabsichtigt, also 

10* 



148 

dftss die geschlossene regiüalre Colonne ihr im Blute liegt Und 
in dieser Weise haben auch die donischen Kosaken solange ope^ 
rirt, bis man sie beinahe mit Gewalt in irregtdaire Tmppen ver- 
wandelte. Die donischen Bacepferde sind nicht so schlank wie 
die aus der Kabarda, deren sich die Linienkosaken bedienen, aber 
dafür zumeist gross and stämmig, die rechten Pferde zum An- 
stürmen und Niederrennen; ihr Hanptvorzug besteht in ihrer Kraft 
und ihrer Ausdauer, also wiederum in Eigenschaften der regulai- 
ren Cayallerie. Und endlich noch ein Unterschied. Haben die 
donischen Kosaken den Feind geworfen, so verfolgen sie ihn auch 
noch in ganzer Masse bis zur äussersten Erschöpfung, ohne sich 
durch irgend etwas, solange der Feind noch in Sicht ist, irre 
machen zu lassen; die Linienkosaken ist es dagegen fast unmög- 
lich davon abzubringen, dass bei einem jedem Gefallenen, gleich- 
viel ob CS einer der Ihrigen oder einer der Feinde ist, immer 
einige Halt machen, um im ersteren Fall Hülfe zu leisten und im 
zweiten Fall Beute zu machen. Im Kaukasus, wo beide Kosaken- 
trappen Jahre lang neben einander dienten, ist gerade dieser 
Unterschied beständig bemerkt worden. Bei den donischen Ko- 
saken spricht sich hierin der Geist der regulairen Cavallerie sogar 
sittlich aus. 

Hinsichtlich der kriegerischen Tüchtigkeit der domschen 
Kosaken herrscht in unserer Armee eine falsche, man köimte 
sagen, leichtfertige Ansicht. Sie werden zumeist nicht in gebüh- 
rendem Masse geschätzt. Die Veranlassung dazu liegt eben sowohl 
in der Formation der donischen Regimenter selbst wie in der 
Art und Weise, wie man sich ihrer in europäischen Kriegen be- 
dient hat. Im Kaukasus dagegen, wo die donischen Kosaken 
häufig als regnlaire Cavallerie Verwendung gefunden haben und wo 
es zu allen Zeiten genug competente Beurtheiler gegeben hat, ist 
die Meinung von den donischen Kosaken im Allgemeinen eine 
sehr hohe. Was ihnen in Folge ihrer Zusammensetzung, ihrer 
Organisation und Ausbildung noch abgeht ,^ sieht ein Jeder, da- 
gegen konnte aber auch Jeder die unvergleichlichen Eigenschaften, 
welche die Basis ihrer Natur bilden, zu sehen bekommen. Gerath 
einmal ein donisches Regiment in die Hände eines tüchtigen Com- 
mandeurs (was freilich, man muss es gestehen, nicht häufig ge- 
schieht), so ist es bald gar nicht wiederzuerkennen. Ganz abge-. 
sehen von der Ausdauer, von der Fähigkeit anstrengende Märsche 



149 

ond forcirte Bitte anszuführen, sowie jedes, auch das schlechteste 
Lager zu ertragen (Eigenschaften, die kein Mensch in Ahrede 
nimmt), haben wir einige gewandte donische Regimenter kennen 
gelernt, welche, was die Entschiedenheit der Attake nnd die 
Wncht des Anpralls anbelangt, das Ideal der Cavallerie repräsen- 
tirten. Mit diesen Allen im Kaukasus sehr wohl im Gedächtniss 
gebliebenen donischen Regimentern wären natürlich nur sehr we- 
nige regolaire Cavallerieregimenter zu yergleichen. Was den doni- 
schen Regimentern noch abgeht, dessen ermangeln sie nur in 
Folge der bei der Militairadministration eingewurzelten Ansichten 
über sie, sowie in Folge des daraus resultirenden Systems ihrer 
Ausbildung. Was aus den donischen Kosaken zu machen wäre, 
das beweist das Leib-Kosaken-Regiment. In diesem sind lauter 
Leute, die nach ihrer Statur und nach ihrem Aeusseren, nicht 
aber nach ihrer Tüchtigkeit amsgewähit werden; man hat keinen 
Grnind anzunehmen, dass irgend ein anderes donisches Regiment 
schlechter als dieses sein sollte, nur dass die Leute in demselben 
nicht so stattlich ausschauen würden. Aber selbst in dieser Hin- 
sidbt würde das letzte donische Kosakenhundert dem Ansehen 
der Leute nach als ein ausgewähltes erscheinen können im Yer- 
^eich zu der Masse der Rekruten, mit welchen unsere Cavallerie 
completirt zu werden pflegt. Das gegenwärtige Leib-Kosaken-Re- 
giment hat man noch nie, ebenso wenig wie die übrige Garde- 
Gayallerie, jemals im Feuer gesehen; was sie jedoch als Reiter be- 
trift, so kann man sie mit ihren Kameraden in dieser Waffen- 
gattung auch gar nicht vergleichen. Als jener Engländer, von dem 
ich erzählte, über unsere Kosaken und Tscherkessen in Entzücken 
gerathen war, wollte er sie keineswegs nur als die beste Reiterei 
bezeichnen, sondern er nannte sie immer nur die einzige wirkliche 
Reiterei, die er bei uns gesehen. 

Es handelt sich nicht darum, wie die donischen Regimenter 
häufig oder selbst auch gewöhnlich zu sein pflegen — denn das 
wird in der Regel durch von ihnen unabhängige Ursachen be- 
dingt, — sondern darum, was aus diesen Kosaken wird, sobald 
sie nur unter günstige Verhältnisse gerathen; das ist der Mass- 
stab, der an sie angelegt werden muss. Es giebt viele Gründe, 
weshalb sie nicht immer tüchtig sind. Diese Gründe werden wir 
der Reihe nach durchnehmen müssen, denn sie beziehen sich zum 
Theil auf alle unsere Kosakentruppen. 



150 

Der erste Grand ist in dem Bestand der donischen Eegi« 
menter selbst enthalten. Als von der Infanterie die Rede war, 
habe ich auf die Nothwendigkeit hingewiesen, dass in ein jedes 
Regiment die aus ebendemselben entlassenen, nnd nicht irgend 
welche fremde terminlose Urlauber wieder eingestellt würden, denn 
nnr eben eine festgefQgte bewährte Kameradschaft ist die Trl^rin 
der Seele eines Trappentheils. Ist diese Regel aber schon drin- 
gend nothwendig fOr die Tüchtigkeit der regdairen Trappen, am 
wie viel nöthiger erscheint sie für eine irregalaire Volkstruppe, 
wie die Kosaken, wo sich die Leute nicht erst künstlich, durch 
langjähriges Zusammenleben unter den Fahnen, mit einander dn- 
leben, sondern wo die in der Heimath bereits gestalteten Beziehan- 
gen vollständig in die Fronte hinübergenommen und in Folge dessen 
während der ganzen Dauer der Dienstzeit mit Zähigkeit conservirt 
werden. Schon in den „Kaukasischen Briefen^' habe ich gesagt: 
„Das gemeinsame Band der (kaukasischen) Linienkosaken kommt 
nur in der Administration, nicht aber durch die allen gemeinsamen 
Lebensgewohnheiten der Leute zum Ausdruck; in Wirklichkeit 
bildet jedes einzelne Regiment oder jede einzelne Brigade eine 
besondere Gemeinschaft, welche grösstentheüs sehr erhebliche und 
charakteristische Nuancirungen aufweist. Ein actives linien-Kosa- 
ken-Regiment besteht nicht, wie ein donisches oder uralsches, ans 
zufällig mit einander verbundenen Leuten, die planlos aus einem 
ganzen District zusammengebracht sind, die mit jedem Termin 
wechseln und ausser dem Dienst keinerlei Band weder unter ein- 
ander, noch mit ihren Officieren kennen. Ein Linienregiment re- 
präsentirt vielmehr einen ganz bestimmten Bezirk; die in demsel- 
ben dienenden Kosaken und Officiere sind alle Kinder einer 
Familie, sie sind sämmüich Nachbaren und aus einem Dorf ge- 
bürtig, die sich nur der Reihe nach ablösen, aber niemals ihre 
Fahne wechseln. Diese Eigenthümlichkeit begründet einen tief- 
gehenden Unterschied zwischen den Linienkosaken und den ande- 
ren Regimentern. Bei den Linienkosaken ist der Regimentsgeist, 
ohne den es keine wirkliche Truppe geben kann, tief eingewurzelt. 
Das Regiment ist ihnen zugleich die Fahne und die Heimath; den 
Ruhm des Regiments halten sie sowohl als Krieger wie als Bor- 
ger hoch.'' Dieses nothwendige Band fehlt vollständig bei den 
donischen Regimentern; aus Kosaken und Officieren, die einander 
fremd sind, rekrutiren sie sich aus dem ganzen District; nicht 



151 

nur der Name des Regiments hat für den Kosaken keinen EUang, 
sondern auch die Reputation, die der Einzelne sich in der Fronte 
erworben, geht mit der Auflösung des Regiments spurlos verloren 
und kehrt nur selten mit dem Menschen in seine Heimath zurück. 
Bei den Linienkosaken weiss der Offleier die guten Beziehungen 
zu seinen Untergebenen sehr hoch zu schätzen, denn später hat 
er ja mit ihnen, als gleichberechtigten Mitbürgern, in einem Dorf 
zu leben; für den donischen und jeden anderen Kosakenofficier 
existiren diese Beziehungen nicht; er dient mit den ihm unterge- 
benen Kosaken seine drei Jahre ab und sieht sie später sein 
Leben lang nie wieder; ja, er ist mit ihnen sogar weit lockerer 
verbunden, als ein Officier aus der regulairen Armee mit seinen 
Seidaten, welcher mindestens durch die längere Dienstgewohnheit 
seiner Mannschaft näher tritt. Die wichtigste sittliche Orundlage, 
welche dem Regiment Einheit und Charakter verleiht und dasselbe 
in eine durch solidarische Bürgschaft verbundene Genossenschaft 
verwandelt, fehlt bei den donischen Regimentern. Ob es bei den- 
selben immer so gewesen, weiss ich nicht, aber selbst wenn es 
immer so gewesen sein sollte, so ist dieser Mangel in so hohem 
Grade ein Hauptmangel, dass er nothwendig reparirt werden muss. 
Solange das donische Heer nicht in Regimentsbezirke getheilt wor- 
den und solange die donischen Kosakenhunderte nicht aus Leuten 
eines Dorfes bestehen, liegt gerade in ihrer Organisation die 
Teranlassung, weshalb sie sittlich unter den Linienkosaken stehen 
müssen. Der Unterschied in der Anzahl Kosaken, welche in dem 
einen oder in dem anderen Jahr zum Dienst einberufen werden, 
^ürde eine solche Eintheilung am Don nicht im mindesten hindern, 
ebenso wenig wie er derselben am Kaukasus hinderlich gewesen; 
je nach den Umständen könnte man dann ja ein oder mehrere 
Hunderte aus dem Regimentsbezirk herausführen und combinirte 
Regimenter aus ihnen formiren; immerhin würden die einzelnen 
Truppentheüe von einem sittlichen Band zusammengehalten werden. 
Der zweite Grund, weshalb die donischen Kosaken nicht 
immer ihre Reputation aufrecht erhalten haben, liegt in ihren 
Officieren. Ich will damit durchaus nicht sagen, dass aus den 
donischen Offleieren keine ausgezeichneten und mustergültigen 
Oavalleristen und keine Anführer, die als Beispiel dienen könnten, 
hervorgegangen, oder gar, dass deren nur wenige gewesen; aber 
gerade die Organisation des donischen Heeres ist eine derartige. 



152 

dass sie die Eutwicklung eines Corps echter actiFer und kriegs- 
tüchtiger Officiere nicht znlässt. Piesen Mangel hat das donische 
Heer mit den übrigen Kosakenheeren zwar gesnein, der Eb^nss 
desselben wird aber z. B. bei den linienkosaken dordi besondere 
locale Ursachen abgeschwächt. Das donische Heer bildet nicht 
blos eine geschlossene Klasse von Leuten, sondern einen ganzen 
in sich abgeschlossenen District, dessen innere Yerwaltang, selbst 
die bürgerliche, sich ausschliesslich in den Händen der Kosaken 
befindet und ihnen auch privilegienjnässig zusteht. Die bttrg^* 
liehe und innere donische Yerwaltong ist sehr ausgeddint und die 
zahlreiche Klasse der miiitairischen Yerwaltnngsbeamten, welche 
immer nur innerhalb der Grenzen des donisohen Gebiets versirt, 
steht der Obrigkeit näher als die activen Fronteofficiere, die be- 
ständig an allen Enden des Beichs zerstreut sind, und yermag 
daher eher die erforderliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken 
und rascher zu dienen. Sämmtliche Beamte des Heeres werden 
indess, nach dem Heeresstatut, ganz gleich als Kosaken, und zwar 
als Militairs, angesehen, tragen die Epanlettes und haben das 
Bedit, sobald sie wollen, aus dem Civildienst in den Militairdienst 
überzugehen. Zu gleicher Zeit besteht das stehende Ziel, das 
pium desiderium eines jeden Kosaken von Geburt darin, das Com- 
mando eines Hegiments zu erlangen, weil dasselbe nämlich ein- 
träglich ist und häufig, bei einer gewissen Dauer, den Mann fttr 
das ganze Leben sicherstellt. Sehr natürlich, dass die Beamten 
des Heeres ausschliesslich zu diesem Zide streben und, sobald sie 
den Bang eines Stabsofficiers erhalten haben, alle ihnen zu Ge- 
bote stehenden Einflüsse benutzen, um so schnell als möglich in 
die CandidatenHste der Eegimentscommandeure aufgenommen zu 
werden. Ihnen stehen solche Einflüsse in weiterem Masse zur 
Disposition als den Fronteofficieren; in jedem Fall haben sie ein 
eben solches Becht an die Beihe zu kommen, wie die letzteren. 
Diese Beamten sind jedoch genau ebenso, wie die im ganzen 
übrigen Bussland; ein donischer Fiskal oder Secretair unterschei- 
det sich in Nichts von einem Fiskal oder Secretair in einem be- 
nachbarten Gouvernement. Daraus folgt, dass die donischen Be- 
gimenter und selbst die Hunderte, wenn nur das Standquartier 
des Begiments ein einträgliches ist, häufiger von Fiskalen -als van 
miiitairischen Officieren commandirt werden; mir wenigstens ist 
es passirt unter den Commandeuren mehr Fiskalen und Secretairen 



153 

m begegnen aLb Militairs. Diese Charakteristik passt nicht xmr 
für ytf^ BegunentscommaiidcnFe, sondern auch auf eine exiicbliche 
AniiaM Stabsofficiere. Und während die höheren Stellen in den 
donischen Kegimentem sich mit Beamten fttllen, werden die Aemter 
der subalternen Vorgesetzten häufiger mit Schreibern als mit 
tüchtigen Edtem besetzt; ich meine man kann, ohne zu über- 
treiben, sagen, dass kaum weniger als die fiOklfte der donischen 
ünterofficiere früher Schreiber oder dem [ähnliche subalterne Agen- 
ten der Administration gewesen. Die Sache ist ganz klar. So- 
bald einem Beamten der Heeresverwaltung ein militairisches Oom- 
mando anvertraut word^, zieht er gewiss immer Laite nach sich, 
wdche ihm hinter dem Canideitisdi oder in irgend welchen an- 
deren Functionen gedient haben (sind sie doch dem Recht nach 
gerade ebenso Kosaken, obschon sie vietteicht in ihrem ganzen 
Ldben noch niemals eine Pike in der Hand gehabt haben), und 
macht sie dann vorzugsweise zu Unterofficieren. Beinahe jeder 
StabsoMcier in der regulairen Truppe hat auf dem Marsdi einen 
Ordonnanzkc^iaken bei sich; als Belohnung fär die ihm persönlicb 
gddsteten Dienste erbittet er dann für diesen nattkrllch die Unter- 
oMeier-Chevrons. Solche Unteroffidere avandren später zu Offi- 
deren und commandiren dann, eben wie Schreiber, ihre Hunderte. 
Eine soldie Yermengung des Civildienstes mit dem Militairdienst, 
die beide in eine Form gekleidet sind, hat bei den Kosakentn^ 
pen gerade dieselben Folgen, welche sie anderwärts hätte. Man 
dei^e sich nur, dass es den Beamten unserer niederen Landge- 
ridikte und der Eronbehorden freigestellt wäre sich mit dem im 
Mititair entsprechenden Bang zu den Husaren oder Sappeuren, den 
Schreibern dieser Behörden aber zu Feldwebeln dieser Truppen 
mit der Perspective auf ein weiteres Avancement üb^'fQhren zu 
laasen, und zwar namentlich wenn allen diesen in der neuen Dienst- 
sphäre gemsse Yortheile lächeln, und man stelle sich vor, was 
Alles daraus unter den Truppen geschehen würde; und gerade 
so, wie man sich's vorstellen würde, geschieht es bei den Kosaken, 
namentlich bd den doniscbeo, die dne ausgedehntere innere Ver- 
waltung haben als die übrigen. Sidit man aber, was sie sdbst 
bei alledem noch sind, so muss man sich noch wundem über 
die eiserne Festigkeit der donischen Natur; Andere an ihrer Stelle 
wären dabei schlimmer als Chinesen geworden. Hierin liegt auch 
die Lösung des Bäthsels, weshalb die donischen Kosaken nur so 






154 

^Iten eine ausgezeichnete Cavallerie sind, obgleich sie es sein 
könnten; das letztere geschieht eben nur, wenn sie einem tttditigen 
militairischen Gommandeor in die Hände fallen. Ich kann mich hier 
nicht weiter über die Mittel aaslassen, anf welche Weise einem 
jsolchen Zustande der Dinge ein Ende zu machen wäre. Das 
Mittel ist an und für sich klar und besteht in einer radicalen 
Trennung des Civilressorts vom Militairressort; wer einmal ein 
Beamter gewesen, der kann nicht mehr zur Fronte zurftckkehren, 
und wer Schreiber gewesen, der sollte weder Unterofficier in der 
Fronte noch Officier im Regiment sein dttrfen; die Cüvilbeamten 
und selbst die nichtactiven Militairbeamten müssen auch des mili- 
tairischen Aeusseren entkleidet werden.*) Die factische Durch- 
fahrung dieses Mittels würde eine tiefgreifende Refonn im doni- 
schen Heere veranlassen, welche zwar schon längst nöthig, aber 
äusserst complicirt und Vielen sehr unlieb wäre (d. h. durchaus 
nicht den Kosaken selbst, sondern lediglich der Bureaukratie); 
sie würde eine förmliche Abtrennung der Truppen, d. h. der 
wirklichen Kosaken und deren Ländereien, von sämmtlichen pri- 
vaten Besitzern und Besitzungen des donischen Districts verlangen 
und ebenso die Trennung der einen Verwaltung von der anderen, 
die keine Ursache mehr hätte militairisch zu bleiben. Das herr- 
liche dönische Heer, dem bei den erforderlichen Beformen noch 
eine so glänzende Zukunft bevorstehen könnte, muss es selbst ein- 
sehen, dass es nicht auf dem einen Punkt stehen bleiben darf, 
während das ganze übrige Reich vorwärts strebt. Russland wird 
noch lange seine Kosaken nöthig haben, aber nur solche, welche 
den gegenwärtigen Anforderungen entsprechen. Meine Worte 
sind nicht mehr als die eines Privatmannes, aber durch sie spricht 
eine unbesiegbare Macht — der Geist des Jahrhunderts. 

Auch deshalb noch ist eine Heeresreform nothwendig, damit 
die erforderliche Anzahl regulairer Cavallerieof&ciere in die doni- 



*) Von den Begimentsschreibern überhaupt muss dasselbe gesagt 
werden, auch hinsichtlich der activen Truppen. Ich habe es zu meiner 
Zeit oft genug gesehen, wie vor dem Kriege aus allen Stäben Schreiber 
zur Fronte strömten, um das Georgenkreuz zu erwischen, das sie anf 
diese Weise Solchen, welche die sittliche Basis des Truppentheils repri- 
sentiren, vorwegnehmen. Natürlich verdienen ja auch Schreiber eine 
Anspomung, aber weder die ihnen verliehenen Belohnungen, noch ihr 
Dienst überhaupt müssten als speciell militairisch angesehen werden. 



155 

sehen Regimenter hineingebraclit werden könne. Das Aasführliche 
ist hierüber bereits oben gesagt worden; zn bemerken wäre nur 
noch, dass erstens die unstreitig nothwendige Ansschliessong aller 
Beamten aus den Listen der donischen Of&ciere eine Lücke er- 
geben würde, welche ausgefüllt werden müsste, und zweitens, dass, 
ungeachtet der natürlichen Fähigkeiten der donischen Kosaken, die 
Begriffe und Kenntnisse, welche eine wirkliche regulaire Cavällerie 
nöthig hat, noch lange nicht genügend bei ihnen entwickelt sind; 
nur durch Officiere aus der regulairen Truppe können ihnen diese 
Begriffe und Kenntnisse vermittelt werden. 

Der dritte Grund endlich, welcher die donischen Kosaken 
häufig daran hindert sich in dem ganzen Glänze ihrer angebore- 
nen Fähigkeiten zu produciren, liegt in der üblichen, bei unserer 
Armee zur Gewohnheit gewordenen Art mit ihnen umzugehen. 
Wir wollen ein bitteres, aber leider vollkommen wahres Wort 
nicht zurückhalten: sie werden zum grössten Theil schlecht be- 
handelt. Als Irregulaire Truppen haben die donischen Kosaken 
sowohl im Felde wie an den Grenzmarken des Beichs, wo ihre 
Begimenter stationirt sind, den allerschwersten, zugleich aber auch 
den am allerwenigsten ostensibeln Dienst. Man muss den 
grössten Theil ihrer Standquartiere, wenn auch nur die im Kau- 
kasus, den sie übrigens bereits gänzlich geräumt haben, sehen, um 
das Mass der Entbehrungen und Unbequemlichkeiten, das diese 
Leute zu ertragen vermögen, zu begreifen. Bei eigentlichen Feld- 
zügen, im Kriege, ist gewöhnlich die Hauptarbeit, aber nur sehr 
wenig Glanz auf ihr Theil gekommen. Die Mehrzahl unserer 
Cavalleriechefs, denen Kosaken in die Hände geriethen, hatten die 
Beiterei vom Gresichtspunkt der Manage aus beurtheilen gelernt 
und betrachteten sie deshalb nur von oben herab. Gelegenheiten 
zur Auszeichnung haben sich den donischen Kosaken nur selten 
geboten. In unseren Armeen werden indess in all den Kriegen 
ohne Zweifel auch solche donische Begimenter anzutreffen gewesen 
sein, die nicht schlechter als jene berühmten Kosakenregimenter 
waren, deren Bnhm noch lange am Kaukasus leben wird; man 
hat es in Folge vorgefasster Meinungen nur nicht verstanden sie 
an den rechten Hatz zu stellen. Uebermässige Arbeit, welche die 
erforderliche Anerkennung nicht findet, ist wenig dazu geeignet 
den Menschen anzuspornen. 

Man snmmire die Conseqnenzen dieser drei Momente, des 



156 

zusammaQgewür£elten Bestandes der dooisclien itegimeuter, des 
bnreavkratisdMai Charaktere eines grossen Theüs ihrer Offieiere 
und ihrer niedrigen Stellung in der Armee, und man beantworte 
die Frage: wenn schon unter solchen ungünstigen Bedingungen 
aus der Gesanuntzabl zu Zeiten einzdne Begimenter hervortreten, 
von denen damit nur wenig gesagt ist, daas sie nicht schlechter 
ais die besten regnhiiren Truppen sind, — was m&ssten diese do- 
nisdien Kosaken erst sein können, warn sie in jeder Hinsicht die 
forderliche Organisation hätten? 

Bei dem gegenwärtigen Stande der Taktik mnas man von der 
Oavallerie eine neue Fähigkeit verlangen, ohne weiche sie in frü- 
heren Zeiten sehr gut ausgekommen ist, nämlich die Fähigkeit 
der Dragoner: das Absitzen. Heut zu Tage kaim eine Gavallerie, 
welche nicht darauf eingerichtet ist erforderlidien Falls abzusitz^ 
vßsA sich durch Schiessen zu vertheidigen, aaf gar keine Selb- 
ständigkeit Anspruch madben, denn man müsste beständig Infan- 
tile neben ihr haben, was eben soviel hiesse, als dass man sie 
immer nur bei der Infanterie lassen müsste, weil ja die letztere 
nicht gleichen Schritt mit den Pferden halten kann« Seitdem die 
Felder Europas durch die rasch zundjun^ide Bevölkerung gleich* 
sam in bebaute' Gärten verwandelt worden und die Flinten drei- 
mal so weit tragen als früher, kann auch die Oavallerie, wenn sie 
allein ist, sich nicht überall und immer nur auf ihre Pferde und auf 
ihre Säbel verlassen. Die Attake zu Pferde ist freilich, wie immer, 
die ausschliessliche Bestimmung derselben geblieben; um ab^r 
iilgend einen Grad von Selbständigkeit zu conserviren und sich 
nicht bestäjMlig an der Infanterie halten zu müssen wie ein Kind 
am Schooss des Kleides der Wärterin, muss es die Oavallerie ver- 
stehen einem unerwarteten Feind gegenüber sich selbst durch 
Feaerg^n zu vertheidigen und geringere Terrainschwierigkeiten 
auch ohne Infanterie zu überwinden; sonst würde sie ausser Stande 
mn einen Schritt zur Seite zu machen, denn im Westen Europas 
dürfte gegenwärtig kaum ein offener Baum von der Distance eines 
Flintenschusses ohne irgend welche Zäune oder Hindemisse, hin* 
ter denen sidi Schützen postiren köimen, zu finden sein; die 
Flinten aber tragen 1200 Schritt wdt Man bann mit Bestinunt* 
heit sagen, dass kaum einige Jahre vergehen werden, so wird das 
zweite Olied in allen Grattungen der Oavallerie aus Dragonern 
gebildet sein. Aus Bekruten aber gute Dragoner zu bilden, die 

4 



157 

in beiden Arten des Dienstes gleich tüchtig sind, ist eine äusserst 
sehtnerige Sache; die besten europäischen Cavalleristen hiabefi ge* 
zweifelt und zweifeln noch gegenwärtig daran, dass ein solches 
Eesidtat gelingen könne, indem sie die Fähigkeit, gleich gut zu 
Foss und zu Pferde zu kämpfen, nur den geborenen Reitern, den 
Manduken, Arabern, Kosaken a. s. w. znschreiben. unsere irre- 
goiaire Cavallerie besitzt diese zweifache Fähi^dt im höchsten 
Grade und ist daher ebenso brauchbar für den kleinen Krieg auf 
conpirtem Terrain wie in der St^pe. Soll die regidaire Caval- 
lerie in ihren gegenwärtigen Proportionen conservirt werden (und 
das ^t ans sehr vielen Gründen nöthig), so muss auch sie diese 
FäM^eit sich aneignen; was für eine untergeordnete Bolle in der 
Armee würde sonst einigen Zehntausend der allerkostspieligsten 
Truppen, wenn man sie nicht über eine Flintenschussweite hinaus 
von der Masse der Infanterie entfernen dürfte, zu Theil werden? 
um das zu erreichen, dazu genügen offenbar nicht blos einige 
Oarabiniers in jedem Escadron; die ganze Masse der Cavallerie 
jedoch im Infanteriedienst auszubilden ist überaus schwierig. 
Wenn ein Mensch nur vermittelst beharrlicher und langdauemder 
üebung sich das Beiten anzueignen vermag, so hiesse jedes Ab- 
lenken desselben zu anderen Beschäftigungen, ihn in der Haupt- 
sache sdiwächen. Es wäre gar nicht schwer aus unseren Caval* 
Imsten, wie aus jedem anderen Bussen, dnen guten Fusssoldaten 
zu machen, aber wohl schwer, dass er dabei eine guter Beiter 
Hiebe. Eine solche Frage kann gar nicht entstehen, wenn es 
sich um einen Menschen handelt, der ebenso von Natur reitet, 
me er zu Fnss geht; trotz jed^ beliebigen Ablenkung würde er 
doch immer noch ebenso reiten, wie jeder Andere gehen würde. 
Die donischen Kosaken sind nicht so sehr an das Absitzen gewöhnt 
wie die Linienkosaken, aber es ist ihnen immerhin nicht unge- 
wohnt; als sie zum ersten Mal an den Kaukasus kamen, wurden 
sie gerade ebenso, ohne es jemals besonders gelernt zu haben, zu 
Foss als Vorposten verwandt und leisteten zu Zeiten Infanterie- 
dienste, wie die Linienkosaken. Die Dragonerbataillone sind offen- 
bar in der Gestalt, wie man sie in früheren Zeiten formirt hat, 
eise reine Fantasie; und wenn ein Krieg zehn Jahre währte, so 
könnte es vorkommen, dass kein einziger Fall eintritt, in dem sie 
2n verwenden wären. Im Kriege sind nicht regulaire Massen ab- 
gesessener Cavallerie erforderlich, sondern Schützen, höchstens in 



I 



158 

kleinen Haufen. Einer regolairen CavaUerie, welche ans Kosaken 
formirt ist, braucht das Absitzen fast gar nicht mehr gelehrt zu 
werden. Einige elementare Scharfschützenexercitien nnd ab und 
zu üebnngen im Zielschiessen würden dazu genügen, damit die 
Leute ihre Sache, soweit es erforderlich ist, können. 

Bedarf es noch einer Erwähnung dessen, wie viel gewandter 
Kosaken sind als Bekruten und selbst als Soldaten, mit Ausnahme 
der allerältesten? Jeder, der auf dem Marsch oder im Kriege mit 
ihnen näher zusammengekommen ist, weiss das sehr gut 

Die Cadres der russischen Armee müssen ausgedehnt wer- 
den: das ist unerlässlich, um unsere Kräfte den präsumtiven feind- 
lichen gleich zu machen; in ganz Europa werden die Armeen 
verstärkt, wir allein können nicht bei den alten Verhältnissen 
bleiben. Und schon jetzt erheben sich Stimmen wegen der un- 
verhältnissmässig geringen Stärke unserer regulairen Gavallerie im 
Vergleich zur Infanterie (die Cavailerie ist unter der gegenwärti- 
gen Eegierung allerdings um die Hälfte, von 458 activen Esca- 
drons auf 220, redacirt worden). Ich theile durchaus nicht die 
Ansicht, dass die gegenwärtige Stärke der regulairen Gavallerie, 
bei der enormen Anzahl der irregulairen, die stets zum Ausmarsch 
fertig ist, nicht genügend wäre. Im Auslande ist die relative 
Stärke der Liniencavallerie, welche ihrer Bestimmung nach unse- 
rer regulairen entspricht, noch geringer; die leichte Reiterei er- 
füllt dort vorzugsweise die Obliegenheiten unserer Kosaken: den 
Vorpostendienst, das Becognosciren und das Fourragiren. Es unter- 
liegt jedoch keinem Zweifel, dass bei einer Ausdehnung der Cadres 
der Armee die gegenwärtige Stärke der regulairen Gavallerie nicht 
mehr genügen würde. Auf welche Weise ist sie zu completiren? 
Durch die Formirung neuer Eegimenter? Aber die Gavallerie ist 
keine Infanterie; einen Rekruten im Reiten auszubilden ist ganz 
was Anderes, als ihm Schiessen und Marschiren zu lehren. Hier 
besteht die Schwierigkeit nicht darin, Jemanden im Frontedienst 
und in der Behandlung der Waffe auszubilden, sondern darin, 
aus einem Menschen einen Reiter zu machen, der sich auf dem 
Pferde ebenso zu Hause fühlt wie auf seinen eigenen Füssen, 
was selbst im längsten Termin nur halb zu erreichen ist. Die 
Mannschaft «iner künstlichen Gavallerie kann man nicht in 
Friedenszeiten nach Hause schicken und nur die Gadres allein 
unter der Fahne zurückbehalten, sondern man muss sie während 



159 

der ganzen Dtwer der Dienstzeit im Dienste behalten und kann 
die Leute höchstens in geringer Anzahl auf zeitweiligen Urlaub 
entlassen. Die Infanterie kann man auf dem Kriegsfiiss, ohne 
das Bndget in Friedenszeiten 2ta überlasten, allein dorclr die Ab- 
kürzung der Termine verstärken; hinsichlich der Cavallerie ist 
diese Massregel unmöglich. Hier reprftsentirt jeder Mann mehr 
in den Listen auch eine neue beständige Ausgabe, welche die 
Ausgabe für einen Infanteristen um das Dreifache übersteigt Eine 
Verstärkung der Cavallerie, welche aus Bekruten gebildet wird 
und daher auch immer in ihrer ganzen Vollzähligkeit erhalten 
werden mttsste, würde eine bedeutende Erhöhung des Militair- 
budgets veranlassen. Ohne die Staatskasse zu erschöpfen, kann 
die Anzahl unserer CavaUerie nur auf die Weise verstärkt wer- 
den, dass neue Gavallerieregimenter aus geborenen Eeitem for- 
mirt werden, denen nur der regulaire Frontedienst, nicht aber 
auch das Reiten selbst erst beigebracht werden muss; bei einer 
solchen Mannschaft kann man auch die Cavallerie unter die all- 
gemeine Organisation subsumiren und in Friedenszeiten blos ein 
Drittel der Leute in der Fronte behalten, zwei Drittel aber ent- 
lassen; auf ein Eegiment von 6 Escadrons kämen dann eine Di-^ 
Vision unter den Fahnen und zwei Divisionen Urlauber. Wenn 
wir also einmal, durch die Noth dazu gebracht, regulaire Eosaken- 
regimenter haben werden, was, fragen wir, wird dann neben die- 
sen die aus Rekruten gebildete Cavallerie anfangen? Hat man 
sich einmal dazu entschlossen, zu der einen Hälfte der Reiterei 
Leute zu nehmen, denen man das Reiten nicht erst zu lehren 
braucht, weil sie es schon besser als alle Bereiter verstehen, und 
stehen einem solche Leute in unbegrenzter Anzahl zur Disposition, 
wird man denn dessen ungeachtet dann noch immer, solange 
Russland besteht, die andere Hälfte der Reiterei aus Bauern bil- 
den, die erst zum Schluss ihrer Dienstzeit höchst mittelmässig zu 
reiten verstehen? Werden sich denn wirklich bei uns, in Folge 
der importirten Ideen ausländischer Instructoren, welche durch 
Peter I. und die Kaiserin Anna ins Land gekommen waren, neben 
den Linienkosaken für immer die Husaren conserviren, welche 
als eine Nachahmung der ungarischen Husaren, die niemals unse- 
ren linienkosaken gleich gekommen sind, in Europa eingeführt 
worden, — und neben den donischen Kosaken die Ulanen, welche 
ebenfalls nach unseren Kosaken und Tartaren durch die Polea 



160 

t 

dem Westen vermittelt wc«*den? Das lirfe ja genau auf die Hi- 
storie von den nonnannischen Eiern hinaus, welche sich die echten 
Engländer, während sie in Paris leben, dennoch aus London Ter- 
sohreihen. Eine künstliche Cavallerie kann die Tflchtigkeit der 
natürlichen, wenn sie ordentlich ausgebildet ist, niemals erreichen; 
die Kosten ihrer ünterhaltiaig dagegen betragen genau das Drei« 
fache, weil sie b^tändig vollzählig beisammen sein muss, während 
die natürliche Cavallerie unter die für die Infanterie angenommene 
Organisation subsumirt werden kann und in Friedenszeiten Mos 
ein Drittel derselben die Kosten des Staats zu beanspruchen 
braucht. 

. Man wird vielleicht sagen, das die donischen Kosaken gerade 
als irregulaire Cavallerie nothwendig und in dieser Branche durch 
Niemand zu ersetzen seien. Gerade diesen Einwand habe ich 
schon, ich erinnere mich nur nicht wo, eimnal gelesen. Ich muss 
aufrichtig gestehen, dass ich ihn aber nur für einen Scherz hal- 
ten kann. Unser Yateriand besitzt nicht nur die Elemente zo 
einer irregulairen Reiterei, sondern eine bereits ganz fertige irre- 
gulaire Beiterd selbst, in einem Yerhältniss, welches jedes Be- 
dürfniss ums Zehnfache übersteigt. Auf diesen Gegenstand wer- 
den wir an der entsprechenden Stelle noch zurückkommen. 

Die donischen Kosaken müssen ohne Zweifel schon jetzt lüs 
regulaire Cavallerie, die nur noch nicht genügend ausgebildet ist, 
angesehen werden. Ein donisches Begiment lernt den Fronte- 
dienst nur zwei Wochen lang, während es formirt wird; dann 
muss es ausmarschiren und wird, sobald es an seinen Bestimmungs- 
ort gdangt ist, in emzelne Posten zersplittert, welche einander 
&8t niemals zu Gesicht bekommen. Wenn ein solches Regiment 
auch nur drei Monate im Jahre ungetheilt zusammen bleiben 
könnte, so würde es schon, unter den Händen eines tüchtigen 
Commandeurs, vollständig zu einem regulairen werden. Um aber 
regulaire Cavalerieregimenter durch donische gänzlich ersetzen zu 
können, ist eine solche häusliche Beorganisation doch noch nicht 
genügend. Die regulaire Cavallerie ist eine äusserst complicirte 
Waffe; zur Vollkommenheit kann sie nur dann gelangen, wenn 
sich alle Begriffe und Gewohnheiten des Dienstes aus einer lang- 
jährigen Praxis entwickelt haben imd dadurch ein wohlgeflgtes 
System herausgebildet worden, welches ebenso in wichtigen Din- 
gen, wie in den Details des Dienstes für die Leute massgebend 



161 

ist. Ist eine Waffe ordentlich organisirt, so kommt im Geist der- 
selben gerade das Wesen der Sache zum Ausdruck, welches im 
Grossen sowohl wie im Kleinen alle Vorkommnisse des Dienstes 
beeinflnsst; die Seele der Waffe liegt nicht blos in der Ausbil- 
dung, sondern in der ununterbrochenen Tradition, deren Träger 
Alle sind, welche die Waffengattung repräsentiren. Und gerade 
diese Tradition der regulairen Cavallerie ist es, die den Kosaken 
abgeht; sie wird aber auch aus den eigenen Kräften derselben 
sich nicht so bald in befriedigender Vollständigkeit zu entwickeln 
vermögen ohne jegliche Anweisung und Beispiel, ohne dass die 
Kosaken mit der regulairen Cavallerie an einem Ort und auf 
gleichen Fuss gestellt dienen, und ohne Anleitung von Officieren 
der letzteren. Es giebt freilich auch donische Officiere, welche 
ausgezeichnet ein Linien-Cavallerie-Kegiment commandiren könnten; 
aber giebt es deren etwa viele? Der Werth der Kosaken besteht 
darin, dass sie, tapfer von ganzer Seele, einzeln bei weitem mehr 
entwickelt als Bekruten und ausserdem geborene Reiter sind; 
vollständig zur regulairen Cavallerie können sie jedoch nur in 
den Reihen einer, bereits existirenden Cavallerie, durch gemeinsa- 
men Dienst mit derselben, werden. Die Zukunft unserer Caval- 
lerie und die Zukunft des Kriegsbudgets ist nicht davon abhängig, 
dass den Linien-Kosaken-Regimentern neue Hunderte hinzugefügt, 
sondern dass die Escadrons allmälig durch regulaire donische 
Hunderte ersetzt werden. 

Um die donischen Kosaken zur regulairen Cavallerie zu 
machen, ist es vor Allem erforderlich das donische Heer, nach 
dem Beispiel der kaukasischen Linienkosaken, in locale Regimenter 
und Hunderte zu theilen, denn sonst werden alle Bemühungen 
doch zu keinem Resultat führen. Die Kosaken dienen in bestimm- 
ten Terminen und kehren dann wieder zu ihren Freiheiten zurück; 
nur in dem Fall lohnt es sich daher an die Ausbildung eines 
Kosakenhunderts zu gehen, wenn dasselbe eine stehende Abthei- 
lung bildet, denn nur dann würde man es auch wissen, dass z. B. 
ein bestimmtes Hundert aus einer gewissen Staniza regulair aus^ 
gebildet worden. Alle solche regulaire 'Kosaken aus dem gan- 
zen donischen Gebiet später wieder zusammenzubringen und sie 
in derselben Ordnung, in welcher sie während des früheren Ter- 
mins zusammengehörten, wiederum zu vereinigen, würde ebenso 
umständlich, wie unsicher sein; ausserdem ist bei Volkstruppen 

Fadejew, Rasslands Kriegsmacht. H 



162 

nur diejenige AbtheilnDg wirklich tüchtig, welche bereits an Ort 
und Stelle vom Geist der Kameradschaft darchdnmgen ist. Wäre 
dagegen das donische Heer in stehende Regimenter und Hunderte 
eingetheilt, so würde sich die Umgestaltung desselben zu einer 
regulairen Gavallerie einfach in eine Frage der Zeit verwandeln, 
um von einem Ersatz der gegenwärtigen Escadrons durch doni- 
sehe Kosakenhunderte überhaupt reden zu können, muss vor Allem 
die Einiheilun^ des donischen Heeres in Regiments- und Hunderts- 
bezirke als vollendetes Factum angenommen werden. So will ich 
es auch thun. 

Man könnte mit einem Male je ein stehendes Kosakenhundert 
in den Bestand eines jeden leichten Cavallerieregiments hinein- 
fügen, d. h. also in sämmtliche CavaUerieregimenter, mit Aus- 
nahme der vier Kürassierregimenter, und gleichzeitig hiermit über- 
all die vierten Escadrons ganz auflösen. Die Ausgaben für die 
Cavallerie würden auf diese Weise um keinen Kopeken wachsen. 
Das Kosakenhundert würde in seiner ganzen Vollzähligkeit unal- 
terirt bleiben, und es müsste nur eine Translocation der Officiere 
stattfinden, weil sonst weder die der regulairen Truppe sich mit 
den Kosaken befireunden, noch die Kosakenofficiere von dem Greist 
des stehenden Heeres inficirt würden. Die Hälfte der Letzteren 
könnte daher zu anderen Escadrons übergeführt und durch die 
Officiere der aufgelösten Escadrons ersetzt werden. Nach zwei 
Jahren würde das Kosakenhundert zu einem vorzüglichen Escadron 
geworden sein und könnte dann, indem es durch das zweite Hun- 
dert desselben Regiments ersetzt wird, zu seinen Freijahren ent- 
lassen werden. In sechs Jahren würden auf diese Weise drei 
Hunderte eines jeden donischen Regiments vollkommen ausgebildet 
sein. Im siebenten Jahr würde, zugleich mit dem vierten Hundert 
desselben Regiments, auch wieder das erste Hundert, dessen vier 
Freijahre unterdess abgelaufen wären, eintreten. Hat man erst 
auf diese Weise bei jedem Cavallerieregiment eine donische Divi- 
sion, so kann man auch sofort das dritte Escadron auflösen; im 
neunten Jahr, sobald das zweite Hundert nach abgelaufenen Frei- 
jahren und das fünfte Hundert neu eintritt, könnte das zweite 
Escadron, und endlich im elften Jahre, wenn das dritte Hundert 
nach der Yacanz zurückkehrt und das sechste und letzte neu 
hinzukömmt, auch das letzte Escadron aufgelöst werden. Auf 
diese Weise würden also im Laufe von zehn Jahren unsere sämmt- 



163 

lieben aas vier fiscadrons bestehenden Cavallerieregimenter durch 
regalaire donische, die je ans sechs Hunderten bestehen, ersetzt 
werden. Die Zahl der regnlairen Cavallerie würde somit, ent- 
sprechend der Yermehrung der Infanterie, um die Hälfte stärker 
werden, in Friedenszeiten dagegen würden, bei gleichzeitiger Auf- 
lösung sämmtlicher Keserveescadrons, nur % der gegenwärtigen 
Stärke in der Präsenz sein, nämlich zwei Escadrons in jedem Re- 
giment, anstatt der gegenwärtigen vier. Dadurch würde also, 
ausser der Oekonomie bei der Montirung der ganzen Cavallerie 
(denn die Kosaken treten mit ihren eigenen Kleidern in den 
Dienst), der Staatskasse ein bedeutender Yortheil erwachsen. 

Kosakenofficiere werden niemals regulaire Cavallerieofficiere 
vollständig ersetzen können, wenigstens müsste man darauf gar zu 
lange warten, denn in der Cavallerie besteht das Officiercorps 
durchschnittlich aus recht gebildeten Leuten, während die Bildung 
am Don erst einen sehr niedrigen Grad erreicht hat; ausserdem 
ist die Anzahl der activen Kosakenofficiere, wenn man die doni- 
schen Verwaltungsbeamten, welche ebenfalls Officiersuniform tra- 
gen, in Abzug bringt, nicht sehr bedeutend. Man müsste daher 
mindestens die Hälfte der gegenwärtigen regulairen Officiere bei 
den neuausgebildeten donischen Eegimentem belassen. Im Laufe 
von zehn Jahren würde das Yerhältniss unter den Officieren, wenn 
nur die Vacanzen diesem projectirten Yerhältniss entsprechend be- 
setzt werden, schon von selbst auf das normale Mass kommen. 
Bei der Ablösung des Kosakenheeres von dem grundbesitzenden 
Adel des donischen Gebiets (dem auf diese Weise jede andere 
beliebige Carri^re offen steht) würde auch die Hälfte der gegen- 
wärtigen Officiersstellen bei den activen Kosaken genügen. Auf die 
wiederholt ausgesprochene Ansicht, dass bei dem donischen Heer 
Officiere der regulairen Truppe einzuführen seien, wie das bereits 
bei den Linienkosaken geschieht, hat man beständig die Antwort 
gehört, dass es für die Kosaken kränkend sein würde. Aber für 
welche Kosaken denn? Für die Kosakenbureaukratie , nament- 
lieh für die Fiscale, welche Begimenter erhalten, natürlich! In 
einem Lande aber, in welchem erst vor wenigen Jahren zwanzig 
Millionen Leibeigenen die Freiheit geschenkt worden, ist eine 
solche Antwort nicht am Platz. Für die activen Kosaken und 
Officiere wird das gewiss nicht im mindesten kränkend sein; schon 
nach einem einmonatlichen Dienst werden sie den ganzen Unter- 

11* 



164 

schied zwischen der alten und der neuen Ordnung der Dinge zu 
schätzen gelernt haben und selbst die Officiere, die ihre Lands- 
leute sind, werden in der neuen Genossenschaft ganz andere Leute 
werden. 

Es genügt die wiederkehrende Dienstzeit auf zwei Jahre zu 
normiren, auf die dann vier Freijahre folgen. Wenn das doni- 
sche Heer nicht mehr als die gegenwärtige Anzahl regulairer Ca- 
vallerieregimenter in einer Stärke von je sechs Hunderten^ von 
denen in Friedenszeiten nur zwei Hunderte als active Truppen 
vorhanden sein müssten, aufzustellen haben wird, so würde sich 
der Dienst dieses Heeres als ein sehr leichter gestalten. Zu den 
sechs activen Hunderten könnte man also noch zwei Beservehun- 
derte hinzufügen, welche beständig zu Hause bleiben würden, mit 
denen aber in Eriegszeiten das Regiment completirt werden 
könnte und in denen ebenso alle Minderjährigen ausgebildet wer- 
den müssten. Ein von früh auf entwickelter und sodann im 
Dienst ordentlich ausgebildeter Kosak wird seine Sache auch wäh- 
rend der Freyahre nicht vergessen, und zwar namentlich darum, 
weil er ein Eosak und kein Rekrut ist; er wird bei der Einbe- 
rufung als ebenso completer Krieger aus seiner Staniza erschei- 
nen, wie der beurlaubte Infanterist aus seinem Dorf. Die ange- 
borenen Fähigkeiten des Kosaken werden die organische Ver- 
schiedenheit zwischen den durch die doppelte Form des Dienstes 
bedingten Ansprüchen zwar ausgleichen; dessen ungeachtet sind 
aber auch für ihn ernste Exercitien, zum wenigsten Einberufung 
für eine dreiwöchentliche Uebungszeit, damit er im regulairen 
Frontedienst fest bleibe und sich an die Waffen gewöhne, erfor- 
derlich. Zu diesem Zweck wäre es wünschenswerth, dass ausser 
den Kosakenofficieren auch noch je ein Of&cier von der regulai- 
ren Truppe zu jedem die Freijahre geniessenden Hundert hinzu- 
commandirt würde. Nimmt man an, wie wir es gethan haben, 
dass die Officiere von der regulairen Truppe zur Hälfte in einem 
Regiment, also für drei Hunderte, bleiben, und dass dann ein 
Drittel oder ein Viertel derselben mit Belassung der halben Gage 
(wie bei der Infanterie) beurlaubt werden, so würden die übrigen 
dieser Officiere bei den zwei activen und den vier die Freyahre 
gemessenden Hunderten genugsam in Anspruch genommen werden. 
Hinsichtlich des Unterhalts der Menschen und der Pferde würde 
sich eine bedeutende Oekonomie in Friedenszeiten ergeben. Nor 



165 

darf man dieselbe nicht auch auf die Bemonte der Pferde nnd 
Waffen ausdehnen wollen. In dieser Hinsicht müssen die regalai- 
ren Kosaken Alles erhalten, was gegenwärtig der regolairen Ca- 
vaHerie geliefert wird. Die Race der donischen Pferde ist die 
beste, die es in Rnssland nnd in Europa für die Cavallerie nur 
geben kann. Aber zwischen Pferd und Pferd ist ein Unterschied, 
selbst in einer Eace. Gegenwärtig versammeln sich die Kosaken, 
ihren eigenen Mitteln entsprechend, auf billigen Pferden, von de- 
nen nur wenige für eine starke Fronte taugen. Unsere regulaire 
Reiterei aber, die von einer solchen Menge irregulairer unterstützt 
wird, welcher alle Obliegenheiten des Yorpostendienstes und des 
kleinen Krieges zufallen werden, muss nicht vorzugsweise, sondern 
ausschliesslich eine Linienreiterei sein, die zu einer Attake gegen 
die Infanterie zu gebrauchen ist. Sie braucht daher starke, grosse 
und zugleich feurige Pferde. Solche Pferde werden sich am Don, 
in den neurussischen und stawropolschen Steppen soviel man ihrer 
bedarf, schon finden, sobald nur die erforderliche Nachfrage ent- 
steht. Sie sind aber nicht billig. Dem Kosak fehlt es an Mitteln 
ein solches Pferd auf eigene Kosten anzuschaffen. Ihm muss da- 
her die Remontesumme nach dem gegenwärtigen Etat der regu- 
lairen Cavallerie, d. h. also 120 Rubel, voll ausgezahlt, sodann 
aber auch unnachsichtlich verlangt werden, dass er ein Pferd von 
den erforderlichen Eigenschaften, das nicht weniger als 2 Arschin 
2%WerschokHöhe*) haben darf, reite. Pferde, die unter diesem 
Mass sind, taugen nicht für dieLiniencavallerie; ihr Anprall, na- 
mentlich gegen die Infanterie, ist nicht stark genug, was Jeder, 
der einmal eine Attake gegen ein Carr6 gesehen hat, sehr gut 
weiss. Ein bemerkenswerther Vorzug des nischnynowgorodschen 
Regiments bestand im Türkenkriege darin, dass die ausschliesslich 
vom Don stammenden Pferde desselben höher, als daö gewöhn- 
liche Mass für Dragonerpferde, und daher auch stärker waren, 
obgleich noch immer nicht stark genug. Auf solchen Pferden 
würden die donischen Kosaken eine regulaire Cavallerie abgeben, 
wie sie Europa noch nie, ausser etwa bei den Engländern, ge- 
sehen hat, — dafür kann man garantiren. Gerade ebenso muss 



♦) 1 russ. Arschin = 16 Werschok = 28 Zoll englisch = 0,711 
Meter, also 2 Arschin 2V4 "Werschok russisch = 1,544 Meter oder 5 Fuss 
^Vi6 Zo^l englisch. Anm. d. Uebers. 



166 

den regnlairen donischen Regimentern die etatmässige Summe f&r 
Sattelzeug und Geschirre ausgezahlt und sodann auch verlangt 
werden, dass alles Dergleichen in vollkommener Ordnung sei. Die 
gegenwärtige donische Waffe muss natürlich in ihrer Gestalt bei- 
behalten, hinsichtlich ihrer Qualität jedoch verbessert werden. 
Dass die Eosakenofficiere ebenfalls in jeder Beziehung den übrigen 
Officieren gleich gestellt werden müssen, bedarf nicht weiter der 
Erwähnung. Wünschenswerth wäre es, dass ihnen, nach dem 
Muster aller übrigen, auch während der Freijahre die halbe 
Gage gesichert würde. Durch die; Verwandlung der donischen 
Kosaken in regulaire Regimenter würde nicht nur hinsichtlich des 
Unterhalts der Cavallerie, sondern auch in den Gagen der Officiere 
eine Oekonomie erzielt werden, im Vergleich zu welcher eine 
Mehrausgabe für diese Waffe, wenn sie nur gerechtfertigt und 
nothwendig ist, blos einige Procente ausmachen würde. 

Ich habe rein taktische Fragen in dieser Uebersicht gar nicht 
berührt. Hier kann man indessen nicht umhin zu fragen: sollen 
sich auch die regulairen Kosaken, ihrer alten Gewohnheit nach, 
noch immer in einem Glied (in der einreihigen „Lawa") aufstellen 
oder in zwei Gliedern? Ich habe noch niemals eine wohlmotivirte 
Antwort darauf gehört oder gelesen, weshalb die Cavallerie sich 
in zwei Gliedern aufstellen soll, da das Haupterfordemiss dieser 
Truppengattung für den Kampf — die grösstmöglichste Fähigkeit 
einen Theil durch den anderen abzulösen — durch eine solche 
Aufstellung auf die Hälfte reducirt wird. Wie dem aber auch 
sein mag, ein eingewurzelter Gebrauch ist immerhin ein wichtiger 
Factor. Lässt man denselben unalterirt bei einer aus Rekruten 
gebildeten Cavallerie, die einmal gewohnt ist so zu operiren und 
es anders nicht versteht, so kann man dasselbe Argument auch 
zur Vertheidigung der althergebrachten Gebräuche einer anderen 
Cavallerie, die anders zu operiren gewohnt ist, geltend machen. 
Es wird doch selbstverständlich Keinem einfallen zu behaupten, 
dass das Leib-Kosaken-Regiment deshalb schlechter als irgend ein 
anderes sei, weil seine gebräuchliche Aufstellung einmal die ein- 
reihige Fronte (die Kosakenlawa) und nicht die zweireihige ist? 

Was die Gewohnheiten anbelangt, so gUt dasselbe hinsicht- 
lich aller eingewurzelten Gebräuche der donischen Kosaken. 

Aus ihnen soll eine regulaire Cavallerie gebildet werden, aber 
das Regulaire soll nur in der regelrechten Bewegung und in der 



167 

geschlossenen Formation, nicht aber in einer Yeränderung ihrer 
inneren Einrichtungen, ihrer Behandlang der Pferde n. s. w. be- 
stehen. Der von Generation zu Generation sich forterbende 
Brauch solcher Leute, die sich schon zu Hause, nach der Väter 
Sitte, für den Dienst instruiren, ist etwas Heiliges und Unantast« 
bares, denn auf ihm beruht die ganze Kraft des Selbstvertrauens 
sowohl bei einer ganzen Abtheilung, wie bei den einzelnen Indi- 
viduen. In dieser Hinsicht kann ein Officier aus der regulairen 
Truppe nur das dem Kosaken lehren, was der von einem Adler 
erzogene junge Löwe den Thieren lehren wollte, nämlich Nester 
bauen. 

Gehen wir über zur irregulairen ReitereL 

Diese Bezeichnung ist nicht ganz richtig, da bei uns mehr 
oder weniger alle Kosaken regulaire Truppen sind; richtig wird 
dieselbe nur angewandt bei den kaukasischen Segimentem einge- 
borener Reiter. Diese ganze Kategorie unserer Reiterei müsste 
eigentlich natürliche Reiterei genannt werden zum Unterschied 
von der künstlichen. 

Sämmtliche irregulaire Reiterei darf man indess nicht unter 
einen Gesichtspunkt stellen. Nach den Eigenschaften der Leute, 
wie sie die Wirklichkeit uns bietet, zerfällt sie vielmehr in zwei 
scharf von einander unterschiedene Unterabtheilungen: in solche, die 
zum Kampf, und in solche, die zum Yorpostendienst zu verwenden 
ist. Zu der ersteren sind alle kaukasischen irregulairen Reiter- 
trappen und vielleicht auch die uralschen Kosaken (die ich nicht 
80 genau kenne) zu rechnen; zu der letzteren alle übrigen Kosa- 
ken und die Nomadenvölker. 

Ungeachtet der enormen Masse irregnlairer Reiterei, welche 
sich in allen Kriegen bei unserer Armee befunden hat, muss man 
doch gestehen, dass sie nur sehr wenig zu selbständigen Partisan- 
operationen gebraucht worden ist: wir haben es eben bis auf 
diesen Tag nicht verstanden unsere Vorzüge in gehöriger Weise 
zu verwenden. Ausser im Jahre 1812 und zu Anfang des Jahres 
1813 haben die Kosaken niemals als selbständige Detachements 
operirt. Ich führe diese Unthätigkeit auf zwei Ursachen zurück: 
erstens auf die Einseitigkeit der Anschauung, welche bei uns in 
Betreff der irregulairen Reiterei herrscht, und zweitens auf die in 
der That relativ geringere Fähigkeit der donischen Kosaken zum 
Partisanenkriege, als sie z. B. die kaukasische Reiterei besitzt. 



168 

Bern Geiste nach sind die donischen Kosaken eine regolaire Car 
vallerie- Obgleich sie als Vorhut eine weit grössere Wage- 
halsigkeit nnd Gewandtheit entwickeln als gewöhnliche Caval- 
leristen, so sind sie doch nicht gerade vollkommen das, was 
man Einzelreiter nennt ; ihre Entstehung verdanken sie der Steppe, 
in welcher die Quantität, die engere Gemeinschaft und die fronten- 
mässige Bewaffnung mit der Pike immer einen zweifellosen Vor- 
zug vor der Bravour des Eiasjelnen behaupten werden; erst seit 
der vorletzten Begierung haben sie angefangen Flinten zu tragen. 
Auf den coupirten Feldern Europas war diese Steppencavallerie 
ohne Flinten offenbar nicht selbständig genug; unsere irregnlaire 
Kelterei bestand indess fast ausschliesslich aus donischen Kosaken 
und wurde nach ihnen in taktischer Hinsicht, selbst in der Theorie, 
beurtheilt. Die Folge davon war, dass man die irregnlaire Eei- 
terei ausschliesslich zum Vorpostendienst und zum Becognosciren 
zu verwenden pflegte; als selbständige Waffe verblieb sie in ün- 
thätigkeit. Die Kriegsgeschichte jedoch lehrt es, in einem wie 
hohen Grade eine zahlreiche irregnlaire Kelterei eine selbständige 
Waffe sein kann, und zwar nicht allein zu Hause bei sich, in der 
Defensive, sondern auch im Offensivkrieg. Solange die Türken 
noch ihren kriegerischen Geist hatten, haben ihre Delibaschi ge- 
wissermassen eine Atmosphäre um den festen Kern ihrer Armee 
gebildet, den Umkreis der Operationen derselben bedeutend er- 
weitert und das feindliche Heer in seinem eigenen Lande in einer 
beständigen Blokade gehalten. Man kann es aus den Aufzeich- 
nungen der Zeitgenossen sehen, in welchem Grade die Oesterreicher 
bei sich zu Hause, im eigenen Lager, von dieser zudringlichen 
Cavallerie belagert wurden. In dieser Hinsicht unterscheidet sich 
unsere Zeit nicht im mindesten von der früheren. Wie damals 
kann auch jetzt noch eine kriegstüchtige irregnlaire Kelterei, wenn 
sie gehörig dirigirt und zahlreich genug ist, den Feind, selbst im 
eigenen Lande, in die allerbedrängteste Lage versetzen. Eine 
gute irregnlaire Kelterei, wie die kaukasische, kann, wenn sie nur 
mit zuverlässigen Führern versehen ist, niemals abgeschnitten wer- 
den, sowohl wegen der Eigenschaften ihrer Pferde, welche gewöhn- 
liche Cavalleriepferde drei Mal überholen, als auch deshalb eben, 
weil sie es versteht die Localität auszubeuten. Die Infanterie 
kann sie nicht einholen und die Cavallerie wird ihr nichts an- 
haben. Unsere Kaukasier, die Kosaken sowohl wie die Einge- 



169 

barenen, welche als ihre Hauptwaffe das gezogene Bohr ansehen, 
sind ebenso gefährlich zu Pferde wie zu Fuss. In der grossen 
Schlacht, bei dem Gedränge der Truppen, ist die eminente Tüch- 
tigkeit dieser Leute, welche hauptsächlich bei zerstreuten Einzelge- 
fechten in ihrem vollen Lichte zur Geltung kommt, nicht an 
ihrem Platz ; bei der Verfolgung dagegen und im Partisanenkriege 
verleiht sie ihnen ein entschiedenes Uebergewicht über, jeden euro- 
päischen Feind. Sind sie zu Pferde, so umringen sie wie ein 
Bienenschwarm die feindliche Cavallerie, zwingen dieselbe sich in 
fruchtlosen Angriffen zu erschöpfen und schiessen die Feinde ein- 
zeln herunter; haben sie hinter der ersten sich bietenden Deckung 
abgesessen, so bringen sie den Feind mit einem Mal zum Stehen. 
Wie das Wasser ergiesst sich diese fliegende Reiterei in jeden 
Intervall, welcher zwischen den Abtheilungen des Feindes ent- 
steht, reisst sie auseinander und zwingt den Gegner die Verbin- 
dung zwischen seinen Massen nicht anders als vermittelst starker 
Colonnen zu unterhalten, bedroht die Parks und den Train des 
Feindes und versetzt ihn, mit einem Wort, in die Lage der Fran- 
zosen in Spanien. Mit einer solchen Reiterei werden wir stets 
im Stande sein Alles zu wissen, was der Feind thut, während 
dieser von uns gar nichts erfahren wird; Recognoscirungen wer- 
den für ihn unmöglich, ausser vermittelst ganzer Detachements, 
und auch dann nur auf geringe Distancen; zwischen uns und dem 
Feinde wird ein Vorhang hängen, der für ihn dunkel, für uns aber 
durchsichtig ist. 

Zur Erreichung eines solchen Resultats genügen natürlich 
nicht blos einige Regimenter, sondern es ist eine Masse solcher 
fliegenden Reiterei erforderlich, die ausschliesslich zu diesem 
Zweck gebraucht wird, nicht weniger als zwanzig Regimenter bei 
einer grossen activen Armee und etwa zehn bei geringeren Armeen. 
Diese Reiterei muss dann ganz in der Hand Eines sein, sich unter 
der Leitung eines ausgezeichneten Atamans befinden, der von 
einigen vollkommen zuverlässigen Anführern fliegender Detache- 
ments unterstützt wird. 

Der Kaukasus kann ein bedeutendes Contingent unvergleich- 
lich kriegstüchtiger irregulairer Cavallerie stellen. Das kubansche 
Heer würde 28, das tereksche Heer 10 Reiterregimenter stellen. 
Das wären sämmtlich Linienkosaken, deren Tüchtigkeit, wenigstens 
grössten Theils, bekannt genug ist. Dann kann man auch aus 



170 

der eingeborenen kaukasischen Bevölkerung noch eine ganze 
Menge Begimenter von ebenso bedeutender Tüchtigkeit bilden. 

In früheren Zeiten sind die Versuche, die eingeborenen 
Kaukasier zu einem permanenten Dienst unter unsere Fahnen zu 
sammeln, bisweilen (wie z. B. im Türkenkriege) nur von geringem 
Erfolg gewesen. Seitdem aber hat sich Alles geändert. Die besten 
Krieger Schamiis und einige Tausend Abreken (Tscherkessen- 
flüchtlinge) sind ohne Thätigkeit und daher fast ohne Brod ge- 
blieben; die kaukasische Jugend, durch die Erzählungen ihrer 
älteren Brüder begeistert, brennt vor Verlangen ihre Kräfte zu 
versuchen. Dieser kriegerischen Leidenschaft muss bei der ersten 
günstigen Gelegenheit ein Abflnss geöffnet werden, damit sie sich 
nicht sonst gegen uns selbst wende. 

Im Kaukasus giebt es nicht einen raisonnabeln Befehlshaber, 
der nicht dafür garantiren würde, dass er aus dem ihm anver- 
trauten Volksstamm bei dem ersten Aufruf zum Kriege soviel 
Eeiter, als man nur will, zu stellen vermöchte. Diese aus den 
ansässigen Bergvölkern aufgebrachten Streitkräfte würden aber, 
sobald sie unter die russische Fahne gestellt worden und erst 
einmal mit uns auf dem Schlachtfelde fratemisirt haben, gerade 
eben dadurch jeder Gewalt feindlicher Einflüsse entzogen werden. 
Die Quantität der irregulairen Reiterei, welche der Kaukasus zu 
stellen vermag, ist, wenn die örtliche Obrigkeit nur die entspre- 
chenden Massregeln ergreift, beinahe unbegrenzt. Einer solchen 
Masse bedarf es jedoch gar nicht. Ich will nur diejenigen Regi- 
menter aufzählen, welche ohne alle Anstrengungen, und zwar so- 
fort, von jedem einzelnen District gestellt werden könnten. !Es 
wäre leicht solche Regimenter zu formiren: in der Karatscha 
und aus den am Kuban lebenden Stämmen 1, in der Kabarda 1, 
in Ossetien 1, in der Tschetschna und den Bergdistricten 3, im 
Thale des kumückischen Koisu 1, in dem Sehamchalat 1, in der 
Akuscha und in dem mechtulinischen Chanat 1, in dem kaitak- 
tabassaranschen District und in der kürinischen Herrschaft 1, in 
der kasikumückischen Herrschaft und in dem samurschen Be- 
zirk 1, in den Bergbezirken Dagestans 4, im dschar-belakan- 
schen District 1, aus den Tuschinen und Chewsuren 1 und eins 
aus den Kurtati, also im Ganzen 18 Regimenter. 

Zusammen mit den Linien-Kosaken- Regimentern würde die 
Zahl der kriegstüchtigen irregulairen Regimenter, welche den aller- 



171 

ansprachsYollsten Forderungen des Partisanenkrieges und zugleich 
auch des Yorpostendienstes genügen, bis auf 56 steigen; wenn 
es nöthig wäre, so könnten wir auch noch mehr haben. 

Ausser der activen irregnlairen Cavallerie fflr den Partisanen- 
krieg brauchen wir aber noch eine gewisse Anzahl irregulairer 
Regimenter zum Yorpostendienst Wünschenswerth wäre es frei- 
lich, dass zwischen diesen Regimentern und jenen kein gar zu 
grosser Unterschied, sondern dass sie sämmtlich kriegstüchtig 
wären. Ich halte es durchaus nicht für unmöglich bei einer sorg- 
fältigen Ausbildung der irregnlairen Truppen es dahin zu bringen. 
Yor der Hand aber mnss man die Dinge eben nehmen, wie sie 
sind. Wir haben 56 active Regimenter aufgezählt, von denen 
freilich nicht alle diese Bezeichnung yoUkommen verdienen; unter 
ihnen werden sich doch immer etwa zehn finden, welche, in Folge 
der Abnahme des kriegerischen Sinnes bei einigen Stämmen, weit 
tiefer als die übrigen Regimenter stehen würden; immerhin wür- 
den sie aber alle, wenn auch nicht ausgezeichnete Partisanen, so 
doch gewiss eine tüchtige Yorhut abgeben können. Dasselbe kann 
man auch von unseren übrigen irregnlairen Truppen sagen. Als 
Yorhut übertreffen sie bei weitem die regulairen Truppen gerade 
in den ^erwesentlichsten Eigenschaften: in Unermüdlichkeit der 
Menschen und Pferde, in Wachsamkeit und Weitsichtigkeit, in 
Geistesgegenwart, in der Gewohnheit einzeln zu agiren, mit einem 
Wort in allen den Eigenthümlichkeiten, welche Nomaden and 
Halbnomaden, die in Mitten einer uncultivirten Natur in Crrenz- 
gebieten leben, immer auszuzeiclmen pflegen. Dabei sind diese 
Leute, wenn auch nicht Krieger ersten Ranges, wie die Idnien- 
kosaken oder die kaukasischen Bergvölker, doch immerhin kriege^ 
risch genug, so dass Jeder von ihnen für seine Person einst^en 
und den ersten Widerstand leisten kann. Yereinte Operationen 
werden von ihnen nicht verlangt. Sie sind eben die Kosaken, 
wie sich die Mehrzahl bei uns die Kosaken vorstellt; diese hin- 
sichtlich der donischen Kosaken entschieden falsche Yorstellung 
passt auf sie vollkommen. Sie sind nicht solche Truppen^ deren 
Hauptaufgabe es ist Brust gegen Brust mit dem Feinde handge- 
mein zu werden, sondern sie sind die Späher der Armee. Ihre 
Aufgabe besteht darin die Yorpostenwache, Detachements, fliegende 
Colonnen im Rücken der Hauptmacht zu bilden, Gefangene zu 
escortiren u. s. w. Ihre Aufgabe ist es ebenfalls die Gavallerie 



172 

zu ersetzen in solchen Gegenden, wo die Cavallerie ihrer Schnellig- 
keit wegen, nicht aber wegen eines entscheidenden Kampfes mit 
einem organisirten Gegner nöthig ist, wie z. B. in nnmhigen 
Provinzen, wie die polnischen, als Zugabe zu Defensivtruppen, 
welche Küsten und Grenzen beschützen u. s. w. Solchen Auf- 
gaben sind unsere irregulairen Truppen — wir reden nicht von 
denjenigen, welche wir Kriegstruppen genannt haben und denen 
eine höhere Aufgabe gestellt ist — nicht nur vollkommen ge- 
wachsen, sondern sie sind darin geradezu unersetzlich. Bei den 
europäischen Armeen konunen sämmtliche oben angeführte Dienst- 
branchen auf die regulaire leichte Cavallerie und lähmen sie da- 
her, indem sie dieselbe ermüden und abjagen, in einem bedeuten- 
den Grade; eine ermüdete Kelterei taugt aber im Kampf zu 
Nichts. Ausserdem sind die irregulairen Truppen, selbst wenn 
sie auch nicht besonders kriegstüchtig sind, aus dem Grunde 
höchst schätzenswerth, dass man sie in Friedenszeiten gar nicht, 
oder doch nur theilweise zu unterhalten braucht; gleich beim ersten 
Aufruf würden sie vollzählig zur Stelle sein. Ohne sie würde 
man gerade zu denselben Aufgaben eine Masse regulairer Caval- 
lerie beständig in der Präsenz h^ten müssen, denn eine künst* 
liehe, aus Rekruten gebildete Cavallerie erfordert eine sorgfältige 
und ununterbrochene Ausbildung. Im Besitz der erforderlichen 
Quantität irregulairer Reiterei, die in Friedenszeiten relativ wenig 
kostet, würden wir durch dieselbe die stehenden Truppen ersetzen 
(wodurch das Budget sehr erheblich vermindert werden würde), 
der Armee eine vorzügliche Vorhut und zwar die allerwachsamste, 
die es nur geben kann, beigeben und unsere regulaire Cavallerie 
frisch erhalten. Hieraus erhellt zur Genüge, von welcher Bedeu- 
tung die Bestimmung der irregulairen Truppen, selbst derjenigen 
zweiten Ranges, im Kriege ist. Da kommt es darauf an Leute 
zu haben, die unermüdlich sind, die sich in Alles zu finden wissen, 
geborene Reiter auf solchen Rossen, die ebenso ausdauernd sind 
wie sie selbst. Solche Leute giebt es an den Grenzen Russlands 
soviel man nur ihrer bedarf; einige von ihnen sind bereits mili- 
tairisch organisirt, andere nicht, aber es ist weder schwierig noch 
kostspielig ihnen eine solche Organisation zu geben. 

Man kann es annähernd berechnen, wie viel solcher irre- 
gulairer Regimenter für den ganzen Umfang des europäischen 
Russlands (den Kaukasus mitgerechnet) bei dem höchsten Mass 



173 

der Ejriegsrüstangen erforderlich sind. Die eigentliche asiatische 
Grenze des Reichs, östlich vom kaspischen Meere, wollen wir 
nicht mit in. Rechnung ziehen. Im Anschlnss an die Yertheilang 
der Streitkräfte, wie sie hei der Aufzählung der Infanteriedivisio- 
nen von uns vorgeschlagen worden, würde die Anzahl und die 
Aufstellung der irregulairen Reiterregimenter etwa in folgender 
Weise angenommen werden können. 

Zu Partisanoperationen: 

Bei der grossen activen Armee 20 Regim. 

Bei der Südarmee (am Dnjester) 9 „ 

Bei dem activen Corps an der türkisch -asiatischen 

Grenze 7 „ 

Zusammen 36 Regim. 

Von 55 Regimentern hliehen somit noch 19 übrig zum 
Wacht-, Convoi- und inneren Dienst bei den activen Armeen und 
bei den an den Grenzen stationirten Truppen. 

Bei einer bedeutenden Anhäufung von Kräften in einer 
Armee, die aus mehreren hunderttausend Mann besteht, wird der 
Umkreis derselben durch das Zunehmen der numerischen Stärke 
relativ geringer, und es würde daher, besonders wenn die Fronte 
der Armee durch fliegende Detachements gedeckt ist, genügen für 
je ein Corps von drei Divisionen ein Regiment mit dem Vor- 
postendienst zu betrauen. Bei Armeen von geringerer Stärke 
würde freiüch mehr erforderlich sein. Hiemach wtLrden nö- 
thig sein 

zum Vorpostendienst: 

Bei der grossen activen Armee, die wir auf 40 Infan- 
teriedivisionen (mit Ausnahme der Elitetruppen) an- 
genommen haben, als Avantgarde 13 Regim. 

Zum Dienst im Rücken der Armee im besetzten Fein- 
desland 6 „ 

19 Regim. 

Bei der Südarmee, die wir mit 7 Divisionen ange- 
nommen haben ............ 4 Regim, 

Bei den die Küsten des schwarzen Meeres und des 
Kaukasus beschützenden Truppen, ausser den Ko- 
saken des 2. Aufgebots im Kubandistrict . . 2 „ 



174 

Ausserdem: 

Im baltischen Bassin 3 Begim. 

Im Bassin des schwarzen Meeres 3 „ 

lin Königreich Polen nnd in den westlichen Gouver- 
nements zum Anfang des Krieges, je drei Hnn- 
derte auf jedes Gouvernement und ein Regiment 
auf Warschau gerechnet 8 „ 

Zusammen 39 Regim.*) 

Im Ganzen würden also 75 **) active und zum Vorposten- 
dienst taugliche irregulaire Regimenter erforderlich sein (die 
asiatischen Grenzen des kaspischen Meeres nicht mitgerechnet). 

Die bei weitem grösste Anzahl der irregulairen Reiterei 
wurde bis jetzt von dem donischen Heere gestellt. Werden je- 
doch die donischen Kosaken in regulaire Cavallerie umgewandelt, 
so müssen sie durch Andere ersetzt werden. Der Kaukasus könnte 
56 irregulaire Reiterregimenter stellen, im Nothfall auch mehr. 
Nehmen wir an, dass von der orenburgschen Grenze 8 Regimenter 
in den Süden rücken könnten; zum Dienst in den Gebieten jenseits 
des Urals würden noch genug zurückbleiben. Das wären also 
schon 64 Regimenter und es käme nur noch darauf an 11 zu 
schaffen. Für diese sind aber in den inneren Nomadenstämmen 
des südöstlichen Rayons des europäischen Russlands die fertigen 
Elemente vorhanden. 

Da ich bereits längst die Gelegenheit gehabt habe mit diesen 
Komadenstämmen, den Kabnücken, den Bukejewkalmücken (aus 
dem Innern), den Nogaiem und den Truchmenen, bekannt zu 
werden, so habe ich mich immer aufrichtig darüber wundem 
müssen, weshalb man auch nicht den mindesten Yortheil für den 



*) In Friedenszeiten besorgen den inneren Cordondienst im Kau- 
kasus die Linienkosaken; beginnt der Krieg, so muss diese unvergleich- 
liche Reiterei natürlich in die active Armee treten. IJm sie beim Cordon 
zu ersetzen, wird man jedoch zu jeder Zeit eine genügende Anzahl einer 
aus Eingeborenen gebildeten Miliz stellen können. Diese Einrichtung 
existirt zwar schon gegenwärtig, verlangt jedoch, um ihrem Zweck zu 
entsprechen, eine umfassende Reorganisation. 

**) Im russischen Originaltext steht hier die Zahl 73, was jedoch 
nach der vorstehenden imd folgenden Berechnung wiederum nur als 
ein Druckfehler angesehen werden kann. 

Anm. d. Uebers. 






175 

Staat ans diesen Leuten zieht, welche beinahe gar keine Steuern 
zahlen, alle zusammen aber nicht weniger als ungefähr 25 Millio- 
nen Dessätinen Land — einen Bayon so gross wie Preussen, wie 
es nämlich vor 1866 war — inne haben. Die Baschkiren und 
Meschtscherägen in eine bürgerlich organisirte Bevölkemng zn 
verwandeln ist eine vollkommen richtige Massregel. Die Bedeu- 
tung der Militairpflicht, welche diese zahlreiche, die fruchtbarsten 
Landstriche bewohnende Bevölkerung zu prästiren hatte, entsprach 
nicht im mindesten dem durch eine solche Ordnung der Dinge ver- 
ursachten Nachtheil für die allgemeine Productivität des Staats. 
Ganz anders verhält es sich mit den Kalmücken, Nogaiem und 
den Uebrigen. Diese Stämme sind alle nicht sehr bedeutend, im 
Ganzen werden sie höchstens 60,000 Eibitken, d. h. Famüien, 
ausmachen. Sie leben alle in der Steppe, welche zum grössten 
Theil unfruchbar ist und nur Nomaden ihren Unterhalt zu liefern 
vermag. Ihr Dasein verbringen sie in der vollständigsten ünthä- 
tigkeit. Zwar giebt es unter ihnen viele gänzlich Verarmte, die 
sich an den Grenzen bewohnter Plätze verdingen, um sich ihren 
Unterhalt zu erwerben; alle Uebrigen aber leben als Nomaden 
von dem Ertrag ihrer Heerden und thun entschieden gar nichts; 
einige Hirten sind die einzigen beschäftigten Leute unter ihnen. Die 
Uebrigen tragen ihr Lebenlang zur Yergrösserung des Volkswohl- 
standes nicht für einen halben Kopeken bei. Ob sie sich in 
ihrer Heimath befinden oder am anderen Ende der Welt, das 
macht nicht den geringsten Unterschied aus weder in national- 
ökonomischer Hinsicht noch in Bücksicht auf sie selbst. Von 
solchen Nomaden leben anderthalb Millionen, wenn nicht noch 
mehr, unter russischer Herrschaft, und ich spreche gar nicht ein- 
mal von den weit Entfernten, von den noch wilden Kirgisen, son- 
dern blos von den innerhalb der Grenzen des europäischen Buss- 
lands lebenden Nomaden, welche bereits merklich russificirt und 
daher gewissermassen schon Unseresgleichen geworden sind. Aber 
irgend welchen Vortheil haben sie bis jetzt entschieden nicht ge- 
bracht. Die einzige Steuer, welche sie zahlen, reicht kaum hin 
für den Unterhalt ihrer Verwaltung. Alle diese Nomaden sind 
indess geborene Beiter, ausdauernd und wachsam, Leute mit 
scharfem Gesicht und Geistesgegenwart, wie alle Halbwilden, die 
unter freiem Himmel aufgewachsen sind, und zu gleicher Zeit 
kühD, sobald nur ein kühner Anführer an ihrer Spitze steht. Im 



176 

Kaukasus haben sich sehr viele Flüchtlinge der Nogaier in jeder 
Hinsicht ausgezeichnet. Von unseren Nomaden ausgeführte Tage- 
märsche würden einem Europäer als Fabeln erscheinen. Diese 
Leute werden als Kosaken geboren und sie brauchen eben nur 
Officiere als Anführer und für die erste Zeit Kosaken-Unterofficiere. 
Man kann sie sämmtlich an einem Tage zu Pferde steigen lassen, 
ohne dass dadurch irgend welche Störung in ihrem Hausstand ent- 
stehen würde, denn es existirt eben kein Hausstand bei ihnen. 
Um sie militairisch zu organisiren könnte man diese Stämme dem 
nächsten Kosakenheer zutheilen: die kaukasischen Nomaden den 
Linienkosaken, die Kalmüken den donischen, die Bukejewkirgisen 
dem uralschen Kosakenheer. In jedem dieser Heere würde sich 
eine genügende Anzahl Reserveofficiere und Unterof&ciere für 
die neuzuformirenden Hunderte finden, zumal diese Leute bei einer 
irregulairen Truppe nur zum Commandiren nöthig sind, nicht aber 
zum Lehren, weil denselben eben beinahe nichts weiter gelehrt zu 
werden braucht; die Zahl der Anführer kann daher auch auf das 
geringste Mass beschränkt werden. In ihren Gewohnheiten, in 
ihrer Art und Weise zu reiten und in ihrer Bewaffnung, soweit 
von derselben überhaupt die Bede sein kann, haben die verschie- 
denen Nomadenstämme überall sehr viel Verwandtes mit den 
ihnen benachbarten Kosaken, weil ja auch diese letzteren sich 
anfangs ebenso wie sie entwickelt haben. 8 Kalmücken-, 6 Kirgi- 
sen- und 6 Nogaier- und Truchmenenregimenter könnten gleich 
morgen am Tage ohne die geringste Schwierigkeit gestellt wer- 
den. Diese Regimenter würden als Truppen natürlich nicht zn 
vergleichen sein mit den Tschetschenzen oder den dagestanschen 
Regimentern, aber sie würden dennoch nicht schlechter sein als 
viele Kosakenregimenter, namentlich von der orenburgschen Grenze, 
die sich ihres Wacht- und Botendienstes in unseren Armeen pünkt- 
lich entledigen. 

Alles Neue verlangt seinen Stufengang. Obgleich die Berg- 
kaukasier sämmtlich für ihre Person fertige Krieger und die No- 
maden fertige Reiter sind, so müssten sie dennoch, damit die 
künftigen Regimenter wohlorganisirt seien, methodisch formirt wer- 
den, indem man mit der geringsten Truppeneinheit, mit dem 
Hundert, anfängt. Die neuen irregulairen Regimenter würden zum 
Ersatz für die donischen Kosaken nöthig sein; es würde daher 
genügen, wenn ihre Entwickelung in demselben Masse gezeitigt 



J 



177 

wird, in welchem die donischen Hunderte sich in regolaire Caval- 
lerie verwandehi; an der Stelle eines jeden donischen Hunderts, 
welches zur regalairen Cavallerie hinzugezogen wird, müsste ein 
neues irregulaires Hundert entstehen. Uebrigens könnte bei der 
Bildung irregulairer Eegimenter aus Nomadenstämmen und aus 
kaukasischen Bergvölkern nicht ein gleiches Verfahren eingeschla- 
gen werden. Die Einen kann man formiren, wie es eben praktisch 
erscheint, mit den Anderen dagegen muss man vorsichtig ver- 
fahren. 

Aus den Nomadenstämmen Regimenter zu bilden ist etwas 
sehr Einfaches. Hat man sie in annähernd gleiche Regiments- 
bezirke getheilt, so könnte man gleich im ersten Jahr je ein Hun- 
dert von jedem Regiment formiren und dasselbe zum Dienst im 
Inneren des Bezirks verwenden; im zweiten Jahr könnte man 
dann dieses Hundert verdoppeln und, wenn auf diese Weise eine 
Division gebildet worden, ihm den Dienst anweisen, wo es gerade 
nöthig ist. Die neu hinzukommenden Leute würden, sobald sie 
unter die alten, die dann schon ein Jahr gedient hätten, gekom- 
men sind, zu dem wenig complicirten irregulairen Dienst sofort 
tauglich sein. Sodann wären die Leute alle zwei Jahre hundert- 
weise zu ersetzen, damit die Neuhinzukommenden immer in die 
Reihen der Gedienten treten könnten. In neun Jahren würde der 
ganze Bestand des Regiments an die Reihe gekommen sein, und 
mehr bedarf es nicht; selbst auch bei den bereits organisirten 
irregulairen Truppen geschieht nichts weiter. Von den Nomaden 
könnte der üniformität wegen wohl verlangt werden, dass sie 
z. B. Mützen von gleicher Farbe, nach den Regimentern, haben, 
aber die Equipirung würde ihnen natürlich sehr viel Schwierig- 
keiten machen, wollte man ihnen statt ihrer gewöhnlichen Kleider 
eine absonderliche Uniform aufdringen. 

Die Eaukasier dagegen kann man nur ohne dass sie es 
merken und ohne ihrer Freiheit und ihren Vorstellungen Gewalt an- 
zuthun zum Dienst heranziehen. In der ersten Zeit muss ihnen der 
Dienst leicht gemacht werden und dürfen sie nicht von ihren 
Wohnstätten entfernt werden. Es genügt für den Anfang je ein 
Hundert von jedem Regiment zu formiren und dasselbe zur Er- 
füllung polizeilicher Aufgaben in dem Bezirk zu lassen; später 
kann erst das zweite Hundert hinzugefügt werden. Von 17 Regi- 
mentern würden dann 34 Hunderte vorhanden sein; so gross würde 

Fadejew, Rasslands Kriegsmacht. 12 



178 



auch jetzt bereits die Anzahl der unter der Gestalt verschiedener 
Miliztmppen auf Staatskosten unterhaltenen Bergvölker im Kau- 
kasus sein. Um das ganze Regiment aus einem Bezirk in Be- 
reitschaft zu haben, dazu würden diese zwei Hunderte genfigen. 
Die zu den übrigen vier Hunderten sich meldenden Freiwilligen 
würde man nur zu den ersten zwei anzuschreiben und sie dann 
der Reihe nach, immer ein Hundert nach dem anderen, znm 
Dienst einzuberufen haben. Für die Freijahre müssten freilich den 
Leuten irgend welche Vortheile zugesichert werden; die Verleihung 
solcher Yortheile könnte jedoch, meiner Meinung nach, nur sehr 
wenig Schwierigkeiten machen, ünterhaltsgelder, z. B, von 2 Rubel 
monatlich per Mann und ein Drittel des etatmässigen Gehalts für 
Officiere und XJnterofficiere, würden durchschnittlich 80 Rubel auf 
den Reiter und für 68 die Freyahre geniessenden Hunderte 
250,000 Rubel im Jahre ausmachen. Diese Summe repräsentirt 
aber gar keine neue Ausgabe, denn die Ausgabe für den Unter- 
halt der gegenwärtigen irregulairen Truppen wtlrde nur für den 
Unterhalt anderer zuassigniren und daher nicht als neuer Posten 
anzusehen sein. Zu diesen Unterhaltsgeldern müsste jedoch für 
die Reiter in ihren Freyahren noch irgend eine bemerkbare 
äussere Auszeichnung hinzukonmien. Im Kaukasus ist bereits fae- 
tisch davon die Rede gewesen, den Bergvölkern das Recht öffent- 
lich Feuergewehre zu tragen allmälig zu nehmen. Bei einigen 
Stämmen hat man damit schon den Anfang gemacht, und nach 
einiger Zeit wird das Verbot ohne Zweifel auf alle ausgedehnt 
werden. Man könnte daher den Freiwilligen das Recht verleihen 
auch während der Fre^ahre die volle Rüstung zu tragen. Bei 
so ehrgeizigen Leuten, wie die Bergvölker, würde diese Auszeich- 
nung ein starkes Zugmittel sein. Zusammen mit den Unterhalte 
geldern, selbst wenn diese so kärglich ausfallen würden, wie wir 
vorgeschlagen haben, würde dieses Mittel eine ganz genügende 
Anzahl Freiwilliger heranziehen. Wesentlich ist indess, dass diese 
Freiwilligen auch wahrhaft Freiwillige seien und auch nicht den 
Schatten irgend eines Zwanges über sich spüren. Wer da inH 
mag dienen, wer nicht wiU, mag gehen, an seine Stelle wird 
sich schon bald ein Anderer finden. Sonst würde es gleich unter 
ihnen heissen, dass man sie zu Kosaken machen wolle. 

Freiwillige zum Regiment anzuschreiben ist erst dann an der 
Zeit, wenn zwei Hunderte von jedem Regiment bereits formirt 






179 



worden. An den Dienst ausserhalb ihres Landes müssen die 
Bergvölker aber erst albnälig gewöhnt werden. In den Krieg zu 
ziehen würden sie schon jetzt bereit sein, nicht aber den Dienst 
im Innern oder an der Grenze zu übernehmen. Nur nach und 
nach wird man sie daran gewöhnen müssen« Erst wenn die 
Listen des ganzen Regiments zu Stande gebracht worden und das 
zweite Hundert, nachdem es ein Jahr zu Hause gedient, sich 
einigermassen an die Ordnung gewöhnt hat, wird man eines der 
beiden Hunderte über die Grenzen des angestammten Bezirks hin- 
aas führen können, jedoch nur nicht allzuweit, indem man es 
in die Cordonlinie posürt; in jedem Fall muss das ohne jeden 
Zwang geschehen, so dass diejenigen, die nicht mit wollen, zu 
Hause bleiben mögen, — an ihre Stelle werden sich schon Andere 
finden. Im folgenden Jahr würde man dann ein zweites Hundert, 
welches ebenfalls bereits ein Jahr zu Hause gedient haben muss, 
schon etwas entfernter placiren können; in verhältnissmässig kur- 
zer Zeit würde es auf diese Weise leicht sein die im Dienst be- 
findlichen Linien-Eosaken-Eegimenter, zum Theil wenigstens, für den 
inneren Dienst im Kaukasus durch die Bergvölker zu ersetzen; 
die Linienkosaken würden dann wieder an die Stelle der doni- 
schen in anderen Grenzstrichen treten. Mit der Zeit werden aber 
auch die Regimenter der Bergvölker gehen wohin man sie schickt 
Die Hauptsache bei der Formirung dieser Regimenter besteht in 
der richtigen Auswahl der Officiere. Familien- und persönliche 
Beziehungen spielen eine so grosse Rolle in dem Leben der Berg- 
völker, dass von dieser Auswahl der ganze Erfolg des Unter- 
nehmens abhängen kann; der einen Persönlichkeit würden Hun- 
derte folgen, eine andere würde keinen Einzigen nach sich ziehen. 
Die localen Befehlshaber der Militairrayons im Kaukasus würden 
es natürlich verstehen einer derartigen Massregel, wenn sie ein* 
mal angeordnet worden, eine richtige Direction zu geben. Dadurch, 
dass die Bergvölker allmälig an den Dienst gewöhnt werden sollen, 
ist jedoch keineswegs die Möglichkeit ausgeschlossen, dass nicht 
auch, wenn es nöthig sein sollte, Regimenter mit einem Mal for- 
mirt werden könnten. In den Krieg könnte man sie gleich aus- 
rücken lassen und von der allmäligen Stufenfolge ganz absehen. 
Selbst in diesem Augenblick könnte die Regierung einem äusseren 
Feind gegenüber auf viele Tausende verwegener kaukasischer 
Reiter rechnen. 

12* 



180 

Bei der Einrichtung irregolairer Beitertruppen mnss man ein 
nichtiges Moment, welches bei ans beständig vergessen worden 
ist, im Auge behalten. In Eriegszeiten wird es häufig nöthig die 
Anzahl der Eosakenregimenter an diesem oder an jenem Punkt zn 
verstärken, und dazu wird dann ein grösseres Contingent an Leu- 
ten, als durch den gewöhnlichen Etat bestimmt ist, zum Dienst 
einberufen, was eine sehr natürliche Massregel ist, da irregnlaire 
Truppen das allerpraktischste Ersatzmittel abgeben: sie sind zu 
jeder Zeit fertig, während andere Truppen erst neu zu formiren 
wären. Ausser der etatmässigen Stärke der activen Mannschaft 
bleibt noch immer eine im Vergleich zu dieser weit grössere An- 
zahl waffenfähiger Leute und solcher, die bereits gedient haben 
und erfahren sind, in jedem Bayon der Kosakenheere zurück. In 
diesem Fall sind jedoch nur die Leute für ihre Person, nicht 
aber auch schon fertige Eeiter zum Dienst bereit. Gewöhnlich 
halten die Kosaken nicht mehr Pferde, die in der Fronte zn 
brauchen sind, als durch den Etat vorgeschrieben ist. Als noch 
der Krieg der normale Zustand im Kaukasus war, bestanden die 
Begimenter der linienkosaken aus je sechs Hunderten und es 
waren auch wenigstens sechshundert Mann, wenn nicht gar noch 
etwas mehr, in der Fronte. Gegenwärtig bestehen diese Linien- 
regimenter, z. B. bei den Kosaken vom Terek, nur aus vier Hnn- 
derten und haben auch blos für diese vier Hunderte Beitpferde. 
Natürlich unterhält der Kosak, als Hausherr, nur gerade soviel 
für den Dienst, als verlangt wird, und steckt das Uebrige in seine 
Wirthschaft; überdies werden im südlichen Theil Busslands, wo 
die Kosakenansiedelungen gruppenweise anzutreffen sind, sämmt- 
liche landwirthschaftliche Arbeiten mit Stieren und nicht mit 
Pferden ausgeführt und der Kosak vertauscht daher jedes über- 
flüssige Pferd gegen die ersteren. Wenn also plötzlich eine 
grössere Anzahl Leute als gewöhnlich zum Dienst einberufen wird, 
so haben sie sich mit einem Mal Pferde anzuschaffen, die dann 
sofort im Preise steigen. Diese Schwierigkeit übt einen solchen 
Einfluss auf die Einberufung von Ergänzungstruppen, dass ihre 
Formirung häufig nur halb zu Stande kommt, bisweilen aber auch 
sich gar nicht realisiren lässt, obgleich Leute mehr als nöthig 
vorhanden sind und es auch ihrerseits nicht an gutem Willen 
mangelt. Man kann mit Sicherheit behaupten, dass es zur Zeit 
überaus schwierig sein würde ohne ausserordentliche Geldunte^ 



181 

Stützung im ganzen Linien-Eosaken-Heer vollständige Eegimi^nter 
von je sechs Hunderten aufzustellen; gerade ebenso verhält es 
sich bei den übrigen Kosakenheeren. Bei der Aufzählung der 
irregulairen Reiterei haben wir indess die Regimenter gerade in 
einem solchen Bestände angenommen; selbst die officielle Berech- 
nung stützt sich auf dieselbe Voraussetzung und es würde auch sonst 
nicht genug irregulaire Reiterei vorhanden sein. Nicht nur Re- 
gimenter von sechs Hunderten zu formiren, sondern sogar auch 
noch im Nothfall Reserveabtheilungen hinzuzufügen ist wegen der 
Anzahl und der Bereitschaft der Leute, sowie in Folge des Geistes 
des Instituts der irregulairen Truppen durchaus gar nicht schwie- 
rig, nur kann es nicht ganz ohne TJnkosen für die Staatskasse 
bleiben und darf nicht ausschliesslich auf Rechnung der Kosaken 
geschehen. Damit die Quantität und die Qualität der irregulairen 
Cavallerie den Erwartungen entspreche, müsste als Regel ange- 
nommen werden, jedem Reiter derselben, welcher nach dem Frie- 
densetat nicht zu Pferde ist, bei der Einberufung zum Dienst 
einen Zuschuss zur Anschaffung eines Pferdes, im Betrage von etwa 
50 Rubel, was ungefähr der Preis eines ordentlichen kaukasischen 
oder Steppenpferdes ist, auszuzahlen. Ebenso müsste auch ver- 
fahren werden bei den Kosakenregimentern mit denjenigen Hun- 
derten, welche die durch den Etat bestinunte Anzahl übersteigen, 
bei den Regimentern aus den Bergvölkern mit denjenigen Hun- 
derten, welche ausser der Reihe zum Dienst einberufen werden 
u. s. w. Ohne eine solche Ausgabe würde eine leichte Reiterei 
in der erforderlichen Gestalt nicht auf die Beine zu bringen sein. 
Es handelt sich jedoch hierbei nur um eine Ausgabe für Kriegs- 
und nicht ftlr Friedenszeiten. Einen Krieg ökonomisch zu füh- 
ren ist unmöglich; geführt wird ein Krieg, um die Zukunft sicher 
zu stellen, und daher auch auf Rechnung der Zukunft. 



Jicßctttcö gapiM. 



Die Militairhierarchie. 

Heut zu Tage bildet sich das Officiercorps der russischen 
Armee nicht mehr von selbst, sondern es muss durch künstliche 
Massregeln geschaffen werden. In früheren Zeiten hatte der Kusse 
aus den höheren Ständen nur zwischen zwei Dingen zu wählen: 
zu dienen oder gar nichts zu thun. Es war daher ganz natür- 
lich, dass der Adel Mann für Mann in den Dienst trat und über 
seine früheren Leibeigenen in der Uniform ebenso herrschte, wie 
er über dieselben, als sie noch den Bauemrock trugen, geherrscht 
hatte. Hierin kam der gesammte sociale Organismus zum Aus- 
druck. Das Officiercorps bildete einen Stand, es war ein militai- 
rischer Adel ebenso, wie es einen militairischen Bauernstand gab. 
Gegenwärtig existirt dieser Unterschied nur künstlich, als eine 
noch nicht gänzlich entschwundene Form, aber nicht mehr als 
Wesen der Sache. Von unseren jungen Kräften werden die besten 
in anderer Richtung abgezogen; der eigentliche russische Adel 
hat aufgehört nicht blos ausschliesslich, sondern selbst vorzugs- 
weise in den Militairdienst zu treten. Damit zugleich ist auch 
die Möglichkeit geschwunden ein Officiercorps beinahe ausschliess- 
lich aus Adeligen, wie es früher war, zu bilden, d. h. das Officier- 
corps hat sein Ende erreicht als Stand, als sociale Schichte, 
welche, gleichgeartet in ihrem ganzen Bestände vom Fähndrich 
bis zum Feldmarschall, auf einer anderen socialen Schichte ruhte. 
Es giebt eben keine geborenen russischen Officiere mehr; 
die Armee hat die Aufgabe sie aus sich zu produciren. 

Solange indess die Wirkung des Privilegiums fortdauert, wird 
dasselbe andererseits von solchen Elementen ausgebeutet, von 
denen es durchaus nicht wünschenswerth erscheint, dass sie die 



183 

Majorität unseres Officiercorps bilden. Die „Moskaosche Zei- 
tung" hat berechnet, dass der eigentliche rassische Adel nicht 
mehr als ein Viertel des gesanunten Adels des russischen Reichs 
ausmacht, während die übrigen drei Viertel aus Personen fremder 
Zunge bestehen, die zum grössten Theil nencreirt und politisch 
bei weitem nicht vollständig zuverlässig sind.'*') Das heisst mit 
kurzen Worten, dass der russische Staat durch seine unrussischen 
höheren Stände vergiftet ist; die Spuren der Vergiftung haben 
sich deutlich gezeigt in den in der russischen Gesellschaft und in 
unsesem Volk sonst unbegreiflichen Zuckungen, vom Nihilismus 
bis zu den Brandstiftungen und anonymen Drohbriefen. Diese 
parasitischen höheren Stände stellen sich jedoch allmalig, unter 
dem Schutze des Privilegiums, an die Spitze der Armee; und 
zwar unter dem Schutz des Privilegiums gerade, well neun Zehntel 
von diesen Leuten ihrer persönlichen Entwickelung nach eine 
solche Stellung niemals erreicht hätten. Ausserdem muss man zu 
einem solchen Adel noch viele andere Elemente hinzurechnen; wer 
weiss es nicht, dass die früheren Gesetze jedem Nichtrussen in 
Russland immer noch irgend welche Rechte, ausser^. dem allge- 
meinen Recht, gewährten? Ein jeder Ausländer oder halbe Aus- 
länder, welcher von der Rekrutenpflicht eximirt ist, tritt nur als 
Freiwilliger in den Militairdienst und wird eben dadurch von vorn- 
herein dem Offleiersrang weit näher gestellt als der geborene 
Russe. Werden wir es denn wirklich ruhig abwarten, dass diese 
zusammengelaufenen Elemente, bei der geringen Lust des eigent- 
lichen russischen Adels zum Kriegsdienst, ganz entschieden an die 
Spitze unserer Arme treten? Unter solchen Umständen wird es 
auch schwierig Officiere von Rechts wegen (wie es aufgehört 
hat geborene russische Officiere zu geben) zu haben. Hierin liegt 
der zweite Grund, weshalb die Armee die Mehrzahl der Officiere 
aus sich selbst herausgeben und sie nicht von aussen her in sich 
aufnehmen muss. Aus beiden Gründen ist die Vernichtung des 
ständischen Privilegiums im Militair heut zu Tage zur dringend- 
sten Nothwendigkeit geworden. Die für jeden Stand verschiedenen 



*) Es bedarf weiter keiner Erwähnung, dass wir darunter weder 
den baltischen noch den grusinischen Adel gemeint haben und überhaupt 
zwischen diesem und den Bussen von reinem Blut in militairischer Hin- 
sicht keinen Unterschied machen. 



184 

Bestiininangen über die Beförderung zum Offieiersrang müssen 
aus dem Gesetz gestrichen und es mnss ein gemeinsamer Termin 
für Alle, welche den Anforderungen des Examens genügen, fixirt 
werden. 

Die Zöglinge der Militairschulen reichen höchstens für ein 
Viertel einer solchen Armee, wie die unsrige ist, hin; der ge- 
bildete Adel tritt nicht mehr in genügender Anzahl in die Armee. 
Beim Uebergang auf den Eriegsfnss wird sich bei uns wiederum 
der äusserste Mangel an tauglichen Officieren ergeben, ein Man- 
gel, welcher im Stande wäre die besten militairischen Institutionen 
zu paralysiren, wenn demselben nicht durch radicale Abänderungen 
in der Militairgesetzgebung vorgebeugt wird. Denn man darf da- 
bei ja nicht vergessen, dass mit dem ersten Krieg, der bei uns 
entbrennt, die Frage, welchen Platz Bussland in der Welt einzu- 
nehmen hat, und unsere ganze Zukunft für lange Zeit unzweifel- 
haft entschieden werden wird ; das Geschick solcher Fragen kann 
man nicht veralteten Eenüniscenzen zum Opfer bringen. 

Und es giebt auch ausserdem noch Gründe, welche es ver- 
langen, dass in unserer Armee dem Verdienst die Thore geöffnet 
werden. Unser Soldat ist jetzt ein freier Mann geworden. Der 
frühere Leibeigene dachte nur daran, seine Zeit möglichst rasch 
zu absolviren. Der Oesterreicher oder der Preusse dient heut 
zu Tage nur so kurze Zeit in der Fronte, dass seine Wünsche 
in der bürgerlichen Sphäre bleiben und sich nicht in den Militair- 
dienst übertragen, denn der militairische Ehrgeiz ist in ihm 
nicht geweckt. Unser Soldat dagegen, besonders der UnterofGicier, 
dient immer noch lange genug, um zum echten Krieger zu wer- 
den, was eine nothwendige Bedingung für die Tüchtigkeit der 
Armee ist. In solchem FaU aber würde er, in dem Bewusstsein 
ein freier Mann zu sein, dem in seiner Heimath unter den Seini- 
gen vielleicht eine bedeutende Stellung bevorstehen könnte, wenn 
er gleichzeitig für lange Zeit in den Militairdienst tritt, ohne 
irgend welche Aussicht für die Zukunft zu haben, entweder alle 
Energie verlieren oder sich innerlich empören; wollen wir eine 
tüchtige Armee haben, so muss diesem Gefühl Befriedigung ge- 
schafft werden. Dieses Mittel, die Officiere aus der Armee her- 
auszubilden, ist zum Theil schon realisirt; es bleibt nur noch 
übrig dasselbe auch nach der anderen Seite hin durchzuführen. 
Gleichzeitig hiermit muss aber auch der Begriff des Officiercorps 



185 

als eines einheitlichen Ganzen fallen; sobald erst die Epanletten 
ihre ständische Bedeutung vollständig eingebtisst haben, wird auch 
nicht mehr wie früher jeder Fähndrich ein Candidat zum Feld- 
marschall sein, sondern blos ein zum nächstfolgenden Rang be- 
förderter Unterofficier. Bis jetzt ist es freilich bei uns noch 
nicht so, mit dem Lauf der Zeiten aber, den Niemand aufzuhalten 
vermag, wird es dereinst so werden. Dabei wird es dann 
auch unmöglich und zugleich unnöthig sein von den Officieren 
(wenn man unter diesem Namen alle Militairs versteht, welche 
Epauletten tragen) etwas allen Gemeinsames zu verlangen. Wie 
man gegenwärtig von dem Soldaten das Eine verlangt und vom 
Unterofficier das Andere, so wird vom Subalternofficier etwas 
Drittes zu verlangen sein, vom Compagniechef ein Viertes, von 
den Stabofficieren ein Fünftes u. s. w. Jede Rangstufe wird eine 
besondere Gruppe bilden, von welcher nicht die Kenntnisse eines 
Officiers im Allgemeinen verlangt werden, sondern nur speciell 
das, was gerade für sie nöthig ist. Zugleich wird dann freilich 
auch die Frage wegen der Officiersexamina ganz anders als jetz^ 
behandelt werden müssen. 

Die Mehrzahl der Ansichten, welche in unserer Presse über 
die Organisirung des Officiercorps in der letzten Zeit laut gewor- 
den sind, hat hauptsächlich Eins verlangt, nämlich Bildung, ohne 
genauer zu bestimmen, was für Bildung hier erforderlich sei. 
In dieser Bestimmung liegt aber gerade der Schwerpunkt des 
Ganzen. 

So wünschenswerth es auch ist, dass ein Jeder so viel als 
möglich wisse, so kann doch die allgemeine Bildung nicht ein 
Gegenstand der Fürsorge und der Anforderungen Seitens der 
Militairobrigkeit sein, welche vielmehr verpflichtet ist nur den- 
jenigen Officier für einen gebildeten zu halten, welcher in seinem 
Fach gebildet ist, ohne sich darum zu kümmern, wie es mit sei- 
nen encyklopädischen Kenntnissen bestellt ist. Das allgemeine 
Niveau der Bildung muss eine Sorge der Gesellschaft im Grossen 
und Ganzen ausmachen, die einzelnen Verwaltungen aber haben da- 
mit nichts zu schaffen. Diese unwandelbare Wahrheit war bei uns 
lange in Vergessenheit gerathen, was sich auch noch gegenwärtig 
in den Officierexamen ausspricht; ohne besondere Veranlassung 
von den Leuten ein höheres Niveau der Bildung, als wie es fac- 
tisch existirt, zu verlangen führt lediglich zur Täuschung, die 



186 

Täuschung aber wieder dazu, dass auch auf das wirklich Noth* 
wendige nicht in genügendem Mass Gewicht gelegt wird. «So 
gering auch die Anzahl der tüchtig Gebildeten in unserer Armee 
ist, so ist sie doch noch immer weit bedeutender als die der ge- 
bildeten Officiere; für die Qualität der Truppen müsste dieses Yer* 
hältniss aber umgekehrt sein. 

Ausser den Specialkenntnissen, welche für das Fach erforder- 
lich sind, dem sich Einer widmet (und selbst in dieser Hinsicht 
sollte sich das Programm nur auf das Nothwendige beschränken), 
kann man officiell von demselben nichts weiter verlangen; dafür 
aber muss dieses Nothwendige mit aller Strenge und ohne jede 
Nachsicht verlangt werden: wer nicht das weiss, was für sein 
Fach erforderlich ist, der taugt überhaupt zu nichts. Von dem 
Nützlichen kann erst dann die Rede sein, wenn kein Zweifel daran 
übrig geblieben, dass es mit dem Nothwendigen vollständig be- 
friedigend bestellt ist. Die Summe der Kenntnisse, welche ein 
Officier, abgesehen von den Specialwaffen, braucht um seinen Ob- 
liegenheiten ausgezeichnet nachzukommen, ist äusserst begrenzt. 
Zu gleicher Zeit ist aber auch das Militairfach speciell ein solches 
Gebiet, in welchem der Charakter des Menschen, seine instinktiven 
Fähigkeiten, sein Scharfblick, die rasche Entschlossenheit, die 
Fähigkeit das Vertrauen der Truppe zu erwerben, die erste Rolle 
spielen und den Einzelnen sehr hoch in seinem Beruf stellen 
können. Solche Leute wegen Algebra und französischer Geschichte 
zurückzustossen wäre wahrhaft chinesische Pedanterie. Im Kau- 
kasus hat es die Erfahrung gelehrt, dass Junker aus dem armen 
und spärlich gebildeten Adel, welche lange das schwerste Loos zu 
tragen hatten, sehr häufig die ausgezeichnetsten Compagniecom- 
mandeure wurden; mit den Soldaten hatten sie sich eingelebt, 
kannten sie und konnten sie daher auch ganz vernünftig com- 
mandiren, wenn auch ohne besonderes Raffinement. 

Dadurch dass die Erlangung einer Fachbildung in Mihtair- 
schulen zugänglich gemacht und zugleich die gleiche Berechtigung 
auf Alle ausgedehnt wird, würde eine Menge Candidaten, die der 
Epauletten werth sind, hervorgerufen werden. Das Mass, in 
welchem diese Leute vorbereitet wären, würde natürlich bei weitem 
nicht bei Allen dasselbe sein; es würden sich gewiss auch Solche 
finden, die es weit bringen, der grösste Theil aber würde blos zu 
bescheidenen Oberofficiers-Stellen taugen, dabei aber freilich alle 



♦ ■ 



187 

Eigenschaften, die zu einem solchen Bang erforderlich sind, bieten. 
Natürlich können nicht Alle mit gleichem Mass gemessen werden. 
Man könnte zwei Grade des Examens festsetzen: ein höheres 
Examen und eins blos für den Oberofficiersrang, und zu gleicher 
Zeit alle höheren Militairs in drei Gruppen theilen: in Ober- 
officiere, Stabofficiere und Generäle, indem man zwischen den- 
selben jedes Avancement nach Anciennetät aufhebt und lediglich 
die dessen Würdigen befördert. Man könnte vielleicht auch jetzt 
schon hoffen, auch ohne künstliche Massregeln genug gebildete 
Leute für solche Stellen, zu denen Gebildete unumgänglich er- 
forderlich sind, bei uns zu finden; die Masse der kleinen Officiere, 
die es gegenwärtig so schwer hält aufzutreiben, würde, mit Aus- 
nahme des Zuflusses ans den höheren Ständen, durch die Armee 
selbst ausgebildet werden. Die Tüchtigkeit des einfachen Officiers 
würde dann nicht nach seinen bürgerlichen Kenntnissen, 
die ein überaus unzuverlässiges Criterium abgeben, bemessen wer- 
den, sondern nach seinen militairischen Kenntnissen und 
Eigenschaften, was ftlr die Entwickelung des Heeres weit 
besser sein wird. 

Die Lebensformen der höheren Schichte in der Armee, des 
Officiercorps, haben, selbst in unserem Jahrhundert der allgemei- 
nen Gleichheit, als Basis die adeligen üeberlieferungen. Die ein- 
gewurzelten Anschauungen und Gebräuche des Kriegshandwerks 
sind dem Drang der Zeiten nicht gewichen und conserviren sich 
fast vollständig in der Gestalt, die sie zu jener Zeit, als das 
Heer gleichbedeutend war mit dem Adel, gewonnen haben. Und 
es ist auch sehr begreiflich warum. Die vorzugsweise Entwicke- 
lung der kriegerischen Eigenschaften im Menschen führt endlich 
zu einem besonderen exclusiven Typus; das Heer ist nur dann 
tüchtig, wenn dieser Typus in demselben eine starke Verbreitung 
gewonnen hat. Der alte Adel aber, welcher als Kriegerkaste der 
früheren Zeiten in der ganzen Welt aus geborenen und erblichen 
Kriegern bestand, verwirklichte in sich dieses müitairische Ideal 
von den altindischen Kschatryas an bis auf das heutige preussische 
Junkerthum. Wo überhaupt nur ein Adel existirt, da bildet er 
auch inmier das hauptsächlichste militairische Element des Lan- 
des. Hinsichtlich der Militairpflicht, wie auch in jeder anderen 
Hinsicht, kann unser Adel nicht mehr der Adel des 18. Jahr- 
hunderts bleiben, woran er so sehr gewöhnt ist; ohne dass er es 



188 

selbst merkt, wird er von Jahr zu Jahr immer mehr an seiner 
socialen Stellang einbüssen; er kann aber ein Adel des 19. Jahr- 
hunderts werden, eine noch bedeutendere Stellung als frtlher ein- 
nehmen, wenn er seine Privilegien durch eine tiefere Erkenntniss 
seiner Pflichten und durch seine angeborenen sittlichen Vorzüge 
ersetzt. Entzieht er sich in seiner Mehrzahl dem Kriegsdienst 
als Handwerk, so muss der Adel, um seine sociale Stellung zu 
retten, denselben als eine Pflicht auf sich nehmen. Es ist frei- 
lich wünschenswerth, dass es vorher mit der Reorganisation un- 
serer Armee etwas rascher vorwärts ginge, dass die Termine der 
activen Dienstzeit abgekürzt, dass der Bekrutenloskauf ordentlich 
geregelt würde. Bei der alten Ordnung, da der Soldat noch ein 
Leibeigener des Staats war, wurden die höheren Stände natürlich 
nicht zum Dienst einberufen; damals diente aber der ganze russi- 
sche Adel Mann für Mann als Officiere in der Armee. Jetzt ist 
der Soldat ein freier Mensch, ein Staatsbürger geworden; heut 
zu Tage heisst Soldat sein ebenso viel als ein Krieger seines 
Vaterlandes sein. Welcher Adel, dem auch nur ein Schatten von 
politischem Bewusstsein geblieben, würde es sich erlauben anderen 
Ständen den Dienst zu überlassen, dem er seine Entstehung und 
Existenz verdankt? Nach den radicalen Veränderungen, welche 
der Geist unserer Militairinstitutionen in der letzten Zeit erfahren 
hat, müsste der Adel die Regierung um die Beseitigung des jeden- 
falls etwas anrüchig gewordenen Privilegiums, zu der Zahl der Ver- 
theidiger des Vaterlandes nicht zu gehören, bitten. Für Solche, 
die sich irgend einer anderen ausschliesslichen Beschäftigung 
ernstlich widmen wollen, würde noch immer der Weg des Los- 
kaufs vermittelst einer Rekrutenquittung übrig bleiben; die Uebri- 
gen müssten dem Volk zeigen, wie die vornehmste öffentliche 
Pflicht zu erfüllen ist. Es wäre wünschenswerth, dass der russi- 
sche Adel nicht nur das Privilegium aufgebe, welches er gegen- 
wärtig mit den deutschen Colonisten theilt, nämlich nicht obliga- 
torisch sein Blut für Russland zu vergiessen, sondern dass er 
auch so wenig als möglich sich des allgemeinen Rechts des Los- 
kaufs bediene. Hat erst eine Verkürzung der Dienstzeit stattge- 
funden, so kann es in das Leben keines Menschen störend ein- 
greifen, wenn er einige Zeit unter der angestammten Fahne ab- 
dient. Für die Zukunft unserer Armee ist es unerlässlich , dass 
der russische Adel den Kriegsdienst wenigstens als eine auf dem 



189 

gesammten Volk ruhende Verpflichtung ansehe und sich demsel- 
ben aus diesem Grunde nicht entziehe. Eine Verringerung des 
gebildeten, in fester Tradition aufgewachsenen Elements würde 
bei den russischen Truppen lebhaft empfunden werden; die Schwie- 
rigkeit tüchtige Officiere zu beschaffen würde sich gegen früher 
verdoppeln. Sagt sich der Adel von dem ihm nicht mehr an- 
stehenden Privilegium los, so würde die russische Armee dadurch 
mit einem Mal auf ihre Füsse gestellt werden. Die jungen Edel- 
leute würden den besten Leiter für die Vorstellungen von Pflicht 
und Recht in der Masse der Soldaten abgeben; die sittliche Um- 
gestaltung der Truppen, welche die Regierung mit den äussersten 
Anstrengungen anstrebt und dabei doch nur mit Mühe durch die 
Hefe abgelebter Anschauungen dringt, würde sich dann in einem 
Tage vollziehen. Wer würde es da noch wagen die Unantast- 
barkeit der Soldaten zu verletzen, wenn sich erst die Nachkommen 
Euriks unter ihnen befinden? Wem der Militairdienst nicht passt, 
der mag ihn nach beendigter Dienstzeit aufgeben, wer ihn lieb 
gewinnt, der wird bleiben. Solcher wird es aber eine Menge 
geben, die gegenwärtig noch, nicht nach der Väter Beispiel, dem 
Kriegshandwerk fern bleiben. Junge Leute mit einiger Bildung 
werden nicht lange im grossen Haufen sitzen bleiben; sie werden 
das Examen ablegen und bald Officiere werden. Aber selbst bis 
dahin wird ihre Stellung, bei den gegenwärtigen Rechten des Sol- 
daten, sich durch nichts von der Stellung der Junker unterschei- 
den. Die sittliche Einigung der höheren Stände mit dem Volk, 
die vor anderthalb Jahrhunderten zerrissen worden, wird sich am 
raschesten in den Reihen der russischen Armee wieder herstellen; 
beide Theile werden sich gegenseitig wieder verstehen. Hat der 
Adel sich einmal wieder daran gewöhnt durch die Reihen der 
Armee hindurch zu gehen, so wird er auch im Allgemeinen dem 
Militairfach nicht mehr fremd gegenüberstehen und daher die 
Officiersstellen in der für uns unerlässlichen Volksmiliz ordentlich 
zu bekleiden im Stande sein, woraus sich zweierlei wichtige Folgen 
ergeben werden; erstens wird es dadurch leicht sein die Volks- 
miliz ordentlich zu organisiren, und zweitens wird der Adel auch 
in dieser Hinsicht an der Spitze des Volks stehen, wird zu Hause 
bei sich, in seinem Kreise und unter seinen Nachbaren, nicht auf 
Grund eines Privilegiums, sondern auf Grund höherer Fähigkeiten, 
eine leitende Stellung einnehmen. 



190 

Gleichzeitig hiermit würde der Militairdienst nach dem Loose 
auch für sämmtliche Staatsbürger obligatorisch werden. Sobald 
erst der Adel diese seine historische Pflicht anf sich genommen, 
wird dieselbe sich thatsächlich auch auf Millionen erstrecken, die 
als russische Staatsbürger leben ohne die vornehmste aller öffent- 
lichen Lasten zu tragen. 

Die Bildung eines Officiercorps, welches durch die Armee 
selbst geschaffen und nicht von aussen in dieselbe durch die 
höheren socialen Stände hineingebracht wird, erheischt vielfach 
besondere Massregeln und vermehrte Sorgfalt, welche man, so- 
lange der Adel kriegerisch war, sehr wohl entmissen konnte. Da 
es aber in keines Menschen Macht steht das Gewesene wieder 
ins Leben zu rufen, so muss man für das Neue sorgen. In die- 
ser Hinsicht verlangen unsere Militaireinrichtungen, welche aus 
anderen Anschauungen hervorgegangen sind, vielfache Umge- 
staltungen. 

Die Zahl derjenigen Officiere, welche unter allerlei Benen- 
nungen ausserhalb der Fronte dienen, macht bei uns, in Folge 
der alten Ordnung, ein sehr bedeutendes Procent aus, das in an- 
deren Armeen gar nicht vorkommt. In dieser Hinsicht sind die 
Kegellosigkeit und die Willkühr noch so bedeutend, dass ein jeder 
Chef direct oder indirect improvisirte Posten ausserhalb der 
Fronte den von ihm Begünstigten zu schaffen vermag. Dank 
dieser Kegellosigkeit, sowie der grossen Anzahl der durchaus 
nicht militainschen Bessorts, die indess von Beamten in der Mi- 
litairuniform wimmeln, und dank dem Mangel einer scharfen 
Unterscheidung zwischen activen und nicht activen Officieren ist 
ein solcher Geist in dieselben gefahren, dass jeder Officier, der 
nicht wohlhabend ist, den Dienst in der Fronte für den schlech- 
testen hält und daher sich nach irgend einem Yerwaltungsposten 
umsieht und, wenn er auch nur die geringsten Connexionen hat 
oder durch ZufaU, denselben auch erhält, dabei aber fortfährt die 
Epauletten zu tragen obgleich er factisch damit aufgehört hat 
Militair zu sein. Wie gross auch das Uebel sein mag, das sich 
aus einer solchen überflüssigen Belastung der Staatskasse ergiebt, 
so handelt es sich doch hier um ein noch viel bedeutenderes 
Uebel, welches darin besteht, dass der Kriegsdienst selbst, mit 
seinen Mühen und seinem Kuhm, aufhört das Ziel der Militairs 
zu sein; grössere Euhe, sowie ein besseres Gehalt und alle mit 



j 



191 

solchen Stellen ausserhalb der Fronte häufig verbundenen Vor- 
theile gemessen sie dann erst, wenn sie die Reihen verlassen, so 
dass ein jeder Officier, der nur irgend gewandt ist, darauf lauert 
den activen Dienst zu verlassen, in welchem in Folge dessen nur 
Solche zurückbleiben, denen diese Schlauheit nicht gegeben ist. 
Bevor einer solchen Ordnung der Dinge nicht eine Ende gemacht 
worden, werden unsere Officiere auch keine wahrhaft militairi- 
schen Führer, keine Vorbilder für die Soldaten abgeben. Das 
sittliche Verhältniss, welches zwischen unserem Officiercorps im 
Grossen und Ganzen und den Untermilitairs besteht, ist bei Wei- 
tem nicht ein normales; es unterliegt keinem Zweifel, dass unsere 
Armee sich hauptsächlich durch die Tüchtigkeit der Soldaten 
hält, welche relativ unvergleichlich vorzüglicher sind als die Offi- 
ciere. Mit Ausnahme der Garde, einiger kaukasischer und viel- 
leicht auch einiger Cavallerieregimenter, repräsentirt unser Officier- 
corps durchaus nicht einen Kriegerstand, der von militairischem 
Geist durchdrungen ist und eine ausgeprägte Physiognomie hat, 
wie sie im Auslande die Officiere so scharf von den übrigen 
Staatsbürgern unterscheidet. Und es könnte auch gar nicht 
anders bei uns sein, weil dieses Corps durchaus nicht einen 
exclusiven Charakter hat und in sich abgeschlossen ist. Freilich 
hatte es auch früher keinen exclusiven Charakter, aber es bestand 
damals Mann für Mann aus Adeligen, die ausschliesslich im Heere 
dienten und in dasselbe einen mehr stolzen, kühnen und selb- 
ständigen Geist brachten. Aber selbst auch in Zukunft, wenn 
unser Officiercorps aus der Armee selbst hervorgehen wird, würde 
diese Bedingung unerlässlich bleiben. Die Tapferkeit des Russen 
aus einem jeden Stande steht ausser Frage, aber es würde doch 
Niemanden Wunder nehmen, wenn die Beamten irgend einer Gou- 
vemementsregierung in einem gegebenen Fall sich nicht als 
Helden erweisen. Gegenwärtig giebt es zwischen unseren Officie- 
ren und den Beamten der Gouvernementsregierungen keinen 
ständisch-charakteristischen Unterschied mehr; solange die erste- 
ren nicht zu einer geschlossenen Corporation, die in einem be- 
sonderen Geist erzogen wird, vereinigt worden, liegt auch gar 
kein Grund vor, dass der Unterschied zwischen ihnen und ihren 
Brüdern, die statt des Schwertes die Feder ergriffen haben, be- 
sonders scharf zum Ausdruck kommen sollte. Welchen gemein- 
samen Geist könnte es aber geben und was für eine Corporation 



1 



192 

könnte sich unter Leuten bilden, wo in der gleichen Uniform 
ebenso wohl der active Officier steckt, wie der Aufseher eines 
Proviantmagazins, der das von Mäusen angefressene Getreide aos- 
rangirt, wie der Lazarethökonom, der Quartalaufseher, der Be- 
zirksassessor, — ja wer zählt alle die Metamorphosen auf, unter 
denen die Militairuniform in unserem Yaterland erscheint? Welche 
positive Farbe kann dieses Chamäleon, welches das Corps unserer 
Officiere heisst, überhaupt annehmen? Und welcher Geist kann 
sich in einer Corporation bilden, deren befähigtste Glieder, sobald 
sie nicht gerade wohlhabende Leute sind, von ganzer Seele vom 
Lorbeerkranz zum Mäusefrass streben und nur daran denken, wie 
sie, ohne ihre Uniform auszuziehen, aus der Fronte heraus in 
irgend ein warmes Oekonomiestellchen schlüpfen könnten! Vor 
Allem ist eine absolute Trennung zwischen dem eigentlichen Kriegs- 
dienst und den militairökonomischen Ressorts sammt allen nicht 
direct müitairischen Aemtern jeder erdenklichen Bezeichnung bei 
uns nothwendig, damit ein Officier, solange er die . Epauletten, 
welche er trägt, behält, nichts anderes ausser dem Frontedienst und 
höchstens noch einige wenige wirklich militairische Aemter im 
Stabe, welche miHtairische Specialkenntnisse verlangen, im Auge 
haben könnte. Ausser diesen Berufsämtem dürfte die Militair- 
uniform gar nicht vorkommen, denn dann erst würde sie ihren 
Werth erhalten, dann erst würde sich unter ihr eine einheitliche, 
von charakteristischen Gefühlen getragene Corporation entwickeln. 
Es liegt darin ein bedeutender Unterschied, ob man als Officier 
eine leicht zu erlangende Beschäftigung ausserhalb der Fronte 
sucht, oder seinen Abschied nimmt, um sich nach einer Stelle in 
einem ganz anderen Ressort umzusehen. 

Das einzige Mittel mit dieser Sprachenverwirrung ein ftr 
alle Mal zu brechen besteht darin, dass sämmtliche wirklich noth- 
wendige müitairischen Aemter ausserhalb der Fronte nach dem 
Eriegsetat einmal genau berechnet und darnach die Anzahl der 
für sie erforderlichen Generäle, Stab- und Oberofficiere bis auf 
den letzten Mann, für jeden Rang besonders, bestimmt, die Masse 
von Individuen aber, welche, ausser den terminlosen Urlaubern, 
ohne bestimmtes Amt zur Armee gehören, aufgelöst und sodann 
das Gesetz aufs strengste befolgt werde, keinem Einzigen, ausser 
in den bestimmten Aemtern, das Tragen der Militairunifonn zu 
gestatten und ebenso wenig über den Etat hinaus Jemand zam 



193 

folgenden Rang zu befördern. Wenn erst in unserer Armee, wie 
gegenwärtig in der französischen, die Anzahl von Individuen für 
jeden einzelnen Bang durch das Gesetz bestimmt sein würde, so 
würde es auch unmöglich sein einen Bang zu erhalten, ohne zu 
gleicher Zeit auch einen in den Listen verzeichneten (und also 
auch in der Armee nothwendigen) Posten zu erhalten. Kur dann 
wird sich ein Officiercorps bei uns bilden können; zu gleicher 
Zeit werden sich dann auch die Ausgaben für den Unterhalt der 
Masse unnützer Leute, bei der knappen Besoldung der nöthigen, 
vermindern. 

Hier handelt es sich um Dinge ersten Banges. Kann Buss- 
land ohne stehendes Heer auskommen? Wenn nicht, so darf 
nicht übersehen werden, dass ein stehendes Heer ein vollkommen 
exclusives Institut ist, welches zu allen übrigen Erscheinungen der 
civilisirten Gesellschaft in directem Widerspruch sich befindet 
und unter demselben Gesetz der eisernen Nothwendigkeit steht, 
wie es seit den Zeiten der macedonischen Phalanx und der 
römischen Legionen gewesen. Der Soldat, in welchem Bang er 
auch stehen mag, ist nicht ein Bürger, der für sein Vaterland 
eintritt — das ist ein ganz anderer Typus — sondern ein 
Mensch, der aus dem Kriege ein Gewerbe und ein Existenzmittel 
macht, was mit der menschlichen Natur nicUt übereinstimmt und 
daher nur auf künstliche Weise unterstützt werden kann. Die 
Ideen und Gefühle, von denen sich die stehende Armee nährt, 
enthalten auch nicht ein einziges Kömchen Wahrheit, — sondern 
sie sind die reine Fiction und erfordern daher eine exclusive, 
speciell diesem Zwecke entsprechende Erziehung des Menschen. 
Auf ewig seiner Freiheit entsagen, wie im/ Kloster; sich aus 
bMndem Gehorsam ein Ideal der Ehre zusammensetzen; in den 
unvermeidlichen Tod gehen auf das erste Wort des Vorgesetzten, 
für den man bisweilen weder Achtung noch Vertrauen empfindet; 
für das Heiligste auf der Welt einen Fetzen Seidenzeug am Ende 
einer Stange, welcher Fahne genannt wird, halten; dem Erlernen 
und Lehren des Scheibenschiessens i]pd des Geschwindmarsches 
sein Leben widmen für so und soviel Bubel jährlich und zu 
gleicher Zeit sich nicht für einen gemietheten Lehrer der Gym- 
nastik, sondern für die Blüthe und den Schmuck seines Vater- 
landes halten, — das Alles und eine Masse anderer Momente, 
ohne welche ein stehendes Heer nicht denkbar ist, — sind doch 

Fadejew, Russlands Kriegsmacht. X3 



T1 



194 

nichts Anderes, als die colossalsten Fictionen, welche nur unter 
gewissen gegebenen Verhältnissen und durchaus nicht wiUkührHch 
dem Menschen eingeimpft werden. Die Erfahrung von zwei 
Jahrtausenden beweist indess, dass bewaffnete Bürger, selbst bei 
der grössten Anspannung der edelsten natürlichen Gefühle, einer 
solchen künstlichen Zusammensetzung, einer Armee gegenüber 
nicht Stand zu halten vermögen. Was hieraus folgt ist jedoch 
keine Fiction mehr, sondern die blanke "Wahrheit, dass die Er- 
fordernisse des Krieges nämlich nicht mit dem gewöhnlichen Mass 
gemessen werden können, sondern dass man den scheinbaren 
Inconvenienzen gegenüber sich der eigenen Logik derselben unter- 
werfen muss. 

Das erste Erforderniss einer Armee ist, dass das Mihtair 
von seinem Beruf eine hohe Meinung habe und darin bei der 
Gesellschaft ein theilnehmendes Echo finde. Betrachtet sich die 
Gesellschaft vollständig als eine Nation, so muss sie (wenigstens 
solange noch die gegenwärtige Situation fortbesteht) ihre Armee, 
welche die Macht der Kation repräsentirt, hoch halten; die 
Armee hoch halten heisst aber auch die Männer schätzen, welche 
dieselbe bilden. Man sehe nur einmal, wie in den am allerwenig- 
sten vom Geiste des Soldatenthums durchdrungenen, am meisten 
bürgerlichen europäischen Ländern, wie in England und Holland, 
die Gesellschaft, das Volk, alle Klassen der Bevölkerung den 
Officieren gegenüber sich verhalten. Man erkennt sofort, dass 
Alle im Officier ihre nationale Grösse ehren, auf ihn mit demsel- 
ben nur graduell verschiedenen Gefühl blicken, wie auf die Denk- 
mäler der berühmten Siege, mit denen dort die öffentlichen 
Plätze geschmückt sind. Aus den Ueberlieferungen kann man 
den Schluss ziehen, dass die Stellung des russischen Officiers noch 
zu Zeiten Alexander's I. eine eben solche gewesen. Einer unserer 
bekanntesten Generale hat mir kürzlich Folgendes geschrieben: 
„Es ist traurig, aber man kann sich dem nicht verschliessen, 
dass der Militairstand bei uns in Verfall geräth; mit jedem Tage 
büsst er immer mehr ein an Nimbus , an Attractionskraft und an 
Sympathie bei der Gesellschaft. Auf einen Jüngling, welcher 
Junker ist, sieht man mit Geringschätzung und die Damen haben 

aufgehört nach den jungen Comets zu schielen Wenn ein 

Kind in Frankreich oder Deutschland sagt, dass es ein General 
werden will, so wird es voll Stolz von der Mutter geküsst und 



F- 



195 

von den Grasten geliebkost; wird dasselbe aber von einem russi- 
schen Knaben gesagt, so wird es im Gegentheil für eine Abge- 
schmacktheit gehalten und man hat darin llecht" u. s. w. Dass 
in Europa und bei uns der Officier sehr verschieden angesehen 
wird, ist sehr natürlich. Dort repräsentirt er einen bestimmten 
Typus, den nationalen Krieger, der sich scharf von allem Uebrigen 
unterscheidet; bei uns repräsentirt er gar nichts. Sieht man 
einen russischen Officier, so kann man noch gar nicht wissen, ob 
er ein Militair oder ein Tischvorsteher oder ein für seine Dienste 
beim Kreischef zum Officier beförderter Schreiber ist. Ich glaube 
nicht, dass die Anzahl der für das Heer erforderlichen Officiere 
gegenwärtig, im Verhältniss zur Bevölkerung des Eeichs, grösser 
wäre als unter Alexander I., aber es sind ihrer gar zu viele 
ausserhalb der Armee, woraus zwei üebelstände entspringen: 
die Epauletten bezeichnen nicht mehr den Militair allein, und das 
Gehalt, welches auf so Viele vertheilt wird, erweist sich als 
spärlich und erlaubt es nicht dem Stande gemäss, namentlich in 
den höheren Rangklassen, zu leben. Der Kriegerstand kann, 
wenn er nicht in sich selbst abgeschlossen ist, von keinem allge- 
meinen, nur ihm eigenthümlichen Geist durchdrungen werden 
und ebenso wenig jedes einzelne Mitglied der Corporation veran- 
lassen, seinen Beruf würdig zu repräsentiren; ebenso wenig kann 
aber auch die Nation in einem solchen Stande etwas Typisches 
sehen und sich demselben gegenüber in einer bestimmten "Weise 
verhalten. 

Ausserdem wird sich der Officierstand in einer für ihn wür- 
digen Weise bei uns nicht herausmachen, solange das Heer in 
Kategorien mit verschiedenen Privilegien eingetheilt bleibt. Solcher 
Kategorien giebt es mehrere bei uns. Einerseits ist das Zuströmen 
einer bedeutenden Anzahl junger Leute zur Garde die Veran- 
lassung dazu, dass der Armeeofficier, welcher indess die Haupt- 
kraft repräsentirt, als ein Officier zweiter Kategorie, der keine 
besondere Berücksichtigung verdient, angesehen wird; unser 
Gardeofficier ist nicht, wie in der napoleonischen Garde, ein 
Eliteofficier und sein Privilegium kann daher, indem es einen 
Schatten auf die Armee wirft, in derselben keinerlei Wetteifer 
erregen; zu gleicher Zeit ist es aber allbekannt, dass man in der 
Garde gerade nichts weniger als den eigentlichen Dienst lernt. 
Andererseits existiren bei uns bereits Truppen von der aller- 

13* 



196 

niedrigsten Kategorie, wie z. B. die Gamisonstruppen, welche 
Turgenjew so amüsante und leider auch so wahre Typen zu 
seinem Chef des Invalidencommandos und dem ünterlieutenant 
desselben geliefert haben; amüsant macht diese Leute aber nur 
die Ausstattung. Wie vermag das Publikum einem ihm unbe- 
kannten Menschen gegenüber zu untersuchen, ob derselbe zu den 
Komischen, oder zu den Schlimmen, oder endlich zu den Guten 
gehört? Die französische Literatur gestattet gar nicht den ,Typus 
eines komischen Officiers, weil die Armee solche Typen eben 
nicht producirt; die französische Uniform ist der Gesellschaft so 
heilig wie der Ornat des Priesters. 

Von oben, von unten und von allen Seiten ist unsere Armee 
in eine halbmilitairische Atmosphäre, die nicht direct zu ihr ge- 
hört, gehüllt. Die oberste Region des Militairstandes, die Mehr- 
zahl der Generale und der Begimentscommandeure, geht nicht 
aus der Armee hervor, sondern aus einer besonderen Schichte, 
welche über der Armee liegt und mit derselben fast gar keine 
Berührungspunkte hat (hierher muss auch der Generalstab ge- 
rechnet werden). *) Der Personalbestand dieser Schichte ist zwar 
in der Hinsicht gut, dass die Mehrzahl der Leute ihrer persön- 
lichen Stellung und Bildung nach eine Garantie dafür bieten, einst 
tüchtige Officiere zu werden; ein Keim kann jedoch nur dann 
Früchte geben, wenn er bei Zeiten in ein gutes Erdreich ver- 
pflanzt worden, nicht aber, wenn er durch langes Liegen im Vor- 
rathsmagazin schon verdorben ist. Nicht in Uebungen und 



*) Abgesehen davon, dass die relative Stellung des Generalstabes in 
der Armee ein hochwichtiger Gegenstand ist, so will ich mich dennoch 
anf keine umständliche Erörterung über denselben einlassen, namentlich 
deshalb, weil sie eben allzu umständlich werden müsste, während doch 
die Meinung der Armee in dieser Hinsicht in einem solchen Grade ein- 
stimmig ist, dass aus meinen Worten nur Das gefolgert werden könnte, 
dass ich derselben Ansicht bin wie alle üebrigen. Jeder Mensch weiss 
es, dass der Hauptmangel dieses Instituts bei uns darin besteht, dass es 
gleichsam zu einem besonderen Stande gemacht worden ist. Das Bei- 
spiel des Auslands kann für uns nicht massgebend sein, denn der starke 
Geist der Armee reparirt dort von selbst viele Einrichtungen; bei uns 
dagegen hat nur der Kaukasus allein das verstanden; in der übrigen 
Armee ist jedoch jede Schärfe, die etwa einer Einrichtung anhaftete, 
sofort zu fabelhaften Dimensionen herangewachsen. 



197 

Manövern liegt der Schwerpunkt des Dienstes, sondern in den 
sittlichen Beziehungen der Menschen zu einander, in dem Yer- 
ständniss der Bedingungen, auf denen sich die Armee baut, — 
was man eben nur in der Armee selbst lernen kann. Man kann 
unmöglich erst beim Posten eines Begimentscommandeurs zu 
lernen anfangen, während man schon als solcher alle möglichen 
Dispositionen zu treffen hat. Bei einer solchen Lage der Dinge 
kommt es jedoch darauf heraus , dass die Begimenter factisch 
wohl conmiandirt, aber nicht verwaltet werden; zu gleicher Zeit 
wird dann auch die Beförderung in der Armee aufgehalten, wo- 
durch den wesentlichsten Grundlagen der kriegerischen Ent- 
Wickelung der Truppen zuwidergehandelt wird. Dem Militair 
sind durch die Bedingungen seiner Stellung soviele Beweggründe 
der gewöhnlichen bürgerlichen Thätigkeit entzogen, dass er die 
wenigen, welche ihm noch geblieben, krampfhaft festhält. Von 
diesen ihm gebliebenen Beweggründen ist der hauptsächlichste der 
Ehrgeiz, die Hoffnung auf eine Beförderung, ohne welche es 
keinen Wetteifer giebt, ausser höchstens in den wenigen Fällen, 
in denen das Kriegshandwerk seiner selbst wegen geliebt wird. 
Auch diese höchste Schichte muss man als vierte zu den drei 
bereits erwähnten hinzurechnen und wir haben somit, den Privi- 
legien nach (ob diese gesetzlich bestehen oder nicht, ist einerlei), 
schon vier Kategorien von Officieren. Eine solche willkührUche 
Schichtung, eine solche Zerrissenheit, wie man es nennen kann, 
im Officiercorps, welches gerade seiner eigentlichen Bedeutung 
nach gleichartig sein müsste, giebt es nirgend und kann es auch 
nirgend geben. 

Für die Ausbildung der Armee und ihre organische Ent- 
wickelung ist ohne Zweifel das wichtigste Amt das eines Begi- 
mentscommandeurs ; seine Person repräsentirt das Mittelglied 
zwischen Oben und Unten, zwischen den Dirgirenden und den 
Dirigirten, sowie er selbst zu gleicher Zeit sowohl selbständiger 
Chef, als auch Officier in der Fronte ist. Die ganze sittliche 
Basis einer Abtheilung wird, wenn auch nicht durch die Persön- 
lichkeit irgend eines einzelnen Commandeurs, so doch wenigstens 
durch die ganze Beihe derselben bedingt; andererseits weiss die 
Militair -Oberverwaltung nur das von der Armee (mit Ausnahme 
der äusseren Seite), was die Kegimentscommandeure zu ihrer 
Eenntniss bringen. Die hohem Chefs, die Generale, commandiren 



^ 



198 

wohl die Truppen, geben sich aber nicht mit der Ausbildung 
derselben ab; der Einfluss des erfahrensten Divisionschefs auf 
den Geist eines Regiments kommt nicht direct zur Geltung, son- 
dern muss erst durch die Persönlichkeit des unmittelbaren Giefs 
hindurchgehen. Vertraut man selbst das schlechteste Begiment 
(d. h. schlecht in sittlicher Beziehung, denn es ist hier selbstver- 
ständlich nicht vom Ceremonialmarsch die Rede) für eine ent- 
sprechende Zeitdauer einem tüchtigen Commandeur an und genirt 
ihn nicht in seinen Dispositionen, — er findet sicher ein Mittel 
das Regiment zu bessern. Unbefriedigende Generale werden im 
Kriege nur mangelhaft über die Truppen disponiren; mit unbe- 
friedigenden Regimentsconomandeuren aber wird das Heer selbst, 
wenn auch ein Suworow an seiner Spitze stände, für den Krieg 
unzuverlässig. Auf zuverlässigen Regimentscommandeuren beruht 
die ganze innere, organische Seite der Sache; ohne sie sind selbst 
die besten Einrichtungen nur leere Worte. 

Auf die Unfehlbarkeit einer persönlichen Wahl sich zu ver- 
lassen erscheint unmöglich, es sei denn bei einem Obercomman- 
direnden, welcher wirklich innerlich mit seiner Armee verwachsen 
ist; es lässt sich aber wohl ein Modus bestimmen, welcher eine 
Garantie dafür bietet, dass wenigstens zum grössten Theil nur die 
allertächtigsten Officiere diese Stellen erhalten. Welche Eigen- 
schaften muss ein Regimentscommandeur haben, um als vollkom- 
men tüchtig zu gelten? Ueber die Antwort wird Niemand im 
Zweifel sein. Vorzugsweise wird ein solcher Officier dazu beson- 
ders geeignet erscheinen, welcher mit der ihm. zu übertragenden 
Branche genau bekannt ist , der den Felddienst von unten an bis 
hinauf durchgemacht hat unter solchen Leuten, die unter densel- 
ben Bedingungen sich befunden haben wie Diejenigen, die ihm 
anvertraut werden sollen, und welcher sich in jedem der succes- 
sive von ihm bekleideten Posten einen guten Ruf erworben hat 
BeMedigende Regimentscommandeure muss man solange als mög- 
lich auf ihren Posten lassen, damit nicht die Continuität der 
einmal eingeschlagenen Richtung im Regiment unterbrochen werde, 
und nur Solche ohne Aufenthalt zu Generalen machen, bei 
denen eine besondere militairische Begabung vorausgesetzt wird, 
— was eine neue Bedingung involvirt. Es ist indess wenig 
wahrscheinlich, dass es einem Officier, welcher, mit der Situation 
vollkommen unbekannt, aus einer dem Regiment ganz fremden 



199 

Sphäre, dasselbe für zwei, drei Jahre zu commandiren kommt, 
gelingen sollte dem Truppentheil die erforderliche Direction nicht 
blos zu geben, sondern auch zu bewahren. Von den Ausnahmen 
sprechen wir nicht. Bas Resultat solcher Ernennungen ist das, 
dass die Armee ganz ohne Direction bleibt oder, was noch 
schlimmer ist, nicht über die Ansätze zu verschiedenen Directionen, 
die sich verwirren und widersprechen und niemals zu Ende ge- 
führt werden, hinauskommt. In dieser höchsten, der Armee total 
entfremdeten Officierssphäre sind ohne allen Zweifel Viele, welche 
zu den besten Erwartungen für die Zukunft berechtigen. Warum 
aber befinden sich solche Leute nicht in den Reihen der Armee, 
wo sie bei ihrer persönlichen Entwickeltheit sich rascher als 
Andere für ihren bevorstehenden Beruf herausbilden würden? 

Mit einem Wort, die Armee kann sich nicht zu einer ein- 
heitliehen, im Kriege zuverlässigen Kraft gestalten, wenn sie nicht 
nur ihre Officiere, wovon oben bereits die Rede gewesen, sondern 
auch ihre höheren Befehlshaber, alle bis auf den letzten, nicht 
selbst ausbildet und aus ihrem eigenen Inneren hervorbringt. 
Vor einem halben Jahrhundert war die von uns geschilderte Lage 
der Dinge noch möglich, und zwar erstlich, weil sie damals erst 
im Keime vorhanden und noch nicht so üppig emporgewuchert 
war; war doch in der ersten Hälfte der Regierung des Kaisers 
Alexander Pawlo witsch die Zahl der Personen von der Suite und 
die der Colonnenführer bei weitem nicht so gross und die Garde 
nicht so zahlreich wie jetzt. Und zweitens lebte damals noch 
Alles bei uns nach patriarchalischem Brauch, der Adel hielt den 
Frack für das Abzeichen des Beamtenthums und Alles fügte sich 
von selbst. Jetzt aber, wo sich das sociale Leben in einer sol- 
chen Complicirtheit der Beziehungen entfaltet hat, ist Alles, was 
nicht den Anforderungen der Zeit entsprechend renovirt worden 
und noch die Spuren des Patriarchalen an sich trägt, entschieden 
der Sache nur schädlich. 

Die Armee muss ein lebendiger Organismus sein, in w^elchem 
das Haupt auch selbst den Nadelstich -in der Ferse sofort em- 
pfindet, und nicht eine üebereinanderschichtung verschiedenartiger 
Materiale, welche über einander gelegt, aber nicht mit einander 
verwachsen sind. In der Armee soll es keinerlei Nebenämter 
geben, die nicht direct zum Bestände derselben gehören, keinerlei 
Crehülfen und keinerlei Unterabtheünngen, die mit einander nichta 



200 

gemein haben; „vom Unterofficier an muss jeder Vorgesetzte seine 
Abtheilung haben, seine Untergebenen, für die er zu verantworten 
hat und die ihm vor Augen sind, und jeder Vorgesetzte, bis zum 
Feldmarschall inclusive, muss wiederum seinen directen, unmittel- 
baren und ausschliesslichen Vorgesetzten haben; das letzte oberste 
Glied dieser heiligen, den Staat beschützenden Kette ist der 
Kaiser, der Gott verantwortlich ist. Dann wird man es auch in 
jedem Augenblick wissen, was der Armee Noth thut." Das 
Ofüciercorps muss von einem Ende Russlands bis zum andern ein 
einiger, brüderlicher und ritterlicher Stand sein. Officier muss 
auch wirklich nur ein Officier heissen; hat man dabei noch erst 
zu fragen: was für einer? so weiss weder er selbst, mit welchen 
Augen er sich anzusehen hat, noch weiss es die Gesellschaft. 
Auf den Officierstand unserer Armee kann das, was der General 
Trochu von der Linieninfanterie sagt, buchstäblich angewandt 
werden. In ihr ruht die ganze Kraft, indess werden doch soviel 
auserlesene Elemente ihr gerade entzogen, dass am Ende nur 
Etwas nachbleibt, was im Vergleich zu allem Uebrigen nicht als 
gut genug angesehen wird ; die Eigenschaften der Armee scheiden 
sich von einander: die höhere Ausbildung der Leute bleibt auf 
der einen Seite, die grössere Erfahrung auf der anderen, ohne 
dass eine Verschmelzung stattfindet. "Wiederholen wir es noch 
einmal: ein stehendes Heer kann sich nur fest an bestimmten 
Principien halten, die seit den Zeiten Philipp's von Macedonien, 
der zuerst ein solches Heer geschaffen hat, dieselben ge- 
blieben sind. 

Ausser, dass dem gesammten Officiercorps im Ganzen, als 
Kriegerstand, ein besonderer Berufscharakter anzueignen ist, muss 
demselben auch noch einzeln nach den Specialfächem ein beson- 
derer Stempel aufgedrückt werden und jede Waffengattung etwas 
in sich selbst Abgeschlossenes repräsentiren; so ist es wenigstens 
auf der ganzen Welt. Die praktischen Kenntnisse und Fähigkeiten 
eines Officiers sind nicht Etwas, was zum Kriegsfach in seinem 
gesammten Umfang absolut gehört; ein Jeder kennt nur sein 
Specialfach, das sich von den anderen scharf unterscheidet. Der 
Infanterieofficier muss die Behandlung des Gewehrs, auch was die 
technische Construction desselben anlangt, genau eriemen, muss 
alle Finessen des Schiessens kennen, das Bajonettfechten, die 
Adjustirung des Biemenzeuges; er muss sich daran gewöhnen. 



201 

Alles mit dem Ange des Infanteristen anzusehen and zu überlegen: 
die Distance, auf welche man ein Gewehrfeuer eröffnen kann, 
und die Distance, auf welche ein Bajonettangriff zu machen ist, 
die Leistungsfähigkeit des Infanteristen beim Marsch, die Yor- 
theile , welche verschiedene Baulichkeiten in einer gegebenen 
Localität zu bieten vermögen u. s. w. Der Cavallerist muss das 
Alles auch, nur anders, man könnte sagen umgekehrt, wissen; 
er muss seine menschliche Natur durch die des Bosses beein- 
flussen lassen und beide in Eins verschmelzen; seine Waffe ist 
eine andere, die Distance hat für ihn eine ganz andere Bedeu- 
tung, nach einem ganz anderen Mass als der Infanterist beurtheilt 
er die Tüchtigkeit und die Mängel eines Soldaten. Selbst die 
natürlichen Anlagen müssen bei dieser und bei jener Waffe ver- 
schieden sein, worin alle Taktiker der Welt übereinstimmen; die 
Schwierigkeit besteht nur darin, auf welche Weise ungeprflfte 
Leute bei der Vertheilung in die verschiedenen Waffengattungen 
abzuschätzen sind. Es unterliegt aber wohl keinem Zweifel, dass 
langjährige Gewohnheit in einem speciellen Fach den Organismus 
des Menschen in einem gewissen Grade beeinflusst; auf diese 
Weise wird auch in dieser Hinsicht ein Resultat gewonnen, welches 
die unmögliche vorläufige Abschätzung in einem gewissen Grade 
ersetzt; es prägt sich im Menschen ein gewisser Typus aus. 
Daher bildet in der ganzen Welt eine jede Waffengattung eine 
besondere abgeschlossene Corporation, die von unten an durchge- 
macht werden muss. In Frankreich kann ein Infanterieofficier 
zur Cavallerie und ein Cavallerieofficier zur Infanterie nur als 
Soldat versetzt werden. Bei uns dagegen geht nicht blos ein 
junger Officier, sondern selbst ein Compagniecommandeur, ein 
Stabofficier ganz ohne Weiteres von der Infanterie zur Beiterei über 
und wird, sdbst wenn er zum ersten Mal in seinem Leben auf 
einem Pferde sitzen sollte, an die Spitze eines Escadrons gestellt; 
umgekehrt findet dasselbe statt. Bei uns glauben die Militairin- 
stitntionen bis zur Stunde noch an den Stein der Weisen und er- 
kennen als solchen ein Paar Epauletten an, die einen Jeden, 
dem sie zu Theil geworden, sofort in einen kriegstüchtigen Offi- 
cier verwandeln. 

Gerade ebenso sind auch die allerstrengsten und determi- 
Birtesten . Gesetzesbestimmungen hinsichtlich der Eheschliessung 
für das Militair erforderlich. Den Untermilitairs in der Fronte 



'n 



202 

müsste sie, meiner Meinung nach, förmlich untersagt sein; den 
Officieren wäre sie dagegen nur unter den folgenden drei Be- 
dingungen zu gestatten: 1) wenn sie in den höheren Rangklassen 
stehen, z. B. vom Obrist an, 2) bei sichergestellten Vermögens- 
verhältnissen, und 3) bei der Ernennung zu einem entschieden 
nicht activen Posten, z. B. dem eines Militairchefs. Verheirathete 
Officiere sind nicht nur eine Last für ihre Abtheilung, sondern 
sie bleiben sogar nur selten im activen Dienst. Aus meiner 
eigenen Erfahrung allein könnte ich Dutzende von Beispielen 
dafür anführen, dass selbst die Tapfersten, sobald sie verheirathet 
waren, äusserst vorsichtige Männer wurden. 

Damit in irgend einer Gesellschaft von Menschen, die eine 
sociale Gruppe bilden, ein bestimmter Charakter zum Ausdruck 
kommt, ist es erforderlich, dass diese Leute auch in einem enge- 
ren Verein mit einander leben, was in unseren Regimentern, bis 
jetzt fast noch gar nicht vorkommt. Die Officiere leben zer- 
streut, in geselligen Kreisen, und kommen nur bei den Exercitien 
mit einander zusammen; in einem jeden dieser Kreise bilden sich 
besondere Anschauungen, die sich der Controle der gesammten 
Kameradschaft entziehen; bei einer solchen Absonderung kann ein 
einheitlicher Gesammtcharakter, welcher eine Schule für jeden 
Neueintretenden abgeben und Allen den Stempel einer Corporation 
und der Grundanschauungen derselben aufdrücken würde, nicht 
Platz greifen. Hierin liegt eine der Hauptursachen, weshalb 
unsere Officiere von dem Geist ihrer Profession so wenig durch- 
drungen sind. In den ausländischen Armeen ist den Officier- 
corps in den Regimentern schon längst eine ordentliche Organi- 
sation gegeben worden; in jedem Regiment ist ein Club mit 
gemeinsamer Mittagstafel, mit einer Bibliothek u. dgl., welcher 
alle nicht gerade beschäftigten Officiere vereinigt, eingeführt; hier 
bilden sich die Ansichten und jeder Einzelne wird aUmälig von 
dem Corporationsgeist erfasst. Um einen Anstoss zu fg^ben, 
müsste ein solches Institut durch das Gesetz reglementirt werden, 
weiter würde es sich dann schon von selbst entwickeln. Einem 
jeden Regiment müsste für die erste Einrichtung die erforderliche 
Summe zugewiesen werden. Ein grosser Theil der Truppen lebt 
bei uns freilich noch nicht in Casemen, sondern steht auf dem 
Lande zerstreut, wodurch eine Concentrirung der Officiere sehr 
erschwert wird; ist aber die Sache erst einmal eingerichtet, so 



r • 



203 



wird sie, selbst wenn sich auch das Begiment zeitweilig an einem 
Standort zu zerstreuen gezwungen sein sollte, immerhin ihren 
Nutzen beweisen und, sobald es nur die Verhältnisse wieder ge- 
statten, sofort wieder vollkommen ins Leben treten; Wenigstens 
würde damit ein Grund gelegt werden zu einem Officiersverein, 
welcher sonst nie ein Verein geworden wäre und nie mit einem 
Geist seine sämmtlichen Glieder umfasst hätte. 

Weckt man in unserem Officiercorps den Vereinsgeist, so 
muss man auch alle möglichen Massregeln ergreifen, um ihn |in 
die erforderlichen Bahnen zu lenken, damit die Leute zu wirk* 
liehen Kriegern und nicht blos zu Fronteofficieren erzogen werden. 
Ausser in der kaukasischen Armee, wo das Eriegsleben die 
Officiere entwickelt hat, ist das sonst bei uns gar zu lange umge- 
kehrt gewesen und das tägliche Leben eines Officiers hat sich in 
der Regel durch nichts von dem Leben eines Beamten unter- 
schieden. Unsere Officiere kannten und liebten grösstentheils gar 
keine militairischen Beschäftigungen, selten nur kam bei ihnen 
irgend ein Zug angebomer Kühnheit, welche doch sonst jedem 
jungen Mann, selbst ausserhalb des Militairstandes, eigenthümlich 
ist, zum Vorschein. Seither haben sie sich mit derartigen 
Gegenständen nur als Dienstobliegenheiten beim Exercitium be- 
schäftigt. In ihrem Kreise ist unter ihnen das Gespräch über 
militairische Gegenstände fast nie über die Grenzen der täglichen 
Exercitien hinausgegangen; der Krieg interessirte sie wenig, sie 
hatten sich nicht dem Kriege, sondern dem Militairdienst gewid- 
met, was durchaus nicht ein und dasselbe ist. Im Vorgesetzten 
und Kameraden schätzten sie wenig die militairischen Eigenschaf- 
ten, verehrten ihn nicht seiner kriegerischen Verdienste wegen, 
selbst wenn er auch deren aufzuweisen hatte, sondern eher wegen 
anderer gesellschaftlicher Eigenschaften. Bei uns kommt es bis 
auf den heutigen Tag noch vor — ich selbst könnte Beispiele 
dafür anführen — dass ein Feigling, der sich öffentlich compro- 
mittirt hat, im Regiment geduldet wird, bisweilen sogar für einen 
ganz guten Jungen gilt. Etwas Derartiges kommt in keiner 
anderen Armee vor, wo jeder Fähndrich, nicht nur ein General, 
der sich im Kriege schimpflich betragen, dem hundertzüngigen 
Gerücht anheimfällt und, falls er nicht erschossen wird, doch 
wenigstens nirgend mehr ein Unterkommen findet. 

Wollen wir die Resultate unserer Erörterungen über den 



204 

Officierstand kurz resumiren: 1) er wird gegenwärtig nicht m^hr 
in genügender Quantität durch die oberste Klasse der rassischen 
Gesellschaft von aussen in die Armee hineingebracht und die 
Armee muss daher ihre Officiere selbst aus'bilden; hierzu bedarf 
es der vollständigen Aufhebung aller ständischen Privilegien in 
der Armee; 2) dabei kann man jedoch nicht mehr auch von dem 
Oberofficier Alles das verlangen, was ein General braucht, wie 
das bei dem gleichartigen Bestand der Müitairhierarchie war; 
in Folge dessen könnte man das Avancement, um dasselbe nicht 
durch drückende Bedingungen zu erschweren, bei einem gewissen 
Bang unterbrechen, indem die Beförderung nur von der Aus- 
zeichnung, d. h. von dem Ermessen der höheren Obrigkeit ab- 
hängig gemacht wird. 3) Wünschenswerth wäre es, dass die 
Yerpflichtung zum Kriegsdienst (mit dem Kecht des Loskaufs) 
auf jeden Küssen ausgedehnt werde, weil sonst dasjenige Element, 
auf welches hinsichtlich der Completirung des Officiercorps die 
meisten Hoffnungen zu setzen sind, in bedeutendem Mass von der 
Armee fern gehalten werden würde. 4) Die Armee muss in sich 
selbst concentrirt und alles nicht direct Militairische aus dem 
Militairstand ausgeschlossen werden, damit die Epauletten auch 
wirklich ein Zeichen des eigentlichen Kriegsdienstes seien. Hierzu 
ist aber erforderlich, die Gesammtaniahl der Officiere in einem 
jeden £/ang genau zu bestimmen und über dieselbe nicht anders 
als auf Grund einer neuen Gesetzesbestimmung hinauszugehen, in 
keinem Fall Beförderungen zu einem Rang trotz der Vollzählig- 
keit in demselben vorzunehmen, die Zahl der nicht activen 
Generale und Officiere auf das äusserste Mass zu beschränken 
und zu gleicher Zeit die Gagen der üebrigbleibenden nach Mög- 
lichkeit zu erhöhen. 5) Die Eintheilung der Truppen in höhere, 
mittlere und niedere aufzuheben und Eine russische Armee zu 
construiren, welche in allen Unterabtheilungen an Ehre, Rechten 
und Pflichten gleich sei; Unterschiede können wohl in Emolu- 
menten, nicht aber in Privilegien bestehen. 6) Der Armee und 
dem Officierstande sind alle diejenigen Kategorien wieder zuzu- 
wenden, welche denselben unter dem Verwände auserlesener 
Eigenschaften, der Auszeichnung oder gar specieUer Kenntnisse 
entzogen worden. Eine besondere Tüchtigkeit in der militairischen 
Ausbildung (selbst angenommen, dass man sie in der Schule er- 
langen kann) ist schon an und für sich eine Belohnung für den 



205 

OMcier, denn in vielen Fällen wird die Obrigkeit ausschliesslich 
ihn im Ange haben; hierbei muss jedoch eine freie und nicht eine 
obligatorische Bevorzugung stattfinden, da die Ausbildung allein 
noch nicht für die Tüchtigkeit garantirt. Solche besonders gut 
Ausgebildete werden indess, ebenso wie die, welche höherer Aus- 
zeichnungen würdig befunden werden, durch ihren Dienst in den 
Reihen das Niveau der Masse heben und selbst nicht ihre guten 
Ansätze durch Einseitigkeit einbüssen. 7) Sodann wird es auch 
nicht mehr schwer sein eine Regimentsgenossenschaft zu gründen 
und ihrer Ausbildung eine rein militairische Direction zu geben. 
Es gUt unsere zertreut umherliegenden kriegerischen Elemente zu 
sammeln und sie in der Armee zu concentriren, sie in das rich- 
tige Fahrwasser zu leiten. 

Für die Tüchtigkeit der Truppen ist, nächst dem Bestände 
des Officiercorps, ein gutes Unterofficierpersonal das Allerwich- 
tigste. Es giebt Armeen, in denen das Letztere gerade ebenso 
wichtig ist als das Erstere. üeberall wo die Officiere nicht aus 
der Armee selbst hervorgehen, sondern gesetzlich aus den höheren 
Ständen rekrutirt werden, wie bei uns bis jetzt, da werden zwischen 
ihnen und den Soldaten Zwischenglieder nothwendig. Die geistigen 
Functionen des Heeres lösen sich von einander ab: der Verstand 
desselben weicht zu den Officieren, das sittliche Gefühl der Masse 
bleibt bei den Unterofficieren und alten Soldaten. Solange die 
Truppen bei uns ausschliesslich vom Adel commandirt wurden, 
war die Stellung eines Unterofficiers keine militairische Rang- 
steUung, sondern der Unterofficier war einfach ein Dessiatnik 
(Zehentmann) wie auf jedem herrschaftlichen Gut, ebenso nichts wei- 
ter als ein Individuum aus der Masse, welches nur persönlich einiges 
Vertrauen genoss. In den auf dem Friedensfuss befindlichen 
Truppen, d. h. also in der überwiegenden Majorität der Armee, 
wurden die Unterofficiere vorzugsweise nach den für eine Ordonnanz 
erforderlichen Eigenschaften ausgewählt; die allerzuverlässigsten 
Leute blieben auf diese Weise, weil ihre Gesichtsfarbe vielleicht 
gelb oder ihre Figur unansehnlich war. Gemeine. Und es war 
auch ganz einerlei, wer in einer Abtheilung Unterofficier wurde, 
solange der sittlichen Seite derselben keine Gelegenheit zum Aus- 
druck zu kommen gegeben war. Sobald aber die Truppe dazu 
kam auf einen permanenten Kriegsfuss überzugehen, z. B. an den 
Kaukasus zu rücken, gewann auch die Auswahl der Unterofficiere 



* ^3^ 



206 

sofort eine total andere Bedeutung. Ich habe schon in meinen 
„Kaukasischen Briefen" gesagt: „Der Einfluss der öffentlichen 
Meinung erstreckte sich hier nicht blos auf die Officiere allein, 
sondern auf die ganze Masse des Kegiments. Der Compagniecomman- 
deur hatte Grund genug keine wülkührlichen Wahlen zu treffen, 
da er mit solchen ünterofficieren, welche keinen sittlichen Ein- 
fluss auf die Leute hatten, gleich bei dem ersten Scharmützel 
schlimm gefahren wäre* In jedem Verein von Menschen treten 
die stärkeren Persönlichkeiten sofort hervor und werden zu 
Führern der übrigen Schaar; in kritischen Momenten, namentlich 
im Gefecht, sind solche Persönlichkeiten unersetzlich, weil die 
Schaar, welche sich daran gewöhnt hat ihnen zu vertrauen, auch 
in solchen Augenblicken ihnen ohne Bedenken folgt. Wird die 
officielle Macht nicht diesen einflussreichen Persönlichkeiten über- 
tragen, sondern anderen, die auf Grund irgend einer anderen 
willkührlichen Schätzung ausgewählt worden, so zerreisst das sitt- 
liche Band zwischen Befehlshabern und Soldaten, weil das ver- 
mittelnde Glied in der Kette verschwindet und nur die Disciplin 
allein, d. h. nur das äussere Commando übrig bleibt. Eine solche 
Truppe beherrscht aber der Anführer nicht mehr und kann nicht 
mehr für sie garantiren. Die kaukasische Armee war immer 
namentlich dadurch stark, dass sich in ihr die Beziehungen der 
Leute zu einander natürlich und ohne alle heterogenen Efforts 
gestalteten. Bei dem bedeutenden Einfluss, den die öffentliche 
Meinung in jeder Sphäre übte, eignete sich ein Jeder grössten- 
theils nur das an, was ihm gebührte, und daher gehorchte man 
auch ohne jeden Zwang den Vorgesetzten als allgemein aner- 
kannten Führern. Das He«r war daher auch von einer strengen 
Disciplin durchdrungen, von jener wahrhaften Displin, die in der 
bewussten und gewissenhaften Erfüllung der wesentlichen Pflich- 
ten des Kriegerstandes besteht." 

Es ist offenbar, dass gegenwärtig, wo die Nothwendigkeit, 
dem Heer eine vorzugsweise kriegerische Ausbildung angedeihen 
zu lassen öffentlich anerkannt worden, die Unterofflciere nach 
kaukasischem Massstab und nicht nach dem, bis jetzt leider noch 
nicht vollständig aufgegebenen, Massstab des inneren Kusslands 
ausgewählt werden mtissten. 

Ausserdem gewinnt die Stellung des ünterofficiers mit der 
fortschreitenden Veränderung der Principien, auf denen unsere 



207 

Armee ruht, eine neue Bedeutung. Der Soldat, welcher fast sein 
ganzes Leben lang mit der Feuersteinflinte diente, musste ohne alle 
Methode, blos durch die Koutine seine Sache erlernen; in einer 
Armee dagegen mit kurzer Dienstzeit (wie die unsrige gegenwärtig 
durch die verringerte Stärke der Regimenter bereits ist), die noch 
zum Ueberfluss weit complicirter bewaffnet ist, ist es nothwendig 
geworden die Leute methodisch zu unterricjiten. Der Unterofficier 
verwandelt sich durch die Nothwendigkeit aus einem Dessiatnik 
(Zehentmann) in einen Instructor; im Kriege braucht er ebenfalls 
eine grössere Entwickelung als früher, da noch das ganze Ge- 
schäft blos darin bestand Hurrah zu schreien und immer nur 
drauf los zu marschiren. Und femer wird in demselben Mass, 
wie das Officiercorps seinen ständischen Charakter bei uns ver- 
liert, der Unterofficier, welcher bis hierzu nur der älteste Soldat 
gewesen war, immer mehr zum Leiter der Ideen und Gefilhle 
von oben nach unten, was früher, solange ein Stand über den 
anderen geschichtet war, wie das Oel über dem Wasser, ohne 
sich zu vermischen, nicht der Fall gewesen; endlich werden auch 
die ünterofficiere die Candidaten zu den Officierstellen abgeben 
und aus ihnen wird sich der höhere Militairstand zum grössten 
Theil rekrutiren; mit der Aufhebung der Privilegien werden eine 
Menge Gebildeter in die Reihen der ünterofficiere treten. Aus 
allen diesen Gründen, denen man sich unmöglich verschliessen 
kann, muss das Amt eines Unterofficiers nothwendig zu einer 
militairischen Rangstellung, zu einem Zwischenrang zwischen dem 
Soldaten und dem Officier werden. Die Mittel, welche ange- 
wandt werden, um die Officiere im Dienst zu behalten, müssen 
sich auch auf die ünterofficiere erstrecken; das Gehalt derselben 
muss bis zu dem Grade erhöht werden, dass sie im Dienst ebenso 
gut versorgt sind, als sie es anderswo haben könnten, damit die- 
jenigen ünterofficiere, welche den Erfordernissen eines weiteren 
Avancements nicht entsprechen, immer doch ihr Leben dem Dienst 
weihen. Bevor die ünterofficiere nicht freiwillig unter der Fahne 
bleiben werden, kann der Armee auch nicht die erforderliche 
Ausbildung gegeben werden. Dieses ist aber ein so schreien- 
des Erfordemiss, dass demselben um jeden Preis genügt wer- 
den muss. 

Wie sehr auch immer der Ünterofficier-Stand im Vergleich 
zu jetzt erhöht werden mag, so darf doch der Weg zu demselben 



208 

ja nicht durch für den gemeinen Mann schwierige Bedingungen 
verstellt werden, und man wird namentlich mit dem Examen vor- 
sichtig sein müssen. In dieser Hinsicht ist bei uns die Gefahr 
gross. Gemäss der eingewurzelten Gewohnheit sich die Erfüllung 
einer Sache dadurch leicht zu machen, dass man sich nicht vom 
Geist, sondern vom Buchstaben des Gesetzes leiten lässt, ver- 
wandelt sich jede neue. Kichtung bei uns in der Praxis sofort ins 
Extrem. Dieselben, die früher bestrebt gewesen den Soldaten in 
einen Figuranten zu verwandeln, werden nunmehr bestrebt sein 
aus ihm einen Gelehrten zu machen. Im Militair ist indess, 
namentlich wenn es sich nicht um Specialwaffen handelt, der 
Charakter das Erste und vornehmlich Wichtige; von hundert 
Eigenschaften, die ein Militair (nicht gerade in den höheren Bang- 
classen) braucht, bestehen neunundneunzig im Charakter. Wollte 
man, bei dem gegenwärtigen Bildungsgrad des russischen Volks, auch 
selbst nur die gründliche Kenntniss des Lesens und Schreibens 
als unabänderliche Bedingung zur Verleihung der Chevrons auf- 
stellen, — dann wäre es auch mit den russischen Unterofficieren 
zu Ende! Ein solches Resultat muss man wohl zu erreichen 
streben, man kann aber daraus noch kein Gesetz machen. Eine 
bestimmte Norm könnte man natürlich aufstellen, z. B. nur für 
ein Drittel sämmtlicher Unterofficiere die Ernennung Solcher ge- 
statten, die weder zu lesen noch zu schreiben verstehen; diese 
Leute aber ganz zurückzustossen geht nicht an; ein Krieger ist 
kein Schüler, dem man je nach seinen Fortschritten in der Schale 
seine Censur ertheilen kann. Ausser Denen, die das Officiers- 
examen absolvirt und daher, wenn sie die erforderliche Kenntniss 
des Dienstes besitzen, ein Recht haben zu Unterofficieren ernannt 
zu werden, ist es am besten die Auswahl aller übrigen dem 
Regimentscommandeur ohne Controle zu überlassen; die Con- 
trole des höheren Vorgesetzten würde nothwendig nur eine rein 
äusserliche, folglich auch nur schädliche sein können, da er doch 
über die Einzelnen, was ihre Person anbelangt, zu urtheilen nicht 
im Stande wäre. 

Und ferner, was ist dazu nöthig, damit die Unterofficiere 
nach ihren sittlichen Eigenschaften auch richtig ausgewählt werden? 
Ich habe lange gemeint, dass irgend welche künstliche Mittel in 
dieser Hinsicht möglich wären, bin aber von dieser Ansicht ganz 
zurückgekommen. In keiner einzigen Gesellschaft, und um so 



209 

weniger also in einer so complicirten Gesellschaft wie eine stehende 
Armee, vermögen Formen den Geist, welcher unter den Menschen 
waltet, zn ersetzen. Damit die Armee sich sowohl hinsichtlich 
der Unterofficiere, wie auch hinsichtlieh der Officiere und in jeder 
anderen Beziehung richtig gestalte, ist es nöthig, daSs sämmtliche 
Forderungen von oben ohne Ausnahme richtig seien, dass das 
Heer nur vom kriegerischen Gesichtspunkt aus betrachtet und in 
ihm ausschliesslich die Kriegsmacht, und sonst weiter nichts, 
gesehen werde. In dieser Hinsicht können wohl Massregeln fest- 
gesetzt werden, um die Schätzung der Truppen, die Aeusserungen 
der Zufriedenheit und der Unzufriedenheit mit ihnen auf die am 
meisten gerechte Weise ausfallen zu lassen; die gegenwärtig in 
höchst unbestimmter Art und Weise verschleuderten Belohnungs- 
gelder, wie sie bisweilen für Revuen u. dgl. verabfolgt worden, 
würden dann den Charakter gesetzlich verdienter Prämien erhalten. 
Für den Grad der Tüchtigkeit eines Truppentheils kann das 
Resultat des Zielschiessens, der Schnelligkeit und der Ausdauer 
beim Marsch, die Fähigkeit der Schützen Terrainvortheile auszu- 
beuten u. s. w., wenn über die Prüfung in diesen Gegenständen 
Tabellen angefertigt und publicirt werden, den Massstab abgeben. 
Dann würde sowohl der Befehlshaber wissen, weshalb er mit 
seiner Abtheilung zufrieden ist, als auch die Abtheilung selbst 
würde es wissen. Welcher Geist, welcher Wetteifer würde sich 
unter den Truppen geltend machen, wenn es sich z. B. mit einem 
Mal ergiebt und bekannt gemacht wird, dass irgend eine Com- 
pagnie irgend eines ganz unbekannten Armeeregiments es allen 
übrigen zuvorgethan und die Nr. 1 erhalten habe. Hierbei dürfen 
übrigens natürlich nur die rein mUitairischen Erfordernisse in 
Berücksichtigung kommen und z. B. durchaus nicht die Eenntniss 
des Lesens und Schreibens, weil dieselbe im Heere nur in dem 
Mass von Nutzen ist, als Sie den Soldaten für seine directe Auf- 
gabe, das Kriegsfach entwickelt; über die Fortschritte in den 
Hülfsn^itteln muss nach den praktischen Resultaten geurtheüt 
werden. Es lässt sich annehmen, dass die Befehlshaber der 
Trnppentheile bei einem solchen Modus der Abschätzung die 
Leute ihren sittlichen Eigenschaften nach richtig zu vertheilen 
bemüht sein werden; wenn sie erst wissen, dass Niemand seine 
Aufmerksamkeit darauf richten wird, ob die Unterofficiere die 
Fronte durch ihre Figur zieren oder nicht, so werden sie auck 

Fadejew, Basslands Kriegsmacht. ^4 



^ 



210 

zn diesen Stellen sorgfältig nur Solche auswählen, welche die 
Soldaten auf die allerbeste Weise zu leiten verstehen. In Wirk- 
lichkeit heisst das soviel, als das Prunken mit seiner Abtheilung 
vom Aeusseren auf das Innere übertragen, und mehr kann man 
auch nicht verlangen. 

Ein zweites und zwar zweiffelloses Erforderniss unseres 
Heeres besteht darin, dass die Kategorie der Elitemannschaft^ 
welche früher existirt hat und zugleich mit der Auflösung der 
Grenadier- und Carabiniercompagnien bei den Bataillonen einge- 
gangen ist, wieder eingeführt werde. Der Mensch kann nicht 
von abstracten Gefühlen allein ^ ohne alle persönliche Ziele und 
Hoffnungen, die seine Thätigkeit anregen, leben; ohne dieselben 
würde er einschlafen oder zum schlaffen Automaten werden. Von 
aUen egoistischen, persönlichen Beweggründen, welche die Thätig- 
keit anzuspornen geeignet sind, ist dem Militair nur einer ge- 
blieben: in den Augen der Kameraden ausgezeichnet zu werden, 
in seiner eigenen Sphäre auf eine höhere Stufe zu gelangen. Im 
Soldaten ist dieses Gefühl gerade ebenso lebendig wie in jedem 
Anderen. Es hat vollkommene Automatenarmeen gegeben, in 
denen dem Soldaten die Seele abgesprochen wurde und die densel- 
ben in eine Maschine zu verwandeln bestrebt waren; aber sie 
haben niemals gegenüber lebendigen Armeen, gegenüber solchen 
mit einer Seele, Stand halten können. Dem Soldaten muss noth- 
wendig die Perspective auf eine Auszeichnung eröffnet sein, und 
zwar nicht auf eine solche Auszeichnung, welche, wie ein Orden, 
nur vom Zufall, der nur Wenige begünstigt, abhängt, sondern 
auf eine solche, die ein Jeder sicher sein kann bei erforderlichem 
Eifer zu erlangen, die nicht blos einigen Glücklichen zufällt — 
worin keine genügende Anspomung enthalten ist — sondern einer 
ganzen Masse von Menschen, mindestens einem ganzen Viertel 
von der Gesammtzahl der Dienenden. Alle, die ihr Verständniss 
für das Militairwesen in der Praxis bewiesen haben, haben ein 
solches den Wetteifer beförderndes Beizmittel als die beste Be- 
dingung für die Tüchtigkeit des Heeres ausnahmslos anerkannt 
Kapoleon I. hat gesagt: „Würden in meiner Armee Riesen und 
Zwerge dienen, so würde ich sowohl für diese als für jene be- 
sondere Abtheilungen einrichten, damit keine einzige Gruppe 
Soldaten existire, in welcher der Mensch nicht die Möglichkeit 
sich über seine Kameraden zu erheben in Aussicht habe.^' Ist 



211 

in einem Militair der Wetteifer nicht angeregt, so ist er nur die 
Hälfte seiner selbst. Die Perspective auf eine Ernennung zum 
Unterofficier kann ein solches Reizmittel nicht ersetzen, erstens 
deshalb, weil weniger als einer derselben auf zwanzig Gemeine 
kommt, die Chancen befördert zu werden also sehr gering sind; 
und zweitens deshalb, weil die von einem Gemeinen verlangten 
Eigenschaften nicht dieselben sind, die von einem Unterofficier 
verlangt werden müssen, denn der allervortrefflichste Soldat 
kann vielleicht zum Unterofficier gar nicht taugen. Die Wieder- 
einführung von Elitemannschaften bei einem jeden Truppentheil 
ist also eine der wesentlichsten Erfordernisse unserer Armee. 
Bei der gegenwärtigen Eintheilung eines Bataillons in eine Schützen- 
und in eine Liniencompagnie würde jedoch die Einrichtung 
noch einer besonderen Elitecompagnie durchaus nicht praktisch 
sein. Zudem würde es ja gerade der Zweck eines solchen Instituts 
durchaus nicht verlangen, dass die Elitemannschaft in besondere 
Gruppen abgetheilt wäre; sie müsste vielmehr durch den ganzen 
Truppentheil vertheilt sein, wie das Blut durch den ganzen Kör- 
per circulirt. Entzieht man die Besten der Fronte, so schwächt 
man dieselbe; verleiht man ihnen dagegen eine Anerkennung, ein 
sichtbares Abzeichen, und lässt sie in der Fronte, so stärkt man 
dieselbe; auf diese Weise würde jedes Glied einer Tirailleurkette, 
eine jede Reihe fast in der Fronte seinen anerkannten Führer an 
der Spitze haben. Das Verhältniss der Anzahl der Elitemann- 
schaft zur Gesammtzahl der Frontemannschaft müsste derartig 
sein, dass ein jeder Soldat die Gewissheit hätte, dass auch ihm 
die Beförderung zu Theil werden würde, wenn er nur selbst will. 
Das normale Verhältniss, wie es bis zur Einführung der Schützen- 
compagnien existirte, bestand darin, dass der vierte Theil zur 
Elitemannschaft gehören konnte, also ein Elitesoldat auf vier 
Gemeine kam. 



U* 



'gCcöf c$ §apM 



Allgemeine Bemerkungen. 

Wir haben die Haaptbedingangen, unter denen die rassische 
Macht der derzeitigen internationalen Stellang anseres Vater- 
landes entsprechen könnte, betrachtet. Wir wollen nanmehr 
diese Bedingangen in ihrem allgemeinen Zusammenhang kurz 
recapituliren. 

Russland kann bis jetzt noch nicht ohne eine colossale Kriegs- 
macht existiren. Mehr als irgend einer der anderen europäischen 
Staaten ist Russland in der Lage sich nur auf sich selbst zu 
verlassen. Die Militairorganisation ist nicht etwas Willkührliches, 
sondern sie ist von der gesammten einmal gewordenen socialen 
Ordnung abhängig. Entsprechend dem historischen Geist zweier 
Staaten können die Streitkräfte derselben an Stärke bei weitem 
nicht gleich und bei ein und demselben Militairbudget nicht im 
mindesten von derselben Qualität sein. Daher ist eine Nach- 
ahmung hierin höchstens zur Zeit der Morgenröthe von aussen 
eindringender Civilisation an ihrem Platz. Eussland hat in seiner 
Geschichte seine Periode der Nachahmung bereits überlebt. Im 
äusseren wie im inneren Staatsleben ist es jetzt unsere Aufgabe 
Bussen zu sein und uns ausschliesslich nur nach uns selbst za 
richten. Hinsichtlich seiner Kriegsmacht ist Russland, abgesehen 
von seiner enormen Grösse, durch die Geschichte in die aller- 
vortheilhafteste Lage versetzt. Mit Ausnahme einiger Grenz- 
gebiete, welche auch aUmälig von der russischen Woge überfluthet 
werden, existiren bei uns, nach der Aufhebung der Leibeigen- 
schaft, zwischen Regierung, Gesellschaft und Yolk keinerlei er- 
hebliche MisQverständnisse mehr und Alles, woraus sie entspringen 
könnten, ist beseitigt; ein gegenseitiges Vertrauen festigt von 



r 



213 

oben bis unten das ganze Staatsgebände. Bei einer solchen Lage 
der Dinge muss die Macht des Staats nicht, wie in Oesterreich 
oder im napoleonischen Frankreich, nach der Stärke des stehen- 
den Heeres gemessen werden, sondern nach der Gesammtzahl der 
ganzen Bevölkerung. Für ein Militairbndget wie das französische 
könnten wir, selbst wenn die Unterhaltskosten für den Soldaten 
gleich wären, dennoch eine noch ein Mal so colossale Macht anf- 
stellen, weil unsere Regierung sich nicht darum zu sorgen hätte, 
dass der Soldat ihr auch ganz sicher sei, bevoi: ihm ein Gewehr 
in die Hand gegeben werde, und weil bei uns die ganze active 
Armee über die Grenze geführt und im Innern des Staates durch 
Solche, die erst heute unter die Fahnen berufen worden, ersetzt 
werden kann. In Folge dessen verhält sich die russiche Macht 
zur französischen nicht wie das eine Budget zum anderen (wie 
es unter gleichen politischen Bedingungen wohl der Fall wäre), 
sondern wie 80 Millionen zu 35. Eine jede Kraft muss aber, 
um überhaupt eine Kraft zu sein, organisirt sein: ohne das ist 
sie nur eine Kraft in der Möglichkeit, aber nicht in der Wirkung. 
Unsere finanziellen Mittel sind verhältnissmässig nicht bedeutend; 
die 80 Millionen Bussen zahlen in die Hände der Begierung um 
ein Viertel weniger als die 37 Millionen Franzosen. Durch die 
Staatseinkünfte, von welchen die stehenden Heere unterhalten 
werden, kann also Bussland offenbar nicht stärker als Frankreich 
sein. Unsere Kraft besteht aber nicht in den Geldmitteln, son- 
dern in den Menschen. Die Solidität der socialen Verhältnisse 
gestattet es uns beim Uebergang auf den Kriegsfuss die Armee 
in einer unverhältnissmässig höheren Proportion zu verstärken, als 
es die Franzosen können, bei denen jeder Soldat zugleich ein 
Trabant der Begierung ist und daher gewerbsmässig Soldat sein 
muss. Unsere zweite Eigenthümlichkeit, die ungeheuere Masse 
unserer Bevölkerung, gestattet uns unsere Kräfte nicht in einem 
solchen Grade anzuspannen, wie es in Preussen nöthig ist, nicht 
die ganze Armee in eine Miliz zu verwandeln, sondern einen er- 
heblichen Theil derselben im allerbesten kriegerischen Geist auszu- 
bilden. Das sind die historischen und statistischen Eigenthümlich- 
keiten des russischen Lebens. Bei einer colossalen und zugleich 
treuergebenen Bevölkerung und bei gleichzeitig schwachen Finanzen 
kann Bussland seine ganze Kraft nicht blos durch ein stehendes 
Heer mit langer Dienstzeit, nicht durch eine, wenn man so sagen 



214 

kann, soMatische Armee allein darstellen; wir bedürfen eines 
Volksheeres und einer Yolksmiliz. Eine vernünftige Reorganisation 
hat ihren Anfang genommen; es bleibt nnr noch übrig sie zu 
Ende zu führen. Die Ereignisse aber warten indess nicht. 

Es lässt sich beinahe mit Sicherheit behaupten, dass, wenn 
bei dem ersten Kriege gegen eine grosse Alliance (und ein anderer 
Krieg ist für uns schlechterdings nicht denkbar) nicht die organi- 
sirte Kraft des russischen Volks gegen den Feind ziehen würde, 
sondern blos die Armee allein in ihrer gegenwärtigen Stärke, so 
würden die Chancen des Erfolges doch wiederum nicht auf unserer 
Seite sein. Die gegenwärtig bei uns angenommene Militairorgani- 
sation kann mit der Organisation der Alliirten von 1854 ver- 
glichen werden; zu jener Zeit hätte sie uns, was die Einrichtungen 
anbelangt, auf eine gleiche Höhe mit dem Feinde gestellt; dem 
gegenwärtigen Militairorganismus in Europa kann sie dagegen 
nicht die Spitze bieten. 

Die Volksmiliz (opoltschenie) ist uns absolut nothwendig. 
Bei der enormen Ausdehnung unserer Grenzen wird das stehende 
Heer allein, selbst wenn es auch im Vergleich zu seiner gegen- 
wärtigen Stärke bedeutend vergrössert wird, den zwiefachen An- 
forderungen nicht genügen, d, h. die Grenzen gegen jeden Einfall 
zu schützen und zugleich dem Feinde mit einer Masse von gleicher 
Stärke an dem wichtigsten Punkt entgegenzutreten. Selbst im 
Fall eines Einzelkrieges ist das unmöglich, ganz abgesehen von 
einem Kriege gegen eine Alliance, auf den wir indess immer ge- 
fasst sein müssen. Ausserdem ist das stehende Heer eine viel zu 
theuere Kraft, um dort verwandt zu werden, wo man ohne sie 
auskommen kann. Aus diesem Grunde muss bei uns ein Volks- 
heer einberufen werden, die Volksmiliz, welche vollkommen dem 
Geist des Volkes entspricht, billig ist (ein Milizsoldat würde in 
Friedenszeiten nicht mehr als 5 Eubel kosten, alle Kebenausgaben 
mitgerechnet) und ohne welche wir in einem ernstlichen Kriege, 
wie es die Erfahrung wiederholt gelehrt hat, nicht auskommen 
können. Hauptsächlich ist aber die Volksmiliz deshalb erforder- 
lich, um die activen Truppen gegen den Feind zu concentriren, 
und zwar nicht erst, wenn der Krieg in voUen Flammen wüthet 
und das Geschick zum Theil schon entschieden ist, sondern gleich 
zum Anfang der Action. Damit man auf die Volksmiliz sicher 
rechnen könne, muss sie ein permanentes staatliches Institut 



215 

werden, und um sie zur rechten Zeit, ehe der erste Schuss fallt, 
marschiren lassen zu können, muss sie bei Zeiten in der Hand- 
habung der Waffe geübt werden, wozu als das beste Mittel eine 
jährliche Einberufung zu einer dreiwöchentlichen Uebungszeit er- 
scheint Ein solches Volksheer erfordert blos permanente Muni- 
tions- und Waffendepots und bietet ausserdem nur sehr wenig 
Schwierigkeiten. 

Aus der Yolksmiliz kann auch die ganze Anzahl der im 
Kriege erforderlichen Nichtcombattanten gestellt werden, welche 
in Folge dessen im Frieden nur in der allerbegrenztesten Zahl 
zu halten wären. Ebenso muss in Transkaukasien eine Miliz 
organisirt werden, weil dieses Land gentlgend pacificirt und gar 
kein Grund Torhanden ist, dasselbe ewig von Kriegsdiensten be- 
freit zu lassen. 

Femer muss bei einer organisirten Volksmiliz unser stehen- 
des Heer nach Anzahl der Bataillone und Batterien verstärkt 
werden, da es anders nur im Stande sein würde einem einzelnen 
Gegner, aber nicht einer Coalition die Spitze zu bieten. Im 
Fall eines Krieges gegen eine Alliance (die nicht nur möglich 
ist, sondern sogar in sehr bestimmten Umrissen erscheint) muss 
die russische Infanterie aus 60 Divisionen (welche wir zu je 
13 Bataillonen rechnen) bestehen. Dann wird man für die grosse 
active Armee nicht weniger als 40 Divisionen haben können, 
welche zum Anfang, zusammen mit allen übrigen Waffengattungen, 
gegen eine halbe Million Streiter ausmachen würden, also eine 
Macht, welche bei ihrer Gleichartigkeit und bei einem tüchtigen 
Commando genügen würde die einzelnen Verbündeten zu besiegen. 
Dabei würden die anderen Armeen (die südliche und die kaukasi- 
sche) stark genug sein, um den Feind abzuwehren, und die ganze 
Ausdehnung unserer Grenzen würde vor feindlichen Einfällen ge- 
schützt sein. 

Auch jetzt schon wird die Armee, dank der Verkürzung der 
Dauer der activen Dienstzeit, in Friedenszeiten bedeutend ver- 
ringert. Ich bin davon überzeugt, dass man diese Dienstzeit, 
ohne irgend welcher Befürchtung wegen nicht gehöriger Aus- 
bildung der Soldaten Raum zu geben, sofort auf 5 Jahre fixiren, 
in der Folge aber dieselbe auf das normale Mass reduciren 
könnte. Bei einem fünfjährigen Dienst unter der Fahne würde 
ein Bataillon aus 400 Mann bestehen, von denen 320 in der 



216 

Fronte und 80 Eekmten in der Eeserve wären; auf diesen Fnss 
kann die ganze active Armee, mit Ausnahme von 8 Divisionen 
und der Garde, reducirt werden. 

Eine der Hauptursachen der relativ geringen Stärke unserer 
activen Truppen besteht darin, dass bei uns eine ganze Masse 
localer Truppen , die für den Krieg so gut wie todt sind, existirt, 
was in Europa bereits längst nicht mehr vorkommt. Dabei ge- 
ntigen diese localen Truppen auch selbst nicht einmal ihrer 
directen Aufgabe, was bei der niederen Qualität derselben gar 
nicht zu vermeiden ist, während sie auf anderer Basis nicht 
schlechter als die übrigen wären. Ersetzt man unsere sog. 
innere Wache durch Gensdarmen*), wie das in der ganzen Welt 
geschieht, so können aus den Gouvernements-, kaukasischen 
Linien- und aus den Festungsbataillonen ohne alle Schwierigkeit 
8 neue Divisionen formirt werden. Damit unsere stehende In- 
fanterie auf die Stärke von 60 Divisionen gebracht werde, bleibt 
nur noch übrig durch Abtheilung neuer Cadres, wie es im Jahre 
1863 geschehen ist, noch 5 Divisionen hinzuzufügen. 

In Folge dieser Reorganisationen würde sich unsere gesammte 
Infanterie (innerhalb der Grenzen des europäischen Russlands 
und des Kaukasus) in eine active verwandeln und die Kriegs- 
macht würde ihre normale Entfaltung erreichen; die Präsenzstärke 
der Armee würde aber in Friedenszeiten um 140,000 Mann 
vermindert werden können. 

Eine bis auf die Cadres reducirte Volksarmee kann jedoch 
nicht auf gleicher Basis wie eine Armee mit langer Dienstzeit, 
in welcher der Geist der Truppen aus dem langen Znsammen- 
leben unter der Fahne entspringt, existiren. Damit ein Regiment, 
das mit einem Mal von einem Drittel seiner Stärke auf die volle 
Stärke gebracht wird, als eine sittlich ungeschwächte, von einem 
gemeinsamen Geist durchdrungene Truppeneinheit erscheine, muss 



*) Der „Wojenny Sbomik" („Milit. Revue", Organ des rassi- 
schen Kriegsmlnisterinms) erklärte (am 1. Januar 1863), dass wir keine 
tüchtigen Gensdarmen bekommen könnten, — • wahrscheinlich wohl des- 
halb, wen der Gensdarmendienst der Natur des Russen widerspricht l 
Das erinnert an die Motivirung des militairischen Specialcomit^s in den 
dreissiger Jahren, dass man dem russischen Soldaten deshalb keine 
Pistonflinte geben könne, weil er, seiner eigenthümlichen Natur nach, 
die Pistons verlieren würde. 



217 

es aus Solchen gebildet werden, die von diesem Geist schon 
Yorher umfangen sind, aus Kameraden und nicht aus irgend wie 
planlos zusammengebrachten Leuten. Da aber die terminlosen 
Urlauber eines Regiments von allen Enden des Reichs nicht wieder 
in dasselbe Regiment zusammengebracht werden können, so giebt 
es zur Erreichung dieses Ziels kein anderes Mittel, als jedem 
Regiment einen permanenten Rekrutenbezirk zuzutheilen, wie das 
überall da eingeführt worden ist, wo der Bestand der einzelnen 
Truppentheile im Frieden bedeutend reducirt wird. Es kann 
keinem Zweifel unterliegen, dass ein Regiment, welches aus 
Laiidsleuten gebildet ist, sehr bald ein Regiment mit Charakter 
wird, dass sich in demselben eine bedeutende Kriegstüchtigkeit 
entwickeln, dass der Rekrut schon früher innerlich mit seinem 
Regiment verbunden sein und der Kriegsdienst in den Augen des 
Volks eine ganz andere Gestalt als gegenwärtig annehmen wird. 
Diese Massregel ist mit gar keinen Schwierigkeiten verbunden, 
weil mit Ausnahme einiger Grenzgebiete, aus denen die Rekruten 
zur ergänzenden Completirung derjenigen Regimenter, welche sich 
nicht unter den gleichen sanitarischen Yerhältnissen befinden, 
zu verwenden sind, unter den übrigen 62 Millionen Einwohnern, 
bei denen dieses Institut vollkommen anwendbar ist, die russische 
Race überall in sehr bedeutender Majorität ist, was soviel heisst, 
als dass sänmitliche Regimenter der Sprache sowohl wie dem 
Geiste nach russisch sein werden. 

Die Armee muss in ihren Unterofficieren und Gefreiten eine 
feste Basis haben; je jünger die Armee ist, desto fester muss 
diese Basis sein. Diese älteren Leute müssen daher auch durch 
ein höheres Gehalt im Dienst erhalten, nach Ablauf der gesetz- 
lichen Frist aber auf eine zweite Dienstzeit angeworben werden; 
hierzu muss die Summe bestimmt werden, welche aus dem Ver- 
kauf von Rekrutenquittungen gelöst wird, wobei zugleich die An- 
nahme von gemietheten Stellvertretern, aus denen niemals gute 
Soldaten werden, zu verbieten ist. 

Ist das ganze Land für die Volksmiliz (opoltschenie) in 
Bataillons-(Druschinen-)Bezirke und für die Regimenter in Re- 
krutenbezirke getheilt, so muss die Verwaltung dieser und jener 
Bezirke immer in ein und derselben Hand concentrirt sein. 
Zwischen dem Regiment und den von demselben Ort gestellten 
Druschinen (Milizbataillonen) werden sich die innigsten Herzens- 



218 

bände knüpfen und die Druschinen werden 'gewissennassen die 
4. und 5. Bataillone ihres Regiments abgeben. Ein solcher Bezirk 
würde aus einem Regiments- und zwei Milizbezirken bestehen 
und gegen 133000 Einwohner männlichen Geschlechts umfassea 
Auf diese Weise würde das europäische Russland (rechnet man 
nur dasjenige Gebiet, in welchem die russische Race eine erheb- 
liche Majorität ausmacht) in 240 solcher militairischer Bezirke 
zerfallen, die Verwaltung würde localisirt, in der guten Bedeutung 
dieses Wortes, und die vom Kriegsministerium unternommene 
Decentralisation würde ihre normalen Grenzen erreichen. 

Die bei uns existirende Organisation der Cavallerie ist nur 
damit zu vergleichen, wie wenn die Engländer ihre Matrosen 
unter dem Landvolk der inneren Grafschaften suchen wollten. 
Es ist durchaus in jeder Hinsicht total irrationell, dass ein Staat, 
in dessen Grenzen Millionen natürlicher Reiter leben, mit solchen 
Anstrengungen aus gewöhnlichen Bauern, die man noch erst 
lehren muss sich auf dem Pferde zu halten, eine Reiterei formirt, 
so dass die Folge davon eine permanente Mittelmässigkeit dieser 
Waffengattung ist. Ueberdies muss eine solche künstliche Reiterei 
auch während des Friedens, zur Belastung des Budgets, immer 
in voller Stärke erhalten werden. Unser herrliches donisches 
Heer ist dem Geist und der Tradition nach eine wirkliche regu- 
laire Reiterei, wodurch es sich hauptsächlich vor den übrigen 
Kosaken auszeichnet; es muss nur in stehende Regimenter und 
Hunderte, an Stelle der willkührlich zusammengebrachten, getheilt 
und die Civilverwaltung von dem activen Militair ausgeschieden 
werden. Dann wird jährlich ein donisches Kosakenhundert jedem 
Cavallerieregiment einverleibt und zugleich ein Escadron desselben 
aufgelöst werden können; nach Verlauf einiger Jahre werden 
unsere künstlichen Reiterregimenter von 4 Escadrons durch 
natürliche von 6 Escadrons und von weit höherer Qualität er- 
setzt sein, nur werden die donischen Officiere zur Hälfte durch 
Officiere der regulairen Truppe ersetzt werden müssen. Die 
regnlaire Cavallerie wird sich sodann in Kriegszeiten, entsprechend 
der erforderlichen Verstärkung der Infanterie, um die Hälfte 
vermehren und sich im Frieden um mehr als die Hälfte vermin- 
dern, woraus sich bedeutende Ersparnisse ergeben würden, die 
ohnehin zur Befriedigung anderer schreiender Bedürftiisse noth- 
wendig wären. 



219 

Unsere irregulaire Reiterei repräsentirt ein kostbares Hülfs- 
mittel ftir den Krieg und gewährt uns erhebliche Vortheile, deren 
wir uns jedoch bisher noch nicht ganz bewusst bedient haben, 
was zum Theil von der Qualität und der Bewaffnung der donischen 
Kosaken, die fast ausschliesslich diese Waffengattung repräsentirten, 
abhing. Wir können diese leichte Reiterei ebenso gebrauchen, 
wie es vor alten Zeiten die Türken gemacht haben, und dadurch 
den Feind in eine bedrängte Situation versetzen. Unsere natür- 
lichen Reiter zerfallen nach ihren Eigenthümlichkeiten in zwei 
Kategorien: in solche, die zum Kriege, und solche, die zum Vor- 
postendienst sich besonders eignen. Aus den Bergvölkern des 
Kaukasus müssen 18 Regimenter schon deshalb allein gebildet 
werden, um den übersprudelnden Muth der eingeborenen Jugend 
für uns auszunutzen, da derselbe sich sonst gewiss bei der ersten 
günstigen Gelegenheit gegen uns wenden würde; zusammen mit 
den Linienkosaken würden wir dann 56 irregulaire active Regi- 
menter haben. Sodann wäre es ebenfalls praktisch aus den No- 
maden des Inneren, welche gar keine Lasten tragen, einige Re- 
gimenter zum Wachtpostendienst zu formiren. Dadurch dass aus 
den donischen Kosaken die regulaire Cavallerie gebildet wird^ 
würde die Qualität der irregulairen, deren wir ohnehin mehr be- 
sitzen, als wir brauchen, nicht . im mindesten herabgedrückt 
werden. 

Der Einfluss der grossen bürgerlichen Umgestaltungen der 
gegenwärtigen Regierung hat die Grundlagen, auf denen unsere 
Armee ruhte, vielfach verändert. Das Zuströmen des Adels zum 
Militairdienst hat sich bedeutend vermindert. Um diesen Aus- 
fall zu ersetzen, sowie um es nicht geschehen zu lassen, dass ver- 
schiedene stammesfremde Elemente definitiv an die Spitze der 
russischen Streitkräfte treten, ist die Aufhebung der ständischen 
Vorrechte im Militairdienst nothwendig geworden; die russische 
Armee muss ihre Officiere selbst erziehen, ebenso wie es die 
französische macht. Die Veränderung des Charakters der obersten 
Sphäre der Armee, nämlich des Officiercorps , welches bisher ein 
Stand war, erheischt wiederum weitere Massregeln; der Corpora- 
tionsgeist muss den ständischen Geist ersetzen, das russische 
Officiercorps muss eine eigene, von der Bedeutung ihres Berufs 
durchdrungene Kameradschaft, ohne irgend welche Unterabthei- 
lung auf Grund veralteter Privilegien, bilden; es muss, abge- 



220 

schlössen in sich selbst, sowohl in den eigenen Augen wie in 
denen der Nation die Spitze der Kriegsmacht Busslands, und 
nichts Anderes ausserdem, repräsentiren. Anstatt die einzelnen 
Kräfte der Officiercorporation zu zerstreuen und zu zersplittern, 
sind dieselben zu concentriren und sämmtliche unter allerlei Yor- 
wänden der Armee entzogenen ausgesuchten Elemente der letzte- 
ren wieder zu geben, wenn anders jemals in ihr der erforderliche 
Sauerteig sich durcharbeiten soll. Die Armee soll ein wohlge- 
fttgtes Ganze, eine ununterbrochene Kette ohne irgend welche 
Ausnahmen und Sonderbestimmungen darstellen, mit einem "Wort 
ein lebendiger Organismus sein und nicht eine mechanische Lage- 
rung unzusammenhängender Schichten. 

Zugleich mit der Veränderung vieler Grundlagen in der 
Armee verändert sich auch die Bedeutung der Unterofficier-Stel- 
lung, die nothwendig eine höhere werden, durch ein besseres Ge- 
halt gesichert und zum Beruf der Leute für ihr ganzes Leben 
werden muss. Ebenso ist es nöthig die frühere Kategorie der 
Elitetruppen wieder herzustellen, um dem Gefühl des Ehrgeizes, 
dem Hauptmotiv eines jeden Militairs, gerecht zu werden und zu 
gleicher Zeit ein lebendiges Yorbild des Verdienstes, als Beispiel 
zur Nachahmung in den Augen eines jeden anderen Soldaten, dar- 
zustellen. Dass das Heer im kriegerischen Geist ausgebildet 
werde, hängt von den Anforderungen von oben her ab. "Wird 
man erst die Armee ausschliesslich als Elriegsmacht ansehen und 
in ihr blos das, was für ihre kriegerische Entwickelung wesent- 
lich ist, schätzen, dann wird sie, bei der unvergleichlichen nattlr- 
lichen Tüchtigkeit des Materials, aus dem sie gebildet wird, auch 
factisch nicht blos der Quantität nach, sondern auch der Qualität 
nach die erste Armee in der Welt werden. 

Unsere Annahmen sind folgende: 

Eine den factischen Erfordernissen entsprechende Organisa- 
tion erweist sich immer auch in vielen anderen Beziehungen vor- 
theilhaft. Bei einer Reorganisation der Armee nach den oben 
ausgeführten Principien würde sich folgendes Ersparniss heraus- 
stellen: 

1) Durch die Reducirung der Präsenzstärke der 
Infanterie um 140,000 Mann, 50 Rubel per 
Mann gerechnet 7,000,000 RbL 



221 

2) Durch die Bedacirnng der Anzahl der Nicht- 
comhattanten, welche im Kriege durch Leute 
aus der Yolksmiliz ersetzt werden, nehmen 

wir an*) 500,000 Bbl. 

3) Durch die Reducirung der regulairen Caval- 
lerieregimenter (4 active Escadrons, ein Re- 
serve- und ein Ersatzescadron) auf 2 Esca- 
drons, im Ganzen annähernd 3,500,000 „ 

Zusammen 11,000,000 Rbl. 

Wir haben hierbei nicht mitgerechnet weder die bei der 
Equipirung der Leute zu machende Oekonomie, denn die Eosaken 
treten mit eigenen Kleidern in den Dienst, noch das Ersparniss 
an Officiersgagen (weil ein Drittel der ganzen Anzahl von Officie- 
ren bei der Reducirung der Truppentheile, auf eigenen Wunsch, 
jährlich beurlaubt werden könnte). 

Die Erfordernisse, welche dagegen neue Ausgaben mit sich 
bringen, sind folgende: 

Der Unterhalt der Volksmiliz 2,500,000 Rbl. 

Mehrkosten des Unterhalts der Gensdarmen 
im Vergleich zu den Ausgaben für die übrige 
Infanterie 1,500,000 „ 

Der Unterhalt von 10 neuen Divisionsstäben 
und der Officiere von 65 neuen Bataillonen und 
13 Artilleriebrigaden 2,250,000 „ 

Die Erhöhung des Gehalts der Unterofficiere 
und Gefreiten im Vergleich zu ihren gegenwär- 
tigen Gagen, für die ersteren auf 6 und für die 
letzteren auf 3 Rubel monatlich, wenn nur Yj 
der Gesammtzahl beim Friedensetat in der Prä- 
senz gerechnet wird 3,250,000 „ 

Zusammen 9,500,000 Rbl. 



*) In dem letzten Rechenschaftsbericht des Kriegsminis terinms ist 
weder die Anzahl der Nichtcombattanten, noch sind die Unterabtheilangen 
derselben aufgenommen, nnd wir haben daher die letzte Zahl nur als 
muthmasslich angegeben. Wahrscheinlich würde sie aber die angegebene 
noch übersteigen. 



222 

Somit würden noch 1 Va Millionen zu anderen Zwecken ttbrig 
bleiben. 

Diejenigen Summen, welche durch eine Keducirung der über- 
mässigen Anzahl solcher Officiere, die gegenwärtig unter verschie- 
denen Benennungen ausserhalb der Fronte dienen, erübrigt wer- 
den, sind hierbei nicht mit in Rechnung gezogen worden, da die- 
selben ausschliesslich zur Aufbesserung der Gagen der im Dienst 
factisch nöthigen Officiere verwandt werden müssen. 

Die active Streitmacht Russlands beträgt zur Zeit (mit Aus- 
nahme der östlichen Grenze und der Sappeure) 556 Bataillone und 
232 Escadrons. Auf obiger Grundlage würde sie dagegen, bei 
einer gleichen Ausgabe in Friedenszeiten (mit einem Zuschuss fftr 
einige Gegenstände und ohne die geringste Verminderung der 
Qualität des Heeres, sondern vielmehr mit der entgegengesetzten 
Wirkung) 780 Bataillone (und mit der Yolksmiliz zusammen 1280 
Bataillone) und 340 Escadrons ausmachen; abgesehen von der 
Einberufung der Miliz würde ausserdem eine geringere Anzahl 
Hände der productiven Arbeit entzogen und der Kriegsdienst in 
der Vorstellung des russischen Volks endlich das werden, was 
er sein müsste, nämlich eine heilige Pflicht, die keines Menschen 
Lebenspläne stören darf. 

Ausser diesen permanenten Streitkräften, welche den Streit- 
kräften jedes beliebigen europäischen Bündnisses nicht nachstehen 
würden, würde die Errichtung einer Volksarmee mit einer Miliz 
ganz Kussland in ein Kriegslager verwandeln können. Wenn die 
Vorsehung dem russischen Volk in Zukunft Prüfungen bereiten 
sollte, welche der Grösse des historischen Geschicks desselben ent- 
sprechen, so würde sich unser Vaterland bei solchen Einrichtun- 
gen rüsten können, wie sich gegenwärtig Preussen rüstet, und 
dem Andrang selbst von ganz Europa eine unbezwingbare Mauer 
gerüsteter und wohlorganisirter Mannen entgegenstellen. Im Jahre 
1812 war Eussland bereit sich bis auf den letzten Mann zu er- 
heben, aber der allgemeine Enthusiasmus hat nur wenig Vortheil 
gebracht; ein halbes Jahr lang tobte der Krieg innerhalb der 
Grenzen Russlands, sechs Gouvernements fielen der Verheerung 
anheim und endlich war der Feind vernichtet, jedoch ohne dass 
die Landeskräfte dazu mitgewirkt hätten. Der Enthusiasmus 
allein hat dabei nicht viel zu sagen; er ruft wohl einzelne Par- 
tisanen hervor, aber er macht nicht aus einem unvorbereiteten 



223 

Volk ein regulaires Heer, welches im Stande wäre sich Auge in 
Auge mit dem Feind zu messen; während bei einer dem gegen- 
wärtigen Jahrhundert entsprechenden Militairorganisation, bei einer 
Volksarmee mit kurzer Dienstzeit und bei einer Volksmiliz so 
Viele durch die Keihen des Heeres passiren würden, dass ausser 
den Listen des Kriegsministeriums noch eine Masse fertiger Streiter 
übrig bleiben würde. Dieselben würden natürlich durch das Ge- 
setz vor einer wilikührlichen Einberufung zum Dienst geschützt 
sein ; aber es giebt Fälle, in denen ein jedes Eecht vor der Sorge 
mn die Selbsterhaltung zurücktreten muss; in einem solchen Fall 
hat sich Frankreich im Jahre 1793, Russland im Jahre 1812 
und Amerika im Jahre 1862 befunden. Verfügt man über einige 
bereits ausgebildete Jahrgänge der Volksmiliz und über die höhe- 
ren Stände, deren Mehrzahl die Schule des Militairs durchge- 
macht hat, so kann man nicht blos eine vernichtende Volksmacht 
aufstellen, sondern auch, ohne irgend welchen Aufenthalt, 4. und 
5. Bataillone formiren, d. h. also die ohnehin colossale Armee 
noch um zwei Drittel verstärken; in einem solchen äussersten 
Fall kann man auch noch zu der aus donischen Kosaken ge- 
bildeten regulairen Cavallerie je zwei Escadrons fertiger Reiter 
auf jedes Regiment hinzufügen; und der Vorrath unserer irregulairen 
Cavallerie ist unerschöpflich. Ein auf solche Weise organisirtes 
Volk von 80 Millionen kann man dreist unbesiegbar nennen. 

In ihren Hauptzügen kann unsere Landes-Militair-Organisation 
in kurzer Zeit realisirt werden, und zwar in nicht länger als vier 
Jahren, ein Jahr auf die vorbereitenden Massregeln gerechnet. 
In diesen 48 Monaten würden drei Klassen der Miliz fertig sein; 
die Infanterie würde noch rascher zu reorganisiren und auf die 
gewünschte Stärke zu bringen sein. Nur die Umgestaltung der 
Cavallerie verlangt zehn Jahre; im äussersten Fall reicht aber 
auch für die verstärkte Armee selbst die gegenwärtige Cavallerie 
aus, zumal wenn sie von einem Schwärm irregulairer Reiterei, 
wie sie Russland jedes Mal aufzustellen hat, begleitet wird. 

Hat Russland erst eine Volksarmee und eine Miliz gebildet, 
so wird es auch im Stande sein den Streitkräften eines jeden be- 
liebigen europäischen Bündnisses siegreich zu begegnen. Man 
kann mit Bestimmtheit behaupten, dass verschiedene verbündete 
Streitkräfte bei gleicher numerischer Stärke dennoch niemals 



224 

ebenso mächtig sein würden wie gleichartige Streitkräfte. Es 
findet dabei nämlich ganz dasselbe statt wie bei einem Kampf 
zwischen einem Mann von riesigen Kräften und zwei oder drei 
gewöhnlichen Leuten. Die Kräfte dieser Letzteren zusammenge- 
nommen übertreffen vielleicht die Kraft des Gegners, aber sie 
können ihn doch niemals so angreifen, dass ihre Anstrengungen 
genau in demselben Moment zusammenwirken, während eine jede 
Schwenkung des Starken jeden der Gegner einzeln niederwirft. 
Ganz abgesehen von der Mannigfaltigkeit der Gesichtspunkte und 
der Ziele, von der Verschiedenheit der Verfahrungsweise, von der 
durch die Eigenliebe eines jeden Verbündeten veranlassten Störung 
in der Continuität des Handelns, von der Schwierigkeit bei einer 
Armee, die mehrere Köpfe hat, die Einheit aufrecht zu erhalten, 
— so bietet schon allein die Concentrirung der Kräfte seitens 
zahlreicher Verbündeten solche Schwierigkeiten, dass ein ent- 
schlossener Gegner, der nur mit seinem eigenen Kopf allein denkt, 
den Feinden fast inuner zuvorkommen und ihre Vereinigung ver- 
hindern kann. Natürlich würden wir bei einer bedeutenden Con- 
centrirung unserer Kräfte an der Westgrenze nicht auch an an- 
deren Grenzen offensiv verfahren können; aber das brauchen wir 
auch gar nicht; es genügt an diesen Grenzen eine Defensivstellung 
einzunehmen und dieselben mit einer solchen Macht zu besetzen, 
dass der Feind nicht auf sichere und rasche Erfolge an den 
Grenzen rechnen dürfte; angesichts einer grossen activen Armee 
würde er ebenso wenig eine erhebliche Macht zu Unternehmungen 
zweiten Kanges entmissen können. Landungstruppen können uns 
wohl beunruhigen, aber nur der Zusammenstoss von Landtruppen- 
massen in Mitteleuropa allein wird allendlich entscheiden, wer 
Eecht hat und wer der Schuldige ist, wird das Schicksal der 
Grenzgebiete ebenso, wie das des Hauptkriegsschauplatzes ent- 
scheiden, gerade so wie bei Königgrätz das Geschick Italiens ent- 
schieden worden ist. 

Bei einem europäischen Landkriege verleiht uns der Besitz 
des Königreichs Polen, bei sonst gleichen Kräften, ein enormes 
Uebergewicht über unsere Gegner. Dieser vorgeschobene Posten 
des russischen Reichs, der als Keil in Europa hineinragt wie 
eine Bastion zwischen Oesterreich und Preussen, bietet in unse- 
rer Hand bekanntlich eine unvergleichliche Operationsbasis. Im 



22& 

Fall eiBes Krieges mit Oesterreich oder mit Prenssen'") ki^sai 
oiusere Armee, welche den Lauf der Weichsel und die an der- 
selben belegenen Festangen beherrscht, von keiner einzigen Seite 
umgangen werden. Unsere Feinde können uns nur von vorn, an 
der am weitesten vorgeschobenen Grenze des Reichs angreifen, 
während unsere Armee nach einigen Tagemärschen im Herzen des 
feindlichen Landes erscheinen und dadurch mit einem Schlage die 
Hälfte des feindlichen Gebiets lahm legen würde : im preussischen 
Kriege Alles, was im Osten von der Oder liegt, im österreichi« 
sehen Kriege ganz Galizien und einen grossen Theil von Ungarn. 
Bei einem guten Obercommando und Entschlossenheit von unserer 
Seite ist eine rechtzeitige Yereinigung solcher Yerbündeten, wie 
etwa wenn die Franzosen oder Italiener sich mit den Oester- 
reichem vereinigen wollten, vollständig unmöglich; die verbündeten 
Armeen würden einzeln, eine nach der anderen, den Kampf auf« 
zunehmen haben, ausser wenn unsere Nachbaren, um sieh müt 
ihren Freunden zu vereinigen, an diß entgegengesetzte Gren^se 
ihrer eigenen Territorien rücken wollten und dadurch ihre wich- 
tigsten Gebiete ohne einen Sphuss preisgeben. Selbst im FaU' 
eines gegen uns gerichteten Bündnisses zweier an einander gren- 
zenden Staaten, wie Oesterreich und Preussen, könnten wir uns 
durch rasches Vorrücken aus dem Köni^eich Polen zwischen die 
feindlichen Armeen stellen und e^ nicht zur Yereinigung derselben 
kommen lassen. 

Ohne Zweifel bieten die Eisenbahnen heut zu Tage die Mittel 
dazu Truppen in einem verbündeten Lande weit rascher, als d^ 
Feind anzugreifen vermöchte, vorzuschieben; immerhin aber doch 
nicht so rasch, dass eine in Savoyen oder selbst in Yenetien QOfir 
centrirte Armee rechtzeitig einer in den Karpaten stehenden 
Armee gegen einen Feind, der aus dem Badomschen Gouverne- 
ment anrückt, zu Hülfe kommen könnte. 

Die Kraft Busslands ruht ausschliesslich in seiner Land- 
armee. Unsere Flotte kann wohl in der Defensive ihre Bedeu- 
tung haben und uns in Kriegszeiten von der Ausgabe liberirea, 



*) Hier ist nicht von politischen, sondern von strategischen Mög- 
lichkeiten, von dem Charakter unserer Grenzen, die Rede. Dass von 
einem Brach mit Preussen z. B. gegenwärtig auch nicht die Red« sein 
kann, weiss ein Jeder. 

Fadejewy RussUnds Kriegsmacht. 15 



226 

eine oder zwei Divisionen mehr in den Bassins des baltischen 
nnd des schwarzen Meeres zu unterhalten, was übrigens bei der 
Existenz einer Yolksmiliz keinen gar zu grossen Unterschied 
macht; eine Eolle aber, die bei einem grossen enropäischen Kriege 
irgend Etwas in die Wagschale legen könnte, hat sie niemals 
gespielt, und wird sie auch künftig nicht spielen, wenigstens so 
lainge nicht, bis wir einmal die ausschliessliche Herrschaft über 
eines der angrenzenden Meere erlangt nnd dasselbe abgeschlossen 
haben werden. Bann ist es etwas ganz Anderes, dann würde un- 
sere Flotte im Stande sein sich ruhig in ihrem sicheren Hafen 
zu entwickeln und, wenn es nöthig ist, auszulaufen, einen Schlag 
zu führen und sich gleich wieder zurückzuziehen. Aber auch 
selbst dann werden wir keine Seemacht sein in dem Sinn, wie 
es England, Amerika und selbst Frankreich ist; unsere Seekräfte 
können, selbst wenn sie auch noch so gross wären, da sie immer 
in zwei Hälften zwischen dem schwarzen und dem baltischen 
Meer getheilt sind, niemals der Seemacht eines Staates gleich- 
kommen, welcher die Ufer eines Weltmeeres beherrscht und da- 
her seine Flotte concentriren kann. Ein grosses Volk kann frei- 
lich nicht ganz ohne eine gewisse Seemacht auskommen, wenn 
audi nur um seinen Interessen an fremden Küsten Nachdruck 
zu geben, um im Fall eines Seekrieges im Stande zu sein, durch 
seine Kreuzer dem Feinde zu schaden; doch das sind Alles Dinge, 
die nur in zweiter Linie zur Geltung kommen, die aber nicht am 
ein Haarbreit auf die Geschicke grosser internationaler Conflicte 
einwirken. Zu solchen nebensächlichen Aufgaben haben wir 
Kriegsschiffe genug. Wir wünschten wohl noch eine kleine Escadre 
im stillen Ocean zu haben, an dessen Küsten sich die russische 
Macht alhnälig entfaltet, wir wünschten auch eine Polizei auf dem 
schwarzen Meere zu unterhalten, es ist aber beim Wünschen ge- 
blieben. Bildet man sich ein, dass die Entwickelung unserer Flotte 
unter den gegenwärtigen Verhältnissen auch nur den geringsten 
Einfluss auf die internationale Macht Russlands haben könnte, 
, so hiesse das, unserer innigsten Ueberzeugung nach, gerade soviel, 
als vom ganzen Kriegswesen radical gar nichts verstehen. Eine 
grosse Flotte unterhalten, die doch niemals einer verbündeten, 
selbst nicht einmal der französischen oder der englischen einzeln 
gleichkäme und daher bei dem ersten Schuss sich gleich wieder in 
ihre Häfen flüchten müsste, — zur Unterhaltung dieser Flotte 



i 



227 

der Landarmee die derselben so nöthigen Summen entziehen, 
während die letztere doch die factische Macht repräsentirt, Messe 
die Ausgaben von einem productiven Boden auf einen unproduc- 
tiven übertragen. Besässe ich die Zauberkraft, mit einem Wort, 
zum Anfang des Krieges, entweder unsere ehemalige, in der That 
ausgezeichnete und heldenmüthige Flotte vom schwarzen Meer, 
mit sämmtlichen neuesten Vervollkommnungen ausgestattet, zu er- 
schaffen oder aber noch ein Corps guter Truppen, nicht einen 
Augenblick würde ich schwanken und das Corps erstehen lassen. 
Eine Flotte auf dem schwarzen Meere würde einen bedeutenden 
Einfluss auf Ereignisse von nicht gerade hervorragender Bedeu- 
tung im Osten, besonders in Friedenszeiten haben können; sie 
würde häufig unserer nationalen Eigenliebe Triumphe verschaffen 
können; in Eriegszeiten aber würde sie keinen entscheidenden 
Einfluss auf die Ereignisse üben können. Es ist allzu deutlich, 
dass die Geschicke des Ostens nicht von See- oder Landsiegen 
im Osten abhängen, während die Anwesenheit eines Armeecorps 
mehr auf einem europäischen Schlachfelde sowohl die orientalische 
wie die abendländische Frage, die des schwarzen Meeres und jede 
andere Frage entscheiden könnte. 

Das Commando gewinnt in unseren Tagen womöglich eine 
noch grössere Bedeutung, als es schon früher hatte. Die Staaten 
bieten gleich zu Anfang des Krieges ihre ganze Macht mit einem 
Mal auf; die hinter der Armee stehenden Keserven sind im Ver- 
gleich zur activen Armee nicht stark genug, um auf den Gang des 
Krieges bedeutend einzuwirken. Bei der Ungeheuern Grösse der 
Armeen und der Bequemlichkeit des Verkehrs schreiten die Er- 
eignisse so rasch vorwärts, dass es bisweilen unmöglich erscheint 
die ersten Misserfolge zu repariren, ja dass man sogar keine Zeit 
hat den Obercommandirenden zu wechseln. Die richtige Combi- 
nation bei den ersten Operationen hat immer eine sehr bedeu- 
tende Garantie für den Erfolg geboten; gegenwärtig aber liegt 
in ihr die ausschliessliche Garantie und zum grössten Theil auch 
das entscheidende Moment. Und in der Wahl des Obercomman- 
direnden darf man sich nicht mehr irren. 

Es ist gleichfalls gewiss, dass die ungeheure Grösse der auf- 
gestellten Macht rein strategische Combinationen in demselben Mass 
zu unterstützen geeignet ist, in welchem sie ökonomische Com- 
binationen complicirt macht. Die * Truppenmassen sind gegen- 

15* 



228 

wärtig za gross nnd erheischen zn viel Sorgfalt hinsichtlich ihrer 
Yerpflegang, am leicht heweglich za sein. Die zafalligen strate- 
gischen Manöver in Folge stündlich vorkonunender anerwarteter 
Ereignisse, in denen das Wesen der Eriegskonst besteht, werden 
dadurch schwierig; ihre Bedentong concentrirt sich in dem all- 
gemeinen Eriegsplan, in der Wahl des Objectivponktes and in der 
Direction, welche den Massen von Anfang an gegeben worden ist*) 
Der Capitalfehler, welcher das Verderben der Oesterreicher im 
letzten Exiege geworden, hat offenbar darin bestanden, dass ihre 
Haaptmacht, als der erste Schass fiel, in Ober-Schlesien stand, und 
nicht im nordöstlichen Böhmen, wo sie hätte sein müssen; die 
Chancen des Krieges wäjren gleich gewesen, wenn Benedek — 
gleich za Anfang richtig disponirt hätte; am den Fehler zu re- 
pariren, nachdem der Krieg schon begonnen, hätte es eines Na- 
poleon L aber nicht eines Benedek bedurft. Es ist natfirUch 
leichter sich den Operationsplan in Masse za überlegen, als immer 
aaf dem Fleck richtige Eingebungen zu haben. Je weniger man 
sich in der Wahl des Obercommandirenden irren kann, desto 
weniger steht es dem Obercommandirenden selbst bevor sich za 
irren. Würden sich die Dinge aber nicht immer gerade in dieser 
Proportion gestalten, so müsste jede Entwickelung selbst an- 
möglich werden. 

Endlich handelt es sich bei den gegenwärtigen Streitkräften 
nicht blos um den Vorgesetzten, sondern um die Vorgesetzten. 
Kein Mensch vermag über solche Massen, die sich über einen so 
grossen Baum erstrecken, f actisch zu disponiren. Natürlich ist 
hier nicht von einem Cäsar oder Napoleon, sondern von gewöhn- 
lichen Talenten die Rede. Der letzte böhmische Krieg liefert 
hierzu ein treffliches Beispiel. An der Spitze der preussischen 
Armee stand nicht nur kein genialer Mann, sondern auch nicht 
einmal einer mit hervorragendem Talent; es stand einfach Nie- 
mand an ihrer Spitze. Die einzelnen preussischen Armeecorps 
wurden aber von energischen Männern commandirt, welche, und 
das ist die Hauptsache, nicht unnütz künstelten, sondern ohne 



*) Naturlich darf man das nur relativ verstehen, wie das Gesagte 
überhaupt nur gemeint ist. Zufällige strategische Manöver k^nen 
ja auch gegenwärtig noch grosse Resultate erzielen; — es handelt siob 
hier jedoch um die Regel und nicht um die Ausnahme. 



229 

alle raffinirten Manöver gerade auf den Schnss losgingen, sobald 
sie ihn gehört hatten; nnd das hat sich als probat erwiesen» Der 
Hanptstab fing erst, nachdem gesiegt worden war, in der zweiten 
Periode des Feldzuges, an wirkliche Pläne zu entwerfen. Die 
grosse Eigenschaft der prenssischen Armee, die man in ihr durch- 
aas nicht vermuthet hatte, die unermesslich grosse Eigenschaft 
besteht darin, dass sie entschlossene Grenerale ausbildet, welche 
fest und einfach zu handeln verstehen, worin die erste Bürgschaft 
fftr den Erfolg im Kriege besteht. Der Marschall Marmont hat 
also ofenbar sehr richtig behau)»tet, dass das Hauptverdienst 
eines Anführers im Kriege in der vollkommenen Uebereinstimmung 
des Yerstandes mit dem Charakter besteht, so dass die Stärke 
des Verstandes bei ihm gleichbedeutend sei mit der Stärke des 
Willens. Wenn ein Mensch weiter sieht, als seine Entschlossen- 
heit reicht, so ist er schon von Natur ein Theoretiker und wird 
in seinen Plänen nicht ausdauem; ist er klug, aber mehr noch 
entschlossen als klug, so wird er sich an Unternehmungen wagen, 
deren allendliches Ziel in seinem Geist noch nicht genügend zur 
Keife gekommen ist, an Unternehmungen also, die daher einer 
gar zu grossen Zufälligkeit ausgesetzt sind. Militairische Tüch- 
tigkeit ist folglich die innere Proportionalität des Menschen. Diese 
kann in einer unendlichen Keihe von Abstufungen, wesentlich 
gleichartig, nur nicht gleichbedeutend, von Napoleon bis zum ver- 
ständigen Compagniecommandeur hinunter, zum Ausdruck kom- 
men. Hierin liegt auch der Grund, weshalb so viele berühmte 
Feldherren Leute gewesen sind, die an Yerstandeskräften einen 
ziemlich gewöhnlichen Grad menschlicher Fähigkeiten nicht über- 
ragten; hieraus folgt aber auch, dass genügend tüchtige, wenn 
auch nicht gerade geniale Feldherren durchaus keine so exclusive 
Erscheinung sind und sich zu allen Zeiten und in jedem Volk 
finden. Und in der That, es giebt in der Geöchichte keine Re- 
gierung, welche als fÄhig und energisch im Andenken geblieben, 
von der Eegierung des Perikles bis zu der Lincolns, die nicht 
die passenden Leute zur Leitung ihrer Armeen gefunden hätte. 
Solche Leute werden auch bei uns zu finden sein. 

Die Hauptsache ist bei dem Obercommandirenden nicht das 
€tenie — denn Genies sind nicht alle Tage zu haben — sondern 
das Vermögen auf der Höhe der Situation zu stehen und in 
ieinem solchen Grade Befehlshaber zu sein, dass sein Wille für 



230 

Alle nnd Jeden zam unabänderlichen Gesetz werde. Eine Armee, 
die wie ein Mann handelt, ist mehr wertfa als selbst die aller- 
schlanesten Pläne, — der böhmische Krieg hat diese Wahrheit 
von Neuem bewiesen. In unserem Jahrhundert, wo der Kriegs- 
schauplatz und die Streitkräfte des Gegners so sorgfältig studirt 
zu werden pflegen, kann ein vollständig irrationeller Operations- 
plan unmöglich aufgestellt werden; er kann aber immer irrationeli 
realisirt werden, und zwar nicht blos in dem Fall, wenn der 
Obercommandirende in seinen Absichten nicht ausdauert, sondern 
auch, wenn, was häufiger geschieht, die einzelnen Befehlshaber es 
sich erlauben in seinen Absichten nicht auszudauem. Beim 
Obercommandirenden ist das Allerwichtigste Festigkeit des Cha- 
rakters und ein mächtiger Wille, welcher sich die Anderen mora- 
lisch unterwirft. 

Für die Generale, seine Gehülfen, ist die Hauptsache Ent- 
schlossenheit. Unter zehn Malen kann wohl ein Mal eine unnütze 
Entschlossenheit die Veranlassung zu einem Misserfolge werden; 
neun Mal wird sie aber zum Erfolge führen. Jeder, der ein Mal 
Soldat gewesen, hat genug Befehlshaber gesehen, welche, obgleich 
sie gar keine namhaften Talente besassen, energisch waren und 
deshalb von den Soldaten vergöttert wurden; allein schon der 
Name dieser Männer war eine Garantie für den Erfolg. Der 
Krieg ist ein Spiel mit Sein oder Nichtsein; Jeder weiss es sogar 
schon aus dem Privatleben, in welchem Grade ein Mensch, der 
das schlimme Ende nicht fürchtet, seinem Gegner furchtbar er- 
scheint. In Friedenszeiten ist es allerdings nicht wenig schwierig 
die Menschen nach ihren Talenten zu sondern; der Verstand an 
und für sidi beweist, wenn nicht andere Eigenschaften noch hin- 
zukommen, für den Militair noch nicht genug. Die Energie, die 
Selbständigkeit sind im Menschen die am meisten hervorstechen- 
den Eigenschaften; diese natürlichen Eigenschaften zu simuliren 
ist sehr schwer, denn es tritt selbst bei Geringfügigkeiten zu Tage, 
in wie weit der Mensch seinem Verstände nach lebt und sich 
durch seinen eigenen Willen bestimmen lässt. Immerhin kann 
man hiemach am besten die Offleiere beurtheilen. Gleich von 
Anfang an müssen sie in einem solchen Geiste geleitet werden, 
dass ein jeder Offleier, bei den Manövern etwa oder sonst hinr 
sichtlich der Anordnungen in seiner Abtheilung, ohne sich durch 
die allgemeinen Kegeln beengen zu lassen, die Verantwortlichkeit 



231 

auf sich nehme, wenn er meint, dass es so besser gehe, nnd 
dann nnr nach den Besoltaten beurtheilt werde. Die Franzosen 
sagen von sich selbst „noas n^aimons pas les petits coaps'' und 
sehen darin ihre Stärke. Anf rassisch heisst das: ein Jeder 
nimmt das, was er fflr nöthig hält, auf sich, ohne sich weiter um- 
zusehen. In diesem Geist die russische Armee umzuerziehen be- 
darf es keiner grossen Mühe. Im russischen Charakter ist ein 
solcher Ueberfluss angeborener Entschiedenheit, dass sie nicht blos 
als eine Tugend desselben erscheint, sondern auch selbst in einen 
Fehler desselben ausartet. Yen unserer Armee muss nur der 
mehr als ein halbes Jahrhundert alte Formalismusj der ihre wirk- 
liche Natur veirzehrt hat, genommen werden, damit sie wie die 
französische, „qui n^aime pas les petits coups", sei, und damit 
sie, wenn noch die rassische Ausdauer hinzukommt, eine echt 
suworowsche Armee, d. h. eine wirklich russische werde. 

Im Kriege sind nur wirklich kriegerische Eigenschaften 
nöthig. Mit Ausnahme dieser beziehen sich alle möglichen ande- 
ren Yerdienste und Mängel, nach denen die Menschen im bürger- 
lichen Leben gemessen zu werden pflegen, beim Militair nur auf 
den Menschen aber nicht auf den Soldaten und können nicht als 
Massstab zu seiner Beurtheilung dienen. 

Es bedarf keiner weiteren Erwähnung, dass die höhere Obrig- 
keit die Eeputation ihrer Officiere von einem gewissen Bang, 
selbst vom Obrist an, kennen muss; in anderen Staaten kennt 
man sie vom Capitain an. Ist ein Mensch einmal erprobt wor- 
den, so hat er in Friedenszeiten keiner neuen Abschätzung zu 
unterliegen, er taugt nämlich entweder, oder er taugt einfach 
nicht. An der Spitze der Truppen können entweder Befehlshaber 
stehen, die sich in der Schlacht bewährt haben, oder solche, die 
dazu noch nicht gekommen sind, — in keinem Fall aber solche, 
die das Gegentheil bewiesen haben; das Letztere kann nur zur 
Yemichtung des sittlichen Gefühls der Armee führen. 

Es eidstirt die sehr verbreitete, aber deshalb doch durchaus 
nicht wahre Eedensart, dass der Soldat erst durch den Krieg zur 
Geltung kommt. In der That thun sich miUtairische Talente 
von selbst hervor, aber in wessen Augen nur? Bios in denen der 
nächsten Zeugen. Zur Geltung aber kommen sie nur durch die 
Scharfsichtigkeit der Begierung oder durch eine solche Müitair- 
organisation, bei welcher die in rein militairischem Geist ausge- 



1 



232 

Mdete Armee ihre Leate riditig za benrtheilen weiss nnd dabei 
eme Stimme hat, welche stark genüg ist, nm von der ganzen 6e* 
Seilschaft gehört zu werden. Gerade so verhält es sich mit def 
firanzösischen Armee, in welcher sich die Meinung frei entwidcelt 
nnd respectirt wird; zom Theil ist es anch in der prenssiseh^ 
so. Oesterrdch aber z. B. ktiegt fortwährend, hat aber seit den 
Zeiten Eugens von Savoyen keinen einzigen Feldherm gehabt, 
der diesen Namen verdient hätte. Wenn in einem grossen Staat 
keine allgemein anerkannten militairischen Namen, auf welche die 
Nation ihre Hoffnungen zu setzen pflegt, genannt werden, wenn 
selbst jahrelang dauernde Kriege solche Namen nicht zur Oeltong 
bringen, so ist das nur ein Zeichen dafür, dass die Militairorga* 
nisation des Staates eine unnormale ist, dass auf Grund derselben 
die Leute nicht nach ihren wirklichen Fähigkeiten, wie sie von 
der die Leute umgebenden Sphäre — dem einzigen unbestochenen 
Bichter in diesem Fall — anerkannt worden, sondern nach irgend 
einem künstlichen Mass beurtheilt werden. Bas heisst in jedem 
FaU, dass nicht Diejenigen zur Geltung kommen, die dessen würdig 
sind, die von Rechts wegen Das nehmen, was ihnen gebührt, nicht 
Diejenigen, welche durch die öffentliche Meinung, wenn dieselbe 
überhaupt von irgend welcher Bedeutung wäre, getragen werden, 
sondern einfach Diejenigen, welche gefallen. Aus Männern aber, 
welche blos gefallen, wird selten was Tüchtiges; die Natur bat 
das legale Becht zu gefallen nur dem schönen Geschlecht einge- 
räumt. Das heisst ebenfalls, dass die Wahlen nicht begutaditet 
werden, weil sonst die Meinungen gehört werden müssten, sondern 
auf verborgenem Canzelleiwege geschehen. Unter der europäischen 
Bace giebt es immer genug Leute von Fähigkeiten und Charakter; 
kommen sie nicht zum Vorschein,^ so ist nicht der Mangel an 
Menschen daran Schuld, sondern die Mangdhafügkeit des Ter- 
waltungssystems. 

Diese Frage von der militairischen öffentlichen Meinung ist 
überaus wichtig, zu gleicher Zeit aber auch ungemein heikel Sie 
entzieht sich jeder genaueren Bestimmung, weil sie sich in der 
ungreifbaren sittlichen Sphäre hält Auf welche Weise soU das 
Becht der öffentlichen Meinung in einem stehenden Heer bestimmt 
werden, welches ausschliesslich auf der Disciplin und auf dem un- 
bedingten Gehorsam gegen die Oberen in einem solchen Grade 
beruht, dass das Heer, selbst in der alleranarclüschsten Republik» 



i,J 



233 

die Incarnation des Despotismus repräsentirt nnd ohne dieses 
auöh nicht existiren kann. Zu gleicher Zeit unterliegt es aber 
keinem Zweifel, dass in allen Kriegsheeren, welche nur die Welt 
gesehen hat, bis hinunter zu unserer kaukasischen Armee, die 
öffentliche Meinung stark entwickelt und in sehr vielen Stttcken 
massgebend gewesen ist; fast ausschliesslich durch sie sind die 
Leute zur Geltung und daher auch zu richtiger Verwendung ge- 
kommen. Die öffentliche Meinung kann kein unfehlbarer Leiter 
si^n, — denn ein unfehlbarer Massstab ist dem Menschen über- 
haupt nicht gegeben; die österreichische Eegierung würde z. B. 
sehr richtig gehandelt haben, wenn sie der Stimme der Armee, 
welche Benedek als Oberbefehlshaber ausrief, nicht gefolgt wäre; 
in hundert anderen Fällen würde sie dagegen sehr irren, wollte 
sie diese Meinung nicht mit in Eechnung ziehen. Eine selbstän- 
dige und gereifte Meinung lässt sich übrigens ebenso wenig in 
der Armee durch künstliche Mittel zeitigen, wie sie sich im ein- 
zelnen Menschen wecken lässt, bevor er nicht selbst die erforder- 
liche Keife erlangt hat. 

Ausser einer richtigen Abschätzung der einzelnen Militarrs, 
welche nur bei einer gereiften, in der Armee selbst eingewurzelten, 
öffentlichen Meinung möglich erscheint, ist es noch erforderlich, 
dass die Commandeure, welche die Truppen in die Schlacht zu 
fahren haben, mit diesen auch zuvor bekannt seien. Jetzt sollen 
die Truppen nach Massgabe der factischen Nothwendigkeit gruppirt 
werden. Nichts desto weniger wäre es taktisch durchaus nicht 
richtig gleich am Anfang des Krieges mit einem Mal Divisionen, 
welche mit einand^ unbekannt sind, zusammenzubringen und den 
Oberbefehl solchen Personen zu übertragen, die den Truppen 
ebenso fremd sind wie diese ihnen. Dass die Administration des 
Militairs von dem Commando der Truppen im Kriege getrennt 
wird, kann nur dadurch unschädlich gemacht werden, dass der er- 
wähnte wesentliche Mangel beseitigt wird. Beim üebergang der 
Armee vom Friedensfuss auf den Kriegsfuss wird es, mit wenigen 
Ausnahmen, nöthig werden nicht diejenigen Männer, welche den 
Truppen im Frieden vorgestanden haben, an die Spitze grösserer 
Abtheilungen zu stellen, sondern Andere, entweder Divisionscom- 
mandeure, denen freilich nur ihre vier Begimenter bekannt sind, 
oder solche Männer, die schon über diesen Bang hinaus befördert 
worden und seitdem von den Truppen völlig getrennt gewesen 



234 

sind. In jedem Fall erinnert ein solcher hierarchischer Zuschnitt 
grosser Massen gar sehr an die zufällige Hierarchie der Armee, 
die hei Waterloo kämpfte; denn diese Hierarchie hat die Haaptr 
schuld an der Katastrophe getragen. Der ganz verschiedenartige 
Charakter zweier Berufe, des Adminastrativ* und des Eriegs- 
berufs, darf nicht vermischt werden. 

Wie soll ein Commandeur solche Truppen, deren Personal- 
bestand er nicht kennt, im Kriege vernünftig verwenden können? 
Der Krieg ist nicht ein Manöver; die Schwierigkeit der Aufgabe, 
welche der einen oder der anderen Abtheilung bevorsteht, kann 
sehr verschieden sein, und man kann sich nicht auf alle Regimenter 
in gleichem Mass verlassen; unvergleichlich wichtig ist es noch, 
dass man bei Zeiten auch die Gehülfen, die einzelnen Befehlshaber 
in der Fronte, kennt, damit einem jedem nur das, was in seinen 
Kräften steht, übertragen werde. Andererseits müssen die Truppen 
ebenfalls ihre höheren Vorgesetzten kennen. Welchen Zaubar Ter- 
mag ein General in der Schlacht auf einen Soldaten auszuüben, 
der ihn zum ersten Mal sieht? Von alledem hängt nicht mehr 
und nicht weniger ab als der Ausgang des Krieges. Fflr die 
österreichischen Befehlshaber scheint es von wenig Yortheil ge- 
wesen zu sein, dass sie in der Schlacht bei Sadowa ihre Unter- 
gebenen gut beurtheilen gelernt hatten. Welches Selbstvertrauen 
lässt sich von einer Armee erwarten, in welcher die gesammte 
höhere Hierarchie einerseits und die Truppen andererseits sich 
selbst in den Augenblicken fremd bleiben, wenn das Geschick des 
Krieges sich schon zu entscheiden beginnt? Gerade so wird indess 
unsere Lage sein, im Fall Alles in seiner gegenwärtigen Gestalt 
bleibt. Unsere Organisation hat mit der französischen Aehnlich* 
keit, nur dass dort die Bedingungen ganz andere sind. Die fran- 
zösische Armee ist an Bestand und numerischer Stärke weit 
schwächer als die unsrige, sie ist sowohl was ihre Ausbildung an- 
belangt, als auch in Folge der ununterbrochenen Kriege, die sie 
in der letzten Zeit geführt hat, eine Kriegsarmee, deren sämmt- 
liehe Theile unter einander bekannt sind und in welcher die Be- 
putation fast eines jeden Officiers der höheren Rangclassen, vom 
Obrist an gerechnet, schon feststeht; wird da ein Corpscomman- 
deur ernannt, der sein Corps noch nie mit eigenen Augen gesehen 
hat, so vermag doch ein jeder Gorporal seinen Soldaten von dem 
bisherigen Dienst und den Eigenschaften desselben zu erzählen 



235 

and seine Persönlichkeit za besehreiben. Kommt etwas Derartiges 
etwa aach bei ans vor? Noch kein einziger europäischer Staat 
hat sich dazu entschlossen das französische System anzunehmen, 
obgleich es andererseits keinen einzigen Staat giebt, in dem dieses 
System mehr anwendbar wäre als bei uns. 

Die militair-administrative Eintheilung Russlands in Militair- 
bezirke ist ohne Zweifd in vieler Hinsicht nützlich; sie ist aber 
auch nicht im mindesten dem hinderlich, dass die erforderliche 
Annäherung zwischen den präsumtiven Corpsconmiandeuren und 
den für sie designirten Truppen stattfinde. 

Da ein Krieg immer sehr unerwartet entbrennen kann, so 
muss auch die höhere Militairhierarchie immer bei Zeiten, wenn 
auch nur erst annähernd, designirt sein, damit die Oberbefehls- 
haber ihre Untergebenen schon kennen, wenn sie dieselben in die 
Schlacht zu fähren haben, und auch selbst diesen letzteren be- 
kamit seien. Hierzu genügt auch schon ein Beisammensein von 
kurzer Dauer, z. B. für die Zeit der Sommerexercitien der Truppen. 
Es ist schon an und für sich nöthig Truppen üi grösseren Massen 
f&r gewisse Zeiten zusammen zu ziehen. Wenn das Commando 
solcher Truppenzusammenziehungen, von denen eine oder mehrere 
in jedem Rayon, je nach der Stärke desselben, zu geschehen 
hätten, solchen Männern übertragen würde, denen man die höheren 
Posten im Kriege anzuvertrauen beabsichtigt, so würde das, ohne 
dass dadurch die Hauptgrundsätze des Systems der Militairbezirke 
verletzt vrürden, in taktischer Hinsicht gerade ebenso viel werth 
sein, wie eine zwischen früheren Obercommandirenden und Corps- 
conmiandeuren und den Truppen derselben stattgehabte Annähe- 
nmg. Die Staatsgewalt kann nicht umhin sowohl die Yertheilung 
ihrer Streitmacht, wie sie durch diese oder jene kriegerische 
Combination veranlasst werden könnte, wie auch die Persönlich- 
keiten, denen diese Streitkräfte anzuvertrauen wären, beständig, 
wemi auch nur annähernd, im Auge zu haben. Es wäre schwerlich 
auf den Erfolg eines Krieges zu hoffen, wenn derartige Fragen 
nicht bei Zeiten ventilirt, sondern erst gerade während der Mobil- 
machung, wenn es schon gilt die Truppen schleunig und sicher 
zu dirigiren und zugleich die Befehlshaber ihren Fähigkeiten ent- 
sprechend zu vertheilen, auftauchen würden. Sind jedoch diese 
Fragen früher, wenn auch natürlich nur in allgemeinen Zügen, ge- 
prüft worden und existiren sie daher in der Combination beständig 



236 

ak entschieden, so macht es nicht die mindeste Schwierigkeit die 
Trappen für die Zeit der jahrlichen Znsammenziehnngen mit den- 
jenigen Befehlshabern zusammenzubringen, denen man sie im 
Kriege anznvertranen beabsichtigt. Es ist mir erforderlich, dasä 
immer ein nnd dieselben Persönlichkeiten mit ein nnd denselben 
Truppen zusammengebracht werden, weil ja sonst keine gegen- 
sdtige Annäherang erreicht wflrde. Bei einem solchen System 
könnte, wenn es genau fisdrt Irird, mit der Zeit sogar der Posten 
e^s Divisionschefe im Frieden ganz eingehen, indem die Begi- 
menter, wie in Frankreich, direct unter den Militairbezirkschef 
gestellt werden. 

Eine Eriegsarmee wird nicht von einer noch so zahlreichen 
und gut ausgebildeten Masse zusammengebrachter Leute gebildet; 
sie muss eine sittliche Collectivpersönlichkeit sein und einen ge- 
meinsamen Pulsschlag haben. Eine jede Lücke in dem Bande 
zwischen Oben und unten, zwischen der einen Abtheilung und der 
abderen, zerstört die Ungetheiltheit der Stimmung und des gegen- 
seitigen Vertrauens und dadurch auch die Einheit der ganzen 
Kriegsmacht. 



\ 



%tunUs §anUL 



Schliiss. 

Wir haben unsere Ideen ausgesprochen. Indem wir es der 
öf entlichen Meinung anheim geben über den Werth unserer Ge- 
danken in militairischer Hinsicht zu entscheiden, können wir nicht 
umhin über die Beziehung der vorliegenden Arbeit zum gegen- 
wärtigen Augenblick einige Worte hinzuzufügen. Dem Leser ist 
die Idee, welche dieser Schrift zu Grunde liegt, klar geworden: 
sie besteht darin, dass unser Vaterland bei der gegenwärtigen 
Lage der Dinge seine Kräfte ebenso sammeln muss, wie Europa 
die seinigen sammelt, um nicht wie ein Staat mit 350 Millionen 
Einkünften, in welcher Hinsicht er hinter anderen grossen Staaten 
zurücksteht, sich der Welt gegenüber zu verhalten, sondern wie 
ein Staat mit einer Bevölkerung von 80 Millionen, die ihm den 
ersten Platz in der Welt anweist; wir müssen, mit anderen Worten, 
in unseren militairischen Einrichtungen, wie in vielen anderen 
Dingen, von den durch Peter L geschaffenen Grundlagen abgehen 
und müssen an die Stelle des durch eine Budgetziffer begrenzten 
stehenden Soldatenheeres ein Yolksheer, welches vorherrschend 
durch die Bevölkerungsziffer bestimmt wird, setzen, d. h. die 
Landschaft selbst militairisch organisiren. Viele von den Lesern 
werden es nicht für nöthi« finden nach dem Warum zu fragen; 
sie wissen und fühlen es selbst Viele aber, und auch selbst 
unter Denen, die im Augenblick der Gefahr zu jedem Opfer für 
das Vaterland bereit sind, werden doch vielleicht diese Frage 
thnn. Obgleich die Zeit des umnachtenden Nebels, da selbst 
Puschkin seine Ode „an die Verleumder Busslands ^' von Manchen 
in kosmopolitischem Eifer zum Vorwurf gemacht wurde, in dem 
Leben unseres Volks unwiederbringlich beseitigt ist, so lässt sich 






238 

doch nichts desto weniger von einer Gesellschaft, in welcher noch 
vor Kurzem ähnliche Erscheinungen möglich gewesen, eine sicher 
befestigte, allgemein angenommene Ansicht von den auswärtigen 
Interessen des Vaterlandes und von den zur Unterstützung dieser 
Interessen erforderlichen Kräften nicht erwarten. Bis zum letz- 
ten polnischen Aufstand waren wir nur durch unser lebendiges 
Nationalitätsgefjlhl stark, welches in kritischen Augenblicken immer 
mächtiger und vernünftiger war als unsere zufälligen Ansichten. 
Es ist daher die Frage, warum wir stark gerüstet sein müssen 
und von wem wir bedroht werden, sehr wohl möglich und ver- 
langt, dass man sich vorher über sie verständigt. Indem wir 
über die Kriegsmacht Russlands schrieben, mussten wir diese 
Frage und eine klare Antwort auf dieselbe, wenn auch nur für 
diejenigen Leser, welche mit ihren Ansichten über die Grund- 
principien mit uns nicht auseinandergehen, vor Augen haben. 

In einem Staat zweiten Ranges können mancherlei Erwägungen 
die Frage von der Volksbewaffnung in die zweite Reihe zurück- 
drängen — Erwägungen politischer, ökonomischer und socialer 
Natur — denn ein solcher Staat hält sich und existirt nicht 
durch eigene Kraft, sondern durch das Völkerrecht, welches 
seinerseits durch die Rivalität der Grossmächte geschützt wird. 
Wir haben es freilich in den letzten zehn Jahren zur Genüge ge- 
sehen, dass dieser Schutz nicht immer ganz wirksam ist; kleine 
Staaten können aber nicht durch eigene Energie Gefahren von 
sich abwenden. Natürlich können auch sie nicht ganz ohne 
Armeen auskommen, wenn sie nicht anders zum Spielball täg- 
licher Zufälligkeiten werden sollen; ihre Armeen haben jedoch 
nur die eine Bedeutung, nämlich die Möglichkeit der ersten Ab- 
wehr, in Erwartung einer Hülfe von Aussen, zu gewähren; es ist 
daher auch gar nicht nöthig, dass eine solche Armee der Stärke 
und den Mitteln der Nation in ihrem ganzen Umfang genau ent- 
spricht, und dass ihre Tüchtigkeit besonders bedeutend sei. 
Schweden kann mit seinen angesiedelten Truppen ganz zufrieden 
sein, und die Könige von Neapel verliessen sich vorzugsweise auf 
ihre schweizer Södlinge. "Wenn eine Armee keine vollständige 
Garantie für die Sicherheit des Volks bietet, sondern den Staat 
nur gegen minder wichtige Zufälligkeiten schützt, so ist es sehr 
natürlich, wenn die Stärke und Organisation derselben beinahe 
ganz Gegenstand der freien Willkühr und der beliebigen Ansicht 



239 

werden und von den mannigfaltigsten Erwägungen, die für die 
Gesellschaft von grosser Bedeutung sind, abhängen. Staaten 
ersten Ranges befinden sich in einer ganz anderen Lage. Ein 
solcher Staat ist entweder eine Nation oder ein politischer Körper 
welcher, unabhängig von etwaigen Rechten und Verträgen, durch 
sich selbst existirt und sich durch die eigene Macht hält. Staaten 
ersten Ranges oder Grossmächte sind die Grundmauern des poli- 
tischen Weltgebäudes und bleiben immer dieselben, während die 
anderen Staaten nur die Scheidewände sind, welche ein jedes 
Jahrhundert einreisst und ummacht, wie es ihm gerade bequem 
ist Eine Macht, welche sich nicht jeder Coalition gegenüber 
zu schützen vermag, welche des Schutzes des Völkerrechts bedarf, 
ist keine Grossmacht und kann keine selbständige Stimme haben^ 
Wenn also z. B. Italien, das nicht einmal soviel Macht hat, um 
sogar mit einem Bruchtheil der österreichischen Armee auf dem 
Schlachtfelde fertig zu werden, als Grossmacht anerkannt worden, 
so ist das offenbar bis jetzt blos eine durch das Spiel der Politik 
hervorgerufene Fiction, aber keine Wirklichkeit, denn Italien 
wird trotzdem immer noch von einem Anderen ins Schlepptau 
genommen werden müssen. Eine solche Lage ist aber nichts 
weniger als beneidenswerth, selbst auch für die innere Ent- 
Wickelung, welche immer den Stempel der Energie des Volks und 
des aus dem Gefühl der äusseren Selbständigkeit geschöpften 
Selbstvertrauens an sich trägt. Wem Fremden gegenüber das 
Selbstvertrauen mangelt, der wird auch im häuslichen Kreise 
kaum kühn und gerade auftreten. Der Mensch kann nicht wie ein 
Janus zwei Gesichter, nicht zwei Seelen haben: die eine für die 
äusseren, die andere für die inneren Angelegenheiten des Vaterlandes. 
Ein wenig zahlreiches, nicht aus eigener Schuld schwaches Volk 
kann sich selbst im Bewusstsein dieser Schwäche ungehindert ent- 
wickehi, während für eine zahlreiche, selbständige Nation beide 
Seiten des Staatslebens, die innere wie die äussere, unauflöslich 
mit einander verbunden sind. Der geringste Verlust nach der 
einen Seite hin macht sich sofort auch auf der anderen geltend» 
das Schwinden, selbst eine temporäre Verminderung der äusseren 
Macht äussert sich sofort auch im Inneren entweder durch eine 
aUgemeine Apathie des Publikums oder durch eine allgemeine 
Zerfahrenheit; die Nation wird entweder zu einem Spanien der 
Nachfolger Philipps n., welches sich ausschliesslich Gebeten und 



240 

Serenaden überliess, oder zu einem Frankreich nach dem Jahre 
1815, welches an seinen Eingeweiden zehrte nnd, von Parteien, 
zerrissen, bis zu dem Augenblick von Beminiscenzen gequält ward 
bis es von Neuem die seiner Macht entsprechende Stellung einge- 
nommen hatte. Man kann fast nicht daran zweifeln, dass die 
Ereignisse des orientalischen Krieges und die dqrdi [die Folgen 
desselben in der russischen Gesellschaft erzeugten GefOhle, mehr 
als irgend etwas Anderes zur Entstehung jener Fieberphantasien, 
die unter dem Namen Nihilismus bekannt sind, beigetragen haben. 
Der Mensch, welcher das gewohnte Vertrauen zu sich selbst 
verloren, stürzt sich gewöhnlich in das entgegengesetzte Extrem. 
Die Gesellschaft ist gerade solch ein Mensch, nur in colossaleu 
Dimensionen, denn sie besteht aus lauter einzelnen Menschen. 
Denken wir uns z. B. einen selbständigen Menschen, der immer 
seine Würde bewahrt hat und mit einem Mal unvermuthet er- 
niedrigt worden ist; nur Eins von Beiden ist möglich: entweder 
dieser Mensch wird sich abmartern, sich mit Vorwürfen quälen 
und in seiner Seele wird ein wirklicher innerer Kampf entbrennen, 
welcher nicht eher beschwichtigt] werden wird, als bis der Mensch 
mit verdoppelter Energie, die er aus seinen eigenen Qualen ge- 
winnt, Ersatz für das Gewesene geschaffen; oder aber dieser 
Mensch lässt den Kopf hängen und bleibt so in alle Ewigkeit. 
In dem einen Fall würde es ihm gehen wie Frankreich, in dem 
anderen wie Spanien. Ein stilles bürgerliches Glück, welches 
nicht von starken Empfindungen bewegt wird, ist nur bei kleinen 
Völkern, die nicht durch eigene Schuld schwach sind, möglich, 
so wie es zu alten Zeiten im bürgerlichen Leben das Theil der 
schwachen und kleinen Leute, welche in der Vormundschaft Anderer 
standen, war. 

Das kleine Dänemark kann sein Missgeschick wohl bitter 
beweinen, aber selbst, indem es dasselbe beweint, glücklich und 
zufrieden bleibeii; nützliche Beformen, innerer Friede und allge- 
meines Erblühen können es vollständig trösten; zerrissen, doch 
mit ruhigem Gewissen, ist es aus dem Kampf hervorgegangen: 
was blieb ihm zu thun übrig? Ein solches bescheidenes Glück 
ist aber nicht das Theü grosser Völker; und mit Becht. Ein 
grosses Volk kann ebenfalls Niederlagen erleiden, kann sich aber 
dabei nicht beruhigen; nützliche Beformen und innere Entwickelung 
können es nur auf eine gewisse Zeit trösten, denn ohne Achtung 



241 

vor sich selbst imd ohne Glauben an sich selbst ist keine i^iphtjge 
Entwickelung und keine glückliche Zakonft möglich; eine solche 
erniedrigende Ergebenheit in das Schicksal von Seiten des Starken 
würde eine innere Yemichtung desselben, die weder zu solchen 
edeln Begangen, noch zu irgend welcher besseren Zukunft über- 
haupt passt, bedeuten. Das Unglück veranlasst auf das eigene 
Leben zurückzuschauen, seine Fehler zu bereuen, seine Mängel 
einzusehen und sie zurecht zu stellen: bei jed^ starken Persön- 
lichkeit sowohl unter den Menschen, wie unter den Staaten, ist 
das der Fall In solcher Weise und mit solchen stets unver- 
änderten Folgen hat das Unglück immer auf jedes grosse Volk 
gewirkt; dafür lassen sich eine Menge Beispiele anführen, das 
schlagendste von allen bleibt aber immer das Beispiel Preussens 
nach Jena. Ein vom Unglück heimgesuchtes grosses Volk giebt, 
indem es seine Mängel verbessert, die Idee nicht auf sich der- 
maleinst mit erneuerten Kräften in seiner ganzen Grösse wieder 
aufzurichten. Und anders kann es auch nicht sein, denn iev 
Mensch ist vor Allem ein sittliches Wesen, das sich an mate- 
riellem Wohlergehen und an einem behaglichen Leben allein nicht 
genügen lässt, sondern eine sittliche Befriedigung verlangt; welche 
sittliche Befriedigung ist aber da möglich, wenn ein Volk selbst 
von sich als solchem eine niedrige Meinung hegt? Auch deshalb 
kann es nicht anders sein, weil eine jede Persönlichkeit auf der 
Welt, sowohl eine einzelne als eine Collectivpersönlichkeit, weUB 
sie ihre natürliche Bestimmung verfehlt, nicht zur Buhe kommen 
kann. Haben denn aber grosse Völker etwa nicht ihre natür^ 
liehe Bestimmung, welche ihnen, ohne dass sie gefragt worden, 
zugewiesen ist, welche durch ihre ganze Geschichte hindurchgeht, 
welche die Massen mit einer ganz bestimmt ausgeprägten Art von 
Gefühlen und Anschauungen durchdringt, von denen sie sich nicht 
losreissen können, ohne dass der Biss zugleich ein Stück dies 
eigenen Herzens abtrennt. Wenn von anfänglich gleich uid>e- 
deutenden Stämmen die einen für immer klein und unbedeutend 
bleiben, während die anderen zu grossen Völkern heranwachsen, 
ist es da nicht offenbar, dass diese letzteren Stämme mit grösserer 
Energie und Ausdauer, mit grösserer Fähigkeit anzuziehen und 
zu. absorbiren begabt sind; dass in sie der Keim hineingethan 
ist, aus dem sich die auserlesenen Kräfte der Menschheit ent« 
wickeln, dass sie es gerade sind und nicht andere, welche 

Fadejew, Russlands Kriegsmacht. 1$ 



1 



242 

bernfen sind die Geschichte unseres Geschlechts zn machen. Ein 
grosses Yolk, das im Laufe der Jahrhunderte von einer solchen 
Bestimmung, die in der Brust jedes einzelnen Individuums einen, 
wenn auch noch so schwachen Wiederhall findet, erzogen worden, 
ein solches Yolk trägt in seiner Gesammtheit den Charakter eines 
weltgeschichtlichen Factors an sich und kann nicht mehr zom 
Privatleben der kleinen Völker zurückkehren. Ihm genügt nicht 
mehr ein bürgerliches Glück; wie Simson fühlt es zugleich mit 
dem Wachsen seiner Haare die Rückkehr seiner Kräfte und wird 
sich nicht eher beruhigettj ftls bis es von Neuem seine Grösse 
zurückgewonnen, wiederum seine historische Bahn betreten hat. 
Je länger ein Yolk von dieser Bahn zurückgehalten worden, 
desto stärker pflegt der Drang zur Rückkehr auf dieselbe zu 
sein, und es konmit der Tag, wo das Bewusstsein der eigenen 
Kraft und der dieser Kraft nicht genügenden internationalen Be- 
deutung, wo die Stimme der unerledigten historischen Bestrebungen 
und das Gefühl des verletzten Nationalstolzes, wo Alles zusanunen- 
fliesst zu einer allgemeinen Stimmung, zu einem Gefühl des ge- 
sammten Yolks, durch welches für einige Zeit alle laufenden in- 
neren Interessen in den Schatten gestellt werden. Dann wird 
jedem Einzelnen die allgemeine Sache zu der eigenen, dann wird 
eine jede Schramme auf dem Glanz des Yaterlandes von Jedem 
als persönliche Beleidigung empfunden. Das heisst, dass dem 
Simson die Haare wieder gewachsen sind; ein grosses Yolk lässt 
sich nicht mehr daran genügen behaglich zu leben und selbst 
Schulen zu gründen und in Ruhe Bücher zu schreiben: es will 
auch als Yolk auf eigenen Füssen stehen. Eines der bedeutend- 
sten sittlichen Bedürfhisse des Gesellschaftsmenschen, die historisch 
herausgebildete Meinung von sich selbst, verlangt Befriedigung. 
Ein solcher Umschlag in der öffentlichen Meinung, das plötzliche 
Hinüberspringen von inneren Fragen zu äusseren, von denen die 
allgemeine Aufmerksamkeit durch irgend welche Umstände zeit- 
weilig abgelenkt war, ist eine Thatsache, die sich überall oftmals 
vollzogen hat. Yiele Anzeichen lassen es glauben, dass die 
Stimmung der russischen Gesellschaft seit einiger Zeit sich in 
dieser Richtung gestaltet, dass wir uns am yorabend jenes Tages 
befinden, wo die Mehrzahl der Russen sich allein vom Erfolg in 
häuslichen Angelegenheiten nicht mehr genugsam befriedigen lassen 
wird. Daran hat man niemals zweifeln können, dass ein solcher 



243 

Umschlag in der öffentlichen Meinung früher oder später erfolgen 
würde: das ist ein Gesetz der Geschichte, welches durch das 
ganze Leben grosser Völker geht; nur an dem Zeitpunkt hat man 
zweifeln können, wann dieser Umschlag eintritt. 

Abgesehen von dem inneren Trieb der lebendigen Seele, 
welcher sich in jeder menschlichen Gesellschaft ausspricht, kann 

\ ein grosser Staat, selbst wenn er es wollte, sich dennoch nicht 
für lange Zeit concentriren und in sich selbst abschliessen. Nur 

\ auf sehr kurze Zeit kann er seine Einmischung in die Angelegen- 
heiten der Welt begrenzen und sich in sich selbst vertiefen. Die 
Welt bleibt nicht auf einem Fleck stehen, sondern Form und 
Zusammensetzung derselben verändern sich ununterbrochen; eine 
absolute Macht, ganz unabhängig von einem Vergleich ihrer 
Kräfte mit fremden Kräften, giebt es gar nicht, und daher kann 

. auch kein bedeutendes Volk den ausserhalb seiner Grenze passiren- 
den Ereignissen gegenüber gleichgültig bleiben und kann durchaus 
nicht Alles, was dort geschehen könnte, zulassen. Würde es 
wohTein mächtiges Russland geben, würde es eine Garantie für 
seine Unversehrtheit besitzen, wenn die von Napoleon I. gegrün- 
dete europäische Monarchie bestanden hätte? Würde wohl bei 
einer solchen täglich drohenden äusseren Gefahr eine geordnete 
innere Entwickelung bei uns überhaupt möglich sein? Würden 
wir nicht vielmehr die allertheuersten öffentlichen Interessen, um 
das Reich nach aussen zu schützen, opfern und jeden Gedanken 
an die Zukunft der Gegenwart wegen beseitigen müssen? Die 
europäische Monarchie Napoleons war freilich eine Ausnahme- 
erscheinung, die natürlich nicht wiederkehrt; können denn aber 
bei der gegenwärtigen Lage der europäischen Angelegenheiten, 
bei der gegenwärtigen nur allzu bekannten und durchaus nicht 
cachirten Stimmung beinahe des ganzen Westens gegen Russland, 
nicht etwa auch solche politische Combinationen eintreten, die 
für uns von ganz derselbenlBiBdeutung wie das französische Reich 
von ,1812 sein könnten, die uns ebenso wie dieses jeden Gedanken 
für die ^Zukunft des gegenwärtigen Augenblicks wegen rauben, 
und zwar für lange Zeit rauben könnten? Für den aufmerksamen 
Beobachter kann es keinem Zweifel unterliegen, dass solche Ab- 
sichten, wenn auch bis jetzt erst im Keime, in den Köpfen jieler 
Staatsmänner des "^lestens existiren; dass solche Absichten mit 
vielen Hauptinteressen unserer Gegner ebenfalls übereinstimmen, 

16* 



244 

imd dass die Majorität der öffentlichen Meinung denselben dnrdi^ 
aus nicht -abhold ist Bei einer solchen Yerbindong persöoligh^c 
Bestrebongea, Interessen and Meinungen kann, in unserer Zeit 
der unerwarteten Ereignisse und der plötzlichen Entscheidungen, 
eine jede Nichtübereinstimmung in irgend einer ernsten Frage 
ungemein rasch zu einem directen Zusammenstoss entbrennen. 
Wer erinnert sich nicht der Jahre 1853 und 1863. Dass die 
feindliche Macht gegenwärtig nicht in der Hand Einer Person, 
sondern Eines Gefühls oder Eines Interesses sein würde, daraus 
dürfte für uns kein Vortheil erwachsen. Die Möglichkeit der 
für uns ungünstigen politischen Combinationen ist durch die 
Reihe der unglaublichsten Ereignisse des letzten Jahrzehnts, welche, 
während wir uns in uns selbst abschlössen, ohne unser Hinzuthim 
sich vollzogen haben, ungeheuer erleichtert. In diesem letzten 
Jahrzehnt ist Eussland zu neuem Leben erwacht, das ist wahr; 
aber auch der Revers der Medaille ist allzu wichtig, um ihn im 
Yergleich zu allem Anderen erst in zweiter Reihe zu berück- 
sichtigen. Nur durch eine entschiedene Beeinflussung der gegen^ 
wärtigen Angelegenheiten kann der äusseren Gefahr vorgebengt, 
kann die Einigung der uns feindlichen Interessen verhindert oder 
schon im Keime geschwächt werden; zu einer solchen Beein- 
flussung bedarf es aber vor Allem der Macht oder wenigstens des 
drohenden Scheins derselben, welcher keinen Grund zu irgend 
einem Zweifel übrig lässt. 

Endlich muss auch dessen erwähnt werden, dass es in der 
ganzen Welt keinen grossen Staat giebt, dessen sämmtliche In- 
teressen, nicht bios die politischen und die Handelsinteressen, 
sondern selbst die rein nationalen Stammesinteressen, in ihrem 
gBJizen Umfang im Innern des Staats .^ncentrirt sind und nicht 
über die Grenzen desselben hinaus liegen. Derartig abgegrenzt 
zu sein ist nur das Theil eines kleinen Volks, wie es z. B. die 
Holländer sind; und auch selbst diese werden zu Zeiten durch die 
stammverwandte flämische Frage beunruhigt. Bis auf den heutigen 
Tag hat noch kein einziger grosser Staat eine so vollständige 
Yereinigung seiner gesammten Nationalität realisirt, um Allem, 
was ausserhalb seiner Grenzen geschieht, innerlich fremd zu 
bleiben. Jedes bedeutende Volk hat auch im Auslande seine 
Brüder, mit denen es sympathisirt, mit denen es, wenn es nicht 
resigniren will, sympathisiren muss, weil sie Fleich von seinem 



r 



246 

Fleische sind, weil es in ihrer Person durch die fremde Yerge- 
waJngfi hg^ selbst zertreten wird; sein ^^genes JBanner, seine 
Nati onidit ät, seine historischen Ideen oder seine Religion erleiden 
die Vergewaltigang . Wie sehr auch die romanischen Völker sich 
{ von einander entfernt haben, auch selbst bei ihnen spricht eine 
gemeinsame Stimme des Herzens; Italien hat immer die Sympathien 
Frankreichs gehabt, aber nimmer die Deutschlands. Will man, 
dass der Mensch seine natürlichen Gefühle an dem Grenzstrich, 
welcher bei der letzten Diplomatenconferenz verabredet worden, 
aufgiebt, so heisst das ebenso viel, als sich ihn nicht als Men- 
schen, sondern als eine Puppe denken. Keiner kann nicht der 
Sohn seines Vaterlandes sein; nur ein Vaterland, d. i. eine selb- 
ständige Nationalität, kann Söhne haben; ein Staat aber hat nur 
Diener, welche, wenn auch oft sehr ergeben, dennoch immer nur 
Diener bleiben. Mutter Russland*) ist ein Ausdruck voll tiefen | 
Sinnes, Mutter Oesterreich wäre dagegen ein reiner Unsiim. 
Wenn es aber dem Menschen eigenthümlich ist sich als Sohn 
sginer grossen Nation zu fühlen, so liebt er nämlich diese eben 
und nicht Das, was die letzte politische Eartenmischun^ ergeben 
hat, und er. liebt sie ^nz gleich, überall wo er sie antrifft, 
ebenso im eigenen Staat, wie in einem fremden. Wir wollen 
eimnal sehen, ob die politische Treue der österreichischen Deutschen 
dem patriotischen Drang lange widerstehen wird? Wenn ein 
grosses Volk auf seine mehr oder weniger jahen ausländischen 
Brüder, Bluts- oder Glaubensgenossen seinen Sinn gestellt hat, 
so tritt es nicht nur für sie, sondern auch für sich selbst ein, 
es vertheidigt in ihnen seine eigene PersönlichJseit und seine 
eigenen üeberzeugungen, seinen historischen Typus, der in einem 
gewissen Grade auch in seinen Verwandten zum Ausdruck ge- 
kommen ist, gegenüber fremden Persönlichkeiten und Ueber- 
zengungen. Der Glaube an sich selbst, an die Gesetzlichkeit und 
Vortrefflichkeit der eigenen Grundideen und Bestrebungen ist 
diejenige Kraft, aus welcher grosse Völker entstehen; welcher 
Glaube aber wird sich, wenn er die Macht besitzt, auch nur in 
irgend einer Hinsicht niedertreten lassen? Em grosses Volk, 
welches beim Anblick der Leiden seiner Blutsverwandten oder 



*) Die im Volksmunde übliche Bezeichnung. 

Anm. d. Uebers. 



. 1 



t% 



SJ* 



246 



seiner, innigsten Ueberzeaennffen in der Person seines Nächsten 
leidenschaftslos bleibt, blos weil die Gesetzlichkeit der Theilnahme 
für diese nicht durch diplomatische Tractate förmlich stipulirt 
worden, würde dadurch seine eigenen nationalen Principien nnter- 
graben und der ganzen Welt und sich selbst beweisen, dass diese 
Principien nur ein Aushängeschild gewesen, nicht aber des Volkes 

[eigenster Beruf. 

( Für Solche, welche die Persönlichkeit eines Volks, d.h. 
also mit anderen Worten die Geschichte selbst, nicht leugnen, 
ist der Schluss klar. Ein grosses Yolk kann die Stimme seines 
ewigen Berufs nicht auf lange Zeit in sich ersticken, die eigene 
Seele wird sich sehr bald gegen eine solche Vergewaltigung seiner 
selbst empören. Ein grosser Staat kann sich nicht auf lange in 
sich selbst verschliessen, ohne es zu riskiren sich plötzlich in 
einer solchen Lage zu befinden, aus welcher er sich später nur 
für den Preis der äussersten Eraftanstrengung zu befreien ver- 
möchte. Der Collectivmensch , der sich als Nationalität darstellt, 
kann sich ebenso wenig wie der einzelne Mensch von ni^sch- 
lichen Kegungen, die ihn bisweilen wider Willen zur Thätigkeit 
rufen, lossagen, wenn er anders nicht jede Achtung vor sich 
selbst, ohne welche das Leben für ein Volk ebenso wie für den 
Einzelnen werthlos ist, ^inbüssen will. Diese drei Beweggründe 
zur Thätigkeit nach aussen treiben ein jedes grosse Volk, welches 
einen selbständigen Platz in der Welt einnimmt, unaufhaltsam 
dazu sich in die Angelegenheiten der Welt zu mischen und 
veranlassen es fortwährend die Ereignisse im Sinn seiner nationa- 
len Interessen. zu dingiren. Uns scheint es ai^iigrjllem Zweifel^ 
dass die Summe dieser Beweggründe Bussland in diesem Augen- 
blick mehr als irgend einen anderen Staat zur Thätigkeit nach 

j,ussen aufruft. Der orientalische Krieg und die zehnjährige Ver- 
senkung in sich selbst haben uns eine Schuld mit den daran 
haftenden Zinsen aufgebürdet, die jetzt mit einem ^al zu tilgen 
ist. Die Welt ist aber heut zu Tage noch nicht so beschaffen, dass 
das Recht und die allerlegalsten Gefühle irgend etwas zu be- 
deuten hätten ohne Macht, um so mehr da eine jede_ Nation ihre 
legaleiJ Gefühle hat, die bisweilen zu den Gefühlen der jinderen 
in directem Widerspruch stehen. 

Der Umfang dieser ausschliesslich dem Militairischen gewidme- 
ten Schrift gestattet es uns nicht uns auf eine Beurtheilung der 



247 

gegenwärtigen Ereignisse in Europa . einzulassen, obgleich eine 
kurze Uebersicht der Thatsachen das oben Ausgesprochene besser 
als jedes Raisonnement bestätigen würde. Die Wichtigkeit dieser 
Ereignisse ist für Bussland so bedeutend, dass sie selbst den 
allerTertrauensyollsten und sorglosesten Menschen, wenn er nur 
dem Herzen nach Russe ist, zum Nachdenken veranlassen kö^m« 
ten. Einige Worte werden genügen, nicht um unsere Ansichten 
zu entwickeln, sondern nur um sie zu erklären. 

Es giebt in der Welt Staaten, die sich vollständig consoli- 
dirt haben, die beinahe alle ihre natürlichen Elemente in sich 
aufgenommen und mit sich verschmolzen haben und daher lupht 
mehr mit so intensiven Interessen, von deren Entscheidung die 
Macht und die innere Entwickelung dieser Staaten direct ab- 
hängig wäre, an das Ausland gebunden sind; es giebt aber auch 
Staaten, die sich erst consolidiren, die nicht nur für einen Yer- 
lust, den sie an sich selbst erleiden, sondern auch für einen, den 
sie nicht an sich selbst erfahren, empfindlich sind, Staaten, deren 
eigene Zukunft und Entwickelung durch Verletzung ihrer aus- 
wärtigen Interessen aufs Entschiedenste beeinträchtigt werden 
können. Ein solcher Staat ist das preussische Deutschland und 
gerade ebenso auch, ungeachtet seiner enormen Grösse, das 
russische Reich. Alles, was an unseren Grenzen geschieht, ist 
für uns unendlich wichtig, und zwar nicht nur als Bürgschaft 
{ für eine ruhige Zukunft, sondern selbst auch als eine Garantie 
\ dafür, dass wir unsere gegenwärtige Stellung behaupten. Für 
den grössten Theil von Europa ist Bussland nur östlich vom 
Dnieper, nördlich vom Kuban und südlich von Wiborg unver- 
letztlich, d. h. gilt für unerreichbar; alles Uebrige wird noch 
nicht als aUendlich entschieden anerkannt und kann bei der ersten 
für uns ungünstigen Combination der europäischen Mächte zum 
Gegenstand feindlicher Anschläge gemacht werden. Die weiten 
Grenzgebiete Busslands sind noch längst nicht so fest mit dem 
herrschenden Stamm verwachsen, dass auf dieselben nicht eine 
gewisse Attraction ausgeübt werden könnte von anderen, mit 
ihnen selbst nur pseudo- stammverwandten Gentren, die längs 
unseren Grenzen entstanden sind. Die offene Feindschaft der 
höheren und mittleren Stände in den einen Grenzgebieten, sowie 
der vollständige Sprachenunterschied und die fremdländische Gul- 
tur in den anderen haben bis jetzt keine so organische Verbindung 



248 



/ 



dieser Gebiete mit dem übrigen Staatsköifper zugelassen, als dass 
die Kraft der Waffen und Yerlocknngen von anssen auf das 
Geschick derselben keinen Einflnss mehr anszuaben vermöchten. 
Seit dem Tage der Zerstönmg Polens hat sich Rnssland ein halbes 
Jahrhundert lang dnrch die heüige Alliance vor feindlichen An- 
schlägen sicher gestellt. Da es diese drückenden Bande eipmal 
abgeworfen hat, so kann es sieh Htmmehr nur anf seine eigene 
Kraft verlassen. Gegenwärtig liegt es ans ob, und wird xms noch 
lange in Zukunft obliegen, Finnland vor dem Skandinavismus zu 
schütze, die baltischen Provinzen vor der deutschen Einheit, 
Polen und die westlichen Provinzen vor den allercomplicirtcsten 
Einfiüssen und Anschlägen, Bessarabien vor Rumänien, Trans- 
kaukasien vor Europa und vor dem muselmännischen Fanatismus. 
Dass sich die Begierung und die Gesellschaft bei uns so lebhaft 
um die Grenzgebiete kümmern, beweist es deutlich, dass dort 
noch lange nicht Alles erledigt worden. 

Andererseits haben die Schlacht bei Sadowa und die Zer- 
setzung der Türkei der slavischen Frage sowohl in Oesterreich, 
wie auf der Balkanhalbinsel einen solchen Stoss gegeb^, dass 
sie rasch aus dem Gebiet der Archäologie auf den Boden der 
Wirklichkeit überzugehen anfängt. Ohne Busslands Mitwirkung 
wird diese Frage jedoch niemals entschieden werden, weil die 
dabei Interessirten selbst nicht über solche Kräfte disponiren, um 
selbständig ihr Ziel zu verfolgen, von den Grossmächten aber, 
welche die Geschicke der Welt bestimmen, Bussland allein eine 
allendliche und gerechte Lösung dieser Frage wünschen kann; 
für die übrigen sind diese zerrissenen Stänmie blos ein Mittel, 
aber nicht der Zweck: das persönliche Geschick derselben ist 
allen gleichgültig. Nichts desto weniger reift diese Angelegenheit; 
Alles hängt davon ab, in welche Bahnen sie geleitet wird. Es 
unterliegt keinem Zweifel, dass die slavische und die orientalisch- 
rechtgläubige Frage, wird sie von einer Bussland feindlichen 
politischen Intrigue entschieden, für uns, wenn auch nur zeit- 
weilig, eine grosse Gefahr werden kann. Nicht mehr partielle 
und illusorische, sondern wirkliche Anziehungspunkte, zu denen 
unsere Grenzgebiete gravitiren, können längs der russischen 
Grenze entstehen. Bussland feindliche und bis zu einem ge- 
wissen Grade selbständige slavische und orientalisch-rechtgläubige 
Massen, welche auf die Sympathie, noch wahrscheinlicher aber 



249 

/sogar auf die Mitwirkung Europas rechnen, sind ganz was 
I Anderes als ein feindliches Oesterreich oder die Türkei. Ist es ^ 
denn überhaupt auch nur möglich, dass wir eine slavische und 
orientalisch -rechtgläubige Nachbarschaft, welche sich im Grossen 
imd Ganzen ebenso uns gegenüber verhalten würde, wie das 
gegenwärtig die Polen thnn, zulassen könnten? Dann würde es 
sich schon nicht mehr blos um politische BivaUtät handeln, son- 
dern um einen inneren Racenkrieg, darum, wer die Bace vorzu* 
stellen und an ihrer Spitze zu stehen hat; aus einer solchen 
Fragestellung würde sich ein Streit ergeben, ähnlich der ewigen 
Fehde zwisch^ dem moskowitischen Russland und dem Utthaui- 
sehen darum, welchem von beiden das Recht sich Rnssland zu nennen 
gebührt. Solche Absichten gegen uns^ oder wenigstens die Ge- 
neigtheit zu denselben, existiren ohne Zweifel in den Köpfen 
vieler Staatsmänner und in der öffentlichen Stimmung West- 
europas. Europa hat noch vor Kurzem gehofft, alles Russische 
und alles nach Abstammung und Glauben dem Russischen Ver- 
wandte, was ausserhalb der Grenzen Russlands liegt, zu ver- 
schlingen und zu assimiliren. Das plötzliche Erscheinen eines 
rechtgläubig -slavischen Reichs an den Marken Europas hat die 
Sterbenden wieder auferstehen lassen und die westliche Politik 
gezwungen derartige Hoffnungen aufzugeben. Da aber tauchte> 
anstatt die Spuren dieser gefährlichen Elemente zu verwischen, 
sehr natürlich die Idee auf, dieselben anzuerkennen (wenngleich 
auch nicht ganz offen und ohne alle Hintergedanken), aber unter 
der Bedingung, dass sie sich unter eine.. uns feindlicbe Faline 
( sanuneln sollten. Diese Idee ist freilich noch nicht ganz zur 
Beife gelangt, sie ist aber offenbar auf dem Wege dazu. Noch 
jzelm Jahre der Versenkung in uns selbst — und für die Resul- 
tate können wir dann nicht mehr einstehen! Eine solche Wen- 
düng der Dinge wird das Verderben der Slaven und Recht- r 
gläubigen sein, die ihr Ziel niemals erreichen werden, so lange i 
sie sich auf den Westen stützen; aber sie kann auch uns zum | 
Verderben gereichen. 

Ausser dem Erfordemiss einer nationalen Politik md wir 
auch noch zu einer nothwendigen geographischen Politik ge- 
zwungen. Russland ist mit dem Ocean, d. h. also mit der ganzen 
Welt, nur durch zwei Ausgänge, durch zwei Binnenmeere, ver- 
bunden, welche ihrer Abgeschlossenheit und ihrer Begrenztheit 



250 

wegen sehr leicht aas dem allgemeinen Besitz in den irgend 
eines Einzelnen de facto ühergehen können. Eine Entscheidung'' 
der slavischen und griechischen Angelegenheiten in dem uns feind- 
lichen Sinn, welche bis an den Bosporus reicht und die Schlüssel 
des schwarzen Meeres ans den Händen eines Sterbenden in junge 
Hände legt, welche künstlich zusammengefügt und gegen uns 
feindlich gestimmt sind, würde für uns eine Lage schaffen, die 
es wohl verdient, dass man sie ernstlich in Erwägung zieht 
Längs der Westgrenze eine beständige, ihres stammverwandten 
Charakters wegen gefährliche innere Fehde, einerlei ob mit dem 
Schwert geführt oder durch Einflüsse geschürt; am nördlichen 
Meeresausgang eine heftige Rivalität; am südlichen die Möglich- 
keit einer feindlichen Herrschaft: welch' eine Zukunft ist das! 

Als das einzige rechtgläubig- slayisc^^ Beich auf der Welt 
kann Bussland auf keine Weise weder die GremajQi§LÜ^^ noch 
die Katholisirung seiner ausländischen Stammverwandten, und noch 
viel wenijger den entschie denen^ üe berga ng derselben ins feind- 
fiche Lager zulassen. Warum wir das Letztere nicht dulden 
dürfen, ist klar. Aber Wir könnten auch das Erstere, ganz abge- 
sehen von politischen Bücksichten, nicht zugeben, weil es nichts 
Anderes hiesse, als sich von der Leben spendenden Urlgrift. 
unserer Greschichte lossagen und sich als ein jgebrochegygs_yolk 
betrachten. Die russische Existenz enthält zu viele selbständige, 
nur _ihr eigenthttmlichfi^^Crrnndanschaunngen , um sich mit dem 
; Leben des römisch-f eudal-kathoiischen oder protestantischen Europa 
vollständig zu verschmelzen und, wie die anderen westlichen Na- 
tionen, nur eine der Nuancen desselben zu werden. Wir haben 
nach eigener Fa^on zu leben und uns zu entwickeln. Aber volL 
kommen abgesondert zu leben und sich zu entwickeln, die ein- 
zige Ausdrucksform seiner Gattung, nur die eine Saite einer 
Octave zu sein, ohne etwas Parallellaufendes zu haben, ohne die 
Möglichkeit, die von uns selbst eingeschlagene Bichtung, die 
Besultate unseres Lebens und Denkens zu reguliren an der Rich- 
tung Gleichgearteter, welche, hervorgegangen aus derselben geisti- 
gen Wurzel, dieselbe jedoch in ihren verschiedenen Abzweigungen, 
in der ganzen Mannigfaltigkeit, deren sie überhaupt fähig ist, 
darstellen; das einzige . freie rechtgläubig-slavische Volk zu bleiben 
ohne im ganzen Umkreis der Welt einen Yergleichungspunkt, 
ausser sich selbst, zu besitzen — das hiesse in die Stellung der 



251 

Völker des Alterthams oder Chinas, die Alles aas sich selbst 
schöpfen mossten, ohne sich jemals anzafrischen,_gerathen. Unsere 
Isolirnng wäre freilich keine so vollständige, weil wir in einem 
sittlichen Zusammenhang mit Europa stehen und an dem allge- 
mein-menschlichen Fortschritt theilnehmen. Wir sind Europa 
verwandt, aber doch nur Stiefbrüder und nicht leibliche Brüder 
desselben. Die Erziehung der Geschichte hat uns von einander 
geschieden. Drei Viertel des sittlichen Fonds selbst des heutigen 
Europa haben ihre Wurzeln im römischen Becht und in der 
römischen Staatstradition, im feudalen Geist persönlicher Be- 
ziehungen und im Eatholicismus mit seinen Sekten — mit einem 
Wort, gerade in solchen Momenten, die uns vollständig fremd 
sind. Je mehr sich unser öffentliches Leben entwickelt, desto 
mehr wird es uns Fragen aufgeben, deren Lösung wir selbst in 
der Gesammtheit der westlichen Lebenserscheinungen nicht finden 
werden. Ohne gleichgeartete, mit uns sympathisirende und mit | 
uns auf gemeinsamer geistiger Basis sich entwickelnde slavische | 
und rechtgläubige Völker würden wir in einem solchen Grade 
eine so durchaus isolirte Existenz zu führen haben, dass es kaum 
ein Volk geben dürfte, dessen Kräfte eine solche Last . lange 
zu ertragen vermöchten. Die selbständige Existenz unserer a us- 
ländischen Stammesbrüder ist für Eussland nicht nur in politischer, . 
sondem^ebenso auch in ^ttycher Beziehung und in Hinsicht auf 
die Zukunft überhaupt nothYrendig. Sie ist nicht blos für den 
russischen Staat, sondern auch für das russische , Volk nöthig. 
Ein jedes Volk ist, wenn auch nur theilweise, von einer sym- 
pathischen Atmosphäre umgeben; nur Bussland allein entb^ehrt 
dieselbe, obgleich wir rings um uns her mehr Elemente dazu 
haben, als irgend Jemand anders. Dieser ganze Streifen bluts- 
und glaubensverwandter Elemente, welcher Bussland wie ein Bing 
umgiebt, kann nicht neutral bleiben; er wird, je nachdem wir 
selbst vorgehen, entweder entschieden für uns sein, oder ent- 
schieden gegen uns. Aus jK)litischen, wie aus sittlichen Beweg- 
gründen darf Bussland zu seiner eigenen Sicherheit sowohl, als \ 
auch zu seiner eigenen Entwickelung, keine Anstrengung scheuen, l 
um eine mit ihm sympathisirende und verbündete slavische und / 
rechtgläubige Welt rings um sich her zu schaffen. 

Ein halbbewusstes Streben zu diesem Ziel hat sich schon 
längst bei uns ausgesprochen, aber erst in diesen Tagen hat es , 



\ 



252 



^V^^^' 



/• i 



■J 



■ J 



./• . 



{<i^i-Fi 



? 



\ 



dne J^estimmtere Gestalt anzunehmen begonnen. Literarische 
Arbeiten allein können solche Gefühle^nicht ins Leben rufen; ist ' 
aber erst dem Drang des Volkes ein Ziel klar geworden, so 
durchdringt dasselbe wie ein lebendiges Feuer die Massen. J,£jyi 
dachte Italien nochjucht an eine nationale J^inhdt, 1860 war 
diese Einheit schon die allgemeine Idee Aller und Jedes; bei 
-alle dem ist es doch dem ewigen Toscana und dem ewigen Neapel 
nicht ganz leicht angekommen sich selbst aufzugeben. Um wi^ 
viel mehr gilt das für uns. Wir brauchen keine neue n Gebiete ^ \ 
wir brauchen nur Freundschaft und Bündnissfam^unseren Grenzen \ 
an Stelle der Feindschaft; wir brauchen gleichberechtigt^^ Brüder 
als Bundesgenossen. ^ 

^ "^ Aber weder durch die politischen Erfordernisse, welche klar 
wie der Tag sind, noch durch die allerlegalsten Triebe des 
Nationalgefühls sind sämmtliche Motive, die das heutige Geschlecht 
Bnsslands zum äusseren Handeln treiben, erschöpft; sogar seine 
inneren Angelegenheiten kann Russland nicht mit Glück ordnen, 
wenn es unter dem Eindruck des orientalischen Krieges, welcher 
von keiner anderen, günstigeren Stimmung ausgelöscht worden, 
bleibt. Die Sorge um das häusliche Gedeihen wird bei uns zur 
HäUte durch die Sorge um unsere weiten Grenzgebiete abgelenkt) 
in denen kein dauernder Frfolg überhaupt möglich ist, solange 
dort noch die aus dem Resultat des letzten Krieges geflossene 
Ueberzeugung herrscht, dass der mit ihnen sympathisirende Theil 
Europas uns bei Seite schieben und ihnen an einem Tage alles 
Yerlorene wiedergeben kann. Die Menschen können sich nur 
dann ohne alle Hintergedanken vor der Nothwendigkeit beugen, 
wenn sie auch die letzte Hpfbung sich zu behaupten verloren 
haben. Es ist schwer Länder mit uns zu verschmelzen, in denen 
jede aulkeimende Idee, wenn auch nicht direct ins feindliche, so 
doch inmierhin nicht in ein mit uns sympathisirendes Lager über- 
geht (wir reden nicht allein von den Polen), und es ist ebenso 
schwer das zu verhindern, solange noch an jedem Familienherde 
die Hoffnung auf eine andere Wendung der Dinge lebt Als der 
Kaiser Alexander im Jtihre 1812 hinter dem fliehenden Napoleon 
nach Wilna kam, da hätte er, sogar in sittlicher Hinsicht, mit 
Polen Alles machen :können, was er wollte, weil dasselbe auf 
Nichts mehr hoffte. Seit dem orientalischen Kriege hat an allen 
unseren Grenzen, die nicht von Russen bewohnt sind, eine ganz 



2Ö3 

andere StünmoBg sich zu zeigen angefangen.„.£9.Jst .Jftltfserst 

I 

[ schwer mit Leuten auszukommen, die aus jeder .. ausländischen 

I Intervention neue. Hoffnung schöpfen, denen selbst der allerent- 

I schiedenste, von der gesammten Nation unterstützte Wille der 

Eegierung noch nicht als ein Schicksalsspruch erscheint, weil sie 
davon überzeugt sind, dass diese Nation der Macht ihrer wirk« 
i liehen oder vermeintlichen Freunde nicht widerstehen könne. 

I Selbst an solchen Orten, die uns nicht gerade feindlich, sondern 

nur fremd sind und daher von der russischen Gesinnung noch 
nicht durchglüht sind, treten die allerseltsamsten, bis jetzt frei- 
lich noch nicht gefährlichen, aber doch immerhin schädlichen 
Phantasien in « Veranlassung dieser angeblichen Unselbständigkeit 
Russlands Europa gegenüber zu Tage. Die kindische Phrase: 
„es geschieht doch Alles, wie Napoleon es will", sowie die aller- 
umnöglichsten Illusionen über einen Schicksalswechsel erhalten 
dort bei jedem bedeutenden europäischen Ereigniss den Werth 
gangbarer Münze. Was hilft es, dass wir die Widersinnigkeit 
aller dieser Hoffnungen und Illusionen kennen, wenn sie, die 
dabei Interessirten, das nicht wissen und sich Vorstellungen hin- 
geben, zu welchen sie an dem einen Ort durch die Leidenschaf- 
ten und an dem anderen durch Unwissenheit gebracht werden, 
welche aber sämmtlich aus einer Quelle entspringen, und zwar 
daraus, dass sie Bussland nach dem orientalischen Kriege nicht 
mehr für stark genug halten und alles Mögliche von der Zukunft 
erwarten. Es ist wahrlich nicht leicht Jemand in der erforder- 
lichen Richtung zu leiten, der sich bei jedem Schritt, in Folge 
seiner trügerischen Illusionen, absichtlich dagegen stemmt! Unsere 
Grenzgebiete, werden, wie das Fass der Danaiden, die grössten 
Opfer der Regierung und der Gesellschaft umsonst verschlingen, 
bis ihnen durch entscheidende Ereignisse die Ueberzeugung auf- 
gegangen sein wird, dass sie allendlich und ohne jede Appellation 
an das Schicksal die ünsrigenjgeworden. Der erste erfolg- 
-9£^i Eii!^ würde die gegenwärtigen Beziehungen in radicalster 
Weise verändern. Der vierte^ Theil der Anstrengungen würde . 
dann von grösserer Wirkung sein als gegenwärtig alle Anstrengungen -' 
zusammen. 

Der Triumph in einem gerechten Kriege gewährt dem Sieger 
^cht blos sachliche Vortheile; die Folgen desselben lassen sich nicht 
^t dem Stift in der Hand berechnen und die Ausgaben von dem 



*■ 






L 



254 

Werth des Erworbenen in Abzug bringen. Unter den gegen- 
wärtigen Verbältnissen, wo die internationale Gereebtigkeit, wenn 
sie nickt mit den Waffen unterstützt wird, nocb gar nichts be- 
deutet, würden durch die Bereitschaft eines grossen Volks för 
seine Ueberzeugung in den Kampf zu gehen, sowie durch die 

1 Spannung der Willenskraft und durch das Selbstvertrauen, welches 
das Volk aus dem Kampf gewinnt, die geistigen Kräfte desselben 

. verzehnfacht ; in diesen Kräften aber ruht die Quelle einer jeden, 

: oft sogar auch materiellen Blüthe des Volks. Die ganze Ge- 
schichte giebt dafür Zeugniss. Holland nach dem spanischen 
Kriege, Frankreich nach dem Revolutionskriege, Preussen nach 

■ dem Befreiungskriege — es ist unmöglich alle die Beispiele 
aufzuzählen — , sie sind alle sofort weit thätiger, unternehmender» 
reicher geworden und haben in einigen Jahren nicht nur die 

» Opfer der vorhergehenden Jahre getilgt, sondern das Volkskapital 

(verdoppelt. Wie das geschehen, ist sehr erklärlich; ein Volk ist 
eben nur wie ein Mensch und die Kraft des Menschen liegt in 
ihm selbst, in dem Grade seiner inneren Spannung, welche blos 
geweckt zu werden braucht. Den gangbaren Vorstellungen zu- 
wider erweisen sich die durch einen grossen Krieg bedingten 
Opfer, vorausgesetzt dass dieser Krieg für ein vom Volk aner- 
kanntes Recht geführt wird, immer und sogar in ökonomischer 

i Beziehung nicht als Verschleuderung, sondern als Saaten künf- 
tiger Ernten (natürlich ist hier nicht von mexikanischen Expe- 
ditionen Napoleons die Rede). Ein solches Resultat stimmt viel- 
leicht mit der Theorie von dem abstracten Menschen, welcher 
gar nicht existirt, auch nicht überein, aber es ergiebt sich direct 
aus der Natur des wirklichen Menschen, dessen Leben aus Meinen, 
Glauben und Empfinden besteht. Gerade ebenso muss man, wenn 
von der Rivalität zwischen empfindlich gekränkten Völkern 
Europas (d. h. zwischen Stämmen von gleicher Energie) die Rede 
ist, das Facit nicht nach den Rubeln, sondern nach den Empfin- 
dungen stellen; Frankreich hat Europa zu einer Zeit besiegt, da 
das französische Papiergeld den Werth von Maculatur hatte. 

Jeder kennt die so oft ausgesprochene historische Sentenz; 
bis jetzt haben wir keine Zeit gehabt uns ausschliesslich mit 
unserer inneren Entwickelung zu beschäftigen; wir haben alle 
unsere Kräfte zur Gründung des Reichs verwandt. Dieses keine 
Zeit haben währt aber offenbar bis auf den heutigen Tag. 



255 



Die Erkenntniss unserer historischen Persönlichkeit ist ans all- 

, mälig^aiffgegangen, und erst^vor der gegenwärtigen Generation hat 

I sich die letzte Reihe der Fragen, welche unser Staatswerk ah- 

1 schliessen, aufgethan. Russland muss dieselhen jetzt erledigen, 

\um endlich von den Mühen auszuruhen und, ohne sich um die j 

Zukunft zu heunruhigen, seine nationalen Principien zu entwickehi 

und eine russische Aufklärung zu schaffen; sonst werden diese 

Fragen von seihst sich immer wieder aufdrängen und uns, vielleicht 

noch ein ganzes Jahrhundert lang, quälend heschäftigen. 

Wir hahen die in diesem Capitel ausgesprochenen Ansichten 
nicht entwickelt, sondern nur angedeutet: wir hätten sonst ein 
ganzes Buch darüber schreiben müssen. Wir wollten nicht be- 
weisen, sondern vor den Lesern nur unsere Ueberzeugung aus- 
sprechen, welche darin besteht, dass^sämmtliche Interessen und 
Gefühle des heutigen Russlands definitiv auf den ihm bevorstehen- 
den Weg hinweisen. Die allerstärksten Bündnisse, die nur ge- 
scfilbssen werden könnten, um den legalen Bestrebungen unseres 
Vaterlandes entgegenzuwirken, sind bei weitem nicht so von Be- 1 
, stand, wie das auf den ersten Blick scheinen könnte. Unsere \ 
continuirliche Unthätigkeit allein kann einem wirklich -achrepk- 
lichen Bündniss zu entstehen . Zeit geben. Die Initiative von 
Seiten Russlands würde natürlich auf einen starken JWid^rstand 
i stossen, welcher aber ebenso wenig ein einmüthiger wie ein 
' nationaler, noch ein die Leidenschaften der Masse aufregender 
wäre, sondern nur ein Widerstand, bei dem keine einzige Nation 
jich mit ganzer Seele betheüigen würde. Eine wirkliche Er-\ 
regung der Leidenschaften würde nur in den grossen kosmopoliti- \ 
sehen Parteien, bei den Klerikalen oder bei den Demokraten, oder, | 
je nachdem wir vorgehen, vielleicht auch bei beiden zugleich, \ 
stattfinden. Die Völker selbst werden gleichgültig bleiben. Vor 
25 Jahren beruhte noch die Festigkeit des europäischen politi- 
schen Gebäudes in der Gewohnheit; Viele beunruhigten sich auf- 
richtig, wenn sie sahen, dass derjenigen Ordnung der Dinge, an 
die man sich gewöhnt hatte, eine Veränderung drohe; die wun- 
derbaren Umwälzungen der letzten Zeit haben auch diese Ge- 
wohnheit zerstört. Man kann vielmehr mit Bestimmtheit sagen, 
dass die öffentliche Meinung Europas gegenwärtig weit mehr durch 
die einer Erisis vorausgehende Unbestimmtheit der Lage, durch 
die Erwartung irgend welcher Ereignisse in Unruhe versetzt wird, 



/ 



256 

als durch diese Ereignisse selbst, wenn sie sich erst einmal ab- 
gespielt haben ; mit jeder vollendeten Thatsache findet sie sich so- 
fort wieder zurecht, als wenn dieselbe bereits von jeher bestan- 
den hätte. Alle politischen Ideen und Beziehungen der alten 
Zeit sind so sehr in Staub zerfallen, dass es gegenwärtig keine 
einzige Regierung (mit Ausnahme der englischen, und zwar auch 
diese nicht mehr für lange) giebt, welche sich irgend nach den 
Traditionen der äusseren Staatspolitik richtete; es existiren blos 
noch die Interessen des Tages und daher sind auch alle erdenklichen 
Combinationen, die allerunerwartetsten Bündnisse, Mitwirkungen und 
Gegenwirkungen möglich geworden. Selbst die gespannte Art und 
Weise der Beziehungen, welche wir im gegenwärtigen Augenblick 
erleben, hat ihren Grund nur in der Existenz einiger- Persönlich- 
keiten oder darin, dass dieselben überall ihre Hand im Spiel 
haben. Für einen Staat, der fest auf seinem Fundament steht 
und sein Ziel genau kennt, besteht offenbar unter solchen Um- 
ständen die ganze Kraft in dem Beharren und in der Initiative. 
Wenn sänmitliche Beziehungen ringsumher ununterbrochen wechseln, , 
so wird .derjenige, der seine Ansichten nicht verändert, die Er- 
eignisse Jbeständig in seinem Sinn dirigirt und ohne Schwanken 
emem Ziele zustrebe den günstigen Moment entschieden abw:arten. 
können; was gestern unmöglich war, kann morgen vielleicht schon 
mö^ch sein. Unter der Zahl der Fragen, die uns am Herzen 
üegen, giebt es freüich keine einzige, an deren Lösung man ohne 
eine genügende Streitmacht herantreten könnte; verfügen wir aber 
über eine solche Macht, so existirt dafür auch keine einzige Frage, 
die einen allgemeinen Widerstand heraufbeschwören könnte. 
Zwischen uns und einem jeden einzelnen europäischen Staat 
existiren solche Punkte, über die wir uns nicht vereinigen und 
die daher nur durch einen Krieg entschieden werden können; 
diese selben Punkte können aber mit anderen daneben liegenden 
Staaten in Frieden abgethan werden. Es giebt nur zwei G egner 
auf der Welt, mit denen wir uns in keinem Stück vereinigen 
können, und diese Gegner sind: das ungarische pesterreich und 
die Türkei. Dafür hängt es aber von uns ab einen starken Freund 
zu haben, mit dem wir in allen bis jetzt zu Tage getretenen 
Interessen, welche beiden Theilen am Herzen liegen, Hand in) 
Hand gehen könnten, — wir meinen Amerika. Das Geschick 
führt uns offenbar zusammen; ungeachtet der Yerschiedenheit der 



257 

äusseren Formen, so sind doch in beiden Nationen die Motive 
zur innigsten gegenseitigen Theilnahme vorhanden; die beiderseiti- 
gen Interessen, die ihrigen sowohl wie die unsrigen, werden durch 
ein und dieselben politischen Combinationen entschieden. Hier 
ist nicht der Ort. sich über die grosse Idee eines amerikanischen 
Bündnisses auszulassen. Zwar kann man nicht behaupten, dass 
die russische Gesellschaft die volle Bedeutung desselben begriffen 
hat; aber sie hat es noch weit besser gemacht, — sie hat es in 
ihr Herz geschlossen.*) Mit Ausnahme zweier Nachbaren, mit 
denen wir uns nicht vereinigen können, und eines Freundes, mit 
dem wir in keinem Stück auseinander gehen sollten, sind unsere 
Beziehungen zu allen Uebrigen nur gefällige und hängen mehr 
oder weniger von uns selbst ab. Für eine jede Frage kann man 
also den Augenblick einer günstigen politischen Wendung der 
Dinge erfassen, selbstverständlich aber^ur, wenn die einmal ein- 
geschlagene Bichtung unbeirrt festgehalten wird, was jedoch selbst 
die allerconsequenteste Regierung nicht auszuführen vermag, wenn 
die Gresellschaft nicht selbst von der Erkenntniss der nationalfiA 
Ziele duixhdrungen ist. * " 

Unsere angeborenen Interessen sind inniger und zäher, und 
daher auch mächtiger als die persönlichen Interessen, welche den 
unsrigen entgegengesetzt werden; auf unserer Bahn steht uns 
nichts Lebendiges im Wege, uns steht kein Kampf des Lebens 
mit dem Leben bevor; Alles, was in dieser Welt eine Zukunft 
hat, könnte mit uns sein oder sich neutral verhalten. Gegen uns 
werden nur Leidenschaften und Interessen, geleitet vom Egoismus, 
von der politischen Intrigue, von der Negirung der Menschen- 
rechte oder von der gröbsten materiellen Vergewaltigung, ins Feld 



*) Mit zwei Worten — ein amerikanisches Bundniss ist für uns 
von einer ebenso grossen Bedeutung in politischer Beziehung wie in 
strategischer. In politischer, weil hier für beide Theile überhaupt das 
einzige innige Bundniss, ohne alle Hintergedanken, möglich ist. In 
strategischer, weil wir, in Folge der Eigenthümlichkeit unserer beider- 
seitigen Streitkräfte, einer dem anderen als natürliche Ergänzung dienen, 
wir — indem wir die Landungstruppen von ihren zweifelhaften Gebieten 
abziehen, und sie — indem sie die Flotten von unseren Küsten ablenken. 
Bei all' unserer Kraft besteht unsere Schwäche doch darin, dass wir uns 
nicht concentriren können, weil wir allzu viel zu besetzen haben; eine 
Aufgabe, die überhaupt allein im Fall eines amerikanischen Bündnisses 
ausführbar ist. 

Fad^ew, Rasslands Kriegsmacht. 17 



258 

! geschickt Ein grosser Kampf kann nns vieUeicht bevorstehen 
i aber kein Volk, welches trea ist und auf sich selbst bant, um so \ 
'■ weniger eins von achtzig Millionen, wird, wenn die Zeit konunt 
ffeeen diese dunkeln Schaaren auszurücken, unentschlossen sein. 

Bis auf den heutigen Tag giebt es Viele bei uns, die da 
meinen, dass eine allzu grosse Staatsmacht eine Centralisation 
des Gouvernements mit dem Charakter militairisoher Disciplin als 
nothwendige Folge mit sich bringe, dass die Macht der Freiheit 
mid der Entwickelung widerspreche und man sich daher vor ihr 
hüten müsse. In dieser Bemerkung sind aber offenbar zwei Miss- 
verständnisse enthalten; das eine besteht in der Definition des 
Ausdrucks „allzu grosse Macht", — das andere in einer Ver- 
mischung der Zeiten und Epochen. Eine allzu grosse Macht ist 
eine solche, welche sich aus Buhmbegierde mit Unnützem be- 
lästigt, selbst wenn sie auch relativ gar nicht gross wäre. Diese 
Bezeichnung passt daher gar nicht auf einen grossen Staat, welcher 
\ sich bestrebt seine historischen Aufgaben zu verwirklichen und 
I zwar solche Aufgaben, in denen er eine legale Befriedigung seiner 

\ \j I y LjLj iiiii m I M-'.'-' Ti'M i W »ii 

\ inneren wie seiner J|,usseren Bedürfnisse findet Die Verwirk- • 
üchung dieser Ziele kann die äTacht des Staates zu colossalen ' 
Dimensionen erweitem, aber wird denselben nie allzu gross 
/ machen und sich nicht als ein die innere Entwickelung beein- 
/ trächtigendes Moment gestalten, weil dadurch niemals ein XJeber- 
i mass an Kräften, welches keine Verwendung findet, entstehen 
würde: die Kräfte werden nur den Lasten entsprechen. D^ 
Despotismus ist in der That stets der Grundcharakter der Erobe- 
rungsstaaten, vom römischen Keich an bis zum ersten französi- 
schen Kaiserreich, gewesen, aber gerade deshalb, weil sie Erobe- 
rungsstaaten waren, weil sie gewaltsam fremde Völker unterjochten. 
Fiemont dagegen ist dadurch nicht im Mindesten despotisch ge- 
worden, weil es Italien an sich gebracht. Es existirt kein Grund, 
dass eine andere historische Erscheinung, welche, wenn auch in 
einem viel grösseren Eahmen, im Wesentlichen mit dieser gleicher 
Art ist, die entgegengesetzten Folgen haben sollte. Die Thätigkeit 
des Lebens selbst kann, wenn man demselben keine Gewalt an- 
thut, sondern nur zum Leben beiträgt, nichts Anderes hervorbringen 
als das Leben selbst, welches eben deshalb nur noch mächtiger 
ist, weil es sich mannigfaltiger gestaltet. Niemand, der sich selbst 
achtet, würde sogar für sein eigenes Vaterland die Weltherrschaft 



> 1 



259 

wollen, wenn dieselbe mit dem Yerlnst oder mit dem Stillstand 
selbst des geringsten von seinen persönlichen Menschenrechten 
verbunden sein mttsste. Dass das Vaterland nur fttr den Bflrger 
desselben da ist, das nnterüegt weiter keinem Zwdfel; Bossümd 
kan n nnr in dem Masse der JFührer seiner Stammesbrüder wer- 
den, in welchem es znr vollsten menschlichen Entwickelwg selbst ' / 
\ ^^ erscheint, und nur ein aufgeklärtes, fortschreitendes und 
\ iretes Bussland kann der Jtlittelpunkt der slavis^en und orienta- 
\ liscb-rechtgläubigen Welt werden. Das Russland, in welche m wir 
^eEoren worden und das seine Lehij ahre noph nicht beendigt 
hatte, konnte wohl die Bulgaren, welche bei uns eine Zufludit 
'; vor der Beraubung und vor dem Lösegeld fOr den eigenen Kopf - 
I suchten, an sich locken, es konnte aber nicht die gebildeten 
I und bürgerlich sicher gestellten Brüder heranlocken, jetz^ u nter- . 1 f 
V liegt aber uns^e Zukunft keinem Zweifel mehr. Der ißrqgressive^ . l 
Fortschritt der russischen Geschichte ist offenbar, seit 1855 ist ;^^ 
seine Bapidität aber sogar in die Augen fallend. Wir sind das^ )^y 
' ^]mge Volk unserer Tage, welches nicht an seiner^ObeAjerrachaft. j \J - --*! 
zweifelt.^^ Eine ^ystmatische Beaction ist in der gegenwärtigen \ 
1 Geschichte Bnsslands nicht denkbar; temporäre Verzögerungen ' 
laber und selbst momentane Bückschritte sogar bei solchen Fragen, 
die in erster L inje^ stehen, gehen wie eine Kette durch das Leben 
'eines jeden Volks, selbst des amerikanischen. Der gleich mäsisifg ' 
j Gang der Geschichte wird dadurch nicht aufgehalten. Wenn ein 
Dampfschiff mit voller Kraft dahin fährt, so bleibt die Mannschaft 
doch nicht zurück, wenn sie auch von der Spitze des Schiffes zum 
Hintertheil geht; während sie fünfzig Schritte rückwärts gemacht^ 
hat das eilende Schiff sie doch um hundert Klafter vorwärts 
gebracht. 

Kein einziges starkes Volk wird es ohne Widerstand zu leisten 
zugeben, dass in der Sphäre seines eigenen Wirkens, um so ^weniger 
aber an seinen Grenzen Ereignisse geschehen, deren Folgen ihm 
\ , nachtheilig werden könnten. Aber ausser diesem, allen grossen 
i Staaten gemeinsamen Antrieb zum Handeln wird ein jeder von 
ihnen, bei der Einmischung in fremde Angelegenheiten, von selb- 
ständi gen Motiven ganz verschiedenen Charakters geleitet, denen 
daher keineswegs immer die Reiche Weihe der,, Gerechtigkeit und 
der Sittlichkeit anhaftet. Der Egoismus der Masse ist überall 
' gleich damit fertig, Alles was ihm nützlich dünkt als gerecht anzu- 

17* 






•4. - 



X. 



I 



260 

erkennen. Aber die Gerechtigkeit bleibt doch immerhin kein 
leeres Wort, selbst in internationalen Beziehungen« Für eine 
politische Gremeinschaft ist es ebenso schwierig iwie für den ein- 
zelnen Menschen, eine künstlich angenommene Bolle dnrchza- 
fOhren und aufgeregten und egoistischen Gefühlen die Lebensfähigkeit 
und Macht wahrhafter Empfindungen zu verleihen* Ein Volk da- 
gegen, welches von seinem Rechte tief überzeugt ist, besitzt eine 
Energie und eine Beharrlichkeit, denen gegenüber es nicht leicht 
1 ist, ohne eine erdrückende Uebermacht der Kräfte, Stand zu 
I halten. Ein mächtiger Staat, welcher die Yerwirkl ichun g seiner 1 
von ihm klar erkannten h^tprisehen .Ajifja beil erstrebt, ist allein ! 
schon kraftjdÜLeses Erkenntnisses zur Hälfte des Erfolges, sicher i 
to^temation ale Fragend werden aher nichF ohne^ Strei taiacht^ gelöst 
Zum vollen Erfolge sind drei Dinge nöthig: eine klare Erkenntnis 
der Ziele, welche die Nation von oben bis unten durchdnngt; 
ein fester W ille, welcher sich nicht in einem jeinzelnen Aufschwung 
ausspricht, sondern im beharr lichen und unermüdlichen Handeln 
in der einmal eingeschlagenen Bichtung; und eine Militairorgani- , 
sation, welche der Summe der materiellen und sittlichen Kräfte \ 
eines Volks von achtzig Millionen entspricht. 



Beilagen. 



^rjle SSeirage. 



Gepanzerte Truppen. 

Durch die gesammte Kriegsgeschichte geht eine auf den 
ersten Blick fast unerklärliche Erscheinung, — nämlich der un- 
Yerhältnissmässige Einflnss, welchen jede, auch selbst die unbe- 
deutendste Vervollkommnung in der Bewaffnung oder in der Auf- 
stellung, wenn sie blos auf der emen Seite Anwendung findet, auf 
den Erfolg des Feldzuges ausübt. Es würde nichts Merkwürdiges 
sein, wenn die allerbeste Legion Gäsars von dem allerelendsten 
Eegiment unserer Zeit geschlagen werden würde; hier würde 
allerdings ein gar zu grosses Missverhältniss in den Zerstörungs- 
mitteln zu Tage treten. Es ist jedoch gar nicht so leicht zu er- 
klären, weshalb irgend eine minder bedeutende Yeränderung in 
der Waffe oder in der Aufstellung, welche selbstverständlich vor- 
theilhaft ist, aber doch noch keine wesentliche Abweichung vom 
allgemein Angenonmienen ausmacht, eine förmliche Panique den 
feindlichen Reihen einflössen kann. Eine jede Verbesserung ver- 
schafft natürlich derjenigen Seite, auf welcher sie angenommen 
worden, den ihrem Werth entsprechenden Vortheil und vermehrt 
die Chancen auf den Erfolg dieser Seite um einige Prozente. Da- 
mit ist es aber noch nicht genug. Ist nämlich der Vorzug des 
Feindes in irgend einem Stück einmal erkannt, so pflegt die Folge 
dieser Erkenntniss unbedingt eine Panique in höherem oder ge- 
ringerem Grade zu sein; die Truppen gehen ohne Vertrauen zu 
sich selbst in den Kampf, sind schon vor der Schlacht auf die 
Niederlage gefasst und schieben dann ihre Misserfolge auf jenen 
Vorzug des Feindes. Und doch gelangt keine einzige Neuerung 
mit einem, Mal zu einer solchen Reife, um einen f actischen. 



L 



264 

erdrückenden Vorzng zt bilden. Alles liegt nur in der Einbildung. 
Solche Nenerungen, welche die Siege entschieden haben, sind der 
Reihe nach gewesen: die Flintenpatronen nnter Gustav Adolph; 
das Bajonett in der Armee Ludwigs XIV.; die eisernen Lade- 
stöcke, welche vom Prinzen von Anhalt-Dessau in der preussischen 
Armee eingeführt wurden; das Ausschwärmen der Schützen bei 
den ersten französischen Revolutionstruppen, welche nur deshalb 
allein ausschwärmten, weil sie in der Fronte zu bleiben nicht 
verstanden; die gezogenen Gewehre bei einigen Bataillonen in den 
ersten Gefechten des Erimkrieges; und endlich das preussische 
Zündnadelgewehr. Lächerlich ist es aber zu glauben, dass diese 
Neuerungen, so nützlich sie auch waren, an und für sich den 
Sieg verliehen, ihn materiell sicherten. Wenden wir uns zu unse- 
rem heimischen Beispiel, dem Krimkrieg, so findet der Ausgang 
zweier Gefechte, an der Alma und bei Inkerman, durch alle die 
Momente, welche überhaupt nur auf das Schicksal eines Kampfes 
Einfluss üben können, seine vollkommene Erklärung. Aber es 
liegt in der Natur des Menschen, dass man bei uns, wie überall 
in ähnlichen Fällen, nicht in den wirklichen Ursachen, sondern 
nur in einem Umstand, in den Waffen, die Erklärung für den 
Misserfolg suchte. Im Heer sowohl, wie im Volk erschallte die 
allgemeine Klage: mit unseren Waffen können wir nicht siegen. 
Diese Erklärung wirkte; die Soldaten, welche von der UntaüglLch- 
keit ihrer Waffen vernommen hatten, gingen das zweite Mal 
natürlich mit einigem Misstrauen gegen sich selbst in den Kampf. 
Das gezogene Gewehr war damals aber nur erst ein Versuch; an 
der Alma und bei Inkerman standen nur einige französische Jäger- 
bataillone mit gezogenen Flinten. Konnten denn allein die Schützen- 
ketten mit solchen Gewehren dem Feinde wirklich ein entschiede- 
nes Uebergewicht geben? Hier ereignete sich vielmehr dasselbe, 
was in solchen Fällen immer passirt. Wir schoben den Misser- 
folg des ersten Zusammenstosses auf die gezogenen Gewehre eini- 
g;er Bataillone; waren wir erst zu der Erkenntriiss gekommen, 
dass der Feind uns in dieser Hinsicht übertraf, so standen wir 
ihm dann auch wirklich nach, eben weil wir so von ihm dachten. 
Gerade ebenso war es im letzten böhmischen Kriege. Die Zünd- 
nadelgewehre haben den Preussen, wir wollen annehmen, einen 
Vorzug von fünf Procent auf hundert gegeben; das hat genügt^ 
die Schuld des Misserfolges auf die Gewehre zu schieben. Diese 



265 

Meinung durchflog rasch die ganze Armee. Anfangs hätten die 
Oesterreicher, gut geführt, trotz der Zündnadelgewehre die Preussen 
besiegen und sodann immerhin der Eigenschaft dieser Waffe Ge- 
rechtigkeit widerfahren lassen können; so jedoch kamen sie sich 
gegen das Ende des Feldzuges dem Feinde gegenüber gewisser- 
massen unbewaffnet vor und waren daher entschieden nicht im 
Stande mit ihm zu kämpfen. Wir können daher nicht umhin 
auf die jüngst in Europa von neuem aufgetauchte Frage von der 
Defensiv-Bewaffnung unsere Aufmerksamkeit zu richten. 

In allen Zeitungen wurde verkündet, dass einige preussische 
Officiere leichte magnetische Panzerhemden, durch welche keine 
Kugel ging, getragen hätten; später wurde bekannt, dass in der 
französischen Armee auf diesen Gegenstand die Aufmerksamkeit 
gerichtet worden sei. Kürzlich hat ein besonderes Comit6 in 
Mailand mit einem undurchschiessbaren Filz Versuche angestellt. 

Die Theorie dieser Frage ist sehr einfach. Sie besteht dar- 
in: vermag die gegenwärtige Kunst eine Bedeckung zu erfinden, 
welche, ohne einen Mann über ein gewisses Mass hinaus zu be- 
lasten, ihn vor den Kugeln schützt? Vermag sie's, so ist hierbei 
auch gar nichts weiter zu überlegen. Je nach der Leichtigkeit 
einer solcher Bedeckung muss man sie in grösserem oder geringe- 
rem Verhältniss bei der Armee einführen. Wer zuerst solche 
Panzer erfindet und bei sich einführt, der wird der Beherrscher 
Europas. Die Panique, welche bis jetzt durch alle neuen Ver- 
vollkommnungen, durch gezogene schnellschiessende Gewehre, durch 
gezogene Kanonen und durch verschiedene Zerstörungswerkzeuge, 
in den Reihen der Feinde bewirkt worden, würde auch gar nicht 
einmal zu vergleichen sein mit der Panique, welche durch die 
Attake mit einer gegen Flintenfeuer schussfesten Fronte, selbst 
wenn nur einige gepanzerte Regimenter ins Feuer geführt werden, 
hervorgebracht werden würde. Nach einer ersten solchen Attake 
würde derjenigen Seite, welche bis dahin noch keine Panzer hat, 
mchts weiter übrig bleiben, als unverzüglich und um jeden Preis 
den Frieden zu unterschreiben, damit es ihr nur nicht noch 
schlimmer gehe. Diese Frage beschäftigt mich schon zwanzig 
Jahre, weil ich vor etwa so langer Zeit ein solches Hemd ge- 
sehen und erprobt, damit aber auch zugleich sehr gut begriffen 
habe, welchen Effect dasselbe im Kriege machen könnte. Seitdem 
habe ich häufig darüber mit kriegserfahrenen Männern gesprochen; 



266 

die Grewohnheit ist aber im Menschen allzn stark und die Ge- 
wohnheit Defensivwaffen zu verachten ist bereits dreihundert Jahre 
alt. Nur Wenige stimmten mit mir überein. Der Eine sagte, 
dass auch die Perser behaupten, sie würden im Kriege sehr tapfer 
sein, wenn sie sich nur nicht erschlagen zu werden fürchteten; 
ein Anderer entgegnete, dass ein tapferer Mann sogar das Lein- 
hemd aufknöpfen müsste; schiess nur immerhin zu, solange ich 
noch nicht an dich herangekommen bin — müsste es heissen — 
dann aber, wenn ich näher bin, nimm dich in Acht. Meine 
Ueberzeugung ist indess durch solche Argumente nicht wankend 
gemacht worden. Weder wozu persönliche Tapferkeit sich hin- 
gerissen fühlt, noch die dreihundertjährige Gewohnheit Etwas von 
einem gewissen Gesichtspunkt aus zu betrachten, vermag ein klar 
zu Tage liegendes Factum zu erschüttern, welches darin besteht, 
dass jeder anerkannte Vorzug auf Seiten des Feindes sofort bei 
der gegnerischen Seite ünentschlossenheitj sodann aber eine 
Panique erregt. Sicherlich haben unsere Kegimenter in der Krim 
den Anderen an Tapferkeit nicht nachgestanden; die Vertheidiger 
Sebastopols haben sicherlich dem Tod so kühn ins Antlitz geschaut, 
wie es überhaupt nur der Mensch zu thun vermag; auch die 
österreichischen Truppen sind ohne Zweifel nicht furchtsam. Als 
sich jedoch herausgestellt hatte, dass die gezogenen Gewehre den 
Franzosen einen Vorzug gaben und die schnellschiessenden den 
Preussen, da entstand sowohl in unseren wie in den österreichi- 
schen Reihen der Zweifel: ob es denn überhaupt möglich sei den 
Feind zu überwinden? Ohne die Ueberzeugung aber, oder min- 
destens ohne die feste Hoffnung den Sieg zu erlangen, ist jeder 
Kampf undenkbar, ausser etwa von Seiten einer Handvoll Tapferer, 
die aus irgend einer besonderen Veranlassung auf Leben und Tod 
gehen. In diesem Fall hat der Schrecken des Todes seine Wir- 
kung verloren. Ein tapferes Regiment erklettert die Mauer, von 
welcher der Tod in allen Gestalten auf dasselbe herabstürzt, geht 
den Kartätschen entgegen und erreicht das Ziel, wenn auch zu- 
weilen zwei Drittel der Mannschaft mit ihren Leibern den Weg 
bedecken. Jst aber dasselbe unerschrockene Regiment zu der 
Ueberzeugung, einerlei ob sie richtig oder irrthümlich ist, gekom- 
men, dass der Feind irgend welchen offenbaren Vorzug vor ihm 
besitzt, so wird es gegen ihn ausrücken, wie man zur Hinrichtung 
geht, mit der Ueberzeugung umzukommen, und die Erwartung 



267 

wird dann auch gewiss zur Wahrheit. Wenn der Kampf zwischen 
den Massen stattfindet, so wird von beiden Gegnern, die alle nur 
möglichen Anstrengungen machen den Sieg zu erlangen, derjenige 
die Oberhand behalten, der das grössere Selbstvertrauen hat. Und 
kann man den durch eine grössere Schussweite und die Geschwin- 
digkeit des feindlichen Feuers hervorgebrachten Eindruck wohl 
vergleichen mit dem Eindruck, welchen die Unverwundbarkeit des 
Feindes auf den Gegner machen würde? In der Verwirrung des 
Kampfes ist der Procentsatz der treffenden Kugeln aus gezogenen 
Gewehren nur i\renig bedeutender als bei glattläufigen Flinten; der 
Hauptunterschied besteht darin, dass die ersteren auf grössere 
Entfernungen schiessen. Bringt aber schon das etwas günstigere 
Yerhältniss bei diesem Procentsatz der treffenden Kugeln eine so 
erschütternde moralische Wirkung hervor, welche Wirkung muss 
da erst die Meinung haben, dass der Feind uns ungestraft be- 
schiessen kann, dass seine Kugeln für uns der Tod sind, während 
unsere an ihm wie Erbsen abgleiten? Eine solche Vorstellung 
wird ohne Zweifel immer übertrieben sein; um einen Menschen 
unverwundbar zu machen, müsste man ihn ganz in einen undurch- 
dringlichen Sack nähen; schützen kann man nur die edelsten 
Theile des Körpers. Aber auch das ist genug. Wenn sich auch 
nur ergeben würde, dass der Feind, welcher uns Alle ohne Aus- 
nahme niederstreckt, blos verwundet werden kann, oder wenn der 
Harnisch auch blos auf eine gewisse Distance, auf 100 oder 150 
Schritt, sich als schussfest erweisen würde, so wäre schon allein 
Das genug, um jeden Kampf zwischen zwei Seiten eigentlich un- 
möglich zu machen. Durch die Einbildung würde die Wirklich- 
keit zu fabelhaften Dimensionen gesteigert werden. Man kann 
mit Sicherheit behaupten, dass für eine Armee von 300,000 Mann 
eine einzige Division Gepanzerter genügen würde, um eine Haupt- 
schlacht ohne Schwanken zu entscheiden. Das Geschick eines 
jeden Kampfes wird auf irgend einem bestimmten Punkt entschie- 
den; die Panzerdivision würde auf diesem Punkt dieselbe Wirkung 
üben wie ein Panzerschiff gegenüber einer hölzernen Flotte. Man 
wird dagegen bemerken, dass, wenn man die Batterien concentrirt, 
diese Division mit Kartätschen, denen gegenüber kein einziger Panzer 
Stich halten würde, zusammengeschossen werden könnte. Aber 
weshalb werden denn die gewöhnlichen ungeschützten Divisionen 
nicht immer zusammengeschossen, weshalb kann man sie nicht hindern 



268 

die Position zu nehmen? XJebrigens würde auch ein Panzer, an 
dem eine Kugel abprallt, nur auf sehr nahe Distance gegen Kar- 
tätschen nicht schützen. 

Von dem Gewicht eines Harnisches kann gar nicht die Rede 
sein. Die europäische Infanterie hat ihn erst vor zwei und einem 
halben Jahrhundert abgethan, nicht aber weil er unbequem war^ 
sondern weil er nicht vor der Kugel schützte: wozu sollte man 
sich unnütz belasten? Jahrtausende lang hatte bis dahin alle re- 
gulaire Infanterie, vom griechischen Hopliten bis zum Lanzknecht 
des 16. Jahrhunderts, den Harnisch getragen. Ausser der schwe- 
ren Angriffswaffe, dem Eanzen und dem Proviant trug der römi- 
sche Legionär den Helm, den Panzer, den Schild und den Pfahl 
zu der üblichen Umhegung des Lagers. Die römischen Krieger 
waren indess keineswegs besonders starke Leute; in historischen 
Handbüchern sogar wird berichtet, dass sie an Körperkraft den 
Barbaren nachstanden; nichts desto weniger vollführten sie mit 
einer solchen Bürde erstaunenswerthe forcirte Märsche. Das ist 
Sache der Gewohnheit. Die Franzosen sind kein kräftiges Volk, 
gehen aber nie anders zum Exerciren als mit dem vollen Banzen 
und führen doch Stunden lang alle Evolutionen im Laufe aus. 
Das Gewicht unseres Ranzens kann um ein Drittel vermindert 
werden. Unter dieser Bedingung ist ein fünfzehnpfündiger Panzer 
für einen kräftigen Mann keine Ueberbürdung. Der Harnisch 
des mittelalterlichen Lanzknechts wog gegen 55 Pfund. 

Die Frage besteht also darin: kann man einen schussfesten 
Panzer construiren, dessen Gewicht die Kräfte eines Infanteristen, 
wenn auch nur eines aus der Preobraschenskischen Garde*), nicht 
übersteigt? Ich behaupte positiv, dass man es kann, denn ich habe 
selbst einen solchen Panzer gesehen und erprobt Man spricht 
heut zu Tage von einem magnetischen Panzerhemd; ohne es ent- 
schieden zu verwerfen glaube ich doch nicht eher an dasselbe, 
bis ich es gesehen habe. Im Kaukasus trifft man oft genug 
Panzerhemden; ich habe mit ihnen, und dazu mit den allerbesten, 
wiederholte Proben angestellt, jedes Mal aber hat der Versuch 
ein und dasselbe Resultat ergeben; die Kugel schlug den aller- 



*) Das älteste Garderegiment in Rassland, zn welchem immer die 
grossten nnd kräftigsten Leute ausgewählt werden. 

Anm. d. Uebers. 



269 

festesten Panzer, sogar auf einer weichen Unterlage, durch und 
durch. Was hierbei das Magnetisiren helfen kann, verstehe ich 
nicht Aber ich habe einen gegen Flintenkugeln schussfesten Filz* 
panzer gesehen. Vor zwanzig Jahren brachten die Zeitungen 
gleichzeitig zwei Veröffentlichungen Aber solche Panzer; die eine 
war aus Mailand, die andere aus Irland. Auf die Bitte eines 
meiner Bekannten, eines asiatischen Gutsbesitzers, verschrieb ich 
fCü: ihn einen solchen Panzer und wir stellten gemeinschaftlich 
mit demselben Versuche an. Der Panzer bestand aus einem bis 
über die Weichen hinab gehenden Hemde mit weiten Aermeln, 
welche an der Handwurzel festgeknöpft wurden; er stand steif 
wie ein Garton und wog 15 Pfund. Wir schössen auf ihn aller- 
dings mit einer kleinen Kugel vom Kaliber des asiatischen gezoge- 
nen Bohrs, welches indess 800 Schritt weit trägt Es kam nur 
selten vor, dass die Kugel absprang oder abglitt, grössten Theils 
aber fiel sie nach dem Anschlag todt herunter. Wir schössen 
auch auf einen mit diesem Panzer bekleideten Menschen, wobei 
eine Gontusion nicht bemerkbar war. Ich habe gehört, obgleich 
ich mich für die Bichtigkeit des Gerüchts nicht verbürgen kann, 
dass in einer der Petersburger Managen b^eits vor jener Zeit 
mit einem solchen Panzer officielle Versuche mit eben denselben 
Besultaten angestellt worden seien. Kürzlich wurde in den Zei- 
tungen bekannt gemacht, dass der Panzerfilz, mit welchem in 
Mailand Versuche angestellt worden und der sich als schussfest 
erwiesen hatte, siebenmal weniger wiege als eine Eisenplatte von 
derselben Widerstandskraft. Sogar der gewöhnliche Filz kann, 
wenn er geweicht ist und doppelt gelegt wird, eine Kugel ab- 
halten. Die Tuschinen (ein kaukasischer Volksstamm) tragen Filz- 
mützen, deren Krampe wie ein Besatz in die Höhe gebogen ist; 
man hat oftmals bemerkt, dass die Kugel des gezogenen kaukasi- 
schen Gewehrs durch eine solche Mütze, nach dem Begen, nicht 
durchgeht Bei dem Panzerhemd, welches ich gesehen habe, war 
ohne Zweifel die Feuchtigkeit des Filzes durch irgend ein künst- 
liches Mittel ersetzt. 

Jetzt, da der Panzer schon einmal zur Sprache gebracht 
und es zweifellos ist, dass ein genügend leichter schussfester 
Panzer hergestellt werden kann, kann man dessen ganz sicher 
sein, dass, wenn nicht heute, so doch morgen, gewiss auf einem 
der europäischen Schlachtfelder plötzlich von irgend einer Seite 



270 

gepanzerte Regimenter auftauchen werden; für die entgegenstehende 
Seite wird ein solches Gefecht dann den Ausgang von Eöniggrätz 
haben und vielleicht einen noch viel schlimmeren, denn die durch 
die Unverwundbarkeit des Feindes hervorgerufene Panique würde 
natürlich viel stärker sein, als der Schreck über die Geschwindig- 
keit seines Feuers. Es ist viel besser in diesem Fall die in 
Erstaunen setzende Seite zu sein als die in Erstaunen ge- 
setzte. Der ganze Vortheil wird auf derjenigen Seite sein, welche 
die Initiative ergriffen. Die Frage wegen des Panzers ist der- 
artig, dass fremdes Urtheil und Beispiel irrelevant sind. Wenn 
ein genügend leichter schussfester Panzer überhaupt auf der Welt 
existirt, so gilt es nur Versuche mit ihm anzustellen, ob er wirk- 
lich leicht und schussfest ist, und sodann ihn einzuführen, wenn 
auch nur bei der Garde, die aus den allerstärksten Leuten be- 
steht; die Kosten können in einem solchen Fall kein Hindemiss 
sein. Die Unterhaltung der Armee kostet uns gegen 170 Millionen 
Rubel jährlich; der orientalische Krieg kostete ca. 600 Millionen 
Rubel; selbstverständlich würde jeder Russe mit Freuden darauf 
eingehen, dass er 700 Millionen gekostet hätte, wenn er dafür 
nur mit einem vollen Triumph gekrönt gewesen wäre. Eine be- 
ständige über den Anschlag hinausgehende Ausgabe ist für den 
Staat gefährlich, nicht aber der einmalige Kostenaufwand für einen 
nothwendigen Gegenstand, zumal wenn diese Kosten nicht erheb- 
lich sein können. Käme ein Panzer sogar auf 50 Rubel zu stehen, 
so würden für 25,000 Mann 1,250000 Rubel erforderlich sein. 
Und zwar gerade für uns ist dieser Gegenstand unvergleichlich 
mehr wichtig als für irgend einen Anderen. Es giebt bei uns 
keinen einzigen erfahrenen kriegstüchtigen Officier, dem unser ent- 
schiedener Vorzug im Handgemenge, beim directen Zusammenstoss 
der Massen, jedem beliebigen Gegner gegenüber, nicht zweifellos 
wäre. Gleichzeitig vernimmt man auch den Zweifel, ob man denn 
auch oft dazu kommen werde mit dem Bajonett zu kämpfen, ob 
es gelingen werde das Feuer des Feindes zu bezwingen, um mit 
ihm selbst handgemein zu werden? In dieser Hinsicht ist ein 
Zweifel durchaus erlaubt. Die russischen Soldaten gehen furcht- 
los ins Feuer. Aber darum handelt es sich nicht. In der Schlacht 
wird viel mehr geschossen, als mit scharfer Waffe gekämpft; der- 
jenige, dessen Feuer aus irgend einem Grunde stärker und sicherer 
ist, ist daher für die ganze Dauer des Kampfes, wenn auch nur 



271 

um einige Frocente, im Yortheil. Eine entschiedene Attake kann 
wohl den durch sein Feuer überlegenen Gegner brechen und uns 
den Sieg geben, kann aber auch vielleicht ihn nicht brechen, kann 
durch seine Zähigkeit oder durch eine kunstvolle Verwendung der 
Reserven paralysirt werden; die beständige üeberlegenheit im 
Feuer während jeder Minute des Kampfes macht in Summa einen 
so entschiedenen Vorzug aus, dass derselbe gar nicht ohne Ein* 
fluss auf den Ausgang des Kampfes sein kann. Wie viel auch 
die Franzosen immerhin von ihrem Bajonett reden mögen, es dient 
ihnen doch nur immer als Ersatzmittel, wenn auch als sehr 
wichtiges. Unsere Armee dagegen hat, von den Zeiten Feters dea 
Grossen an bis auf den heutigen Tag, nie anders als mit dem 
Bajonett den Feind besiegt. In der Kriegsgeschichte der anderen 
Völker sind beständig, in jedem Gefecht, durch das Feuer erzielte 
rühmliche Erfolge anzutreffen: bald hat das sichere Feuer der 
Schützen den Feind zurückgeworfen, bald hat ein Bataillon auf 
50 Schritt sich dem Feind genähert und ihn. durch eine zer- 
schmetternde. Salve in die Flucht geschlagen, bald sind die atta- 
kirenden Truppen durch das kaltblütige Feuer deployirter Linien 
geworfen worden. In unserer Kriegsgeschichte giebt es fast gar 
keine derartige Episoden. Unsere Bataillone rücken gegen den 
Feind, um Mann gegen Mann mit ihm zu kämpfen, nicht aber, um 
auf kurze Distance auf ihn zu schiessen; dem angreifenden Feind 
begegnen sie natürlich mit einem Gewehrfeuer, erwarten aber nicht, 
wie andere, seine Schüsse ä bout portant, sondern werfen sich 
selbst, nachdem sie ihn auf kurze Entfernung herangelassen, dem 
Feind entgegen. Der russische Soldat hasst übrigens den Kampf 
mit Feuerwaffen und hat kein Vertrauen zu dem Anführer, welcher 
ihn lange eine Kanonade führen lässt, sondern vertraut nur seiner 
Faust, dem Bajonett und dem Kolben. Er kennt viel besser seine 
Eigenthümlichkeit^ als die Taktiker, welche ihn ausbilden. Unser 
Suworow pflegte zu sagen: „die Kugel ist eine Närrin, das Ba- 
jonett ein wackerer Bursch." Ein genialer Feldherr würde diesen 
Ausspruch in Deutschland oder sonst wo niemals gethan haben, 
denn ein genialer Feldherr begreift den Geist seiner Armee, der 
diesem Ausspruch zu Grunde liegende Geist lebt aber gerade nur 
im russischen Soldaten. Zum Siege führen viele verschiedene 
"Wege; jedes energische Volk hat seinen eigenen Weg. Der 
russische Soldat ist ein Kämpfer im Handgemenge, aber kein 



272 

Schütze; und wird er auch zum Schützen oder zum Cavalleristen, 
so ist er es doch nur halb; er ist langsam, auch nicht wenig 
schwerfällig lind nur im Haufen, unter Kameraden, völlig ent- 
schlossen. Hadschi-Murad, der berühmte Parteigänger der Berg- 
Völker, pflegte zu sagen: „der russische Soldat ist ein sonderbarer 
Mensch! Einzeln taugt er nichts dem Lesghier gegenüber, sammelt 
sich aber ein Haufe von etwa zehn Mann, so wird selbst der 
Teufel mit ihnen nicht fertig." Zehn Mann sind keine Fronte; 
ein solcher Haufe hat nichts von den specifischen Vorzügen der 
regulairen Truppen und in ihrer Stärke kommt nur das Wesen 
des Volkscharakters zum Ausdruck: „auch der Tod ist schön in 
dieser Welt", — und zwar eben nicht die wesentliche Eigenthüm- 
lichkeit des Einzelschützen, sondern des im Handgemenge excelliren- 
den regulairen Kriegers. Armeen, deren Stärke in der Feuerwaffe 
besteht, zeichnen sich durch einen ganz anderen Charakter aus. 
Die russische Infanterie hat schon während der gegenwärtigen 
Begiemng das Schiessen in genügendem Mass, freilich auch nicht 
über dasselbe hinaus, erlernt; durch Gründlichkeit kann die Aus- 
bildung im Schiessen noch um einen Schritt weiter gebracht wer- 
den, wird aber dann stehen bleiben müssen; dafür giebt es Gründe 
genug sowohl im Volkscharakter und in dem Wesen des Bussen, 
wie in dem Bildungsgrade unserer Officiere. Nach meiner eige- 
nen XJeberzeugung und nach der vieler Anderer spreche ich es 
aus, dass unsere Armee hinsichtlich ihres Feuers tüchtigen euro- 
päischen Armeen kaum jemals völlig gleich kommen wird; bei 
ihrem unzweifelhaften Vorzug im Handgemenge hat man aber gar 
keinen Grund das zu beklagen: jeder hat seine Begabung, und es 
dürfte kaum vortheilhaft für uns sein zu tauschen. Es ist übrigens 
bemerkenswerthy dass die Römer sich durch dieselbe Eigenschaft 
auszeichneten; sie griffen nur mit Sturm an, während ihre leichten 
Truppen immer schlechter waren als die feindlichen. Wir werden 
daher auch gleich in der ersten Schlacht, ungeachtet der Tödlich- 
keit der heutigen Feuerwaffe, immerhin suchen müssen den Feind 
zu durchbrechen, und zwar nicht nur im entscheidenden Augen- 
blick des Kampfes, wie es die Anderen thun, sondern öfter, jedes 
Mal sobald es nöthig wird den Feind zurückzudrängen: wir wer- 
den uns also immer hauptsächlich auf das Bajonett zu verlassen 
haben, denn anders werden wir nie die Oberhand gewinnen. Bei 
einer solchen, aus den Eigenthümlichkeiten des Volks entspringen- 



273 

den Kampfweise muss man es, wenn nur irgend welche Möglich- 
keit dazu vorhanden ist, jedenfalls ernstlich in Erwägung ziehen, 
ob man denn nicht etwa auf irgend eine Weise die zerstörende 
Wirkung des feindlichen Gewehrfeuers abschwächen könnte, und 
für einige Ausschlag gebende Elitetruppen wenigstens bietet sich 
ein solches Mittel dar. Ganz abgesehen von dem erschütternden 
Eindruck der Neuheit, welcher hervorgebracht werden würde, 
wenn wir die ersten gepanzerten Infanterieregimenter aufs Schlacht- 
feld brächten, oder wenn wir dieselben gar in grosser Menge 
brächten; für uns wäre es schon ein Vortheil, wollten sämmtliche 
europäische Armeen sich in Harnische kleiden, denn in Folge 
dessen würden das Bajonett und der Kolben von neuem über das 
Feuergewehr die Oberhand gewinnen, oder mindestens die Chancen 
gleich machen. Alles, was die Bedeutung der kalten Waffe auf 
Kosten der Schusswaffe steigern kann, gereicht uns, deren Stärke 
im Handgemenge besteht, zum Vortheil. 

Der Panzer soll die edelsten Theile des Körpers schützen, 
deren Verletzung durch einen Schuss dazu hinreicht, um einen 
Mann umzuwerfen, also: die Brust, den Leib und den Kopf. 
Unser Soldat fürchtet nicht die Wunden, und wenn er gar dessen 
sicher ist, dass die Kugel ihn nicht mit einem Schlage tödtet, so 
wird er ihr entgegengehen wie zum Spiel mit Schneeballen. Bei 
kaltem Wetter kann der Infanterist den Marsch im Panzer machen ; 
bei heissem Wetter braucht er ihn nicht auf dem Körper zu haben, 
sondern kann ihn als Packet am Ranzen tragen und erst vor dem 
Kampf anlegen. Bei der Infanterie können nur Eliteregimenter 
mit dem Panzer bekleid^J werden, — erstlich, weil man sich auf 
solche theuere Truppen auch in jeder Hinsicht verlassen können 
muss; dann, weil dieselben auch aus kräftigen Leuten, welche die 
Gewichtszulage des Panzers leicht tragen, bestehen müssen; solche 
Truppen müssen für den entscheidenden Moment aufgespart und 
deshalb in der Reserve gehalten werden; auf diese Weise werden 
die Leute auch weniger durch den Marsch ermüdet werden. 
Diesen Bedingungen einer auserlesenen, am meisten geschonten 
Truppe entspricht bei uns die Garde allein, — in ihr muss da- 
her auch der Panzer Anwendung finden.*) Ihrer numerischen 



*) Mit der Zeit kann vielleicht ein grosser Theil der Armee mit 
dem Panzer bekleidet sein; mittlerweile werden aber blos erst Elite- 
Fadejew, Russlands Kriegsmacht. 28 



274 

Stärke nach genügt unsere Garde vollständig, um in der letzten 
Stunde der Schlacht selbst jeden beliebigen Grigantenkampf zu ent- 
scheiden; sie wird auf dem Marsch mehr als die anderen Truppen 
geschont werden; die Leute in derselben werden weniger erschöpft 
sein — und mehr bedarf es nicht. Sogar gerade die Aufgabe 
einer solchen Reserve — ohne irgend welche Rücksicht ins Feuer 
zu gehen und mit der Masse in die feindliche Linie einzubrechen, 
wozu Entschlossenheit und hoch entwickelter Ehrgeiz mehr ge- 
hören als taktische Erfahrenheit — : entspricht vollkommen dem 
Geist unserer Garde. Daher also muss man, wenn der Panzer 
wirklich leicht und schlussfest ist, was der erste Versuch ohne 
Zweifel ergeben wird, zuerst und ausschliesslich die schwere Garde- 
infanterie mit ihm bekleiden; 24 Bataillone solcher Gepanzerter 
garantiren mittlerweile für den Ausgang einer jeden Schlacht. 



truppen gepanzert sein können. Ausser der Garde haben wir keine an- 
deren Elitetrappen; man könnte sie wohl aus den kräftigsten Leuten 
bilden, wie früher die Grenadiere gebildet wurden, — doch entsteht hier 
die überaus streitige Frage; ist bei auserlesenen Truppen der Vortheil 
oder der Nachtheil grösser? Der Vortheil — in Folge dessen, weil sie 
der ganzen Armee einen Halt geben, wie er ohne sie nicht zu erreichen 
wäre; oder der Nachtheil — weil das Auswählen der Leute in einem 
gewissen Grade die ganze Armee schwächt, was doch endlich in einer 
jeden Compagnie fühlbar wird? Zur Vertheidignng jeder der beiden 
Seiten dieser Frage können die schlagendsten Argumente angeführt wer- 
den. Aller Wahrscheinlichkeit nach kann diese Frage überhaupt nicht 
nach allgemeinen Grundsätzen gelöst werden, — für die eine Armee 
wird es am besten so sein, für die andere anders, je nach dem Geist 
derselben und darnach, wie sie ursprünglich gebildet wird. Bei uns sind 
die ersten militairischen Autoritäten gegen Elitetruppen, — es würde also 
darüber weiter kein Wort zu verlieren sein. Aber dennoch existiren 
factisch Elitetruppen — die Garden, und werden wahrscheinlich noch 
länge existiren, und deshalb findet auch auf diese Alles, was in den 
Artikeln des „Russischen Boten*' über Elitetruppen gesagt worden ist, 
seine Anwendung. Wird der Panzer seiner Eigenschaften wegen als 
tauglich anerkannt, so ist selbstverständlich die schwere Gardeinfanterie 
derjenige Truppentheil, für welchen er mehr als für alle übrigen passt. 
Es lässt sich wohl annehmen, dass die Anwendung des Panzers, wenn 
er einmal eingeführt worden ist, immer weitere Ausdehnung erfahren 
werde; in diesem Fall würde man dann bei jedem Infanterieregiment 
eine gepanzerte Compagnie formiren und diese Compagnien je nach Be- 
dürfniss mit einander vereinigen können. Doch das bleibt der Zukunft 
vorbehalten. 



275 

Meiner Meinung nach müsste der Panzer der Liniencavallerie 
gegeben werden; bei uns müsste aber die ganze regulaire Caval- 
lerie Liniencavallerie sein. Unsere leichte Reiterei sind die Ko- 
saken und andere Reitervölker, worüber im Vorhergehenden genug 
gesagt worden ist. Der Massstab für den Werth der Linien- 
cavallerie besteht in der Fähigkeit die Infanterie anzugreifen. Die 
Fronte, welche ein Carr6 zu durchbrechen vermag, wird auch 
jeden Cavallerieangriff zurückwerfen. Bei dem gegenwärtigen Zu- 
stand der Feuerwaffe können aber nur Gepanzerte mit Erfolg die 
Infanterie angreifen; nur von diesen kann man erwarten, dass sie 
die Zügel nicht anziehen und mit voller Wucht hineinsprengen werden, 
üngehamischte Reiter pflegen überdies, wie die Erfahrung der 
letzten Kriege zeigt, sich überhaupt nicht leicht mit der Infanterie 
einzulassen. Man muss entweder für immer und für alle vor- 
kommenden Fälle darauf verzichten, mit der Cavallerie eine frische 
Infanterie direct anzugreifen, d. h. mit anderen Worten, die ge- 
sammte cavalleristische Tradition vergessen, oder aber der Reiterei 
den Panzer geben. Bei unserer regulairen Cavallerie müssen die 
Pferde stark sein ; für ein starkes Pferd aber macht bei leichterem 
Sattelzeug, wie z. B. das der Kosaken ist, eine Belastung von 15 
Pfund mehr nicht gar zu viel aus; zumal da der allerangreifendste 
Reiterdienst in unserer Armee auf die irregulairen und nicht auf 
die Linienregimenter fällt, welche letzteren auf dem Marsch 
grössten Theils mit der übrigen Masse gleichen Schritt halten. 
Ausser dem Panzer ist es nothwendig, dass der ganzen Cavallerie, 
der regulairen wie der irregulairen, Armschienen gegeben werden. 
Ein Paar Armschienen von Stahl sind so leicht, dass man das 
Gewicht derselben kaum spürt, und dennoch schützt die Arm- 
schiene, namentlich am linken Arm, den Reiter weit mehr als der 
Helm oder die Epauletten. Unwillkührlich deckt man sich vor 
dem erhobenen Säbel mit dem linken Arm; die Hälfte der Säbel- 
hiebe fällt daher in die Nähe des Elbogens ,>*/ Folge dessen der 
Arm sofort bis zur Schulter vertaubt und der Cavallerist den 
Kampf verlassen muss. Mit den Armschienen kann ein gewandter 
Reiter es mit Mehreren aufnehmen. Es ist schon längst an der 
Zeit für uns die Reitersitten von den Tscherkessen , wenn auch 
nur wegen der genauen Bekanntschaft mit ihnen, anzunehmen, 
und nicht von den Hannoveranern. 

Für die reitende ArtiUerie ist der Panzer deshalb nöthig, 

18* 



276 

damit sie im Stande ist die Infanterie früher zusammenzuschiessen, 
bevor sie selbst von der Infanterie zusammengeschossen wird. Die 
reitende Artillerie wirkt zerstörend nur auf der allernächsten 
Kartätschenschussweite. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, 
wie eine Division der kühnsten reitenden Batterie, die es in der Welt 
nur geben kann, zu einem feindlichen Bataillone herangeschwirrt kam 
und durch eine Salve vernichtet war, noch bevor sie dem Feinde 
einen empfindlichen Schaden zufügen gekonnt; die gesammte Be- 
dienung stürzte mit einem Schlage. Bei den gegenwärtigen ge- 
zogenen Flinten werden sich derartige Fälle unaufhörlich wieder- 
holen. Wenn die Kugeln blos die Pferde niederschiessen, so ist 
das noch kein Unglück. Die Geschütze der reitenden Artillerie 
können dann immer noch den Feind zusammenschiessen, und der 
hinter ihnen heranrückenden Cavallerie oder Infanterie wesentliche 
Dienste leisten; werden aber auch die Menschen vor der Zeit 
heruntergeschossen, so ist das ganze Opfer unnütz. Die Belastung 
des Frontepferdes in der reitenden Artillerie mit 15 Pfund mehr 
ist nicht hoch zu veranschlagen, denn bei dieser Waffengattung 
ermüden die Anspannpferde immer weit rascher als die Fronte- 
pferde; selbst mit diesem Zuwachs an Bürde werden die letzteren 
noch springen, wenn die ersteren bereits Schritt gehen. 

Auch diejenigen Infanterieofficiere haben den Panzer nöthig, 
welche nach dem Reglement sich zu Pferde vor der Fronte auf- 
halten: die Stabsofficiere und Adjutanten. Man kann ein Bataillon 
nicht zu Fuss commandiren, der Anführer muss von allen Leuten 
gesehen werden können; ganz allein aber mitten unter Tausenden 
von Fussvolk zu Pferde zu sitzen ist, z. B. beim Scharfschützen- 
feuer, eine überaus riskante Sache. Es handelt sich hierbei nicht 
um das Leben eines einzelnen Menschen; jeder Krieger, der in 
die Schlacht zieht, geht dem Tode entgegen und darf nicht an 
sich denken; der plötzliche Tod des Anführers bringt aber fast 
immer die Verwirrung der Abtheilung mit sich, und aus diesem 
Grunde auch bisweilen einen entschiedenen Misserfolg der ganzen 
Attake. Dass im Kampf Niemand seiner schonen darf, ist eine 
Bedingung des Erfolgs; aber eine zweite nicht minder wichtige 
Bedingung besteht darin, dass die Truppen nach Möglichkeit vor 
der Verwirrung, wie sie fast immer auf den Tod der Anführer 
folgt, bewahrt werden. Das von den reitenden Infanterieofficieren 
Gesagte gilt natürlich auch von anderen höheren Officieren; in 



I-. 



277 

■ 

einer Division ist die Verwirrung gefährlicher als in einem Ba- 
taillon, schlimmer aber als beides ist die Verwirrung in einem 
ganzen Corps. Bis zum 18. Jahrhundert, solange man noch an 
den mittelalterlichen Harnisch glaubte, trugen alle Generale die 
volle ritterliche Defensivrüstung. 

Der Panzer vermag Vieles in der heutigen Kriegsführung 
umzugestalten; für keinen aber wäre er das, was er für uns wäre; 
der Panzer wäre der Triumph des Bajonetts und der Lanze, der 
russischen Schulterkraft, über die schlaue Kunst der Kugel. 



Iweifc ^Scifagc. 



Kürassiere. 

Kürassiere existiren in allen grossen europäischen Armeen. 
Sie sind offenbar ein Ueberrest der alten, in Harnische geschmie- 
deten, adeligen Reiterei der Ritter. Ihre vorzüglichste Aufgabe 
besteht darin, dichte Massen der Infanterie und Cavallerie, be- 
sonders aber der Infanterie, zu werfen. Zu diesem Zweck tragen 
sie Harnische, welche sie, wie man annhnmt, vor Füntenschüssen 
schützen; aus demselben Grunde hat man ihnen auch starke 
Pferde gegeben, welche beim Ansprengen gleich mehrere Reihen 
Infanteristen umwerfen können. Die Frage wegen der Nützlichkeit 
der Kürassiere ist in der letzten Zeit streitig geworden. Die Einen 
sagen, dass die Kürassiere bei der gegenwärtigen Macht des 
Gewehrfeuers nothwendiger geworden seien als früher, dass die 
Unfähigkeit der gewöhnlichen leichten Cavallerie nicht nur die 
Infanterie mit Erfolg anzugreifen, sondern sogar überhaupt mit 
ihr handgemein zu werden, durch die Erfahrung der letzten 
Kriege unwiderleglich bewiesen worden sei. Andere dagegen be- 
haupten, dass die Existenz der Kürassiere der ersten Bedingung 
einer jeden Cavallerie widerspreche — der Schnelligkeit, da die- 
selben wegen der Schwere der Rosse und der Bewaffnung gerade 
keine Schnelligkeit zu entwickeln im Stande seien. 

Mir scheint dieser Streit viel Aehnlichkeit zu haben mit 
jenem berühmten Streit der beiden Ritter über den Schild, wei- 
cher von der einen Seite vergoldet und von der anderen Seite 
versilbert war; wenn die Gegner sich die Mühe genommen hätten, 
für einen Augenblick ihre Plätze oder ihre Gesichtspunkte zu 
tauschen, so wäre der Grund des Streites weggefallen. Es 



279 

unterliegt keinem Zweifel, dass man sich auch ohne Kürassiere 
behelfen könnte; es unterliegt aber ebenso wenig einem Zweifel? 
dass wirkliche Kürassiere, in geringer Anzahl, sehr nützlich sein 
können; aber es giebt heut zu Tage nirgend wirkliche Kürassiere, 
weder der Eigenschaft der Leute nach, noch nach der Eigenschaft 
der Pferde , noch endlich der Eigenschaft der Bewaffnung nach. 

Es ist klar, dass, wenn eine der kämpfenden Seiten auch 
nur in der allergeringsten Anzähl eine Cavallerie besässe, von 
der man so gut wie sicher wäre, dass sie unter allen Umständen 
die feindliche Infanterie zu brechen im Stande wäre, so würde 
diese Seite sich eines bedeutenden Vorzugs erfreuen. Es ist jetzt 
nicht mehr so wie in alten Zeiten, der Sieg ist nicht dessen, dem 
es gelingt in einer gegebenen Zeit aus den Reihen des Feindes 
die grösstmöglichste Anzahl Leute auszuscheiden, sondern viel- 
mehr dessen, der zuerst es vermag die Nerven des Gegners zu 
zerrütten. Die regulaire Linie ist wie ein Damm — es gentigt 
einen Strohhalm durch denselben zu führen, um das Wasser durch- 
fliessen zu lassen, und nach einiger Zeit wird das Wasser den 
Damm fortreissen. Es unterliegt keinem Zweifel, dass, wenn die 
Attake des Regiments Prinz Albert auf dem Grochow'schen Felde 
im Jahre 1830 unterstützt worden wäre, wir die polnische 
Armee mitten durchgeschnitten hätten und dieser Tag den Krieg 
geendigt hätte. Wo nur das Terrain der Cavallerie zu operiren 
gestattet, da kann man mit wirklichen Kürassieren in einer 
halben Stunde, wenn man will, die Oberhand über den Feind 
gewinnen; für einen entschlossenen Oberfeldherrn reicht diese Zeit, 
während welcher Unentschlossenheit sich der feindlichen Reihen 
bemächtigt, vollkommen hin, um sich den Sieg zu sichern. Aber 
was sind denn eigentlich wirkliche Kürassiere? 

Es ist ein über allen Zweifel erhabenes Factum, dass ein 
starkes und muthiges Vollblutpferd, wie z. B. ein englischer 
Hunter, in vollster Carriere mit Leichtigkeit sechs Menschen, 
die einer hinter dem anderen stehen — also die Tiefe der Fronte 
eines Infanterie-Carres — über den Haufen wirft, in dem Fall 
aber nur, wenn der Reiter die Zügel nicht anzieht. Die Attake 
des Lord Ponsonby bei Waterloo ist bekannt. Die Franzosen 
standen in Colonnen von ganzen Divisionen, also wohl in dichten 
Massen, ohne leeren Raum in der Mitte, in welche es also unge- 
heuer schwer war hinein zu dringen. Die englische Cavallerie 



280 

aber zäumte ihre Pferde ab, drückte ihnen die Sporen in die 
Seiten und flog wie eine Kanonenkugel in diese dichten Massen. 
Aehnliche Attaken kommen freilich nur äusserst selten vor, das 
Factum selbst aber wird sich unverändert wiederholen, die' 
Cavallerie wird jedes Mal in die Infanterie, ganz abgesehen von 
jedem Heldenmuth der letzteren, Bresche schlagen, unter folgen- 
den beiden Bedingungen: 1) dass die Pferde stark und von reiner 
Bace sind, d. h. also unerschrocken und dabei vollkommen frisch^ 
nicht vom Marsch ermüdet; und 2) dass ihnen vollkommen freier 
Lauf gelassen werde, wie im letzten Moment des Wettrennens, 
dass keine einzige Hand die Zügel anzieht; ein Pferd kann im 
vollen Lauf nicht plötzlich anhalten, selbst wenn es auch wollte; 
in der Fronte ist es auch nicht möglich, dass es zur Seite 
schwenken kann. Diese beiden Bedingungen waren bei der At- 
take des Lord Ponsonby beobachtet. Die Pferde waren Vollblut 
und vollkommen frisch, da die Schlacht mitten zwischen den von 
der englischen Armee eingenommenen Quartieren stattfand; keine 
einzige Hand hinderte sie im vollsten Lauf, denn sie waren abge- 
zäumt. Gewöhnlich aber pflegen die Cavallerieangriffe auf die 
Infanterie nur eine Parodie der oben angeführten Attake zu 
sein. Mittelmässige , durchaus nicht feurige Pferde, welche in 
der Manage eingeritten sind und der geringsten Bewegung der 
Finger pariren, zum Ueberfluss auch noch ermattet vom Marsch 
sind, werden unter Reitern, die mit den Rossen nicht zusammen- 
gewachsen sind, in eine kaltblütige Infanterie natürlich nicht 
hineindringen. Sogar die verzweifelte Attake des Lord Lucan 
bei Balaklawa ging nur zwischen unseren Linien durch, durch- 
schnitt sie aber nicht. Die Reiterei muss aber, wenn anders eine 
Cavallerieattake ihre volle Wirkung haben soll, nicht durch die 
Intervalle, sondern über die Leiber der Infanteristen hinweg bis 
in die Tiefen der feindlichen Linien hineindringen; diese Linien 
gerathen dann, wenn sie in ihrem Rücken die Cavallerie sehen, 
welche sogar von der Fronte nicht aufgehalten werden konnte, 
unfehlbar in Verwirrung; benutzt man diesen Augenblick, so ist 
es nicht schwer sie zu werfen. Man kann nicht im Zweifel sein 
über den Nutzen einer Cavallerie, die solche Schläge zu führen 
vermag, wenn sie auch nur aus einigen Escadrons besteht; 
ebenso wenig lässt sich bestreiten, dass zu einem solchen Zweck 
allein Kürassiere brauchbar sind, feste Reiter auf grossen, starken 



281 

« 

und hitzigen Pferden. (In dem Gefecht bei Kürük-Dara brach 
die Hälfte des nischninowgorodschen Begiments an einem einzigen 
Carr^ eines Stutzenbataillons zusammen, noch ehe es mit demselben 
Artig geworden war, und zwar einzig, und allein in Folge dessen, 
weil die Pferde nicht stark genug dazu waren, um mit der 
Brust eine dicht zusammengedrängte Scharr mit einem Mal zu 
werfen.) Eine Kürassierdivision, welche ihre Sache gut zu machen 
im Stande ist, genügt für eine Armee von einer halben Million, 
und daher dürfen hierbei keine Kosten gespart werden; entweder 
man bringt die Kürassiere zu einer solchen Vollkommenheit, oder 
man hält sie überhaupt gar nicht. 

Die erste Bedingung zur Vollkommenheit der Kürassiere be- 
steht also, wir wiederholen es, offenbar darin, dass sie sehr 
starke und unbedingt Vollblutpferde haben (denn ein Pferd, wel- 
ches nicht von reiner Eace ist, hat nicht genug Entschiedenheit), 
und dass die Pferde im Augenblick der Attake noch vollkommen 
frisch seien. Den ersten Punkt dieser Bedingung zu erfüllen ist 
nicht schwer: die Kreuzung der allergrössten donischen und neu- 
russischen Stuten mit Vollbluthengsten würde diese Race geben; 
dem zweiten Punkt kann man nur dadurch genügen, dass man 
die Kürassiere für die Campagne auf Reservepferde setzt und zu 
jedem Regiment zwei irregulaire Hunderte als Rosseführer hinzu- 
commandirt. Die Ausgabe für solche Reservepferde ist für 
16 Escadrons in Kriegszeiten, wo hundert Millionen zur Er- 
reichung des Ziels verausgabt werden, nicht allzu hoch anzu- 
schlagen. Die Schlachtrosse müssen feurig, ungekünstelt, stolz 
und namentlich dem Manögereiten fremd sein, denn sonst wird 
man kein Carr6 mit ihnen sprengen können. Sie müssen darauf 
eingeübt sein auf jedes Hindemiss, auf Feuer und auf Bajonette, 
ohne alle Rücksicht loszustürzen; bei solchen Manövern würde 
es daher, meiner Meinung nach, weit ungefährlicher sein die 
Leute durch Puppen zu ersetzen. 

Die zweite Bedingung, ohne welche man sich weit eher 
früher als jetzt behelfen konnte, besteht darin, dass die Küras- 
siere durch ihre Defensivwaffen auch factisch vor den Kugeln ge- 
schützt seien, denn sonst werden sie, wenn sie nicht Mann für 
Mann unter den Paladinen des Alterthums ausgesucht worden, 
beim Ansprengen doch die Zügel anziehen und der Schok geht 
verloren. Aus den gezogenen Gewehren wird gegenwärtig schon 



282 

•aus weiter Ferne das Feuer auf die Cavallerie eröffnet; von einer 
Kugel wird freilich nicht mit einem Mal ein starkes Pferd um- 
geworfen, es sei denn dass es ins Gehirn oder ins Herz getroffen 
worden, und selbst ein verwundetes Ross wird noch bis an die Fronte 
«prengen können; ein Mensch dagegen wird durch einen jeden 
^chuss in den Körper, selbst wenn er auch nicht letal ist, ganz 
bestimmt kampfunfähig. Eine Cavallerie kann schon aus der 
Ferne durch ein sicheres Gewehrfeuer, welches die Reiter her- 
unternimmt, in Verwirrung gebracht werden. Es müssen daher 
alle diejenigen Theile des Körpers, welche, wenn sie getroffen 
werden, den Tod oder solche Wunden verursachen, die zum so- 
fortigen Verlassen der Fronte zwingen, wie Kopf, Brust und Leib, 
"bei den Kürassieren geschützt sein. Dieselben müssen, meiner 
Meinung nach, vom Kopf bis zu den Füssen in schussfesten Filz 
gekleidet werden; zum Panzer müssen Arm- und Beinschienen 
hinzukommen, zum Helm ein Gesichtspanzer; ausserdem mnss das 
Kriegsross von demselben Filz einen Ueberzug über Kopf und 
Brust bekommen, damit diejenigen Theile, an denen das Pferd, 
bevor es noch die Fronte erreicht, mit einem Schuss kampfun- 
fähig gemacht werden könnte, geschützt wären. Hat man für 
den Marsch Reservepferde, so kann weder der 20 Pfund schwere 
Filzpanzer, noch das Gewicht der Rüstung des Reiters für ein 
starkes und frisches Kürassierpferd zu schwer sein; der Schok 
solcher Kürassiere (die natürlich ordentlich ausgewählt und aus- 
gebildet sein müssen) wird dann aber zum grössten Theil ent- 
scheidend sein. 

Es kann nicht schwer fallen für sechs Escadrons die passenden 
Leute, durch Anwerbung oder Auswahl unter den natürlichen 
Reitern oder unter Anderen, welche allen Ansprüchen des Cavallerie- 
dienstes genügen, aus dem ganzen russischen Reich zusammenzu- 
bringen. Was von der Cavallerie im Allgemeinen gesagt worden, 
das kann sich nicht auch auf diese Handvoll Elitemannschaft be- 
ziehen. 

In Friedenszeiten würden die Kosten der Kürassiere, mit 
Ausnahme des höheren Preises der Pferde, die Kosten der übrigen 
Liniencavallerie nicht viel übersteigen. 

Kürassiere sind nur dazu da, um eine feindliche Fronte zu 
brechen; ihre Kräfte sollen nicht unnütz dazu gebraucht werden, 
oim einen Coup auszuführen, um gegen sie gerichtete Flankenan- 



283 

griffe abzuwehren u. dgL m. Zu dergleichen ist die gewöhnliche 
Liniencavallerie gut genug. Vereinigt man im Kriege unter einem 
Commando je eine Kürassierdivision mit einer Division Linien- 
reiterei, so erhält man ein Regiment von vier Escadrons, welches 
in gleicher Weise befähigt ist zur Ausführung eines vernichtenden 
Schlages, zur Geschwindigkeit und zur Ueberwindung jeglicher 
Zufälligkeiten. Gleich im Anfang habe ich gesagt, dass ich es 
nicht für nothwendig halte besondere Kürassierregimenter zu 
halten; man kann sehr leicht ohne sie auskommen, zumal in dem 
Fall, wenn die gesammte Liniencavallerie einen leichten Panzer 
anlegt. Will man aber diese Waffengattung durchaus conserviren, 
so muss man sie selbstverständlich so organisiren, dass sie ihren 
Zweck auch erreicht. Echte Kürassiere, in nicht zu grosser An- 
zahl, in erforderlicher Weise bewaffnet und mit Pferden montirt, 
werden die Unkosten immerhin werth sein. 



Prifte ^Scildfle. 



I • 



Scharfsehfttzen (Plastnny). 

Während der kaukasischen Kriege begann bei nns eine be- 
sondere Art Infanterie, die im Kriege unersetzlich war, unter dem 
Namen „Plastuny" (Scharfschützen) zu entstehen. Unserer Nei- 
gung zur Uniformität gemäss hat diese Art Scharfschützen keine 
selbständige Entwickelung erfahren. Sie tauchten zuerst an der 
Küste des schwarzen Meeres auf, wo die Nothwendigkeit die 
Niederungen und die Wälder vor den Schaaren der Bergvölker 
zu vertheidigen sie ins Leben rief. Der Feldmarschall Fürst 
Barjatinski, der damals noch Begim^ntscommandeur war, hatte 
ein ganz richtiges Verständniss für die Bedeutung dieser Art 
Leute und errichtete daher sofort ein solches Scharfschützen- 
Commando bei seinem Regiment. Seitdem haben solche Com- 
mandos sich im Kaukasus zu verbreiten angefangen und an eini- 
gen Orten sogar die Stärke halber Bataillone erreicht; sie waren 
jedoch nicht systematisch organisirt, sondern wurden nach Be- 
endigung des Krieges in ihre Begimenter zurückgesandt und ihre 
Spur ist verweht, mit alleiniger Ausnahme des aus 80 Mann be- 
stehenden Kabardaer Commandos. Der Name „Plastuny" hat sich 
für die Infanteriecompagnien, welche bei den Kosakenregimentem 
des Kubanschen Heeres existiren, conservirt, aber auch weiter 
nichts als der Name blos. Diese Scharfschützen waren Jäger, 
welche, auf den kleinen Krieg abgerichtet, sich lautlos an Thier 
und Mensch heranschlichen und solche Hinterhalte legten, dass 
selbst die Bergvölker sie nicht erspähen konnten; zu zweien, zu 
dreien stahlen sie sich durch den Feind selbst wo er am dichtesten 
stand, holten aus den feindlichen Pikets Einzelne heraus u. s. w. 
Die Scharfschützen vom schwarzen Meer haben sich bei Sebastopol, 



285 

• 

obgleich ihrer dort nur wenige waren, genug ausgezeichnet. Die 
Aufgabe solcher Scharfschützen in einem europäischen Kriege 
(wenn sie noch existiren würden) wäre die irregulaire Reiterei 
bei sehr coupirtem Terrain, auf dem sie nicht gut operiren kann, 
zu ersetzen. Man denke sich z. B. den italienischen Krieg von 
1859 und den letzten böhmischen Krieg und man stelle sich vor, 
welcher unvergleichliche Vortheil sich auf der Seite ergeben hätte, 
welche einige solche Scharfschützen-Bataillone zur Disposition ge- 
habt hätte. Diese beiden letzten Campagnen charakterisiren sich 
nämlich durch beständige Impromptus in Folge dessen, dass beide 
Seiten niemals Etwas von einander wussten; wäre von den Augen 
der einen der beiden die Binde gefallen, sie hätte eine unbegrenzte 
Herrschaft auf dem Kriegsschauplatz ausüben können. Das cou- 
pirte Terrain Italiens, sowie des Berggürtels, welcher Böhmen 
umgiebt, paralysirte die Recognoscirungen der Gavallerie (und 
was will endlich auch die Recognoscirung einer regulairen Gaval- 
lerie bedeuten?); einige Bataillone solcher Schützen wären die 
Augen gewesen, mit denen man im Dunkeln hätte sehen können. 
Unsere Kosaken, besonders aber die kaukasische Reiterei, könnten 
uns diesen Vorzug gewähren, jedoch nur nicht im Gebirge oder 
in von Kanälen durchzogenen und überschwemmten Ebenen, wie 
die oberitalienischen; wenn wir in solchen ungünstigen Gegenden 
die irregulaire Reiterei durch die erwähnten Scharfschützen, die 
Plastuny, ersetzen könnten, wir wären im Kriege wie ein Mensch, 
der seinen Gegner im Dunkeln mit einer Blendlaterne beschleicht. 
Die Entwickelung dieser Schützen war natürlich mehr eine per- 
sönliche als eine der Waffengattung eigenthümliche; wären aber 
diese Abtheilungen conservirt worden, so wären auch das Beispiel 
und die Unterweisungen der Alten und Erprobten, die Tradition 
und der Geist derselben, in erheblichem Grade als ein Sauerteig 
auf die Neuhinzukommenden übergegangen; entsprechende Aus- 
bildung^ häufige Jagden in den Wäldern, theilweise Delegationen 
nach Turkestan, wo gegenwärtig noch Schüsse fallen, hätten sie 
in der Uebung erhalten. Wie schwer es auch sein mag, solche 
Schützen müssen auf jeden Fall wieder geschaffen werden. Es 
ist nicht gerade des Schiessens wegen, dass wir diese Forderung 
stellen, denn man kann' auch aus Rekruten gebildeten Soldaten 
gut zu schiessen beibringen; nicht beibringen kann man ihnen 
aber lautlos anzurücken, ungesehen vorüberzuschleichen und die 



286 

mannigfaltigen Schlauheiten des Jägers sich anzueignen; ebenso 
wenig kann man ihnen beibringen sich eines jeden Fusspfads, den 
sie einmal gegangen, zu erinnern, ohne Kahn über einen Fluss 
zu setzen, drei Tage in einer Höhle zu sitzen und regungslos 
auszuspähen, dann plötzlich über den Feind herzufallen u. s. w., 
worin eben die Natur dieser Scharfschützen bestand. Wenn man 
diese Leute in entsprechender Weise ausbildet, überall z. B., wo 
es nur irgend möglich ist, kaiserliche Schiessjagden aus ihnen, 
formirt, so könnte man sie auf eine hohe Stufe der Vollkommen- 
heit bringen. Solange es noch nicht zu spät geworden,, könnte* 
man noch im Kaukasus die übrig gebliebenen Ueberreste dieser 
Scharfschützen unter den Soldaten, den Kosaken vom schwarzen 
Meere und den ehemaligen Tscherkessenflüchtlingen heraus finden 
und aus denselben neue Cadres für diese Truppengattung bilden» 
Dabei muss bemerkt werden, dass die besten solcher Scharfschützen, 
welche als Kundschafter und Boten in Feindesland dienten, nie- 
mals besonders zahlreich gewesen sind; und man bedarf ihrer auch 
gar nicht in grosser Anzahl. Wenn nur einige Compagnien echter 
Plastunys formirt werden, so würde das vollkonunen genügen. 
Das natürliche Material für zehn solcher Compagnien würde bei 
uns unter den kaukasischen und sibirischen Jägern immer aufzu- 
treiben sein; nothwendig ist es nur, dass ihnen für den. Anfang 
erfahrene Officiere, welche schon im Kaukasus solche Scharf- 
schützen commandirt haben, gegeben werden. Eine solche Scharf- 
schützen-Compagnie würde freilich zwei- oder auch dreimal soviel 
kosten wie eine gewöhnliche Compagnie, weil tüchtige Jäger nicht 
für einen geringen Sold in den Dienst treten würden; dafür würde 
aber auch der Yortheil solcher Compagnien ein zehnfacher sein. 



"i^ierfe 'iScifage. 



Die BewaflFnnng und Bekleidnng. 

In unserer Bewaffnung, in der Adjustirung derselben und in 
der Equipirung der Truppen ist noch Vieles, was einer Vervoll- 
kommnung bedarf. 

lieber die Handfeuerwaffe genügt es zwei Bemerkungen zu 
machen. Man kann sich darin wohl auf die Specialisten und auf 
die Militaircomit^s . verlassen, dass unser neues schnellschiessendes 
Gewehr zu den besten gehören wird. Die Flinte ist aber nicht 
nur eine Feuerwaffe, sondern auch eine kalte Waffe; in dieser 
Hinsicht verlangt sie ebenfalls, dass einige Bedingungen beobachtet 
werden, die den angeborenen Gebräuchen Derjenigen, für welche 
sie bestimmt ist, Rechnung tragen. Im Handgemenge pflegt der 
russische Soldat mehr mit dem Hahn des Gewehrs den Feind 
auf den Kopf zu schlagen, als mit dem Bajonett zu stechen; nur 
die erste Reihe empfängt den Feind mit dem Bajonett, die übrigen 
wenden zum grössten Theil das Gewehr sofort um. Dieser Ge- 
wohnheit des russischen Soldaten muss, wenn es irgend möglich 
ist, bei der Construction des Gewehrs Rechnung getragen werden; 
ausserdem muss bemerkt werden, dass der Kolben oder der Hahn, 
als kalte Waffe, bei der Einführung des Panzers eine positive Be- 
deutung erhalten würden. Einen Panzer, welcher eine Kugel ab- 
hält, kann man mit dem Bajonett nicht durchdringen (obgleich 
meiner Beobachtung nach eine scharfe Waffe, wie das Stilet,. 
leichter als eine Kugel hineindringt); während ein starker Schlag 
auf den Kopf mit einer schweren Waffe den Menschen, trotz aller 
Panzer, zu Boden wirft. 

Die zweite Bemerkung bezieht sich auf die Cavalleriepistole» 
Ob dieselbe bei anderen Völkern praktisch ist, weiss ich nicht; 



I 



288 

für den russischen Soldaten tangt sie aber jedenfalls nichts. Das 
Pistolenschiessen ist eine äusserst subtile Sache; selbst von den 
Kosaken verstehen nur diejenigen mit der Pistole umzugehen, für 
welche sie eine angeborene nationale Waffe ist; und selbst auch 
diese gebrauchen die Pistole nicht anders als zum Schiessen k 
bout portant und sie ist sogar ohne Visir bei ihnen. Bei den 
donischen Kosaken ist die Pistole ganz ausser Gebrauch gekommen. 
In der Hand des gewohnlichen Soldaten ist die Pistole aber, nach 
der Bemerkung sämmtlicher Kriegsofficiere , blos eine Art astro- 
nomischen Instruments. Die für den Cavalleristen praktische 
Schusswaffe ist, je nachdem er designirt ist zum Absitzen oder 
nicht, im ersteren Fall das gezogene Rohr, im letzteren der Ka- 
rabiner; in keinem Fall jedoch die gegenwärtige Dragonerflinte 
welche schwer und plump ist. 

Die kalte Stichwaffe ist immer gut, nur muss sie aus gutem 
Stahl geschmiedet sein. Sämmtliche europäischen Hiebwaffen 
taugen aber alle ohne Ausnahme nichts. In Europa wird vor- 
trefflicher Stahl hergestellt; der Qualität des Metalls nach ist die 
dortige Waffe, demnächst aber auch die unsrige befriedigend; die 
Europäer haben aber keine Idee weder von der Form, welche 
der Klinge zu geben ist, damit sie ordentlich schneiden könne, 
noch von der Fassung derselben, damit sie bequem und mit 
richtigem Schwerpunkt in der Hand liege, noch von dem Schleifen 
der Klinge. Eine leichte Klinge taugt nichts in der Hand des 
Europäers, denn man muss es verstehen mit ihr umzugehen; da- 
mit die Klinge aber ein genügendes Gewicht bekomme, geben ihr 
die europäischen Waffenschmiede eine Form, welche sie zum Ge- 
brauch untauglich macht: sie schmieden sie dick und schmal, 
wodurch sie einem Stock ähnlich wird und wohl einen Striemen 
zurücklässt, aber nicht ins Fleisch schneidet. Es ist jedoch 
gerade das Gegentheil erforderlich: die Klinge muss durch ihre 
gehörige Breite ihr Gewicht erhalten, dabei aber zugleich möglichst 
dünn ausgeschmiedet werden und nur gerade so dick sein, dass 
sie sich beim Hieb nicht biegt. Dann taugt auch die europäische 
Art die Klingen zu schleifen nichts. Bei uns wird die Schneide 
auf dem Ead geschliffen und erhält die Gestalt eines sphärischen 
Dreieks mit concaven Seiten, wodurch die Schneide selbst immer 
stumpf zu sein pflegt. Für die Eigenschaft einer Schneide ist es 
durchaus nicht gerade erforderlich, dass sie ein äehr scharfes 



289 

Dreieck darstelle, sondern vielmehr, dass sie aus dem geraden 
Durchschnitt zweier Flächen ohne Abrundung bestehe. Ein ab- 
gebrochenes Stück Glas, dessen Kante einen rechten Winkel bil- 
det, schneidet vortrefflich ins Fleisch, weil hier zwei Flächen ge- 
rade auf einander treffen und die Kante dadurch sehr scharf wird. 
Die beste Art ist die beiden Seiten unter einem Winkel von 30 
bis 35 Grad gerade zu schleifen. Und zwar muss das bereits in 
der Gewehrfabrik geschehen, denn eine Schneide, welche, wie es 
bei uns geschieht, so stumpf aus der Fabrik geliefert wird, dass 
man auf ihr reiten könnte, kann nicht durch die eigenen Hülfs- 
mittel des Kegiments geschliffen werden; es kostet ohnehin nicht 
wenig Mühe selbst die fertige Schärfe der Schneide in der Fronte 
immer zu conserviren. Der Griff unserer kalten Waffe ist, ganz 
abgesehen von der um ihn herumgeschlungenen ledernen Degen- 
troddel, zum Hieb höchst unpraktisch ; der Knoten dieser Troddel 
ist zu dick, um ihn bequem zu umfassen, und der Säbel muss da- 
her nur mit zwei oder drei Fingern gehalten werden, so dass ein 
kräftiger Hieb gar nicht geführt werden kann. Der allerbequemste 
Griff ist der des grusinischen Säbels, welcher mit Leder bezogen, 
ein wenig oval, an der Klinge breiter und nach oben zu etwas 
schmäler und gekrümmt ist. Die Degentroddel, eine dünne Leder- 
schnur mit einer Schlinge, muss durch den Knauf des Griffs durch- 
gezogen werden, um nicht für die Finger hinderlich zu sein. Die 
Scheide muss entschieden von Leder sein, wenn anders überhaupt 
eine Schneide vorhalten soll; Stahlscheiden sind eine Irrationalität, 
wrfche nur bei einer beständig stumpfen Waffe möglich ist. Der 
Säbel muss, damit er weder herumschlenkert noch incommodirt, 
bei dem Berittenen am Gürtel, bei dem Infanteristen über der 
Schulter hängen (die Art, wie die Infanterieofficiere gegenwärtig 
den Säbel am Gürtel tragen, ist äusserst unpraktisch deshalb, weil 
man bei jedem Schritt seine Last empfindet, was durchaus nicht 
der Fall sein muss). Der unter Berücksichtigung der vorer- 
wähnten Bedingungen construirte Säbel würde dann freilich eine 
wirkliche Waffe sein. Im Allgemeinen würde es aber weit besser 
sein alle Säbel durch breite Pallasche zu ersetzen, denn der Säbel 
taugt nichts für die Hände der Europäer oder selbst der doni- 
schen Kosaken; man muss mit ihm umzugehen wissen, und er ist 
daher nur in den Händen solcher Leute an seinem Platz, die ihn 
zugleich mit der Tradition empfangen, wie die Bergvölker und 

Fadejew, Russlands Kriegsmacht. 10 



• 1 



290 



die Linienkosaken des Kaukasus. Die Krümmung des europä- 
ischen Säbels ist nichts weiter als eine falsche und unmotivirte 
Nachahmung; bei der eigentlichen, praktischen Krümmung muss 
der Hieb gewandt geführt werden, mit dem unteren Ende, damit ' 
dann das gebogene Ende seine Sache mache; diese Kunst kann 
jedoch nicht Soldaten und selbst nicht donischen Kosaken, den 
Männern der Pike und nicht des Säbels, gelehrt werden. Unser 
Cavallerist braucht eine Waffe, mit der er wie mit einem Beil 
einhauen kann, und die beste Schneide ist daher in den Händen 
der Russen ohne Zweifel ein breiter aber dünner Pallasch, 17 
Werschok etwa lang und gegen Vq Werschok breit*), von ge- 
hörigem Gewicht und mit einem grusinischen Griff. Mit einem 
solchen Pallasch kann man furchtbare Streiche führen und ausser- 
dem verlangt derselbe gar keine besondere Gewandtheit in der 
Handhabung. Manchem werden diese Bemerkungen kleinlich er- 
scheinen, die Tragweite solcher Kleinlichkeiten kann aber sehr be- 
deutend sein; erfährt der Cavallerist gleich beim ersten Schar- 
mützel, dass der Gegner ihn mit einem Schlage sofort niedermacht, 
während er selbst ihm nur blaue Flecke beibringen kann, — mit 
welcher Courage wird er da zum zweiten Mal zur Attake gehen? 
Noch gegenwärtig giebt es bei uns Cavalleristen, welche vollkommen 
davon überzeugt sind, dass die hauptsächlichste, ja sogar die aus- 
schliessliche Waffe des Reiters sein Pferd sei, welches den Gegner 
niederrennt; sie vergessen aber dabei, dass das Ross nicht von 
selbst läuft, dass es der Reiter ist, der dasselbe antreibt und zwar 
nur in dem Mass antreibt, in welchem er persönlich auf sich 
selbst vertraut. Wie könnte man überhaupt in einem solchen 
Fall, wie es der Krieg ist, irgend wobei Etwas versäumen, was 
die Wahrscheinlichkeit des Erfolges zu vergrössem geeignet wäre! 
Unter unseren Cavalleristen giebt es viele Gegner der Pike; 
kriegstüchtige erfahrene Officiere sind jedoch zumeist anderer An- 
sicht. Die regulaire Fronte ist mit der Pike weit stärker als 
mit dem Schwert, Solange im nischninowgorodschen Dragoner- 
regiment ein Lancierescadron existirte, wurde diesem vor allen 
übrigen im Gefecht der Vorzug gegeben, und dieser Vorzug trat 



*) 17 Werschok = 29»/* Zoll engl, oder 0,755 Meter und % 
Werschok = Vy^^ Zoll engl, oder 0,388 Decimeter. 

Anm. d. Uebers. 



291 

in der That sehr bemerkbar hervor, obgleich in diesem Regiment 
alle Escadrons in sittlicher Hinsicht gleich vorzüglich waren. 
Schon deshalb muss der Pike der Vorzug gegeben werden, weil 
dem Reiter bei derselben durchaus nicht das Schwert entzogen 
wird, sondern derselbe vielmehr beide Waifen bei der Hand hat. 
Zu allen Zeiten bis in die letzten Jahrhunderte ist die Cavallerie, 
wenn sie als geschlossene Mauer auftrat, mit der Lanze bewaif- 
net gewesen; die Abwesenheit der Lanze bezeichnet überall die 
Einzelreiter, die Flankeurs, welche nicht in der Fronte operiren, 
wie die Mamluken, die Spahis, die Tscherkessen und andere. 
Man darf nicht vergessen, dass der Einzelreiter ausser dem Säbel 
immer noch eine Schusswaife bei sich hatte: im Alterthum den 
Bogen, später das kurze gezogene Rohr oder den Karabiner; eine 
aus solchen Reitern bestehende Cavallerie unternahm niemals vom 
Fleck aus eine Attake, sondern bereitete sie durch für den Feind 
erschöpfende Einzelkämpfe erst vor; für sie wäre die Lanze nur 
eine Last und würde auch, wenn man keine Mauerfronte will, 
dem Zweck nicht entsprechen. Wo immer nur die natürliche 
Reiterei als Fronte auftrat, da hat sie sich auch immer mit der 
Lanze bewaffnet. Die Lanze der natürlichen Cavallerie hat übrigens 
keine Aehnlichkeit mit unserer in der Fronte üblichen Pike, denn 
die erstere ist weit länger, beinahe fünf Arschin lang.*) In jeder 
Samndung alter Waffen kann man sehen, von welcher Länge die 
Lanze der Ritter gewesen; der donische wie der arabische Spiess 
ist von derselben Dimension. Bei der Formirung einer regu- 
lairen Cavallerie aus donischen Kosaken darf die Lanze natürlich 
nicht in Frage gestellt werden, denn sie ist ihre angestammte 
Waffe, gerade diejenige Waffe, durch welche sie stark sind. Der 
donischen Pike muss ihre gegenwärtige Gestalt gelassen, derselben 
aber eine etwas längere nadeiförmige Spitze vom besten Bajonett- 
stahl gegeben und dabei verlangt werden, dass sie dauerhaft am 
Schaft befestigt und nicht blos mit irgend einem Nägelchen an- 
geschlagen sei. 

Unser Faschinenmesser ist ebenfalls eine sehr schwache 
Waffe. In der Infanterie ist es für die Leute nur eine unnütze 
Last. Man frage nur Jeden, der einmal Soldat gewesen, ob das 



••) D. i. gegen 12 Fuss engl, oder 3,555 Meter. 

Anm. d. Uebers. 

19* 



c 



292 

Paschinenmesser ihm irgend welchen Nutzen bringen kann. Es 
giebt indess ganze Klassen von Militairs, denen man keine andere 
Waffe ausser dem Faschinenmesser geben kann, wie die Fuss- 
artillerie und die nicht in der Fronte stehenden Militairs^ Diese 
Leute, besonders die Artilleristen, müssen immerhin bewaffnet sein, 
nicht sowohl um einen Angriff zurückzuschlagen, sondern um sich 
selbst persönlich im Nothfall zu vertheidigen. Es giebt eine 
wunderbare kalte Waffe, die das Faschinenmesser an Grösse nicht 
übertrifft, wir meinen den grossen zweischneidigen lesghischen 
Dolch. Diese Waffe ist so furchtbar, dass der Angriff der 
Lesghier viel von seiner Kraft verloren hat, seit sie dieselbe, 
unter dem Einfluss der von der Tschetschnja ausgegangenen Sitte, 
gegen die Schaschka (den kaukasischen Säbel) vertauscht haben; 
am Anfang der Herrschaft des Müridismus haben sie, wie Augen- 
zeugen berichten, mit ihren langen Dolchen so furchtbar einge- 
hauen, dass es schwer gewesen ihnen zu widerstehen; wohin die 
Hiebe auch fielen, auf den Arm, auf die Flinte, auf den Kopf, 
Alles wurde durchgeschlagen. Unter der Aufsicht kaukasischer 
Meister können solche Dolche in jeder Gewehrfabrik angefertigt 
und durch sie die Faschinenmesser ersetzt werden. 

Die Vereinigung verschiedener Waffen in ein und derselben 
Hand kommt nur hinsichtlich der Cavallerie in Frage. Die In- 
fanterie braucht nichts weiter ausser dem Gewehr mit dem Ba- 
jonett, die Artillerie und die Nichtcombattanten brauchen nichts 
ausser dem Faschinenmesser (resp. lesghischen Dolch). Die 
Cavallerie kann jedoch, obgleich sie vorwiegend mit der kalten 
Waffe operirt, dennoch nicht ganz ohne Schusswaffe gelassen 
werden, wenn sie anders nicht jede Selbständigkeit einbüssen soll. 
Obgleich die Vereinigung der Lanze mit dem kurzen gezogenen 
Rohr, welches den Bogen der Alten ersetzt, allen Traditionen 
widerspricht (womit man es übrigens nicht leicht nehmen darf), 
so zwingt doch nichts desto weniger der gegenwärtige Stand der 
Militairwissenschaften eine solche Combination zuzulassen. Dreissig 
Jahre schon tragen die donischen Kosaken die Lanze, den Säbel 
und das gezogene Schiessgewehr und sind durch. dieses Arsenal 
doch nicht überlastet: sie haben sich eben an ihre Bewaffnung 
gewöhnt und beim Militair ist die Gewohnheit die Hauptsache. 
Erforderlich ist es blos, dass die Feuerwaffe so leicht als möglich 
sei und, wie bei den Linienkosaken, so an der Schulter getragen 



293 

werde, dass man sie selbst beim Beiten nicht fühlt Eine abge* 
sessene Cavallerie wird nicht znm Choc gegen eine Colonne be- 
stimmt, sondern znm Gewehrkampf; der einzelne Schütze ist aber 
mit dem gezogenen Bohr und mit dem Pallasch hinlän^ch be- 
waffnet. Wissen wir es doch ganz genau, wie furchtbar die 
Schützen der Tschetschenzen waren, da sie das Bajonett mit der 
Schaschka vertauschten. 

Wir sprechen von den donischen Kosaken wie von einer 
regulairen Cavallerie, welche systematisch in ihrem Fach ausge- 
bildet wird. Die anderen natürlichen Kosaken verstehen aber nur 
diejenigen Waffen zu handhaben, mit denen sie geboren sind. 
Man muss beständig die ihnen geläufigen Begriffe im Auge be- 
halten und darf ihnen ja nicht Etwas aufbürden, woran sie nicht 
gewöhnt sind. Das kurze gezogene Bohr ist jedem Kosaken 
nothwendig, ohne dasselbe ist er gar kein Krieger; dann aber 
theilen sich unsere frregulairen Begimenter in zwei Kategorien, 
in Säbel- und in Lanzenträger. Jeder von beiden ist dadurch, 
dass er seine Waffe zu handhaben weiss, stark und muss daher 
bei derselben auch belassen werden. Alle Lanzenträger unter 
unseren Kosaken sehen in dem Säbel nur eine ganz unnütze 
raffinirte Erfinduiig, nennen ihn blos Troddel (d. h. Degentroddel) 
und fühlen sich durch ihn belästigt. Nichts ist schädlicher, als 
den Beiter mit unnützen Waffen, die er nicht zu benutzen ver- 
steht, zu umhängen; solche Waffen machen ihn blos confus. Die 
Lanze und das gezogene Bohr sind die angeborene Waffe aller 
unserer irregulairen ausserkaukasischen Truppen. Die ihnen 
durch das Beglement gegebene Schaschka vertauscht man lieber 
gegen den Dolch; dieser belastet nicht und der Kosak würde 
durch ihn auch ausserhalb der Fronte bewaffnet sein, würde 
Etwas haben, womit er, zu Fuss und zu Boss, wenn es nöthig ist, 
sich vertheidigen könnte. Dadurch dass er immer gleich wissen 
würde, womach er zu greifen hat, würde er das entschiedene 
Gefühl der Behendigkeit haben. 

Die richtige Adjustirung der Waffen und der AmmunitLons- 
gegenstände, die grösstmöglichste Leichtigkeit derselben und eine 
Kleidung, die dem Klima und den Gewohnheiten der Leute, ans 
denen die Armee gebildet wird, vollkommen entspricht, sind Dinge 
von hervorragender Wichtigkeit 

Ein daran gewöhnter Mensch kann eine nicht unbedeutende 



294 

Last mit sich tragen, jedoch nur unter der Voraussetzung, dass 
dieselbe yollkommen gleichmässig vertheilt ist und dass die sie 
unterstützenden Kiemen ihn nirgend weder schneiden noch hindern. 
Ein Infanterist kann, sobald er nur an irgend einer Stelle wund 
gerieben ist, seine Bürde nicht mehr tragen und muss den folgen- 
den Tag aus der Fronte heraus. Bei der Equipirung des Soldaten 
muss man vor Allem ausschliesslich im Auge haben, ihm jede 
mögliche Bequemlichkeit zu bieten und nur in dem Fall an seiner 
Montur Verzierungen zu lassen, wenn dieselben völlig harmlos sind 
und nicl^t auf Kosten von irgend etwas Wesentlichem hinzuge- 
fügt werden. Es giebt keine Armee, in welcher dieser Grund- 
satz nicht in der Theorie angenommen wäre, gleichzeitig giebt es 
aber auch keine Armee, in der er in der Praxis vollkommen 
durchgeführt wäre. Ein Mensch von mittlerer Kraft kann ohne 
Ermüdung eine Last von mehr als zwei Pud*), Alles mitgerechnet: 
Kleider, Fussbekleidung, Banzen, Patrontasche, Gewehr und Pro- 
viant, nicht davontragen, wie bequem auch die Adjustirung sein 
mag. In dieser Bürde ist das ganze Haus des Soldaten ent- 
halten, Alles, worüber er nach den allerschwersten Mühen zur Er- 
holung und zum Schutz seines Körpers gegen die feindlichen Ein- 
flüsse der Elemente zu disponiren vermag. Mit Ausnahme des 
Gewehrs, des Proviants, der schweren Fussbekleidung des Soldaten 
(der, welche er an hat, und der, die er als Keserve haben muss)> 
des Ranzenkörpers und der Riemenhalter ist in den wenigen übrigen 
Pfunden Alles enthalten, wessen der Mensch beim fortwährenden 
Herumwandern unterm freien Himmel physisch unumgänglich be- 
darf, wie Wäsche, Sommerkleidung, irgend ein warmes Kleid um 
nicht zu erfrieren, ein Mantel, der dazu nöthig ist um sich nicht 
auf äie nackte Erde legen zu müssen und sich in ihn in stürmi- 
scher Nacht zu hüllen, irgend ein einigermassen weicher Gegen- 
stand, um ihn beim Nachtlager unter den Kopf zu legen. Bleibt 
da wohl bei dem Soldatengepäck auch nur für ein Loth Raum 
übrig für irgend welche Allotria, zu irgend willkührlicher Ver- 
wendung? Kann man da wohl den Soldaten noch mit irgend 
welchen unnützen Anhängseln belasten? Kann man ihn da noch 
z« B. in Kriegszeiten einen überflüssigen Anzug für den Fall einer 



•) 2 Pud russ. = 80 Pfund russ. = ca. 65 Yj ZoUver.-Pfund = 
32,76 Kilogramm. Anm. d. Uebers. 



295 



Parade mit sich schleppen lassen u. s. w.? Und endlich, kann 
man da wohl den Befehlshaber noch in irgend einer Beziehung 
für einen Militair überhaupt halten, welcher das Alles vergessend 
die Truppen vom Gesichtspunkt der äusseren Schönheit, d. h. also 
blos zur Befriedigung der eigenen Augen, ansieht? 

Das ganze Calcul hinsichtlich der Kräfte der Armee, der 
Stärke der Mannschaft, die man auf das Schlachtfeld stellen kann, 
und der Schnelligkeit, mit der man sie dahin führen kann, ja 
fast das ganze Geheimniss des Krieges beruht, nächst den per- 
sönlichen Eigenschaften des Feldherrn nämlich, auf der richtigen 
Schätzung der Bedürfnisse und der Kräfte des Menschen. Wer 
nur je einen Feldzug mitgemacht, der weiss es aus eigener Er- 
fahrung, von welcher Bedeutung es ist, ebenso für die Ausdauer 
auf dem Marsch, wie für die Tapferkeit im Gefecht, wenn man 
zur rechten Zeit ausschlafen kann, wenn man nicht über die 
Massen von Kälte zu leiden braucht oder gar zu arg durch die 
Hitze ermattet wird, wenn man nicht wund gerieben wird, sondern 
seine Glieder unter der Ammunition frei bewegen kann; von einem 
muthigen Menschen kann man Alles verlangen, auf kurze Zeit 
selbst die allerunglaublichsten Anstrengungen und Entbehrungen; 
von einem vor der Zeit erschöpften aber nur das, was die Herr- 
schaft des Geistes über den Körper zu leisten vermag. In diesem 
letzteren Fall käme es. darauf an die militairischen Combinationen 
auf die vorgängige Lösung psychologischer Fragen zu basiren. 
Vermöchte man aufzuzählen, wie viele Tausende in jedem Kriege 
die Hospitäler angefüllt, wie viele Verzögerungen die Kriegsoperatio- 
nen erlitten haben, wie gross die Quantität derjenigen Soldaten 
gewesen, welche ohne Zweifel den Sieg gesichert hätten und nur 
in Folge der Sorge um die äussere Schönheit und Regelmässig- 
keit, in Folge müssiger Einfälle, die sich in Friedenszeiten in 
den Organismus der Truppen eingeschlichen, auf dem Schlachtfelde 
gefehlt haben, — man hätte Niemand mehr zu überzeugen nöthig, 
denn die nackten Zahlen würden überzeugend genug reden. Man 
kann es ohne Bedenken aussprechen, dass eine jede Sache, ausser 
den Waffen, die der Soldat, wenn er sich im Bivouac einrichtet, 
zu seiner Bequemlichkeit nicht gebrauchen kann, sondern, nach- 
dem er sie den ganzen Tag über getragen, bei Seite legen muss, 
dem Heer im Laufe der Campagne einige Procente seiner Stärke 
kostet» Die Breite der Riemen, eine unnütze Last des Ranzens, 



296 



ein Tschako mit Blechbeschlägen oder eine Mütze, welche nicht zu 
gleicher Zeit als Kopfkissen dienen kann, allerlei sonstige un- 
nütze Anhängsel, das an der Seite schlenkernde Faschinenmesser, 
die Anzahl der zum Ersticken zugeknöpften Knöpfe, die ordnungs- 
mässige Frontehaltung auf dem Marsch, die Planirung der Bivouacs, 
das Verbot, dass der Soldat nicht irgend ein Säckchen, welches 
die Uniformität stören würde, am Gürtel tragen darf, alles Das 
und alles dem Aehnliche übersetzt sich endlich in Procente des 
Abgangs und der Entkräftung. Es unterliegt keinem Zweifel, 
dass diejenige Armee, deren Oberleitung ganz zuerst sich ent- 
schieden davon lossagt, sich durch solche Kindereien bestimmen 
zu lassen, sofort einen bedeutenden Vorzug vor den übrigen ge- 
winnen würde. 

Die Militairuniform war anfanglich überall die gewöhnliche 
Volkstracht, welche regimentsweise gleichförmig gemacht wurde. 
In Europa hat sie bis auf den heutigen Tag zum Theil diesen 
Charakter behalten; mit Ausnahme der Kopfbekleidung, die oft 
phantastische Formen annimmt, trägt jeder Arbeiter, wenn er 
sich des Sonntags ausputzt, einen Kock von demselben Schnitt 
wie der Soldat, nur ist er nicht so bunt; zwischen der Kleidung 
des einen und des anderen ist kein wesentlicher Unterschied. Die 
Volkstracht ist das Resultat tausendjähriger Erfahrung, der Reflex 
der klimatischen und aller übrigen localen Bedingungen. Ein aus 
der ganzen Welt zusammenberufenes CoUegium von Medicinem 
wird niemals eine so bequeme und in einem so hohen Grade 
allen hygieinischen Bedingungen genügende Kleidung für eine ge- 
gebene Gegend erfinden, als wie sie von der Erfahrung der auf- 
einanderfolgenden Generationen allmälig zugeschnitten wird. Nor 
die höheren Klassen, welche vor »den äusseren Einflüssen durch 
den Comfort geschützt sind, können ungestraft mit ihrem Costüm 
freies Spiel treiben; handelt es sich jedoch um den grossen 
Haufen, so kann die Vertauschung der Volkstracht mit einer 
fremdländischen, unter anderen Bedingungen hervorgegangenen 
Tracht nicht ohne schädlichen Einfluss auf die Gesundheit und 
demnächst auch auf die Tapferkeit der Leute bleiben. Ueberdies 
wird ja auch die Gewohnheit nicht umsonst die zweite Natur ge- 
nannt. Für den gemeinen Mann repräsentirt das Anlegen eines 
fremdländischen Gewandes gewissermassen ein Aufgeben der eige- 
nen Nationalität; oftmals wird sein sittliches Gefühl dadurch auf- 






297 

gebracht und regelmässig eine gewisse Stumpfheit hervorgerufen, 
ein bisweilen lange Zeit andauerndes Nichtverstehen alles Dessen» 
was mit ihm vorgeht. Man kann es sich gar nicht vorstellen, in 
welchem Grade durch dieses Wechseln des Bocks die Entwicke- 
lung des Eekruten bei uns aufgehalten wird. In ganz Europa ist 
die Militairuniform, mit Ausnahme der Farbe und des Besatzes, 
beinahe dieselbe; dafür sind aber auch die klimatischen Bedin- 
gungen dort überall fast dieselben und die Nationalcostüme der 
hauptsächlichsten europäischen Völker weichen, namentlich in den 
Städten, nur sehr wenig von einander ab. Das Klima Eusslanda 
unterscheidet sich dagegen wesentlich von dem mitteleuropäischen, 
und die russische Nationaltracht, die acht Monate im Jahre ein 
Pelz und immer weit, bequem und einfach, von dunkeler Farbe 
und ohne allen Flitterstaat ist, repräsentirt den vollkommensten 
Ausdruck der localen Bedingungen. Der Anzug der Bussen für 
den Sommer,. Winter und die dazwischen liegenden Zeiten, der 
Schafpelz unter dem Sipun (der nationale weite Bauerkittel), der 
Schafpelz allein, der Sipun allein und endlich das Hemd allein, je 
nach den Jahreszeiten, kann, wenn man die hygieinischen Bedin^ 
gungen obenan stellt, durch nichts Anderes ersetzt werden. 

Das Einführen der ausschliesslich aus Tuch angefertigten 
europäischen Militairkleidung, wie Waffenrock und Mantel, in die 
russische Armee war also offenbar ein Widerspruch gegen alle 
localen Bedingungen. Wenn die Strelitzen und die übrigen russi- 
schen Truppen der Vorzeit ihre Kleidung von der Natur erhalten 
hätten, so würde sie der Vorschlag, im Winter ohne Schafpelz 
nur im Tuchmantel zu gehen, meine ich, gerade ebenso verwundert 
haben, wie etwa die Proposition, im Sommer ganz nackt einen 
Marsch zu executiren. Wir können nicht umhin hierbei auf 
einen eigenthümlichen Zug in unserer Kriegsgeschichte hinzuweisen. 
Bis zu Peter dem Grossen haben die russischen Armeen zu ihren 
Operationen immer den Winter vorgezogen; sie fanden, dass die 
vortheilhafteste Zeit zum Einfall in feindliches Land die kalte 
Zeit sei, welche sie weit besser als der Feind zu ertragen wussten. 
Die vorpetrinische Epoche ist reich an Winterfeldzügen; dafür 
waren aber auch die russischen Truppen damals auf russisch auf- 
gezogen. Nach Peter fangen die Wintercampagnen an höchst 
selten zu werden, denn zur Ausführung derselben hätte das Heer 
jedesmal von Neuem equipirt werden müssen. Die Nothwendigkeit 



298 

hat die kaukasischen Trappen gezwangen sich im Winter in Pelze 
zu kleiden, jedoch nicht aof Kosten des Staats, sondern auf eigene 
Bechnung, für den geringen Lohn, den der Soldat durch seine 
Privatarbeit zu erwerben vermag; damit zugleich wurde es aber 
auch nur möglich, während des schneidendsten Frostes Campagnen 
auszuführen, ohne welche der Kaukasus bis jetzt noch nicht unter- 
worfen wäre. Und ebenso könnten wir in Europa, besonders im 
östlichen, mit ungeheurem Vortheil Winterfeldztige ausführen; 
dazu ist es aber nöthig, dass der Busse beständig und nicht blos 
zufällig auf russisch angezogen sei. 

Der kurze Schafpelz, sog. Halbpelz, macht während sieben 
bis acht Monaten im Jahre die Kleidung des Bussen aus, ist also 
gewissermassen seine Hauptkleidung; nach ihm werden auch die 
übrigen Theile des Costüms angepasst. Der Kaftan (der nationale 
knopflose Bock des Bussen) ist ein Kleid der Beichen, ohne das 
sich der grösste Theil des Volks behilft, indem er es durch den 
Sipun ersetzt, welcher wie der Kaftan bei kühlem Wetter und 
wie ein Mantel im Winter über dem Schafpelz getragen wird; 
daher ist denn unsere Volkskleidung immer weit und faltig und 
wird nicht geknöpft, sondern nur durch einen Gürtel gehalten; es 
ist, als wenn sich die weite Ausdehnung des russischen Landes 
in der offenen Weite des russischen Bocks abspiegelte. Kleidet 
man die Leute in den kurzen Schafpelz, so müssen demselben 
auch die übrigen Theile der Kleidung, dem Klima und den Ge- 
wohnheiten des Menschen entsprechend, angepasst werden und 
man hätte sogar für die äussere Schönheit dabei gevortheilt Im 
Costüm spricht sich, ebenso wie die übrigen localen Bedingungen, 
auch das ästhetische Gefühl der Bace aus; es entspricht mehr dem 
Typus und vervollständigt ihn besser als ein fremdländisches 
Costüm. Der dünne, in die Höhe gereckte und schmalwangige 
französische Soldat macht sich sehr gut im Käppi, Waffenrock 
und Stiefeletten; der vierschrötige Busse mit seinem breiten Ge- 
sicht erscheint dagegen in einem solchen Costüm ebenso missge- 
staltet, wie er in seiner weiten Volkstracht hübsch aussieht. 

Man kann es sich, ohne es gesehen zu haben, gar nicht 
vorstellen, wie sehr das Anlegen der deutschen ^leider, der erste 
Eindruck, den der Bekrut im Dienst empfängt, den Menschen be- 
täubt und ganz confus macht; wie schwer wird ihm allein schon 
die Knöpfe, die in der russischen Tracht unbekannt sind, knöpfen 



299 

zu lernen. Entrissen der Familie, bereits zu Hause eingeschüchtert 
durch allerlei Fabelhaftes, das ihm von dem ihm bevorstehenden 
Schicksal erzählt worden, verwirrt durch das Hinzuthun der Ver- 
wandten, die ihn nach alter Gewohnheit wie einen Todten be- 
weinen, weiss der Rekrut ohnehin nicht, mit welchem Fuss er 
zuerst in die ihm unbekannte Welt treten soll; da wird ihm nun 
gleich der Bart« geschoren und ein ausländisches Kleid angezogen, 
in welchem ihn selbst sein alter Hofhund nicht sogleich erkennt» 
Dem Rekruten erscheint es anfangs, als wenn er nicht nur seiner 
local^n Heimath, sondern auch seiner Gesammtheimath, seinem 
Vaterlande entrückt würde; ihm scheint es, als. wenn man ihn in 
irgend eine ganz fremde Welt einführt, in der er weder denken 
noch fühlen kann, wie er es gewohnt ist, in der er alle seine Be- 
griffe auf die verkehrte Seite umzuwenden haben werde. Dieser 
Zustand dauert keine ganz kurze Zeit, bis er sich umgeschaut 
und begriffen hat, dass in der neuen Sphäre nur die Ausstattung 
fremdländisch, der Geist aber russisch und dass er noch immer 
zu Hause ist. Dieser vervforrene Seelenzustand verzögert unge- 
mein seine Entwickelung, was in Friedenszeiten nicht von so 
grosser Wichtigkeit ist, dagegen aber wohl in Kriegszeiten, wenn 
der Rekrut direct aus dem Dorf auf den Marsch gehen und 
kämpfen soll. Der im Jahre 1855 einberufenen Volksmiliz 
(Opoltschenie) wurde der peinliche Eindruck in eine ausländische 
Form umgeknetet zu werden erspart: russische Bauern nahmen 
die Flinte und machten sich auf den Marsch, wie sie waren, eben 
als Russen; in diesem Umstand wurzelte der Hauptgrund ihrer 
raschen Entwickelung und ihres vortrefflichen Geistes. Bei der 
für uns nothwendig gewordenen Abkürzung der activen Dienstzeit 
darf man dieses Moment nicht aus dem Auge verlieren. Als der 
Soldat noch 25 Jahre diente, als das Heer noch ein Staat im 
Staate war, gab es vielleicht einen Grund dasselbe auch selbst 
äusserlich abzusondern, gab es wenigstens eine Veranlassung 
solcher Meinung zu sein; bei einer Volksarmee mit kurzer Dienst- 
zeit dagegen, wie wir sie jetzt brauchen, giebt es dazu weder 
einen Grund, noch eine Veranlassung. Der Rekrut muss so wenig 
als möglich verwirrt werden, er muss sich sofort in einen Soldaten 
verwandeln und sich in einer relativ kurzen Zeit vollständig ent- 
wickeln; das künstliche, geschraubte Umwandeln des Rekruten zum 
Soldaten ist gegenwärtig nicht mehr am Platz, und daher muss 



• 



• 



300 

jeder Umstand, der den Menschen am Anfang nur irgendwie 
verwirrt, sorgfältig beseitigt werden. Der Bauerbursche muss 
aus seinem Rekrutenbezirk zu dem aus diesem Bezirk hervor- 
gegangenen Regiment in den Dienst gehen wie zum Besuch von 
Verwandten und wieder nach Hause zurückkehren als derselbe, 
wie man ihn gekannt hat, nur entwickelter, nicht aber in irgend 
einer Hinsicht entstellt oder gar ganz umgewandelt. Nur dann 
allein wird sich das Volksheer in seiner ganzen Fülle entwickeln 
und zwar ohne allen Zwang, und Russland wird, wenn es nöthig 
ist, ebenso viele freiwillig und gern in den Dienst tretende Soldaten 
haben, wie viel es waffenfähige Leute zählt. Das Aeussere gilt 
in solchen Dingen nicht wenig. Es hat eine Zeit gegeben, wo das 
deutsche Kleid bei uns sowohl in der Gesellschaft, wie im Heer 
seine Bedeutung hatte: es war das äussere Aushängeschild der 
Frage, ob Russland ein moskowitisches Zarthum oder ein russi- 
sches Reich sein soll? Diese Frage ist jetzt erledigt. Wir können 
wieder Russen sein, selbst hinsichlich der Kleidung der Truppen 
den wesentlichen klimatischen Bedingungen entsprechend, ohne 
darum eine Rückkehr zum alten Glauben befürchten zu müssen. 
Die Equipirung des Soldaten muss sich von der Volkstracht, 
welche die Erfahrung von Jahrhunderten geschaffen hat, nicht 
scharf unterscheiden, wenn sie anders den löcalen Erfordernissen 
entsprechen soll ; sonst wird sie weder sittlich noch materiell den 
Bedürfnissen des Menschen, für den sie angefertigt wird, genügen. 
Gut ist diejenige Equipirung, welche zweien Bedingungen ent- 
spricht: erstens, wenn sie alles Nothwendige und nichts Ueber- 
flüssiges, selbst nicht für ein halbes Loth, enthält, weil sie gleich- 
zeitig das Leben des Menschen vor den Elementen beschützt und 
von demselben selbst getragen wird; zweitens, wenn sie den Ge- 
wohnheiten des Menschen entspricht. Der Unterhalt des Soldaten 
entspricht überall der Lebensweise des gemeinen Mannes von 
mittleren Verhältnissen, der weder reich noch arm ist. Die Klei- 
dung eines solchen gemeinen Mannes besteht, ausser der "Wäsche, 
in einem kurzen Schafpelz, in dem Sipun, in einem Gürtel, in 
Winter- und Sommerhosen, in Fausthandschuhen und in einer 
Mütze mit Ohrenklappen. Mehr braucht auch der Soldat nicht. 
An diesei? Kleidung können alle erforderlichen Abzeichen und 
Besätze, je nach der Truppengattung und nach den Regi- 
mentern angebracht werden. Der kurze Schafpelz, der acht 



301 

Monate im Jahr getragen wird, bildet den Hauptbestandtheil der 
Kleidung. Ausser in den Sommermonaten müsste der Soldat auch 
in der Fronte den Pelz tragen; hierzu könnte er mit den erfor- 
derlichen Abzeichen besetzt werden. Einige Compagnien von den 
Eabardaern hatten sich einmal gegerbte kurze Schafpelze, die 
compagnie weise verschieden verziert waren, anfertigen lassen; es 
lässt sich gar nicht beschreiben, wie sie in diesen Schafpelzen 
männlich schön aussahen; ein militairisches Auge konnte sich in 
der That an ihnen ergötzen. Der Sipun könnte je nach den 
Waffengattungen farbig, natürlich nicht grell, sein und lang wie 
ein Mantel, jedoch mit aufzuknöpfendem Schoss, um bei kühlem 
Wetter, nicht aber beim Frost, den Kaftan zu ersetzen; ein 
Gürtel und weite Beinkleider in den Stiefeln vollenden das 
Costüm. Die hohen kaukasischen Stiefel sind nicht unpraktisch, 
sie sind nur gar zu schwer. Durch eine Pfütze kann man mit 
jedem Stiefel gehen, und wenn ein Bach zu durchwaten ist, so 
ziehen die Soldaten ihre hohen Stiefel doch immer ebenso aus 
wie die niedrigen; dabei giebt es übrigens mit den ersteren noch 
weit mehr Plackerei. Anstatt besonderer Fechthemden wäre es 
weit besser der Armee überhaupt nur farbige Wäsche aus bunter 
Glanzleinwand von der Farbe des Sipun und des Besatzes an 
dem Schafpelz zu geben. Der Soldat ist auf dem Marsch nicht 
im Stande häufig die Wäsche zu wechseln und weisse Wäsche 
übt, wenn sie schmutzig ist, auf jeden Menschen, selbst auf den 
rohen, einen unangenehmen Einfluss; wenn der Soldat sich auf 
eigene Rechnung Hemden anschafft, so lässt er sich immer 
farbige machen. Eine Fronte in bunten Hemden, die je nach 
den Regimentern glatt oder gestreift sein könnten, würde sich im 
Sommer sehr hübsch machen. Das Käppi taugt nichts, erstens 
weil es das russische Gesicht entschieden verunstaltet, und zweitens, 
und das ist weit wichtiger, weil eine jede Sache bei dem spär- 
lichen Besitz des Soldaten nach Möglichkeit auch zu seiner Be- 
quemlichkeit dienen muss; beim Nachtlager muss er sich seine 
Mütze unters Ohr legen können, und sie muss daher weich sein 
und geknüllt werden können. Die beste Mütze für unseren Sol- 
daten wäre eine niedrige bis zur Schläfe hinunter reichende Filz- 
mütze mit einer Krempe, die man herauf und herunterbiegen 
kann, wie sie unter dem Namen der swenigorodschen Mütze in 
einigen nördlichen Gouvernements vom Volk getragen wird. Diese 



302 

Mütze sitzt fest auf dem Kopf und schützt, wenn die Krempe 
heruntergelassen ist, die Augen des Schützen vor den Sonnen- 
strahlen; sie wird nicht durchnässt, sie kann als Kopfkissen die- 
nen, sie ist leicht und ungemein hübsch und umrahmt kühn das 
russische Gesicht; als Abzeichen könnte man ja irgend eine 
Schnur an derselben anbringen. Wird sie bei den Panzerträgem 
während des Gefechts durch das Defensivcapuchon ersetzt, so 
kann sie einfach in die Tasche gesteckt werden. Der Baschlik 
ist eine vorzügliche Neuerung, welche natürlich beibehalten wer- 
den muss. Li einem so kalten Lande wie das unsrige ist, müssen 
für den Winter Fausthandschuhe oder andere warme Handschuhe 
geliefert werden. Hierin wäre die ganze Ausstattung des Soldaten 
enthalten, die ebenso praktisch und dem Klima, wie den Gewohn- 
heiten des gemeinen Mannes entsprechend, als hübsch und billig 
sein würde, jedenfalls nicht theuerer als die gegenwärtige, weil 
der kurze Schafpelz den Waffenrock unnütz macht, den man dann 
gar nicht nöthig hat; bei kühlem Wetter, nur nicht bei strenger 
Kälte, würden die Leute den Sipun tragen, dessen Schoss bis über 
die Knie hinaufgeknöpft wäre. Abgesehen von der Oekonomie 
dürfte der Soldat bei dieser Kleidung nicht noch ausserdem mit 
dem Waffenrock belastet werden, weil er ihn nur zum Zweck 
irgend einer Parade im Kanzen zu tragen hätte; bei der Bürde 
des Soldaten ist jedoch jedes überflüssige, nicht geradezu noth- 
wendige Loth positiv nur vom Uebel, 

Der Eanzen muss so leicht als möglich sein; für die Schultern 
des Menschen ist auch schon das, was in denselben hineingethan 
wird, ganz genug. Beinahe das beste Material zum Ranzen dürfte 
die gewalkte, wasserdichte Leinwand, doppelt genommen, sein, 
welche vor einigen Jahren, wenn wir nicht irren, von einem Herrn 
Maslow auf der Moskauer Ausstellung exponirt war; diese Lein- 
wand ist leicht und dauerhaft. Man hat gegenwärtig mit der er- 
forderlichen Aufmerksamkeit darauf Bedacht gehabt, wie dem Sol- 
daten auf die bequemste Art seine Bürde zu adjustiren sei; in 
dieser Hinsicht kann man jedoch noch immer eine allgemeine Be- 
merkung machen, mit welcher alle erfahrenen Officiere überein- 
stimmen werden. Es ist nicht möglich eine gleichartige, uniforme 
Adjustirung des Infanteriegepäcks ausfindig zu machen, welche 
wirklich bequem wäre, so dass dasselbe immer auf Riemen, oder 
auf Stahlhaken oder gleichviel anderswie getragen werde. Einen 



303 

Menschen, der einen langen Marsch ausführt, ermüdet nicht so- 
wohl diese oder jene Art der Gepäckadjustirung, als vielmehr die 
gleichförmige Lage der Last, welche beständig auf ein und die- 
selben Theile des Körpers drückt; nicht irgend eine verbesserte 
Adjustirung kann ihm Erleichterung schaffen, sondern die Mög- 
lichkeit der Last eine abwechselnd verschiedene Lage zu geben, 
die Möglichkeit sie bald auf der einen Schulter, bald auf der 
anderen, bald auf beiden zugleich, ja selbst auf der Brust zu 
tragen, indem er abwechselnd diejenigen Theile des Körpers, 
welche als Stützpunkt gedient haben, der Keihe nach sich er- 
holen lässt. Die kaukasischen Soldaten haben, solange sie anstatt 
des Ranzens einen Sack hatten, den sie in jeder beliebigen Lage 
trugen, ihre (bisweilen geradezu fabelhaften) Märsche weit leichter 
ausgeführt; über den seitdem eingeführten Ranzen hat der ganze 
Kaukasus einstimmig geklagt, weil er beschwerlich sei. Viele wer- 
den vielleicht finden, dass ein verschiedenartiges Ranzentragen die 
äussere Schönheit der Fronte beeinträchtigen würde. Eine solche 
Art des Tragens ist aber für den Marsch erforderlich, und nicht 
für die Revue, wo die Leute sich adjustiren mögen, wie man es 
haben will; bequemes Riemenzeug, das niemals durchreibt, muss 
nicht breit, aber weich und möglichst leicht sein; ebenso auch 
das Riemenzeug des Pferdegeschirrs. Wir haben bei uns zu 
Hause zu jedem Riemenzeug ein unvergleichliches Material in 
den kabardaer Riemen, welche dauerhaft, leicht und weich wie 
Seide sind. Wenn. ich nicht irre, so hat man auch schon einmal 
ausländische Meister nach Russland verschrieben, um dieses Leder 
zu bearbeiten, und ich weiss nicht, weshalb die Sache wieder ins 
Stocken gerathen ist. Die kabardaer Riemen übertreffen, wenn 
sie gut bearbeitet sind, sowohl die Stahlhaken, als auch jedes 
europäische Riemenzeug und Pferdegeschirr. 

Ein gut ausgerüsteter russischer Soldat ist ebenso der erste 
Fussgänger, wie der erste Soldat im Handgemenge. Er ist nicht 
leicht genug um, wie der Franzose, stundenlang laufen zu können, 
aber stärker und ausdauernder und wird den letzteren bei langen 
Märschen immer ausstechen. Unser Soldat muss nur seinen an- 
geborenen Eigenschaften und Gewohnheiten gemäss ebenso voll- 
kommen ausgerüstet sein: Alles Nothwendige und nicht für ein 
Loth üeberflüssiges , Alles für die Sache und nichts zum Luxus. 



Anhang. 



Fadejew, Russlands Kriegsmacht. 9/% 



^ 



r 



Eine wiehtige militairische Bemerkung, im Fall sie sieh 

nicht als frnehtles ergiebt 



(Ein in der rassischen „St. Petersburger Borsenzeitnng*' Nr. 2 
vom 2. (14.) Jannar 1870 veröffentlichter Artikel des Generals 
Rostislaw Fadejew.) 

Die Mehrzahl der Leser erinnert sich vermuthlich des Schick- 
sals, welches die der russischen Kegierung vor dem Krimkrieg 
gemachte Proposition Mini^'s (des bekannten Erfinders der prak- 
tischen gezogenen Gewehre) erfahren. Die Proposition wnrde 
nicht angenommen und Mini6 verkaufte in Folge dessen seine Er- 
findung an die Franzosen, in deren Händen sie eines der Haupt- 
mittel zum Siege über uns wurde. Gegenwärtig droht die alte 
Geschichte von den Mini^gewehren sich in einer neuen, noch weit 
gefährlicheren Gestalt zu wiederholen. 

Die Leipziger Zeitschrift „Deutsche Blätter" hat kürzlich 
in ihrer Nr, 45 (vom 4. November 1869) folgende Nachricht 
gebracht: 

„Der Panzer der Zukunft. — Ein Italiener, Namens 
Muratori, hat dem Kaiser Napoleon das Geheimniss einer von 
ihm erfundenen Composition verkauft, welche den Träger hieb- 
und stichfest macht und darum die ganze Lebensarbeit Dreyse's, 
Snider's , Chassepot's u. s. w. in die Rumpelkammer wirft. Der 
neue Panzer besteht aus Filz und ist für jeden Schuss undurch- 
dringlich. Das Material ist WoUe, welche mit verschiedenen an- 
deren Ingredienzen in flüssigen Zustand gebracht und von mäch- 
tigen Maschinen geknetet, alsdann erhitzt und schliesslich abge- 
kühlt wird, bis es zu einer Art Macadam sich verhärtet (?). Man 
weiss kaum, soll man sagen: schade, dass das viele Geld für 
Chassepots, Zün/lnadeln, Breechloaders und andere Schiess,- Hau- 
und Stichgewehre ausgegeben worden, oder soll man sich freuen, 

20* 



I 

I 



308 

dass es der Wissenschaft gelungen, alle diese Zerstörungswerkzeuge 
wirkungslos und überflüssig zu macken."*) 

Diese Nachricht ist unklar und nicht genau, in der Haupt- 
sache jedoch richtig. Die vor drei Jahren von mir angeregte 
Frage wegen eines Panzers, der eine bedeutende militairische Yer- 
voUkommnung wäre, ist in Europa, wie ich auch nicht anders 
erwäxtet habe, keineswegs ad acta gelegt worden. Da ich mich 
bereits lange mit dieser Idee beschäftigt und jede Verwirklichung 
derselben aufmerksam verfolgt habe, so bin ich im Stande ziem- 
lich genaue Angaben über den Panzer, welcher die Aufmerksam- 
keit vieler ausländischen Regierungen auf sich zu lenken beginnt, 
mitzutheilen. 

Soviel mir bekannt, wird der Panzer nicht aus einer "WoUen- 
masse verfertigt, welche mit anderen Ingredienzen in flüssigen 
Zustand gebracht und von Pressen zusammengedrückt wird, son- 
dern einfach aus Wolle, welche vermittelst überaus dichter und 
starker Kämme auf eine bestimmte Art zusammengeköpert wird; 
so ist wenigstens der beste von diesen Panzern, der von dem 
Grafen Litta Biumi erfunden worden, angefertigt. Der von 
Muratori erfundene und zuerst in Mailand hergestellte Panzer 
wurde der Regierung vorgestellt und einer Militaircommission, 
anfangs in Mailand und später in Florenz, zur Prüfung übergeben ; 
zugleich erhielt Muratori von der Regierung eine Unterstützung 
von 25,000 Franken. Die Versuche der italienischen Com- 
mission währten geraume Zeit. Ihr war die Frage gestellt worden, 
ob der neue Panzer sofort für die ganze Armee angenonmien 
werden könne? — Eine offenbar falsche Fragestellung, denn keine 



♦) Der Verfasser hat den Eingang dieser Notiz ans den „Deutschen 
Blättern*^ etwas verändert und den Schlusssatz weggelassen. Im Origi- 
naltext heisst es nämlich zuerst: „Ein Italiener, Namens Muratori, soll, 
nach einem österreichischen Blatte, dem Kaiser Napoleon das G-eheimniss 
einer von ihm erfundenen Composition verkauft haben" u. s. w. Und 
zum Schlussr „Doch Spass bei Seite, die Erfahrung lehrt uns, dass bis 
jetzt noch kein Palliativ gegen Schuss und Hieb erfunden ist. Wenn 
man selbst dem Eindringen des Eisens und der Engel widerstehen könnte, 
würden die durch den Stoss verursachten Erschütterungen im Innern 
viel schmerzhafter und tödlicher wirken, als eine Verwendung mit blanker 

Waffe und scharfem Schuss." 

Anm. d. Uebers. 






309 

einzige Erfindung kann, besonders gleich anfangs, noch ehe sie 
sich durch positive Versuche bewährt hat, ohne weiteres ange- 
nommen werden. Man hat mir gesagt, dass, wenn die Einführung 
des Panzers für einen kleinen Theil der Armee, etwa für irgend 
welche Elitetruppen beabsichtigt worden wäre, die Commission, 
selbst bei der offenbaren UnvoUkommenheit des Muratori'schen 
Panzers, nicht gezögert hätte zustimmend zu antworten: denn 
selbst bei aller Unvollkommenheit wäre er doch immerhin ein be- 
deutender Vorzug gewesen. Die Commission trug aber, wie nicht 
anders zu erwarten stand, Bedenken den Panzer mit einem Mal 
für die ganze Armee einzuführen und die Frage ist somit bis auf 
den heutigen Tag in Italien unentschieden geblieben. Der Schluss, 
zu dem ich in meinem Buch „Die Streitkräfte Kusslands" ge- 
kommen bin, stimmt, obgleich er weit früher ausgesprochen wor- 
den, vollkommen überein mit dem Gutachten der italienischen 
Conmiission. Ich habe geschrieben:*) 

„Mit der Zeit kann vielleicht ein grosser Theil der Armee 
mit dem Panzer bekleidet sein ; mittlerweile werden aber erst blos 
Elitetruppen gepanzert sein können. Ausser der Garde haben 

wir keine anderen Elitetruppen Es lässt sich wohl 

annehmen, dass die Anwendung des Panzers, wenn er einmal ein- 
geführt worden, immer weitere Ausdehnung erfahren werde; in 
diesem Fall würde man dann bei jedem Infanterieregiment eine 
gepanzerte Compagnie formiren und diese Compagnien je nach 
Bedürfniss mit einander vereinigen können. Doch das bleibt der 
Zukunft vorbehalten." 

Nach dem unbestimmten Bescheid der italienischen Commission 
wurde Muratori von der englischen Regierung eingeladen und be- 
schäftigte sich in London mit der Herstellung seiner Panzer für 
Menschen (sowie solcher in grösseren Dimensionen als Schiffs- 
panzer). Im Anfang des Jahres 1869 wandte sich die französische 
Militairverwaltung, welche jeder Neuerung gegenüber, die die 
Wahrscheinlichkeit des Sieges vergrössem könnte, so aufmerksam 
ist, ebenfalls an Muratori; dieser konnte aber, gebunden durch 
seinen Vertrag mit dem englischen Ministerium, die Einladung 
nicht annehmen, in Folge dessen die französische Regierung einen 



*) Seite 273 dieser Uebersetznng. 

Anm. d. Uebers. 



310 

anderen Erfinder, Namens Bemieri, welcher wahrscheinlich blos 
eine von Muratori vorgeschobene Person ist, berief; wenigstens 
sind die von beiden hergestellten Panzer, soviel mir bekannt ist, 
vollkommen gleich* Die Nachricht von dieser letzteren Yerein- 
bamng mit Bemieri ist also wahrscheinlich an das leipziger Blatt 
gelangt. 

In der ersten Beilage zn meiner Schrift „Die Streitkräfte 
Basslands'' habe ich den von mir bereits vor langer Zeit ver- 
suchten schnssfesten Filzpanzer genau beschrieben und der Folgen 
Erwähnung gethan, welche diese Erfindung früher oder später in 
der Kriegswissenschaft werde haben müssen. Dieser Panzer war 
leicht genug, namentlich im Vergleich zum Stahlkürass, und in der 
That schussfest, indem er nicht blos vor Wunden, sondern sogar 
vor Contusionen schützte. In meiner Gegenwart ist auf Thiere 
und darauf auch auf Menschen, welche mit diesem Panzer be- 
kleidet waren, ohne irgend welchen Nachtheil für sie geschossen 
worden; ich habe sogar an mir selbst Versuche angestellt; der 
Anprall einer Pistolenkugel war wie ein starker Stoss mit dem 
Zeigefinger auf dem Körper fühlbar, — mehr nicht, üeberzeugt 
von der Wirksamkeit des Panzers konnte ich weder an der 
Wichtigkeit der Erfindung für den Krieg, noch an dem vernich- 
tenden üebergewicht, welches er derjenigen Seite, die ihn zuerst 
anlegen würde, verleihen dürfte, zweifeln. Für Jeden, der auch 
nur ein Mal im Leben ein ernstUches Gefecht gesehen, kann das 
keinem Zweifel mehr unterliegen. In meiner Schrift habe ich 
gesagt*): 

„Jetzt, da der Panzer schon einmal zur Sprache gebracht 
und es zweifellos ist, dass ein genügend leichter schussfester 
Panzer hergestellt werden kann, kann man dessen ganz sicher 
sein, dass, wenn nicht heute, so doch morgen gewiss auf einem 
der europäischen Schlachtfelder plötzlich von irgend einer Seite 
gepanzerte Kegimenter auftauchen werden; für die entgegen- 
stehende Seite wird ein solches Gefecht dann den Ausgang von 
Königgrätz haben und vielleicht einen noch viel schlimmeren, denn 
die durch die ünverwundbarkeit des Feindes hervorgerufene Pa- 
nique würde natürlich viel stärker sein als der Schreck über die 



*) Seite 269 dieser Uebersetzung. 

Anm. d. XJebers. 



311 

Geschwindigkeit seines Feners. Es ist viel besser iü diesem Fall 
die in Erstaunen setzende Seite zti sein als die in Erstaunen 
gesetzte." 

Der „Wojenny Sbomik"*) (Januar 1868) antwortete mir mit 
dem Eath, die Taktik des Herrn Dragomirow**) genauer durch- 
iml^sen, um mich über die Bedingungen 2um Erfolg einer Attake, 
die angeblich durch den Panzer verzögert werde, zu informiren; 
Ein solcher Rath schmeckte in so hohem Grade nach der Schul- 
bank, über welche der Mann nicht hinaus gekommen, gleichviel 
ob er sie längst oder unlängst verlassen, dass es offenbar frucht- 
los erschien die Conversation mit dem ehrenwerthen Recensenten 
fortzusetzen. 

Nachdem ich erst selbst überzeugende Versuche angestellt 
hatte, verfolgte mich der Gedanke an den Panzer unablässig. Den 
entschiedenen Umschwung, welcher von der Einführung des Panzers 
im Kriege zu erwarten stand, sowie den erschütternden Eindruck, 
welcher durch das erste unverwundbare Regiment, das auf dem 
Schiächtfelde erscheinen würde, hervorgebracht werden würde, und 
die Wichtigkeit dieser Erfindung gerade für uns, wegen der Grund- 
eigenschaften unserer Armee, sah ich deutlich voraus. Der irlän- 
disdie Panzer, mit dem ich in den vierziger Jahren Versuche an-^ 
gestellt hatte und der zu seiner Zeit nicht genug bemerkt wor- 
den, war indess bereits vergessen und es erwies sich als unmöglich 
ein Exemplar desselben zu beschaffen. Plötzlich erschien im Jahre 
1866 in deii Zeitungen die Nachricht von dem neuen Panzer 
Muratori's. Dieser Panzer wog, wie die Zeitungen berichteten, 
sieben Mal weniger als eine Eisenplatte., welche dieselbe Wider- 
standskraft einer Kugel entgegensetzte. Da ich die neue Erfin- 
dung noch nicht kannte, aus Erfahrung aber wohl wusste, dass 
sie allerdings möglich sei, so bat ich damals einen bekannten 
Officier, der gerade nach Italien reiste, wenn es irgend möglich 
Wäre nur einen solchen Panzer zu verschaffen. Die Person, an 



*) „ MUitairische Revue *S eii^ ^om Eriegsministerium herausgege- 
benes Journal. Yergl. Anm. auf S. 216. Anm. d. Uebers. 

**) Bekannt durch sein Werk: „Abriss des osterreichisch-preussischen 
Krieges im Jahre 1866 von M. Dragomirow, Oberst im Kaiserl. Russ. 
Generalstabe und Professor an der Nikolaus-Militair-Akademie/^ Vom 
Verfasser autorisirte deutsche Uebersetzung. Berlin, Verlag von H. Bach, 
1868. Anm. d. Uebers. 



312 

-welche ich mich gewandt hatte, interessirte sich seihst für die 
Sache nnd es gelang ihr meine Bitte zu erfüllen, sie hekam jedoch 
einen Panzer von einer nenen Erfindung des Grafen Litta Binmi,. 
Ton der ich his dahin noch nichts gehört [hatte. Dieser Panzer 
(welcher, wie man sagt, den Muratori's ühertraf, ohgleich er weit 
hinter dem früheren irländischen zurückstand) ist ein Bmsthamisch 
von Filz, wiegt 5 Pfund, ist zum Schutz gegen Pistolenkngeln ge- 
macht und hält auf jede Distance die Kugel des stärksten Colt- 
schen Revolvers, auch ohne dass eine Contusion verursacht wird, 
sowie den Hieh einer jeden kalten Waffe auf; dem gezogenen 
Infanteriegewehr gegenüher hält er jedoch nicht Stand. Ist aher 
erst einmal ein Gewehe erfunden, welches vor einem starken 
Revolverschuss schützt, ohne dass eine Contusion verursacht wird, 
so kann doch offenhar ehenso gut ohne Zweifel auch ein Gewehe 
hergestellt werden, welches vor einem Fhntenschtiss schützt; der 
Unterschied hesteht dahei doch lediglich in der Dicke und in dem 
Gewicht, deren Feststellung weiteren Versuchen vorbehalten bleibt. 
Der Brusthamisch litta Biumi's ist, wie ich gehört habe, bei uns 
auch der Regierung vorgestellt worden und es war sogar, wie 
man sagt, von dem gelehrten Gomit6 derjenigen Person, welche 
in dem Besitz dieses Panzers war, die Weisung zugegangen, dass 
sie bereit sein möge denselben auf Verlangen vorzuweisen; — das 
war am Anfang 1869 geschehen, — einen weiteren Fortgang hat 
die Sache jedoch nicht gehabt. Gegenwärtig wäre es aber wohl 
nicht mehr an der Zeit mit dem Panzer, dessen hier erwähnt 
worden, Versuche anzustellen, da in der Herstellung der Panzer 
im Laufe des Jahres 1869 bedeutende Fortschritte gemacht wor- 
den sind. 

Man hat mir über die neuen Vervollkommnungen des Panzers 
Litta Biumi's Mittheilungen gemacht. Der Erfinder selbst schreibt: 
„Nach vielen öffentlich angestellten Versuchen bin ich im 
Stande Panzer nach einem neuen System zu liefern, welche die 
Kugeln der heutigen Hinterladungsgewehre mit dem grössten Er- 
folg abhalten, was der Panzer Muratori's nicht in einem solchen 
Grade erreicht hat, welcher aus diesem Grunde auch noch von 
keiner einzigen Regierung allendlich angenommen worden ist. Ich 
fertige zwei Arten von Panzern an: die einen sind leicht, wiegen 
nur Va Kilogramm (iy4 Pfund) und schützen gegen jede ver- 
borgene Waffe, Pistolen, Revolver u. dergl., sowie ohne Ausnahme 



313 

gegen eine jede kalte Waffe, wie Bajonette, Lanzen, Säbel, Messer. 
Man kann einen solchen leichten Panzer in einem Nu anlegen 
und ihn, ohne dass er im mindesten die Bewegungen behindert, 
unter den Kleidern tragen. Die bewaffnete Polizei würde z. B. 
durch ihn vor einem jeden Yerbrecherattentat vollkommen ge- 
schützt sein. Die andere Art sind schwerere und compactere 
Panzer von einem Gewicht von l'/^ Kilogramm (3 y^ Pfund) und 
halten in einer Distance von 200 Meter (280 Schritt) die Kugel 
der gewöhnlichen Infanterieflinte auf, ohne dass an dem Punkt, 
auf welchen die Kugel trifft, auch nur die mindeste Contusion 
verursacht wird. Der Panzer von diesem Gewicht besteht für 
den Infanteristen aus 2fwei Theilen und bedeckt die Brust und 
den Leib des Soldaten. Die Panzer sind durch ihre Composition 
vor Motten sicher und wasserdicht, so dass sie so lange man 
will in den Magazinen liegen können." 

Es muss bemerkt werden, dass ein Panzer, der in keiner 
näheren Distance als 280 Schritt eine Flintenkugel abhält, noch 
nicht ganz befriedigend ist, weil gerade auf dieser Distance das 
allervemichtendste Feuer anfängt. Aber abgesehen davon, dass 
der Panzer aus einem Material, welches sich mehr als Wolle da- 
zu eignet, hergestellt werden und dem entsprechend auch eine 
grössere Widerstandsfähigkeit haben müsste, w^orauf ich weiter 
unten zurückkommen werde, könnte selbst bei einem wollenen 
Panzer das Gewicht von S'/a Pfund bedeutend vermehrt werden, 
ohne den Soldaten damit allzu sehr zu überlasten; es dürfte viel- 
leicht alle Hoffnung vorhanden sein, einen bequem zu tragenden, 
voUkommen schussfesten Panzer, der nicht mehr als 10 Pfund 
und möglicher Weise auch sogar noch weniger wiegt, herzustellen. 

Graf Litta Biumi fügt hinzu, dass er, nachdem er seinen 
Panzer nach Bussland geschickt und erfahren habe, dass derselbe 
der Militairobrigkeit vorgelegt worden, fast ein Jahr auf Antwort 
gewartet und während dieser Zeit Propositionen von anderen 
Seiten abgelehnt habe, dass er aber endlich genöthigt sein werde 
dieselben anzunehmen. 

Ausser den drei genannten Erfindern beschäftigt sich auch 
noch ein Kusse, ein verabschiedeter Marineofficier, mit der An- 
fertigung solcher Panzer. Vor einem Jahr etwa hat er vor einer 
hochgestellten Person die allerbefriedigendsten Versuche angestellt, 
seine Erfindung jedoch nich officiell vorgelegt. 



314 

, Meinerseits sage ich wie Graf Litta: nul n'est tenu ä Tim- 
possible. Indess, da ich zum letzten Mal auf den Panzer zu 
sprechen gekommen bin, so muss ich hier auch die Gründe an* 
führen, welche mich veranlasst haben, die Idee desselben so lange 
und beharrlich mit mir herum zu tragen. 

Die zerstörende Wirkung der neuen Feuerwaffe muss unver- 
meidlich ebenso in der Armee ein Gegenmittel hervorrufen, wie 
sie es bereits bei der Flotte gethan hat. 

In wie weit der Mensch überhaupt einer Ueberzeugung fähig 
ist, so sehr bin ich davon überzeugt, erstens dass ein schussfester 
Panzer möglich ist, weil ich selbst in einem solchen der Kugel 
gegenüber gestanden habe, und zweitens, dass diejenige Armee, 
welche zuerst eine Reserve von gepanzerten Truppen aufs Schlacht- 
feld führt, jeden Gegner vernichten würde. 

Den letzten Schluss gründe ich ebenso sehr auf den mate- 
riellen, wie auf den moralischen Einfluss, den ein schussfester Panzer 
im Kriege hervorbringen muss. Es ist offenbar, dass ein an den 
edelsten Theilen unverwundbarer Mensch sowohl im Feuer wie im 
Handgemenge einen bedrohlichen Vorzug vor einem Verwundbaren 
hat. Noch wichtiger ist aber der moralische Einfluss. Ich weiss 
es aus der Kriegsgeschichte und habe es factisch viele Mal ge- 
sehen, dass ein jeder am Feinde anerkannte Vorzug auf den 
Anderen sofort als ein entsprechendes Misstrauen gegen sich selbst 
reflectirt, welches dann leicht in eine Panique übergeht; dass bei 
der Attake sämmtliche Bedingungen des Erfolges, wie die Schnellig- 
keit des Vordringens, der Vortheil der Position u. s. w. beinahe 
gänzlich verschwinden vor der Hauptsache, vor der momentanen 
Stimmung auf dieser oder jener Seite, vor dem Grade, in welchem 
diese Stimmung das Gefühl der Selbsterhaltung in den Leuten 
übertönt. Auf wessen Seite sich in dieser Hinsicht ein Ueber- 
schuss ergiebt, auf dessen Seite ist auch der Sieg. Der Ueber- 
schuss von Selbstvertrauen wird aber offenbar immer auf der Seite 
der Gepanzerten sein. Da aber die Stärke der russischen In- 
fanterie ausschliesslich in der Festigkeit der Massen, im directen 
Andringen und im Kampf von Mann gegen Mann besteht, weil 
wir in dieser Hinsicht die europäischen Armeen ebenso übertreffen, 
wie wir im Uebrigen ihnen nachstehen, und da gegenwärtig, seit 
der Einführung des schnellschiessenden gezogenen Gewehrs, die 
Aufgabe darin besteht, an den Feind heranzukommen, so scheint 



r~ 



315 

es mir fraglos, dass der Panzer gegenwärtig nöthiger ist, als er 
es früher war, und zwar für uns nöthiger, als filr irgend einen 
Anderen, dass es für die russische Armee sogar Yortheilhaft wäre, 
wenn er von der ganzen Welt acceptirt werden würde. Ich kann 
es als keine ernstliche Einwendung ansehen, wenn man sich auf 
die relativ geringe Last des Panzers beruft, da derselbe viele 
tausend Jahre von aUen Heeren getragen und erst vor zwei Jahr- 
hunderten nur deshalb abgelegt worden ist, weil der alte eiserne 
Panzer nicht vor der Kugel schützte. 

Existirt in der That ein Panzer, durch den keine Flinten- 
kugel durchgeht und welcher auch selbst 15 Pfund wiegen mag 
(wenn wir die Bedeckung der Brust, des Leibes und des Kopfes 
rechnen), sollte man da wirklich umhin können, dieses Mittel 
nicht ernstlich ins Auge zu fassen? 

Wie ich mich überzeugt habe, gehen aber auch selbst in 
dieser Hinsicht die Meinungen auseinander. Alle activen Militairs, 
die sich daran gewöhnt haben den Soldaten als ein lebendes 
Wesen anzusehen, welches ununterbrochenen Bewegungen des 
Geistes ausgesetzt ist, erkennen die immense Bedeutung des Pan- 
zers bei der gegenwärtigen Waffe, vorausgesetzt dass ein solcher 
Panzer überhaupt möglich ist, ohne Widerrede an; fast alle 
Friedenstaktiker dagegen und sogenannte gelehrte Militairs, welche 
den Kampf als ein Kriegsspiel und den Soldaten als einen Me- 
chanismus ansehen, der unbedingt bis zu dem ihm durch die ge- 
troffene Disposition bestimmten Punkt vorrückt, leugnen diese Be- 
deutung. Alle ihre Gründe reduciren sich auf den Kath, welchen 
mir einst die „Militairische Revue" gegeben hat, nämlich die Taktik 
des Herrn Dragomirow nachzulesen und daraus zu erfahren, dass 
die Hauptbedingung zum Erfolg der Attake in der Geschwin- 
digkeit besteht, welche durch das Gevnicht des Panzers aufge- 
halten wird. Ich habe es für überflüssig gehalten dem ehren- 
werthen Journal damals zu antworten, dass alle europäischen 
Truppen mit dem Tornister, der mehr als 40 Pfund wiegt, und 
der bei uns in diesem Fall gewöhnlich abgeworfen wird, zum An- 
griff schreiten; dass bei einem Vorrücken von einigen hundert 
Schritt zehn Pfund mehr für einen Menschen ohne Banzen, oder 
auch selbst für einen mit dem Ranzen, keinen Einfluss auf die 
Geschwindigkeit haben können, und dass alle missglückten Attaken 
gegen Gewehrfeuer, die ich zu sehen Gelegenheit hatte, einzig und 



316 

allein nur wegen der Furcht erschossen zu werden, aber nie aus 
irgend einer anderen Ursache missglückten. 

Der Umschwung in der Taktik in Folge des schnellschiessen- 
den Gewehrs ist offenbar und verlangt neue Mittel im Kriege. 
Die Kartätsche, welche noch unlängst als das Hauptmittel zur 
Vertheidigung einer Position diente, gilt heute nur wenig neben 
den gezogenen Geschützen. Die Vertheidigung besteht gegen- 
wärtig hauptsächlich im Gewehrfeuer; dieses Feuer ist aber weit 
furchtbarer als das frühere Gewehrfeuer mit dem Kartätschen- 
feuer zusammen. Bei der heutigen Gefechtsweise kann die ganze 
feuernde Linie liegend schiessen, und ein gedecktes Terrain be- 
schiesst, wie mit unsichtbaren Kräften, ganz von selbst; man 
kommt in die Lage gegen einen Bleiregen vorzugehen, ohne die 
Möglichkeit zu haben durch das eigene Feuer den unsichtbaren 
Gegner vorher zu derangiren. Diese neue Gefechtsweise macht 
gegenwärtig Alle stutzen und man sinnt auf die allerriskantesten 
Mittel dieselbe zu paralysiren. So werden- z. B. in der französi- 
schen Armee die Truppen bereits seit zwei Jahren darin geübt 
in der Nacht anzugreifen; dem unbezwingbaren Feuer wird die 
Dunkelheit opponirt. Natürlich kann es nichts Riskanteres als 
dieses Mittel geben. Mit grossen Massen operiren ohne einander 
zu sehen heisst Paar oder Unpaar spielen und, selbst wenn der 
Gegner geworfen ist, die Möglichkeit entbehren, sich den Sieg 
sofort zu Nutzen zu machen; gleichzeitig ist jedoch dieses Mittel, 
wenn man Glück bat, das einzige wirksame. In jedem Fall ist 
es aber nur möglich bei einer Armee wie die französische, welche 
sich besonders durch die Selbständigkeit eines jeden Truppentheils 
bis in die geringsten Unterabtheilungen, durch die Gewohnheit 
ohne specieUen Befehl zu handeln und durch den Unternehmungsgeist 
der Officiere auszeichnet. Unter solchen Bedingungen kann man 
freilich selbst im Finsteren kämpfen. Jeder weiss, dass diese 
Eigenschaften in unserer Armee nur wenig entwickelt sind. Wir 
haben wohl bei Sebastopol Nachts gefochten, um den Vorzug des 
feindlichen Feuers auszugleichen, aber das geschah auf einem 
völlig bekannten Terrain; nächtliche Scharmützel sind übrigens 
bei Belagerungen etwas nicht Ungewöhnliches. In der Feldschlacht 
taugt aber für uns das Mittel der Franzosen nichts. 

Der Gebrauch des schnellschiessenden Gewehrs verlangt eine 
Verdünnung der Fronte und eine Theilung derselben in kleine 



317 

Abtheilungen. Diese mittlerweile unvermeidliche Folge gereicht 
wiederum uns zum Nachtheil und ist gegen unsere nationale 
Natur. 

Ich muss mir eine Abschweifung erlauben, welche unerläss- 
lich ist, um die Sache klar zu machen, und vor Allem Folgendes 
auszusprechen wagen: Bei uns allein in der ganzen "Welt (und 
zwar nicht in der Armee, sondern in der Militairverwaltung) ist 
die Wahrheit noch nicht anerkannt, dass eine jede Armee, in 
Folge des besonderen historischen Charakters einer jeden Natio- 
nalität, ihren eigenthündichen, durchaus nicht willktihrlichen Or- 
ganismus hat. Dieser Organismus im weitesten Sinn entzieht sich 
der Ausbildung, welche die demselben nicht eigenthümlichen Eigen- 
schaften nur bis zu einem gewissen Grade entwickeln, sie 
aber nicht zum vollkommenen Ausdruck bringen kann; nur die 
angeborenen Eigenschaften gelangen zur vollständigen Entfaltung. 
In Folge dieses unwandelbaren Gesetzes sucht eine jede der 
guten europäischen Armeen, zum Theil bewusst, zum Theil auch 
nur halbbewusst, aber in jedem Fall sehr richtig, gerade ihre 
vorzüglichste Eigenthümlichkeit besonders intensiv zu entwickeln. 
Diese Eigenthümlichkeit lässt sieh bei einer jeden grossen euro- 
päischen Armee ganz ohne anzustossen bezeichnen, — so augen- 
fällig tritt sie hervor. 

Die Franzosen sind stark durch ihre Lebendigkeit, was, ins 
Militairische übersetzt, Unternehmungsgeist heisst. Ein jeder 
Sergeant, im Allgemeinen gesprochen, der mit einem halben Zuge 
detachirt worden, benimmt sich gerade ebenso wie ein Obercom- 
mandirender, und handelt für seinen eigenen Kopf, ohne Befehle 
abzuwarten, wie er es für das Beste hält. Darin besteht der 
Hauptvorzug der Franzosen: kein einziger günstiger Zufall entgeht 
ihnen unbenutzt; und da der ganze Krieg aus lauter zahllosen 
einzelnen Zufällen besteht, so ist es sehr erklärlich, welche Chancen 
sich auf derjenigen Seite ergeben, welche die Mehrzahl dieser Zu- 
fälle zu ihrem Yortheil auszubeuten weiss. Die Franzosen ma- 
növriren, d. h. schicken sich in die Localität und in den Feind 
ebenso natürlich, wie das Wasser über die Neigung des Bodens 
fliegst. . . . Die französischen Militairs sind, vom höchsten bis 
zum letzten, in einem so hohen Grade von dieser Nationaleigen- 
schaft durchdrungen, dass sie es auch gar nicht einmal begreifen, 
wie es anders sein könnte. Die Heftigkeit bei der Attake, der 



318 

französische Elan ist nichts weiter als dieselbe Eigenschaft, nur 
unter einem anderen Namen; die Franzosen sind heftig, weil sie 
unternehmend sind. Für sie ist es ganz natürlich an nächtliche 
Angriffe zu denken und die Nacht sich als Panzer zu nehmen. 
Die dünne und vieltheilige Fronte setzt sie ebenfalls nicht in 
Verlegenheit; es ist sehr vortheilhaft mit kleinen Abtheilungen zu 
operiren, wenn man sich auf eine jede derselben verlassen kann. 
In jedem Fall ist in dem durch die schnellschiessenden Gewehre 
in der Taktik verursachten Umschwung gar nichts enthalten, was 
nicht mit den angeborenen Eigenschaften der französischen Armee 
zu vereinigen, was dieselbe nicht im Stande wäre zu ihrem Yor- 
theil zu verwenden. 

Dasselbe, wenn auch in anderer Weise, muss ebenfalls von 
den deutschen, d. h. preussischen Truppen gesagt werden: sie sind 
hauptsächlich stark durch ihr Feuer und durch ihren correcten 
Mechanismus. Der preussische Soldat hat wenig persönlichen 
Unternehmungsgeist, ziemlich viel Hartnäckigkeit und sehr viel 
Geduld und Accuratesse, welche geeignet sind ihn in Dingen der 
täglichen Beschäftigucig zur Vollkommenheit zu bringen. Diese 
Eigenschaften erreichen in den preussischen Officieren ihren höch- 
sten Grad. Die preussischen Officiere widmen ihre ganze Zeit 
dem Dienst und denken nur an ihn. Einige von ihnen haben mir 
versichert, indem sie ihr Wort durch die That bewiesen, dass sie 
es sich zu gewissen Zeiten ganz abgewöhnten zu Mittag zu speisen, 
weil es ihnen unmöglich sei sich auf so lange Zeit von dem Unter- 
richt ihrer nur so kurze Zeit dienenden Soldaten loszumachen, 
und nur mit Unterbrechungen gespeist haben. Da nun die Deut- 
schen hauptsächlich ein Schützenvolk sind, welches das Schiessen 
aus Liebhaberei betreibt, und da sie allein ganze Gebiete und 
ganze Stände von geborenen Schützen haben, so ist es sehr 
natürlich, dass die angeborene Neigung bei einer solchen sorg- 
fältig pedantischen Ausbildung reiche Frucht trägt. Die histori- 
sche Kraft des preussischen Heeres hat immer in einem schnellen 
und sicheren Feuer bestanden, welches die Gefechte unter Fried- 
rich dem Grossen ebenso entschieden hat wie unter Wilhelm I. 
Nicht umsonst ist von dem Ersteren das Wort ausgesprochen 
worden: „eine Schaar Zielender überwindet eine Schaar Tapferer." 
Für ein solches Heer ist eine jede Vervollkonmmung der Flinte, 
selbst wenn sie auch von Allen gleichmässig angenommen wird, 



319 

besonders vortheühaft, denn sie verleiht seinen Kräften verhält- 
nissmässig einen weit grösseren Zuwachs als den Kräften der 
anderen Heere. Daher hat denn auch die Initiative der Neuerun- 
gen auf diesem Gebiet immer Preussen angehört, vom eisernen 
Ladestock an bis zum Ztindnadelgewehr. 

Die russischen Truppen haben sich auch bisweilen in ihrer 
ganzen Eigenthümlichkeit entwickelt, wie z. B. im Kaukasus 
unter dem Einfluss eines langen Kriegsdienstes bei der verschie- 
densten Umgebung, welche einem jeden Regiment Gelegenheit gab 
seinen besonderen Charakter herauszubilden. Es hat im Kaukasus 
Regimenter gegeben, welche äusserlich dem französischen Typus 
sehr ähnlich waren; hierin sprach sich aber nur der Einfluss 
eines 25jährigen Kriegsdienstes auf einem exclüsiven Felde, nicht 
aber der Volkscharakter aus. Ganz im Allgemeinen genommen ist 
die russische Armee aber immer noch sehr weit entfernt von den 
Eigenschaften sowohl des französischen wie des preussischen 
Heeres. Von der einen Seite ist das unbedingte Erfüllen der Be- 
fehle bei uns tief eingewurzelt, aber kein Unternehmungsgeist; 
unsere Entschlossenheit tritt beim Erfüllen des Willens des Be- 
fehlshabers zu Tage, nicht aber, wenn es gilt aus eigenem Antrieb 
Etwas anzufangen: von zehn unteren Anführern werden neun ihre 
Abtheilung ruhig niederschiessen lassen und ohne einen höheren 
Befehl nicht einen Schritt machen; die einzelnen Theile sind bei 
uns nicht an Selbständigkeit gewöhnt; unsere Compagnien, unsere 
Bataillone, unsere Regimenter und sogar noch höher hinauf müssen 
geschoben werden, — von selbst schieben sie sich nicht in der 
Mehrzahl der Fälle. Unsere Armee ist in einer starken Hand 
eine furchtbare Waffe, aber eine besondere Initiative hat sie nicht; 
Ausnahmen sind nicht Regeln. Die Geschichte und die eigenen 
Erlebnisse eines jeden erfahrenen Militairs lassen keinen Zweifel 
daran zu. In diesem Zuge spricht sich der Charakter des russi- 
schen Volks aus, welches nicht kriegerisch, aber überaus kühn 
ist, und daraus ergiebt sich auch ganz natürlich das Wesen des 
Heeres, welches nicht unternehmend ist, aber unerschrocken und 
fähig seinem Befehlshaber blindlings in den Tod zu folgen, selten 
aber nur sich von selbst in die Umstände zu schicken weiss. Bei 
uns kann man sich nicht auf das Ermessen der einzelnen Officiere 
und der abgesonderten Theile verlassen, dass sie eine jede sich 
bietende Deckung oder ein complicirtes Terrain, einen jeden 



320 

günstigen Zufall den Feind zu durchbrechen oder ihn zu umgehen 
benutzen, wodurch allein nur, sei es am Tage oder in der Nacht» 
der vernichtenden Gewalt des heutigen Feuers die Spitze geboten 
werden kann. Von der anderen Seite können wir uns mit unseren 
westlichen Nachbaren in Allem, was technische yollendung, Präci- 
sion und unermüdliche Sorgfalt erheischt, schwerlich vergleichen. 
Die tägliche Erfahrung schon könnte, wie es scheint, einen jeden 
Optimisten vom Gegentheil überzeugeu. Ausser dass wir in tech- 
nischer Beziehung immer nachhinken, sind für die Armee, wenn 
sie im Gewehrfeuer vollkommen sein soll, persönliche Eigen- 
schaften erforderlich, die wir entschieden nicht besitzen. Der ge- 
meine Russe ist kein Einzelstreiter, sondern wird nur in der Ge- 
nossenschaft vom Selbstvertrauen beseelt; unser Rekrut nimmt die 
Flinte zumeist als ein ihm gänzlich fremdes Ding in die Hand; 
er gewinnt nur selten eine besondere Vorliebe für die Details, 
die zur Vollkommenheit in der Technik unerlässlich sind. Aus 
seiner Natur kann man die Schützeneigenschaften nicht ent- 
wickeln, sondern man muss sie ihm von Aussen einimpfen, 
was dann ein ganz anderes Ding ist. Grosse aufrichtige Pünkt- 
lichkeit in der Erfüllung der kleinen Dienstobliegenheiten kommt 
nur selten bei uns vor; die Officiere der russischen Armee wer- 
den sich nicht aus Eifer für die Ausbildung ihrer Leute das 
Mittagsessen abgewöhnen; selbst die höheren Commandeure wer- 
den bei uns noch nicht so bald anfangen als die Haupteigenschaft 
eines Truppentheils die Kunst im Schiessen anzusehen. Das ist 
gar nichts Neues. Unsere Armee hat immer, was das Manövriren 
und das Gewehrfeuer anbelangt, 'den europäischen Heeren nach- 
gestanden und es wird auch wahrscheinlich so bleiben, worüber 
man sich übrigens nicht weiter zu grämen brauchte, wenn nur 
das Verhältniss immer das gleiche bleibt und nicht ungünstiger wird. 
Das russische Herr ist nicht unternehmend und in seinen 
Manövern gewandt, wie das französische, auch nicht durch sein 
Gewehrfeuer stark, wie das preussische oder englische, und ist 
dennoch von Allen, die sich mit ihm zu messen hatten, als der 
furchtbarste Gegner angesehen worden. Selbst die gegen uns ge- 
wonnenen Schlachten waren die allerlängsten, blutigsten und am 
wenigsten entschiedenen Schlachten der Welt; man kann positiv 
sagen, dass wir wohl bisweilen den feindlichen Anführern gegen- 
über, aber niemals den feindlichen Soldaten gegenüber Schlachten 






321 

verloren haben. In welcher Eigenthümlichkeit besteht nun der Vorzug 
der Bussen? Das weiss Europa und ein jeder erfahrene russische 
Officier, obgleich man wohl G-rund hat zu fürchten dass unsere Mili- 
tairadministration sich dessen nicht so genau bewusst ist. Er besteht 
in dem zähen Zusammenhalten der einzelnen Truppentheile, des 
Bataillons oder der Compagnie, in dem Geist, welcher den Bussen 
veranlasst seine Persönlichkeit der Gemeinde, der Genossenschaft 
unterzuordnen und immer nur vereint zu handeln nach dem Sprich- 
wort; „unter Mitmenschen ist selbst der Tod schön." Ein jedes 
europäische Bataillon zerstreut sich, wenn es einmal geworfen ist, 
so dass es dann nicht mehr leicht ist die Leute zusammenzu- 
bringen; unser Bataillon dagegen läuft, selbst bei dem furcht- 
barsten Misserfolg, fast niemals auseinander, sondern die Leute 
drängen sich an einander und weichen in fester Masse. Das heisst, 
dass der russische Soldat im Allgemeinen kein Einzelstreiter ist, 
sondern der Mann der geschlossenen Schlachtordnung. Es ist 
sehr begreiflich, wie sich in der Hand eines festen und ent- 
schlossenen Befehlshabers eine solche Eigenschaft zu einer un- 
überwindlichen Kraft gestalten kann. Jede Energie ist machtlos, 
wenn die Abtheilung zersprengt ist; so lange sie aber geschlossen 
bleibt, kann ein glückliches Wort ihr den Muth wiedergeben. 
Steht ein Befehlshaber, der niemals den Kopf hängen lässt, an 
der Spitze einer solchen Armee, so ist es unmöglich sie aus dem 
Felde zu schlagen, und man müsste sie wie ein materielles Hinder- 
niss herausschneiden, was nicht leicht zu machen ist. Es ist 
ebenfalls erklärlich, dass ein Heer, welches immer geschlossen 
bleibt, in welchem Alle, mit Ausnahme der Gebliebenen und der 
Schwerverwundeten, bis zum letzten Augenblick in den Beihen 
bleiben, den Kampf endlos in die Länge ziehen kann, dass ein 
solches Heer sich in der That als eine unbezwingbare Waffe her- 
ausstellt, welche niemals den Galcul des Anführers, wenn anders 
dieser des Heeres nur werth ist, trügt. Erklärlich. ist es endlich, 
welchen Eindruck ein solches Heer auf den allergehärtetsten 
Gegner ausübt. Nach einem ganzen Tag voll verzweifelter An- 
strengungen, kunstgerechter Attaken und glänzender Manöver, 
selbst wenn er im glücklichen Fall die erste, die zweite, die dritte 
Position genommen und selbst ermattet und aufgelöst ist, sieht er 
doch noch immer geschlossene Massen und eine Fronte vor sich, 
welche zu neuer Gegenwehr bereit sind. Diese Eigenschaft der 

Fadejew« Rasslands Kriegsmacht. 21 



322 

Unverwüstlichkeit der russischen Infanterie hat in den letzten 
Augenblicken der Schlacht bei Borodino Napoleon die Worte ent- 
lockt: „Ich werde meine Garden nicht um niedergemacht zu Wer- 
der vorschicken, ich darf nicht meine letzten Hülfsmittel riskiren." 
Die Fortsetzung des unbeendigten Satzes im Sinn des Eroberers 
ist offenbar: warum? wir würden noch einige Tausend Feinde er- 
schlagen, aber die Uebrigbleibenden werden doch immer noch 
ebenso stehen, wie sie jetzt stehen. Die französischen Soldaten, 
die alten wie die neuen, haben es oft wiederholt und wiederholen 
es noch jetzt: die Stärke der russischen Armee besteht nur in 
der Faust, aber diese Stärke ist furchtbar. Früher schon hat 
Friedrich der Grosse dasselbe gesagt: „Es ist leichter den russi- 
schen Soldaten zu erschlagen, als ihn zu besiegen", d. h. man 
kann sie schlagen, soviel man will, sie stehen doch immer als ge- 
schlossene Masse und unzerschlagen. Hadschi-Murat, der bekannte 
Parteigänger der Bergvölker, hat diese "Wahrheit in seiner Weise 
ausgedrückt, indem er sagte: „Der russische Soldat ist ein sonder- 
barer Mensch! Einzeln taugt er nichts dem Lesghier gegenüber, 
sammelt sich aber ein Haufen von ihnen, so ist es rein unmöglich 
mit ihnen fertig zu werden!" Alle unsere Gegner haben, seit der 
Einführung der regulairen Truppen bei uns, diese selbe Bemerkung 
auf die verschiedenste Weise wiederholt. Ausser der persönlichen 
Bravour, welche den russischen Soldaten, ohne sich selbst zu 
schützen, drein schlagen lässt, ist die Stärke im Bajonettkampf 
die Hauptfolge unserer innersten Anlage in Gemeinschaft zu han- 
deln und uns an einander zu drängen; je weniger* eine Colonne 
zerrissen zu werden vermag und je inniger geschlossen sie anrückt, 
um so stärker ist ihr Anprall im Kampf von Mann gegen Mann. 
Im Vorpostendienst, welcfrer die Eigenschaften des Einzelstreiters 
erheischt, sind wir nicht stark, wodurch unseren Gegnern am 
Anfang einer jeden Campagne immer grosse Hoffnungen eingeflösst 
wurden; sowie es aber zum offenen Kampf kam, prallten alle An- 
strengungen des Feindes an den russischen Colonnen erfolglos ab, 
wie die Fluth des Wassers an einem Felsen. Schmidt hat in 
seiner Geschichte des polnischen Aufstandes diese anfängliche 
Selbsttäuschung des Feindes und die dann darauf folgende Ent- 
täuschung desselben sehr klar dargestellt. Einem ernstlichen 
europäischen Feind gegenüber haben wir immer nur und zwar 
nicht vorzugsweise, sondern ausschliesslich durch diese Eigenschaft 



323 

die Oberhand gewonnen; hierin liegt die Stärke der rassischen 
Armee, sowohl in früherer Zeit, wie üi der Zukunft. Suworow, 
welcher unsere Armee zu einer Vollkommenheit, wie sie die Welt 
nie grösser gesehen, gebracht hat, hat gerade auf diese Eigen- 
thümlichkeit die Ausbildung des russischen Heeres und seine 
Taktik gegründet (oder, richtiger gesagt, vollendet, denn es war 
auch vorher schon so gewesen). In dem italienischen Erlege 
stellte er, wo es nur zu manövriren galt, sowie auch als Vorhut 
die Oesterreicher hin, seine eigenen Soldaten aber führte er dahin, 
wo der Feind im offenen Kampf ohne alle Winkelzüge geschlagen 
und der Ort vom Feinde gereinigt werden musste, wiederholte 
zehn Mal hinter einander die Attake und brachte es immer dazu 
den Feind zu zersprengen, während ihm selbst doch immer noch, 
wenn auch nur eine Handvoll Leute blieb, aber eine Handvoll, 
die fest stand und im Stande war den Kampf wieder aufzunehmen. 
Von fast 40,000 Mann russischer Truppen waren am Ende des 
Krieges nur 12,000 übrig geblieben, mit diesem Kest konnte sich 
aber dann auch Niemand mehr im Felde messen. 

Natürlich darf man es mit den anderen Seiten der Sache 
nicht zu leicht nehmen, sondern man muss sich bestreben die 
russischen Soldaten als Manövrirer und Schützen auf eine mög- 
lichst hohe Stufe zu bringen; vor Allem aber muss man die 
charakteristischen Momente, in denen unsere Kraft beruht, klar 
erkennen. Das Militairsystem wird sonst in seiner Art zu einem 
Nihilismus, welcher Seifenblasen für Phantasiesoldaten schafft. 
Niemals werden wir durch den Unternehmungsgeist unserer ein- 
z^nen Trußpentheile und durch die Gewandtheit im Manövriren, 
wie die Franzosen, noch durch unser vernichtendes Feuer und 
die vollendete Technik, wie die Preussen und Engländer, europäi- 
schen Armeen furchtbar erscheinen; wir haben schon genug damit 
zu thun diese Eigenschaften uns wenigstens äusserlich anzueignen, 
um dem Vorzug der Gegner in dieser Hinsicht auch nur gleich 
zu kommen; siegen können wir jedoch nur durch die Eigenschaft, 
durch welche wir bisher gesiegt haben — durch die Widerstands- 
fähigkeit <fer Masse und durch die Schulterkraft im Handgemenge. 
Unsere Armee würde zweifellos unter das allgemeine Niveau her- 
absinken, wenn der Einfluss des neuen Gewehrs und der durch 
dasselbe bedingten neuen Taktik für unsere nationalen Eigen- 

21* 



324 

Schäften ungünstig wäre. Das künstlich Eingeimpfte kann nie das 
Angeborene ersetzen. 

Dieser Einflusss ist indess in der That kein günstiger. Bei 
der allgemeinen Bewaffnung mit schnellschiessenden G-ewehren 
findet eine jede der grossen europäischen Armeen daran doch 
immer Etwas, was einer ihrer Haupteigenschaften vortrefflich zu 
Statten kommt, und gewinnt dadurch in irgend einer Hinsicht 
wenigstens vor den übrigen. Nur wir allein verlieren dabei ohne 
alle Entschädigung. Die vernichtende Gewalt des gegenwärtigen 
Gewehrfeuers und die daraus resultirende Nothwendigkeit die 
Fronte zu verdünnen und zu zerstückeln, stehen im radicalen 
Widerspruch zu unserer Hauptstärke, welche in der Gebundenheit 
und Widerstandsfähigkeit der Masse besteht. Giebt es überhaupt 
eine Möglichkeit ein Mittel zu finden, welches dem russischen 
Heer seinen principiellen Vorzug sichert, so muss dieses Mittel 
gefunden werden. 

Dieses Mittel ist in dem Panzer beinahe schon gefunden und 
bedarf blos einer geringen Vervollkommnung. Natürlich ist nicht 
davon die Kede die ganze Armee sogleich in den Panzer zu klei- 
den. Bei der gewöhnlichen Distance zwischen den sich gegen- 
überstehenden feindlichen Linien zerstört das Gewehrfeuer, ausser 
in den entscheidenden Momenten des directen Angriffs, nicht so- 
fort die Colonne und auf dem* Schlachtfelde finden sich immer 
genug natürliche Deckungen; der Panzer ist daher nur für die 
Teten erforderlich, im Augenblick des Verstosses oder der directen 
Abwehr. Die gepanzerten Truppen repräsentiren in diesem Fall 
die scharfen Spitzen, hinter denen der Stock, die nicht gepanzerten 
Truppen, von selbst in die Masse des Feindes eindringt. Den 
zuerst angreifenden Truppen aber, welche das Schicksal der Attake 
entscheiden, würde der Panzer die erste Bedingung unserer 
Stärke, die Geschlossenheit nämlich, conserviren. Zu diesem Zweck 
dürfte es, meiner Meinung nach, sobald nur der Panzer in einer 
befriedigenden Gestalt zu Stande gebracht worden, vorläufig, bis 
die Erfahrung das Weitere gelehrt hat, genügen, ebenso viele ge- 
panzerte Bataillone zumontiren, als wir Divisionen haben; es ver- 
steht sich von selbst, dass diese Bataillone nicht bei den Divisio- 
nen zerstreut, sondern zu Eegimentem vereinigt sein müssten, die 
dann nach Massgabe des Erfordernisses zu vertheilen wären. 
Diese Begimenter würden als scharfe Spitzen beim Augriff und 



325 

als anbezwingbare Reserve in dem letzten Augenblick dienen. 
Für den ersten Krieg würde es sogar genügen, wenn blos die 
Grardeinfanterie, mit Ausnahme der Jägerregimenter und Schützen- 
bataillone, mit dem Panzer bekleidet wäre. 

Das schnellschiessende Gewehr wird auf die Cavallerie noch 
weit mehr Einfluss haben als auf die Infanterie. Der Bedeutung 
der Reiterei ist, wenn sie wie bisher auf der Routine basirt bleibt, 
die Axt an die Wurzel gelegt; selbst bei der Verfolgung des ge- 
schlagenen Feindes würde sie kaum einen besonders grossen Nutzen 
bringen. Nicht blos ein Bataillon, sondern selbst eine Compagnie 
schon würde, wenn sie fest geschlossen geblieben und nicht ein- 
geschüchtert ist, jede Reiterei mit einem Bleiregen zurückschla- 
gen.*) Eine regulaire Routinecavallerie repräsentirt heute blos 
eine nutzlose Belastung des Budgets. Bei dem schnellschiessen- 
den Gewehr kann die Reiterei nur in zweifacher Hinsicht von 
Bedeutung sein: als Gehamischte in schussfesten Panzern auf 
Mann und Ross, welche dann in der That geeignet sind die In- 
fanterie zu sprengen (diese Waffengattung kann ihrer complicirten 
Ausstattung wegen nicht gerade sehr zahlreich sein); und als 
Linienkosaken, d. h. Schützen zu Ross und zu Fuss, je nach den 
augenblicklichen Erfordernissen, welche natürlich auch als regulaire 
Fronte zu operiren verstehen, den Säbel aber blos im bestimmten 
Fall ziehen, hauptsächlich eine Schützentruppe, die sich mit der 
Geschwindigkeit einer unermüdlichen Reiterei bewegt. Aus allen 
unseren Kosaken lassen sich solche Truppen gestalten. In dieser 
Hinsicht ist der Vortheil offenbar auf unserer Seite, sowohl was 
die Eigenschaft, als auch was die Billigkeit und die numerische 
Stärke dieser Waffengattung anbelangt, jedoch immer wieder nur 
unter der Bedingung, dass die rassische Armee auch wirklich 



*) Ich rede von dem schnellschiessenden Gewehr auf Grund der 
allgemeinen, nicht aber auf Grund meiner persönlichen Vorstellung von 
demselben. Ich für meine Person bin der Ansicht, dass eine Infanterie 
mit dem schnellschiessenden Gewehr oft schwächer als mit dem alten 
Gewehr sein wird, und zwar deshalb, weil häufig schon ein einziger un- 
vorsichtiger Schuss genügen würde, um ein unaufhaltsames Feuer zu 
veranlassen, bei welchem der Befehlshaber keine Herrschaft mehr über 
die Abtheilung hat, d. h. die erste Bedingung zum Erfolg einbüsst. Ich 
habe oben den normalen Fall angenommen, in welchem die Abtheilung 
noch la der Hand des Befehlshabers sich befindet. 



326 

rassisch sei, basirt aaf die factischen Quellen unserer Kraft, nicht 
aber der Abklatsch verschiedener unanwendbarer Vorbilder und 
vor Allem kein von Stubengelehrten erfundenes theoretisches Ding, 
was das Allerschlimmste ist. 

Fast halte ich es fflr unnütz von der magischen Wirkung 
zu sprechen, welche die zuerst auf dem Schlachtfeld erscheinenden 
gepanzerten Truppen, Infanterie wie Eeiterei, hervorbringen wür- 
den. Diese Wirkung würde ebenso vernichtend sein wie das 
Erscheinen eines Panzerschiffes inmitten hölzerner Fahrzeuge. Die 
unberittenen Panzerträger, welche, gedeckt vom Geschütz- und Ge- 
wehrfeuer ihrer eigenen Linie, die sich allmälig dem Feinde nähert, 
auf 300 bis 400 Schritt an den Feind heranrücken und in dieser 
Distance im Laufschritt den Angriff ausführen, würden wie eiae 
Kanonenkugel den Gegner durchbrechen; nach ihnen würden dann 
von hinten, von rechts und von links die übrigen Bataillone die 
Position nehmen; eine von einem Punkt durchbrochene Linie wird 
in weitem Umkreis von dieser Stelle moralisch geschwächt. Die- 
selbe Wirkung, nur noch weit vernichtender im Fall des Erfolges, 
würde die Attake gepanzerter Reiter haben. Gleich schon das 
erste Gefecht würde eine Panique in den Reihen des Feindes her- 
vorbringen und wahrscheinlich in weit höherem Grade auf den 
Ausgang des Krieges einwirken, als die gezogenen Flinten der 
Aliirten im Krimkriege und das Zündnadelgewehr im preussisch- 
österreichischen. Es ist weit vortheilhafter, wie bereits oben ge- 
sagt worden, die in Erstaunen setzende, als die in Erstaunen ge- 
setzte Seite zu sein; die Wahl aber zwischen einem von Beiden 
muss jetzt definitiv getroffen werden. Drei Regierungen werden 
nicht umsonst Versuche anstellen und die Erfinder des Panzers 
in ihren Staatsfabriken arbeiten lassen. Wenn der erste Zusam- 
menstoss nicht uns allein künftig auf diese Weise vorbereitet 
findet, so sollte er wenigstens nicht ausschliesslich nur unsere 
Gegner mit dieser Erfindung ausgerüstet finden. Üebrigens mag 
die ganze Welt den Panzer annehmen, was unfehlbar geschehen 
wird, wenn nur wir nicht zurückbleiben, der Vortheil würde inmier 
auf unserer Seite sein. Erstens würden wir unsere Haupteigen- 
schaften im Kampf, die unauflösliche Gebundenheit der Masse 
conserviren, und zweitens würde der Kampf im entscheidenden 
Augenblick die für uns allervortheilhafteste Gestalt, die eines 
Kampfes von Mann gegen Mann annehmen. In diesem Kampf 



327 

sind die russischen Soldaten stärker als alle übrigen; das ist nicht 
eine Volkssage, wie bei den Franzosen und Engländern (bei -den 
Deutschen existirt nicht einmal eine solche Sage, wegen der Ab- 
wesenheit einer jeden Veranlassung dazu), sondern Thatsache, die 
jeder gewissenhafte Ausländer, welcher im Kampf uns gegenüber 
steht, anerkennt. In den Scharmützeln bei Sebastopol haben die 
Franzosen, die sich so sehr ihres Bajonettfechtens rühmen, nie- 
mals eingehauen, sondern nur abgewehrt und sind immer ge- 
wichen.*) Sogar die gebräuchlichen Kunstgriffe des russischen 
Soldaten würden uns dabei zum Vortheil gereichen. Bei uns (so 
wenigstens habe ich es immer im Kaukasus gesehen) greift nur 
das erste Glied den Feind mit dem Bajonett au; die Hauptwaffe 
unseres Soldaten ist dann aber nicht mehr das Bajonett, sondern 
der Kolben, oder richtiger der Hahn, mit welchem er umgewandt 
einhaut. Das Bajonett ist gegen den Panzer machtlos, ein Schlag 
aber mit dem Kolben auf den Kopf, selbst wenn er durch einen 
hiebfesten Helm geschützt ist, wirft doch, wenn er auch nicht 
verwundet, für den Augenblick selbst einen Kiesen zu Boden. 
Es kommen eben hierbei viele Momente zur Geltung, die ge- 
wissermassen zu unserem Vortheil gereichen. 

Die Bedeutung des Panzers besteht darin, dass er den Men- 
schen vor der Gefahr plötzlich durch einen Flintenschuss getödtet 
zu werden schützt, jedoch nur von vorne. Die Leute müssen es 
wissen, dass sie sofort, wenn sie dem Feinde den Bücken wenden, 
ihren Vortheil einbüssen. Nur für die edeln Theile des Körpers, 
deren Verletzung den sofortigen Tod herbeizuführen vermöchte, ist 
der Schutz erforderlich, also für die Brust, für den Leib bis zu 
den Weichen und für den Kopf. Wunden sind nicht weiter er- 
heblich. Jeder, der mit unseren Truppen gekämpft hat, weiss, 
dass der russische Soldat sich nicht vor Wunden fürchtet, und in 
einem guten Regiment verlässt der Leichtverwundete auch gar 
nicht die Fronte. Ganz anders ist es aber mit dem offenbaren 
Tod. Beim Rückzug der Franzosen im Jahre 1812 haben die 



.1 



*) General Chrulew, der Mann, dem die meisten Daten zur strate- 
gischen Beurtheilung der Franzosen zu Gebote stehen, behauptet, dass 
sie sich nicht einmal gewehrt hätten , sondern vor dem Kampf von Mann 
gegen Mann geradezu gelaufen wären, so dass die ganze Frage nur darin 
bestanden hätte unsere Soldaten an sie heranzuführen. 



328 

alten Garden Napoleon's, als sie sahen, dass die Yerwnndeten nicht 
fortgeschafft wurden and daher also selbst eine leichte Wunde, 
die den Menschen am Gehen hinderte, gleichbedeutend mit dem 
Tode war, gezögert ins Feuer zu gehen. Die Anzahl derjenigen, 
welche in Folge von Fusswunden fallen, wird die Fronte nicht 
gerade bedeutend schwächen und auf den Geist der Leute keinen 
Einfluss üben; solche Wunden werden im Gegentheil nur die 
Heiterkeit der Soldaten erregen. 

Wie absichtlich haben sich die Umstände gefügt, um die 
Frage wegen des Panzers zu erleichtem. Die Kraft einer Kugel 
aus einem schnellschiessenden Gewehre nach den neuen, in ganz 
Europa recipirten Mustern, von sehr kleinem Kaliber, ist geringer 
als früher die Kraft einer Kugel war, in Folge des Gesetzes, 
dass die Kraft gleich ist der Masse multiplicirt mit dem Quadrat 
der Geschwindigkeit; d. h. die Kraft eines Pojectils von einem 
Kaliber von 47^ Linien ergiebt nur 74 der Kraft einer Kugel von 
6 Linien bei sonst gleichen Bedingungen. Wenn die Einführung 
des Panzers von neuem eine Vergrösserung des Kalibers der Flinten 
und eine Verminderung der Zahl der Patronen, in directem Wider- 
spruch zu dem eigentlichen Sinne der schnellschiessenden Gewehre, 
verlangen sollte, so würde diese neue Umarbeitung der Gewehre 
viel Zeit erfordern, während indess der Panzer die Schlachten 
entscheiden dürfte. Aber auch ausserdem spricht bei dem gegen- 
wärtigen Gang der Dinge die Zukunft für den Panzer und gegen 
die Flinte. Die Kraft des Schusses bedeutend zu vergrössern ist 
unmöglich ohne eine Vergrösserung des Kalibers , welches bei der 
HandfeuerwaflFe, bei einer normalen Quantität Patronen, durch 
ziemlich enge Schranken begrenzt ist, bei dem schnellschiessenden 
Gewehr aber durch sehr enge, denn wenn der Soldat da nicht 
einen grossen Vorrath von Patronen bei sich führt, so taugt es 
gar nichts. Der Panzer ist indess eben erst erfunden worden 
und weist täglich neue Vervollkommnungen auf. Die wichtigste» 
bis jetzt nech nicht erprobte Vervollkonmmung, auf die man vor 
Allem seine Aufmerksamkeit richten muss, besteht darin, das 
Material, aus welchem der gegenwärtige Panzer verfertigt wird, 
durch ein anderes mehr widerstandsfähiges zu ersetzen. Die an 
fänglichen Arbeiten Muratorfs, Litta Biumi's und Anderer hatten 
den Schiffspanzer im Auge; sie wollten das Eisen durch ein leich- 
teres und zugleich so viel als möglich billiges Material ersetzen. 



/ 



329 

Die angestellten Yersnche ergaben einen so gnten Erfolg, dass 
die Idee eines Leibpanzers entstand; dabei wurde aber dasselbe 
Material beibehalten, in Folge dessen der Kürass litta Bimnfs 
nnr 20 Franken kostet Bei einem Leibpanzer hat aber der Preis 
eine ganz andere Bedeutung; bei diesem bedarf es keiner Berge 
von dem Material, welches fiir Schiffe erforderlich ist, und daher 
kann man weit wählerischer in der Auswahl desselben sein. Wenn der 
Leibpanzer sogar 30 Rbl. (100 Frs.) kostete, so würde doch die 
Montirung der ganzen schweren Gardeinfanterie nicht mehr als 
eine Million zu stehen kommen, ebensoviel als wie der Panzer 
für ein grosses Schiff. Ein Material, das bedeutend mehr Wider- 
standsfähigkeit besitzt als WoUe, Hesse sich gewiss finden. Graf 
Litta und die Anderen beschäftigen sich mit den Yersnchen in 
einem Lande, wo selbst die Tradition von dem Panzer längst ab- 
handen gekommen ist. In Ländern dagegen, wo der Ringpanzer 
erst unlängst abgelegt worden, wie z. B. im Kaukasus, ist es 
bekannt, dass er nur mit einer Unterlage von roher Seide, deren 
Fäden unter allen bekannten die grösste Stärke besitzen, wirksam 
gewesen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass ein aus Seide 
angefertigter Panzer einen weit grösseren Widerstand bieten würde, 
afe der aus Wolle. Der gegenwärtige, Brust und Leib bedeckende 
Panzer der letzten Construction, welcher auf 200 Metres eine 
Flintenkugel abhält, wiegt, wie gesagt, S'/^ Pfund. Ein solcher 
Panzer aus Seide, welcher überhaupt schussfest wäre, würde aUer 
Wahrscheinlichkeit nach 6—8 Pfund wiegen. Ein seidener Panzer 
würde mit der Arbeit etwa 25 Rubel kosten. 

Ein Hindemiss in dem Grewicht eines Panzers von 10 Pfund 
sehen können nur solche, die sich keine klare Vorstellung von 
einem Kriege und von einem Feldzug zu machen vermögen. Man 
braucht nty irgend einen beliebigen Soldaten darnach zu fragen. 
Ich kann durchaus nicht Etwas als eine Frage ansehen, was durch 
die Erfahrungen der ganzen Welt im Laufe von Jahrtausenden 
schon entschieden worden. Sollten etwa zwei Jahrhunderte genügen, 
um diese Erfahrung vergessen zu machen und die relativ kurze 
Gewohnheit in eine Routine zu verwandeln, welche auch nicht 
einmal Erörterungen gestattet? Ausser der an sich offenbaren 
Möglichkeit giebt es aber auch noch viele Mittel, es dem Panzer- 
träger leichter zu machen. Das Gewicht der gegenwärtigen Sol- 
datenbürde kann nicht nur sehr leicht, sondern muss sogar um 



330 

mehr als 10 Pfand vermindert werden. Zu Fanzerträgem 
müssten, falls es wirklich nöthig sein sollte, starke Leute ausge- 
sucht werden, welche das geringe üehergewicht leichter als die 
kleineren Infanteristen tragen könnten. Die Gepanzerten wird 
man natürlich nicht zu Vorposten gebrauchen; sie würden in der 
Reserve bleiben und es würden weniger Mühen auf ihr Theil 
kommen. Beim Angriff würden sie den Tornister ablegen, wie 
das gewöhnlich bei uns geschieht Endlich braucht der Panzer 
auch selbstverständlich auf dem Marsch gar nicht angezogen zu 
werden, sondern man kann ihn an den Tornister anschnallen. 
Unter diesen Bedingungen würde der Fanzerträger nicht mehr als 
jeder andere Soldat belastet sein. Und selbst wenn ein kräftiger 
Mann sogar einige Ffunde mehr zu tragen hätte, die für ihn einen 
Talisman gegen die Kugeln repräsentiren, er würde sich durch 
sie wahrlich nicht belästigt fühlen. Wenn man gegen den Panzer 
Einwendungen erheben kann, so könnte das wenigstens bestimmt 
nicht von diesem Gesichtspunkt aus geschehen. 

Wie sollte es einem nicht leid thun , wenn man unsere Garde 
betrachtet, dass solche Leute durch eine Prise Pulver den kleinen 
französischen Infanteristen gleich gestellt werden! während der 
Ueberschuss an physischer Kraft, welche zu einem furchtbaren 
Vortheil im Kriege werden kann, die Vergrösserung der Bürde 
um einige Pfund, damit dem Streiter dieser bedeutende Vortheil 
erhalten bleibe, ohne Schwierigkeit gestattet. . 

Die Form des Panzers für den vorderen Theil des Körpers 
vom Hals bis zu den Weichen bietet gar keine Schwierigkeiten; 
dagegen erheischt der Kopfpanzer eine sorgfältige Adjustirung. 
Für eine jede Waffengattung, für die Infanterie, die Reiterei, die 
leichte und die schwere u. s. w., sind verschiedene Arten von 
Panzern, also auch verschiedene Versuche anzustellen nöthig; bei 
der leichten Cavallerie z. B. können ganz leichte Panzer, die nur 
iy4 Pfund wiegen, aber gegen den Pistolenschuss und gegen jeg- 
liche kalte Waffe schützen, eingeführt werden. Ich habe so viele 
Jahre über den Panzer und über die Anwendung desselben nach- 
gedacht, dass die für diese oder jene Waffengattung am besten 
passenden Modelle in meinen Gedanken bereits aufgezeichnet sind; 
es käme nur darauf an sie zu realisiren und je nach dem £r- 
gebniss der Versuche die Auswahl zu treffen. Die Frage von der 
Defensivbewaffnung ist erst neuerdings aufgeworfen worden; sie 



331 

könnte leicht Anwendungen erfahren, an die heut zu Tage noch 
kein Mensch denkt.^^ Anstatt des Leibpanzers könnte man einen 
Schild tragen; gerade in dieser Gestalt werden von unserem 
Marineofficier, dessen ich oben erwähnte, die Panzer angefertigt. 
Diese letztere Form finde ich übrigens unpraktisch; sie mag ganz 
gut dem Schwerte der Alten gegenüber gewesen sein, aber nicht 
bei dem gegenwärtigen Feuergewehr mit demBsgonett; doch auch 
sie dürfte in gewissen Fällen mit Nutzen anzuwenden sein. Ebenso 
sind auch grosse Schilde möglich, welche zum Schutz der Artillerie 
gegen das Kleingewehrfeuer in die Erde gestossen werden (wobei 
bemerkt werden muss, dass dadurch die Kartätsche eine neue 
Bedeutung erhalten würde), und ebenso grosse mobile Schilde 
für mehrere Menschen, welche von dem ersten Gliede getragen 
werden. "Wenn man nur erst dem Panzer die erforderliche 
Aufmerksamkeit schenken würde, so viele unerwartete Arten der 
Anwendung würden mit einem Mal zum Vorschein kommen, dass 
ein erheblicher Theil der heutigen taktischen Regeln und Begriffe 
eine totale Umwälzung erleiden würde! 

Ich für meine Person bin von der ungeheueren Bedeutung 
des Panzers für die Gegenwart aufs Tiefste überzeugt. Viele von 
unseren Militairs, die sich eines wohlverdienten Namens erfreuen 
und mit denen ich über diesen Gegenstand zu sprechen Gelegen- 
heit hatte, theilen meine Ueberzeugung; ich könnte ihre Aeusse- 
rangen hier anführen, wenn die Sache nicht an und für sich 
schon vernünftig wäre und einer Unterstützung durch Autoritäten 
noch bedürfte. Man kann sogar sagen, dass alle Militairs die 
Wichtigkeit des Gegenstandes wohl begreifen, obgleich eben nicht 
alle an die Existenz eines genugsam leichten und schussfesten 
Panzers glauben. Man muss denselben vorzeigen, zuvor aber das 
Verlangen ihn zu sehen wecken, und darin eben besteht , es klingt 
wunderlich, der schwierigste Theil der Aufgabe, bei uns wenigstens. 
In Frankreich ist, um etwas Derartiges ins Leben zu rufen, allein 
der Hinweis auf die blosse Möglichkeit nöthig, in England — die 
Ansicht einiger Sachkenner, bei uns — das Beispiel des Aus- 
landes. Bis jetzt handelt es sich indess noch gar nicht darum, 
überhaupt irgend Jemand mit dem Panzer zu bekleiden und dafür 
bedeutende Summen zu vergeuden; vor der Hand würde der Wunsch 
genügen, sich dessen zu vergewissem, ob in der That der schuss- 
feste Panzer erfanden worden, von dem die Zeitangen reden und 



S32 

mit dem in England, Frankreich und Italien Yersache angestellt 
werden. Erweist sich der Panzer als Schwindel, so werfe man 
ihn einfach bei Seite; wenn nicht, — so setze man sich nicht 
der Gefahr aas die Geschichte von den Miniögewehren im Krim- 
kriege zu wiederholen. 

In diesem Augenblick bedarf es nur der allereinfachsten and 
nicht einmal kostspieligen Entscheidung: dem Grafen litta, dem 
einzigen nicht contractlich gebundenen Erfinder des besten 
Panzers, für die Dauer seiner Tersuche einige Mittel zu gewähren; 
seine Arbeit mit der unseres Marineofficirs, dessen ich vorher er- 
wähnte, zu vergleichen und die eine durch die andere zu ver- 
vollkommnen; die Dicke und das Gewicht eines Filzpanzers, durch 
welchen eine Kugel von einem gegebenen Kaliber auf 50 Schritt 
nicht hindurch geht, auf die allersorgfältigste Weise festzustellen; 
im Fall ein solcher Panzer (resp. aus Seide) nicht gar zu schwer 
wird, wofür man im voraus garantiren kann, bei demselben Graf 
Litta mehrere Panzer nach verschiedenen Modellen, leichte und 
schwere, zu verschiedenartiger Anwendung zu bestellen; für die 
Anfertigung des Panzers das am meisten widerstandsfähige Ma- 
terial in Anwendung zu bringen; und darauf mit den angefertigten 
Panzern in Betreff ihrer Dauerhaftigkeit, ihres Gewichts, ihrer 
Form und ihrer Adjustirung Versuche anzustellen. Diese ganze 
einleitende Operation würde annähernd 15000 Eubel, und gewiss 
nicht mehr, kosten. Sodann, wenn der Panzer den Anforderungen 
entspricht (wovon ich nach meiner eigenen Erfahrung überzeagt 
bin), muss das Geheimniss der Herstellung angekauft werden, was 
doch auch nicht Gott weiss wie viel kosten würde, und müssen 
Werkmeister ausgebildet werden. Darnach würde man den Krieg 
ruhig abwarten können und nichts weiter zu thun haben. Graf 
Litta fertigt auf seinem Zimmer in 2 oder 3 Tagen einen Panzer 
an; man würde also in kürzester Zeit eine genügende Anzahl 
solcher Panzer herstellen können. 

Zu einem solchen Unternehmen, so einfach es auch sei, sind 
Menschen erforderlich, oder, besser gesagt, ein Mann, welcher 
die Macht und die Mittel besitzt und die Verantwortung übernimmt 
Durch officielle Administrativmassnahmen, durch gelehrte Comitös, 
Agenten u. s. w. wird nichts erreicht. Das Institut von Frank- 
reich ist gelehrter als jedes Comit6 und doch darf man nicht ver- 
gessen, wie es die Entdeckung Robert Fulton's beurtheilt hat; 



333 

unsere Gomit^s haben ihrer Zeit anf die allergelehrteste Weise 
das gezogene Gewehr Mini^'s abgelehnt und zu einer anderen Zeit 
anf eine ebenso gelehrte Weise das Gewehr Earle's aufgenommen. 
Ein Comit6 ist für die genaue Bestimmung der Qualität des ihm 
vorgelegten Objects (was auch schon an die Beihe kommen wird) 
von Bedeutung, aber nicht für die Entscheidung der Frage über 
die Anwendbarkeit des fraglichen Objects für die Armee, nicht 
dazu, um darüber zu entscheiden, worauf und worauf nicht in 
militairischen Dingen die Aufmerksamkeit zu lenken sei; hierbei 
hat der persönliche Wille Eines zu entscheiden. Gerade ebenso 
würde auch die vorliegende Frage aussichtslos im Spinngewebe 
der Administration stecken bleiben. Eichter in dieser Frage können 
nur Obercommandirende und solche, die es gewesen, sein oder es 
kann vielmehr auch nur Einer von ihnen es sein, weil auch eine 
Yersanrndung von Obercommandirenden gerade ein eben solches 
Comit6 ausmachen würde. Als thätiger Agent der in diesem Fall 
mit dem erforderiichen Zutrauen bekleideten Persönlichkeit würde 
nur ein Mann erscheinen, der seiner Ueberzeugung nach dabei 
interessirt wäre; deren giebt es in Bussland mehrere, man kann 
unter ihnen wählen. Man darf nicht vergessen, dass es bis jetzt 
wegen der Neuheit der Sache noch keinen vollständig be- 
friedigenden Panzer giebt, sondern dass erst ein befriedigen- 
der Anfang vorliegt. Ein Panzer, der leicht genug ist und zu- 
gleich eine Kugel von einem gegebenen Kaliber auf einer Ent- 
fernung von 50 Schritt abhält, ist noch nicht gemacht worden, 
kann aber nach den bereits bekannten zweifellosen Angaben her- 
gestellt werden, und in England, Frankreich und Italien wird man 
es entschieden fertig bringen. ' Jemand, der sich nicht schon 
vorher um diese Frage gekümmert hat und den sie nicht interessirt, 
wird in ihr tausend, auch sehr begründete Schwierigkeiten finden 
und sich nicht weiter mit der Aufgabe dieselben zu beseitigen 
abquälen; die Comit^s, welche gelehrt genug dazu sind, um über 
die Qualität des Objects zu entscheiden, nicht aber über den 
Grad der Wichtigkeit desselben im Kriege, werden die Entschei- 
dung bestätigen; die Administration wird, nachdem sie für einen 
Augenblick beunruhigt worden, die Verhandlungen mit Ver- 
gnügen ins Archiv reponiren. Das Ende wird sein, dass wir im 
nächsten Kriege mit blosser Brust gegen gepanzerte Truppen 
marschiere und uns einer Taktik bedienen werden, welche den 



334 

Grundeigenschaften des russischen Heeres widerspricht. Mir aber 
scheint es, dass es nach dem Erimkriege sehr gefährlich wäre 
einen neuen Krieg zu beginnen und ihn nicht, was es auch 
kosten möge, mit einem Siege zu beenden. 

Anstatt als Panzer die Nacht zu nehmen oder die Zerstücke- 
lung der Fronte in Compagnien und Pelotons und dabei überzeugt 
zu sein, dass die Anführer derselben heldenmüthig dem Tod ins 
Antlitz schauen und ruhig die Befehle (welche in der Schlacht 
niemals zur rechten Zeit ankommen) abwarten werden, ist es — 
meiner Meinung nach — besser den Panzer selbst als Panzer zu 
nehmen und nach altem Brauch, mit der Trommel voran, für den 
Zar und das russische Vaterland vorzugehen. 

Wenn ich selbst die Mittel dazu besässe, ich würde nicht 
zögern dieselben unentgeltlich diesem Zweck zu opfern, — in so 
hohem Grade erachte ich ihn für uns gerade, für Russland, als 
wichtig. Ich weiss sehr wohl, dass man Viele, selbst nicht 
. blos Altgläubige, nur durch fertige, vollkommen befriedigende 
Modelle überzeugen kann; doch darum handelt es sich ja 
gerade, dass zur Anfertigung solcher Modelle die Mittel erforder- 
lich sind. 

Die Kriegsgeschichte ist reich an Beispielen von Erfindungen, 
die irgend Einem direct in die Hände gespielt, von der Routine 
verworfen wurden und schliesslich dem Gegner den Sieg ver- 
schafften. Sollten wir wirklich die Gewehre Mini6's so rasch ver- 
gessen haben? Der Filzpanzer ist nicht erst gestern entdeckt 
worden; vor zwanzig Jahren schon habe ich es selbst gesehen, 
wie er die Kugel aufhält. Diese Entdeckung klopft an die Thür 
der neueren Taktik. Wenn nicht heute, so doch gewiss morgen 
wird Jemand den Panzer vervollkommnen, ihn bei sich einführen 
und durch ihn zum Siege gelangen. Keinem ist er jedoch in 
einem solchen Grade nöthig als uns, wegen der Haupteigen- 
thümlichkeit unserer Armee. Ich urtheile so: wenn noch irgend 
ein Versuch denkbar ist, der noch nicht gemacht worden, der 
aber logischerweise, falls einige Personen, die nicht dumm und 
mit der Sache bekannt sind, dafür stehen, von bedeutenden Folgen 
sein kann, — so muss dieser Versuch angestellt werden, zumal 
wenn er keine grossen Opfer verlangt: Schaden kann daraus nicht 
entstehen, der Vortheil kann aber sehr gross sein, um so mehr, 
wenn Fachautoritäten, deren ich eine ganze Reihe nennen könnte, 



335 

nnd einige Regierangen, welche bereits ihre Anfinerksamkeit 
darauf gerichtet haben, solche Versuche befürworten. 

Es ist bei uns gebräuchlich solche Memoire, wie dieses, ge- 
heim der Obrigkeit, — der Militairverwaltung, vorzusteUen. Ich 
bin nicht in der Lage diesen Weg einzuschlagen. Man würde 
mir wiederum den Rath geben Dragomirow's Taktik zu studiern, 
die ich auch ohnehin oft genug gelesen habe, anfangs als ein ganz 
vernünftiges Buch zum eigenen Vergnügen, und dann als Schul- 
pensum, zu welchem ich deshalb verurtheilt wurde, weil ich mit 
meinen eigenen Worten und nicht mit Phrasen, die aus dem 
obrigkeitlich concessionirten Lehrbuch auswendig gelernt waren, 
geredet hatte. Was gedruckt ist, können AUe, die es interessirt, 
lesen. Ich begreife sehr wohl die Inconvenienz des gedruckten 
Wortes über einen Gegenstand, welcher, obgleich er bei uns noch 
nicht zur Sprache gebracht worden, seiner eigenthümlichen 
Natur nach dennoch dort, wo er zur Sprache gekommen, ein 
militairisches und zugleich ein Staatsgeheimniss ist. Aber auch 
in dem, was nicht convenirt, was ungelegen ist, giebt es einen 
Unterschied. Weit ungelegener ist es über einen solchen Gegen- 
stand ganz zu schweigen, wenn man nicht die Möglichkeit hat 
halblaut zu reden, als laut zu reden, wenn es auch die ganze 
Welt höre. Zu meiner Rechtfertigung schliesse ich diesen Ar- 
tikel mit denselben Worten, mit denen ich bereits einmal einen 
ebenfaUs militairischen Artikel, welcher im vorigen Frühjahr in 
Ihrer verehrten Zeitung abgedruckt worden, geschlossen habe: 
„Sollte es denn wirklich nicht besser sein, dass solche Fragen in 
Friedenszeiten mit Worten, als in Eriegszeiten durch Niederlagen 
entschieden werden?" 



§ n N n. 



Seite 

Vorwort von Julius Eckardt V 

Vorwort von Fadejew XV 

Erstes Capitel. EinleituVig i 

Zweites Capitel. Die Streitkräfte für den grossen Krieg .... 45 

Drittes Capitel. Die Volksmiliz (Opoltschenie) 67 

Viertes Capitel. Die Infanterie 82 

Fünftes Capitel. Die Stärke der Infanterie und die Landes-Militair- 

Organisation 120 

Sechstes Capitel. Die Reiterei 133 

Siebentes Capitel. Die Militairhierarchie 182 

Achtes Capitel. Allgemeine Bemerkungen 212 

Neuntes Capitel. Schluss 237 



Beilagen. 

Erste Beilage. Gepanzerte Truppen 263 

Zweite Beilage. Kürassiere 278 

Dritte Beilage. Scharfschützen 284 

Vierte Beilage. Bewaffnung und Bekleidung 287 



Anhang. 

Eine wichtige militairische Bemerkung 307 






Berichtigung. 

In der ersten Zeile der Anmerkung auf Seite 47 muss es statt 
General l'romu: General Trochu heissen. 






Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. 



^: v